Reinhard Krammer, Christoph Kühberger, Franz Schausberger. Der forschende Blick: Beiträge zur Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert. Festschrift für Ernst Hanisch zum 70. Geburtstag. Wien: Böhlau Verlag Wien, 2010. 505 S. (gebunden), ISBN 978-3-205-78470-8.
Reviewed by Harald Gröller
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2010)
R. Krammer u.a. (Hrsg.): Der forschende Blick
„Es wird Zeit, nüchtern Bilanz zu ziehen. Wer, wenn nicht der Historiker, sollte dies sachgerecht leisten.“ Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. (Österreichische Geschichte 1890-1990, hrsg. v. Herwig Wolfram), Wien 1994, S. 9. Das, was der langjährige Universitätsprofessor für Neuere Österreichische Geschichte an der Universität Salzburg, Ernst Hanisch, in der Einleitung seines wohl bekanntesten Werkes „Der lange Schatten des Staates“ auf das vergangene Jahrhundert respektive Jahrtausend bezogen hat, kann wohl in gleicher Weise für die vorliegende Festschrift „Der forschende Blick“, die anlässlich des 70. Geburtstages dieses renommierten österreichischen Zeithistorikers verfasst wurde, gelten. Nicht zuletzt deshalb, weil weder das vergangene Jahrhundert zum Zeitpunkt des Erscheinens des oben genannten Buches zur österreichischen Gesellschaftsgeschichte, noch die wissenschaftliche Tätigkeit des Geehrten als abgeschlossen bezeichnet werden kann.
Die in der Festschrift zusammengefassten Beiträge wurden „von etablierten Vertretern der österreichischen Zeitgeschichte [verfasst], die zu seinen [Ernst Hanischs] Schülern, Freunden und Weggefährten zu zählen sind.“ Böhlau Verlag: Der forschende Blick, <http://www.boehlau.at/978-3-205-78470-8.html> (05.07.2010). Laut Verlagsangaben sollen diese Aufsätze „zu einer Vermessung der österreichischen Vergangenheit trotz der ‚Konkurrenz‘ durch europäische und universalhistorische Perspektiven anregen“, wobei „[…] [v]iele der in der Festschrift aufscheinenden Aufsätze […] das Interesse des Jubilars an der Auseinandersetzung über die theoretischen Grundlagen zeitgeschichtlicher Forschung ebenso auf[greifen] wie seine Überzeugung, dass zu Wissenschaft die kritische Diskussion unauflöslich dazugehöre.“ Ebda.
So werden zunächst das Werk und die Person des Geehrten im Rahmen von drei Vorworten gewürdigt, wobei zuerst Reinhard Krammer eine kurze Biographie Hanischs präsentiert, die keine teleologische Darstellung bietet, sondern ein Aufzeigen verschiedener beruflicher Wegmöglichkeiten ist, neben denen auch einzelne Punkte der (Selbst-)Kritik sowie einige Aspekte des Privatlebens von Hanisch gelungen angeführt werden. Christoph Kühberger präsentiert in seinem Vorwort ein paar schlaglichtartige Erinnerungen an den Lehrer Ernst Hanisch, darauf folgt Franz Schausbergers Beitrag über Ernst Hanisch und dessen Prinzip der Offenheit, das in subjektiver, aber durchaus adäquater Weise dargestellt wird.
An diesen Vorworte-Block schließt sich jener der Einzelstudien zur österreichischen Zeitgeschichte an, wobei man sich bei diesem wie auch bei den nachfolgenden erneut an Hanischs einleitende Worte in seinem „Der lange Schatten des Staates“ erinnert fühlt: „Die Situation der Geschichtswissenschaft heute ist von einer Explosion der Themen, Methoden, Spezialisten gekennzeichnet.“ Hanisch, Der lange Schatten des Staates, S. 9. Die erste Studie ist jene von Robert Kriechbaumer, die sich mit der Politik der Christlichsozialen Partei in der Frühphase der Ersten Republik in den Jahren 1918 bis 1920 beschäftigt. Es folgt Ewald Hiebls Aufsatz über die politischen Lebenswege der bürgerlichen Eliten, die er anhand des Gemeinderates der Stadt Hallein um 1900 darstellt. Karl Klambauers Beitrag versucht eine zeitgeschichtliche Deutung des Gymnasiums Rosasgasse anhand seiner Jahresberichte in der Zeit von 1884 bis 1917. Daran anschließend präsentiert Laurenz Krisch Registrierungslisten als Quelle zur Erforschung der sozialen Merkmale ehemaliger Nationalsozialisten, was er anhand des Beispiels Bad Gastein darstellt. Danach entwickelt Christian Dirninger verschiedene Zugänge zur politischen Ökonomie der Staatsfinanzen in der Zweiten Republik. Beschlossen wird dieser Abschnitt von Herbert Dachs Beitrag über die Senkung des Wahlalters auf sechzehn Jahre, in dem er die Bundesländer als entsprechende „Probierfelder“ darstellt.
Es folgen biografische Zugänge. Den Auftakt bildet Robert Hoffmanns Aufsatz über die ständische Ordnung als Utopie, wobei er Josef von Löwenthal und seine Vision vom „Christlichen Ständestaat“ des Jahres 2000 anhand des Staatsromans „Die unsterbliche Stadt“ veranschaulicht. Franz Schausberger bedient sich der Montage als biografischem Verfahren, wenn er in seinen Notizen zu einer politischen Biografie Rudolf Rameks „einige Mosaiksteine [von dessen Biografie] erhellen“ möchte (S. 179). Helmut Rumpler beschäftigt sich in der Folge mit dem Ständestaat ohne Stände, indem er Johannes Messner als den „Programmator“ der berufsständischen Idee in der Verfassung des Jahres 1934 skizziert bzw. dessen Rolle als solcher hinterfragt. Roman Sandgruber stellt die nationalsozialistische Karriere Dr. Walter Schiebers vor, die sich in den verworrenen Bahnen von Wirtschaft, Bürokratie und SS entwickelte und die nach Kriegsende kaum geahndet wurde. Gerhard Botz widmet sich in seinem Beitrag der nonkonformistischen Geschichtsauffassung Friedrich Heers, ehe Karlheinz Rossbacher mit seinem etwas aus der Reihe fallenden Aufsatz über die Journalbücher von Karl-Markus Gauß, vor allem aber über Karl-Markus Gauß selbst, fast vergessen macht, wem diese Festschrift eigentlich gewidmet ist.
Der letzte große Abschnitt beinhaltet Reflexionen über Ernst Hanischs populärstes Werk, wobei Michael Gehler zunächst die Reaktionen auf eine österreichische Gesellschaftsgeschichte, wie jener in „Der lange Schatten des Staates“, wiedergibt. Sigrid Vandersitt vergleicht dann die Darstellungen der Thematik des sogenannten „Anschlusses“ in den Werken von Ernst Hanisch und Gerhard Botz. Darauf folgt der Aufsatz Günter Bischofs, in dem er das Elend der österreichischen Geschichtsschreibung zum Thema Kalter Krieg und die diesbezüglichen Defizite der universitären Ausbildung beklagt (vgl. S. 381ff.). Michael Mitterauer widmet sich anschließend einem Aspekt der Interkulturalität, nämlich in Bezug auf die Namensgebung, die er am Beispiel des „Europanamens Mohammed“ darstellt. Christoph Kühberger reflektiert den Sprachgebrauch von Historikerinnen und Historikern, ehe Reinhard Krammer einige Probleme des Geschichtsunterrichts und das diesbezügliche Schweigen der Historikerzunft aufzeigt. Beschlossen wird dieser Komplex von Thomas Hellmuths Beitrag, in dem der Autor die Geschichtsdidaktik als Form historisch-analytischer Sinnbildung behandelt.
Es folgt das Publikationsverzeichnis von Ernst Hanisch sowie ein Herausgeber- und Autorenverzeichnis.
Alles in allem zeigt die vorliegende Festschrift in adäquater Weise die Bedeutung der Forschungen Ernst Hanischs für die österreichische Zeitgeschichte auf; weiters beinhaltet sie zahlreiche interessante Beiträge, womit sie zum einen dem Vorsatz, „Einblick in die thematische Vielfalt zeitgeschichtlicher Forschung heute [zu geben]“ (Umschlag), gerecht wird, zum anderen illustrieren etliche Aufsätze zum Teil eindrucksvoll das, was Ernst Hanisch am Ende seines „Der lange Schatten des Staates“, Jacques Le Goff zitierend, ausführt: dass es nämlich „die vornehmste Aufgabe der Historie [ist], die kritische Erinnerung einer Gesellschaft wachzuhalten.“ Jacques Le Goff, Geschichte und Gedächtnis, zitiert nach: Hanisch, Der lange Schatten des Staates, S. 489.
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Citation:
Harald Gröller. Review of Krammer, Reinhard; Christoph Kühberger; Franz Schausberger, Der forschende Blick: Beiträge zur Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert. Festschrift für Ernst Hanisch zum 70. Geburtstag.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2010.
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