Bernhard Löffler. Die kulturelle Seite der Währung: Europäische Währungskulturen, Geldwerterfahrungen und Notenbanksysteme im 20. Jahrhundert. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2010. V, 254 S. ISBN 978-3-486-59169-9.
Reviewed by Gerd Hardach
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2010)
B. Löffler (Hrsg.): Die kulturelle Seite der Währung
Die meisten Beiträge, die Bernhard Löffler in dem Sammelband „Die kulturelle Seite der Währung“ vorstellt, gehen auf eine Sektion des Konstanzer Historikertages von 2006 zurück, stammen also aus einer längst vergangene Epoche, in der man von Bankenkrise, Wirtschaftskrise und Währungskrise noch nichts wusste. Der historische Kontext ist nicht die Krise, sondern die Entstehung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. In der damaligen währungspolitischen Diskussion kam der Begriff der „Stabilitätskultur“ auf (S. 34, 65 f.), der im Mittelpunkt des Bandes steht.
Eine Währung hat, wie der Herausgeber in einem umfangreichen einleitenden Essay zeigt, nicht nur eine, sondern mehrere kulturelle Seiten. Bekannte Themen sind die politische Symbolkraft von Währungen, der Beitrag nationaler Währungen zur Entwicklung einer nationalen Identität oder die besonders von Georg Simmel herausgearbeitete kulturelle Bedeutung des Geldes als äußerste Abstraktion einer sozialen Beziehung. Nun also die „Währungskultur“: Der Begriff meint ein etabliertes System von Traditionen und Konventionen, das währungspolitische Entscheidungen prägt. Die „Währungskultur“ ist, wenn man der von Fernand Braudel eingeführten Differenzierung der historischen Zeiten folgt, ein Phänomen der mittleren Dauer, beständiger als die kurzfristigen Entscheidungen der Währungspolitik, aber doch wandelbar in der Zeit. Eine Währungskultur kann als die in Deutschland häufig vermutete inflationsaverse „Stabilitätskultur“ auftreten, oder auch im Gegensatz dazu als eine indifferente Haltung gegenüber Inflationstendenzen (S. 33 ff.).
Bernd Hayo untersucht mit quantitativen Methoden mögliche Zusammenhänge zwischen Inflationseinstellungen, Zentralbankunabhängigkeit und Inflation. Die Analyse suggeriert einige Zusammenhänge, lässt aber keine Kausalität erkennen; das wäre wohl auch nicht zu erwarten. Dieter Lindenlaub widmet sich in einem grundlegenden Aufsatz dem oft vermuteten, bisher aber nie so exakt empirisch geprüften deutschen Stabilitätsbewusstsein. Lindenlaub ist skeptisch gegenüber der These einer deutschen „Stabilitätskultur“. Die konsequent an der Preisniveaustabilität orientierte Währungspolitik der Bank deutscher Länder und danach der Bundesbank wurde nicht von einer inflationsaversen Bevölkerung eingefordert, sondern von Politikern und Experten gestaltet, die mit einer umfassenden und anhaltenden Öffentlichkeitsarbeit für ihre Stabilitätspolitik warben. Die beiden Inflationen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren ein wesentliches Argument dieser Öffentlichkeitsarbeit und wurden erst dadurch in Erinnerung behalten. Der kenntnisreiche, sorgfältig dokumentierte Beitrag räumt mit vielen Vorurteilen auf und ist eine unverzichtbare Basis für künftige Darstellungen zur deutschen Währungs- und Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert.
Olivier Feiertag verweist auf einen interessanten Widerspruch in der französischen „Währungskultur“ im 20. Jahrhundert, nämlich den wachsenden Einfluss der Banken und zugleich anhaltende Vorurteile gegen das „Geld“ als Inbegriff aller Risiken, die in einer kapitalistischen Marktwirtschaft das individuelle Streben nach Sicherheit bedrohen. Bernhard Löffler zeichnet in seinem Beitrag die heftige deutsch-französische Debatte bei der Einführung des Euro nach. Die Debatte, damals zu einem „Religionskrieg“ stilisiert, scheint im Wesentlichen ein Medienevent ohne nachhaltige Wirkung gewesen zu sein, denn auch der Triumph der „Stabilitätskultur“ war nicht von Dauer. Die feierlichen Stabilitätsvereinbarungen des Maastricht-Vertrages und des „Stabilitäts- und Wachstumspaktes“ wurden in der aktuellen Krise lässig beiseite geschoben. Wenn man die Stabilitätskriterien 2009 strikt angewendet hätte, wäre der Euroraum auf Finnland und Luxemburg geschrumpft. Europäische Zentralbank, Jahresbericht 2009, S. 79.
Gabriele Metzler argumentiert, dass das Beharren Großbritanniens auf der eigenen Währung nicht nur eine Frage der währungs- und wirtschaftspolitischen Souveränität ist, sondern auch zur nationalen Identität gehört. Tobias Straumann vergleicht die Währungspolitik Schwedens und der Schweiz im 20. Jahrhundert. Beide Länder wiesen strukturelle Ähnlichkeiten auf und verfolgten in der ersten Jahrhunderthälfte eine parallele Währungspolitik. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts teilten sich dann die Wege des bekanntlich anhaltend stabilen Schweizer Franken und der schwedischen Krone. Maria Köhler-Baur schließlich zeigt den Zusammenhang zwischen Währungsordnung und Politik an zwei Beispielen, der Einführung einer tschechoslowakischen Währung 1919 und der Teilung der gemeinsamen Währung in eine tschechische und eine slowakische Krone 1992/93. Der Band mündet nicht in eine systematische Bewertung von „Währungskulturen“, dokumentiert aber den Forschungsstand und regt zu weiteren Untersuchungen an.
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Gerd Hardach. Review of Löffler, Bernhard, Die kulturelle Seite der Währung: Europäische Währungskulturen, Geldwerterfahrungen und Notenbanksysteme im 20. Jahrhundert.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2010.
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