Christian N. Wolz. Konflikte zwischen der Notenbank und der Regierung in der Bundesrepublik Deutschland 1956-1961. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2009. 252 S. $64.00 (broschiert), ISBN 978-3-515-09433-7.
Reviewed by Martin Uebele
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2010)
C. Wolz: Konflikte zwischen der Notenbank und der Regierung
Ist Geld ohne physische Grundlage (wie etwa Gold), so ist das Verhältnis zwischen Notenbank und Regierung von einer inhärenten Spannung geprägt, denn die Regierung hat den Auftrag, ein Tausch-, Verrechnungs- und Werterhaltungsmedium bereitzustellen. Da sie aber noch mit weiteren öffentlichen Aufgaben betraut ist, ist die Versuchung groß, sich in Faustischer Manier ihrer eigenen Geldschöpfungskraft zu bedienen und die Mittel für neue Botschaftsgebäude, Ministergehälter und Panzerhaubitzen aus dem Nichts zu erschaffen. Übertreibt sie diese Aktivitäten und stehen den realen Werten in der Volkswirtschaft zu viele Zahlungsmittel gegenüber, verlieren die Bürger das Vertrauen in ihre Währung, und es droht Inflation. Der am häufigsten beschrittene Ausweg besteht darin, dass sich die Regierung selbst bindet, indem sie eine unabhängige Zentralbank einrichtet und dieser das (meist alleinige) Recht zur Ausgabe von Papiergeld verschafft.
Als eine im internationalen Vergleich besonders unabhängige Zentralbank galt zu Zeiten der Deutschen Mark die Deutsche Bundesbank bzw. ihre Vorläuferin, die Bank deutscher Länder. Doch wie unabhängig war diese Institution wirklich? Christian N. Wolz geht dieser Frage in seiner Mannheimer Dissertation mittels einer qualitativen Untersuchung von drei Konflikten zwischen Bundesregierung und Zentralbank in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren nach, die sich um die Finanzierung von Vorräten zur Stabilisierung von Lebensmittelpreisen (sogenannte Einfuhr- und Vorratsstellen), um die monetäre Eingliederung des Saarlands und um die Aufgabenverteilung bei der Bankenaufsicht entwickelten. Grundlage sind in erster Linie die Protokolle von Kabinettssitzungen der Bundesregierung und von Zentralbanksitzungen, aber auch eine Vielzahl von anderen, teils ungedruckten Quellen aus dem Bundesarchiv und dem Historischen Archiv der Bundesbank. Aus dieser unübersichtlichen Datenlage extrahiert Wolz eine detaillierte Beschreibung der drei Konflikte, ihrer Protagonisten und ihrer Verläufe.
Wolz‘ Anspruch ist es nicht nur, historische Quellen aufzuarbeiten und zusammenzufassen. Seine Leitfragen sind volkswirtschaftlicher Natur: Wie unabhängig kann eine Zentralbank überhaupt sein? Welche Einflussmöglichkeiten hat eine Regierung im politischen Tagesgeschäft und im Ringen um Einzelheiten? Welche Rolle spielt die Öffentlichkeit? Und schließlich: Wie schwer wiegt die Möglichkeit der Regierung, die Unabhängigkeit der Zentralbank per Gesetz aufzuheben? Wolz stellt seiner historischen Analyse daher eine kurze Zusammenfassung der politökonomischen Literatur zum Verhältnis von Zentralbank und Regierung voran. Diese umfasst unter anderem die Theorie der "politischen Konjunkturzyklen", die "Sündenbock"-Rolle der Zentralbank und die Bürokratietheorie. Hierbei wird auch die Frage aufgeworfen, ob die Konflikte mit der Bundesregierung existenziell sind oder "Indikatoren eines an sich stabilen institutionellen Arrangements" Helge Berger, Konjunkturpolitik im Wirtschaftswunder. Handlungsspielräume und Verhaltensmuster von Bundesbank und Regierung in den 1950er Jahren, Tübingen 1997, S. 46 ff.; zit. nach Wolz, Konflikte, S. 14. . Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Anwendbarkeit des methodologischen Individualismus, denn einige der diskutierten Modelle betrachten nicht die Zentralbank in ihrer Gesamtheit als handelndes Subjekt, sondern die einzelnen Mitglieder des Zentralbankrates (ZBR). Weitere vermutete Einflüsse sind die regionale Herkunft und opportunistische Beweggründe zur Erhöhung der persönlichen Handlungsspielräume, aber auch eine der unabhängigen Position zu verdankende Sachorientierung.
Ausgehend von diesem theoretischen Gerüst bewegt sich die Arbeit auf einem recht schmalen Grat. Auf der einen Seite besteht der Anspruch, einer volkswirtschaftlichen Fragestellung und der damit notwendig werdenden Abstraktion gerecht zu werden, auf der anderen Seite bringt die qualitative Ausrichtung eine historische Detailgenauigkeit mit sich, die der modellhaften Herangehensweise des Volkswirts zuwiderlaufen kann. Der Balanceakt wird offensichtlich, wenn es um die Beantwortung der oben genannten Fragen geht. Nach der historischen Aufarbeitung der drei Konflikte fasst Wolz die Ergebnisse in Kapitel 5 zusammen. Schnell wird dabei klar, dass selbst diejenigen Modelle, die die Zentralbankmitglieder als handelnde Objekte begreifen, immer noch zu sehr stilisiert sind, um der Geschichte gerecht zu werden. So gibt es anscheinend oft mehr als einen Grund für ein bestimmtes Abstimmungsverhalten im ZBR. Damit geht Wolz für kurze Zeit von einer sozialwissenschaftlichen auf eine psychologische Ebene über. Des weiteren zeigt sich, dass die Annahme zeitlich konstanter Meinungen nicht gehalten werden kann und einige ZBR-Mitglieder ihre geldpolitische Ausrichtung im Untersuchungszeitraum änderten. Schließlich können sich mehrere Motive der einzelnen Personen gegenseitig widersprechen. Ihr Abstimmungsverhalten ist daher nur schwer prognostizierbar.
Wolz betont deshalb die Notwendigkeit qualitativer Untersuchungen von Entscheidungen der Zentralbank. Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit die volkswirtschaftliche Theorie noch einen Überbau für die geleistete historische Tiefenbohrung darstellen kann (damit berührt das Werk auch ein grundsätzliches Dilemma der Wirtschaftsgeschichte). Ist die historische Detailgenauigkeit zu hoch, erübrigt sich die abstrakte Motivation. Die Arbeit wäre dann vor allem eine Quellenzusammenfassung und von Wert für Zeithistoriker, die sich einen Gang ins Archiv sparen möchten. Ist die Einarbeitung in das historische Material dagegen nicht intensiv genug, stellt sich die Frage nach dem wissenschaftlichen Beitrag des Buchs, denn die theoretische Debatte voranzubringen ist Christian Wolz nicht angetreten.
Eine Antwort gibt Wolz im Schlusskapitel, in dem es ihm überzeugend gelingt, aus den Tiefen der Quellenforschung aufzutauchen. So zeigen seine Forschungen einerseits, dass die Bundesbank in Konflikten die Öffentlichkeit als Druckmittel strategisch einsetzte, und bestätigen damit Dieter Puchtas Thesen Dieter G. Puchta, Inflation und Deutsche Bundesbank: Elemente einer politökonomischen Theorie der schleichenden Inflation mit endogenem Zentralbankverhalten, Freiburg im Breisgau 1981. . Anderseits wurde etwa im Saar-Konflikt deutlich, dass die Möglichkeit der gesetzlichen Verpflichtung zur bilanziellen Notendeckung durch die Bundesregierung eine Rolle spielte, weil sich die die Zentralbank der öffentlichen Unterstützung nicht sicher war. Die Sündenbocktheorie Edward Kanes Edward J. Kane, Policy and Fed Policymaking. The More Things Change the More they Remain the Same, in: Journal of Monetary Economics 6 (1980), S. 199-211. schließlich lässt sich auf das Verhältnis der Bundesbank zu den Spitzenverbänden des Kreditgewerbes im Konflikt um die Bankenaufsicht anwenden. Wolz schließt seine Zusammenfassung mit der Feststellung ab, dass die rechtliche Unabhängigkeit der Bundesbank nicht zuletzt wegen der stabilitätsinteressierten Öffentlichkeit gewahrt blieb, sie bei einzelnen Entscheidungen jedoch nicht immer so frei von Interessen der Regierung entscheiden konnte, wie die reine Theorie dies vorsieht.
Die Bewertung der systematischen Analyse geldpolitischer Auseinandersetzungen 1956-1961 fällt daher eindeutig positiv aus. Eine Frage zur Quellenwahl sei jedoch erlaubt: Warum wurde nur auf Dokumente zurückgegriffen? Angesichts der Betonung des qualitativen Ansatzes wäre es ja auch denkbar, etwa die zeitgenössische Berichterstattung in Tageszeitungen in größerem Umfang auszuwerten. Außerdem liefert der kurze Exkurs über die persönlichen Motivationen der ZBR-Mitglieder natürlich eine Vorlage, um die Auswertung biographischer Quellen anzuregen, wie dies etwa Ulrich Woitek und Tobias Straumann Tobias Straumann / Ulrich Woitek, A Pioneer of a New Monetary Policy? Sweden's Price-Level Targeting of the 1930s Revisited, in: European Review of Economic History 13 (2009), S. 251-282. in einer Diskussion um die Beweggründe schwedischer Geldpolitik der 1930er-Jahre getan haben.
Es stellt sich schließlich die Frage nach weiteren Forschungsschritten. Hier bietet sich die Einbindung der Ergebnisse in eine internationale Vergleichsstudie über Zentralbankunabhängigkeit an. Eine Verfügbarkeit der Ergebnisse in englischer Sprache, möglicherweise in geraffter Form, wäre daher sehr wünschenswert. Weiterhin stellt die systematische qualitative Analyse der Protokolle der ZBR-Sitzungen eine notwendige Vorarbeit für eine quantitative Untersuchung dar. Eine Tabelle im Anhang liefert in 78 Fällen Daten zu Parteizugehörigkeit, regionaler Abhängigkeit usw. der ZBR-Mitglieder zu verschiedenen Zeitpunkten. Es sollte möglich sein, diese mit dem tatsächlichen Abstimmungsverhalten des ZBR im fraglichen Zeitraum zu kombinieren und als erklärende Variablen zu verwenden. Ob dies der ursprünglichen Absicht von Christian Wolz entsprechen würde, sei jedoch dahingestellt.
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Citation:
Martin Uebele. Review of Wolz, Christian N., Konflikte zwischen der Notenbank und der Regierung in der Bundesrepublik Deutschland 1956-1961.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2010.
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