Jürgen Raab. Erving Goffman. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz - UVK, 2007. 137 S. ISBN 978-3-89669-550-5.
Reviewed by Malte Zierenberg
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2010)
J. Raab: Erving Goffman
Jürgen Raabs Einführungsband in das Werk – und in Ausschnitten auch die Vita – Erving Goffmans beginnt ein wenig defensiv. Ausschweifend habe man Goffman gescholten, impressionistisch und inkohärent, erklärt der Konstanzer Sozialwissenschaftler; dabei handele es sich bei dem 1982 verstorbenen amerikanischen Analytiker des Alltags und seiner fragilen Ordnungsstrukturen doch mindestens um einen “Soziologen von klassischer Statur” (Robert Hettlage). Dem Nicht-Soziologen mögen solche rhetorischen Strategien als nebensächliche und – zusammen mit der umfangreichen, an Stammbaumtafeln gemahnenden Rekonstruktion von Vater-Sohn-Beziehungen unter Großtheoretikern – auch überflüssige Abschweifungen vorkommen. Allein, Raabs Ausführungen erweisen sich, auch wenn sie den genealogischen Verästelungen von Theorie-Teilen und den persönlichen Beziehungsgeflechten der modernen Soziologie nachspüren, selten nicht als redundant. Sie übertragen den goffmanschen Blick auf das Detail auf Goffman selbst. Dabei bewahren sie sich den Blick für das Ganze und bilden somit eine gute Einführung in das Werk auf knappstem Raum.
Auf gerade einmal etwas mehr als einhundert Seiten fasst Raab Goffmans Status als ‚marginal man‘ und ‚Key Sociological Thinker‘ (Kap.1), die Prägungen und theoretischen Einflüsse (Kap. 2), die Hauptbegriffe der goffmanschen Arbeit (Die sozialen Situationen und das Selbst (Kap. 3); Normalität und ihre Rahmungen (Kap. 4)) zusammen. Nur noch skizzenhaft geht er zum Schluss auf einige Einwände und Rezeptionsansätze ein. Die Knappheit von Raabs Ausführungen entspricht dem Reihenkonzept der „Einführungen in die Klassiker der Wissenssoziologie” und ist nicht zum Schaden des Bandes. Dass Goffman auch von der Theorieanlage her als Wissenssoziologe gelesen werden kann, begründet Raab schlüssig, indem er Goffmans Frage nach dem mikrosoziologischen Aufbau gesellschaftlicher Strukturen in Interaktionssituationen als einen konstruktivistischen Ansatz auffasst, der sich durchaus mit vielleicht näherliegenderen wissenssoziologischen „Klassikern” wie etwa Thomas Luckmann vermitteln lässt.
Breiten Raum nimmt die Verortung Goffmans in der Tradition moderner soziologischer Theorie ein: zwischen Émile Durkheim, Georg Simmel und (eingeschränkt) Max Weber auf der einen und den zwei Generationen der Chicago School – mithin einer stärker an der Empirie orientierten Traditionslinie – auf der anderen Seite. Etwa die Hälfte des Bandes ist dieser Einordnung gewidmet. Das mag disproportional erscheinen, zumal, da Goffman selbst solche Verortungen stets abgelehnt hat. Raabs Darstellung erweist sich aber insofern als gewinnbringend, als der Leser sowohl mit einigen wichtigen Fragen der Theoriediskussion der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertraut gemacht wird, als auch versteht, dass Goffman an ältere Diskussionen anschließt, jedoch zum Teil neue Fragen stellt oder die alten Fragen anders beantwortet. Das wird zum Beispiel deutlich, wenn Raab auf Goffmans Skepsis gegenüber der ethnomethodologischen Suche à la Harold Garfinkel nach den grundlegenden, empirisch abschließend ermittelbaren Bauformen von Interaktionssituationen eingeht (S. 50-52) oder dem symbolischen Interaktionismus – mit Goffman – seine Vernachlässigung der körperlichen Kopräsenz und der räumlichen Dimension von Interaktionen nachweist.
Intensiv geht Raab in den Kapiteln 3 und 4 auf die wesentlichen Begriffe von Goffmans Analysen ein. Er rekapituliert anschaulich seine berühmte Theater-Metaphorik (S. 69) und stellt die Schlüsselpublikationen zu den „totalen Institutionen“ und der „Rahmen-Analyse“ vor. Es ist nicht zuletzt die hier noch einmal vor Augen geführte Zugänglichkeit und Praxisnähe des Goffmanschen Denkens, die dazu geführt hat, dass auch Historiker/innen auf sein Konzept zurückgreifen.
Raabs Band ist vor allem für diejenigen interessant, die sich mit Interaktionen unter anwesenden, kopräsenten Akteuren beschäftigen. Aber nicht nur in solchen Fällen sollte man Goffmans Ansatz ernster nehmen, als es einer bisweilen arg herablassenden Einschätzung von Seiten „großtheoretischer” Historiker eingefallen ist. Wer Goffman liest, versteht, warum zum Beispiel Parlamentarier miteinander umgingen, wie sie es taten. Vgl. Thomas Mergel, Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik: politische Kommunikation, symbolische Politik und Öffentlichkeit im Reichstag, Düsseldorf 2002; vgl. hierzu die Rezension von Christiane Streubel, in: H-Soz-u-Kult, 10.06.2003 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-2-141> (23.04.2010). Sein Werk schärft den Blick für Fragen, die von Historikern noch zu selten gestellt werden.
Goffman lesen kann dazu führen, dass man begreift, warum wir uns in Fahrstühlen so und nicht anders verhalten: das visuelle Abtasten und Ausweichen, das Nachrücken, wenn jemand das Ensemble gefährdeter „Territorien des Selbst” verlässt usw. Manchmal kommen die besten Ideen für historische Arbeiten im Fahrstuhl oder beim Anstehen in einer Mensaschlange. Wer dann Goffman zur Hand hat, sieht mehr. Wer den Band von Raab gelesen hat, ist zweierlei: sehr gut informiert und animiert, sich dem Original zuzuwenden.
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Citation:
Malte Zierenberg. Review of Raab, Jürgen, Erving Goffman.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2010.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=30466
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