Georg Brunhold. Nichts als die Welt: Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren. Berlin: Verlag Galiani, 2009. 682 S. ISBN 978-3-86971-001-3.
Reviewed by Claudia Moddelmog
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2010)
G. Brunold: Nichts als die Welt
„Nichts als die Welt“ ist kein bescheidener Band. „Denn er stößt das Tor zu zweieinhalbtausend Jahren Weltgeschichte auf und führt rund um die gesamte Erde. In Dantes Göttlicher Komödie führte Vergil den Leser durch die Hölle; in diesem Großband nehmen uns Autoren wie Xenophon, Cäsar, Plinius, Petrarca, Ibn Battuta, Kolumbus, Voltaire, Goethe, Heine, Stendhal, Burton, Boveri, Capote, Frisch, Marquez, Eco und Enzensberger bei der Hand und geleiten durch die großen Ereignisse und Umbrüche ihrer Zeit, berichten, was sie mit eignen Augen sahen“, so verkündet der Klappentext. In den Feuilletons hat der Band durchweg Lob und Begeisterung geerntet. Der Herausgeber, der erfolgreiche Schweizer Journalist Georg Brunold, hat also zumindest den Nerv seiner Kollegen getroffen.
Auf knapp sechshundert Seiten versammelt „Nicht als die Welt“ Texte bzw. Textauszüge von über 150 Autoren aus der Zeit zwischen 450 v. Chr. und dem Jahr 2000 in chronologischer Folge, wobei die Länge der gebotenen Stücke zwischen einer und zehn Seiten variiert. Wie die Liste von Namen, die im Klappentext genannt werden, für sich genommen schon anzeigt, muss sich über Gattungsgrenzen hinwegsetzen, wer eine Anthologie zur Weltgeschichte in „Augenzeugenberichten“ zusammenstellen will. Hier ist kein Vorwurf angebracht, sondern im Gegenteil eine doppelte Chance zu sehen: Einerseits wird man annehmen können, ein großes Publikum anzusprechen, wenn mit Augenzeugenberichten Geschichtsvermittlung im Sinne der Teilhabe ankündigt wird. Andererseits könnte eine solche Anthologie die Historizität von Weltwahrnehmung und -deutung und des Schreibens darüber erfahrbar machen. Dazu braucht es allerdings, wenn es um Zeugnisse aus 2500 Jahren geht, irgendeine Art von Verstehenshilfe, jedenfalls in einem Band, der ausdrücklich nicht für Experten gedacht ist. Ein äußerst populäres und noch immer empfehlenswertes Vorbild für eine solche „Geschichte in Quellen“ könnte etwa Arno Borsts „Lebensformen im Mittelalter“ sein. Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt am Main 1973.
Das keine vier Seiten füllende Vorwort, das der Herausgeber seiner Sammlung beigegeben hat, leistet leider zur Orientierung des Leser rein gar nichts. Hier geht es vage um die Attraktion des Zeitreisens, um die Notwendigkeit, die Gegenwart als Gewordene und die Vergangenheit als Möglichkeitsraum zu begreifen, vor allem aber um die Reportage als „wahrhaft universelle literarische Gattung“. Mutet die Ausweitung des Reportagebegriffs auf alle möglichen Erzählungen, bei denen ein Augenzeuge „auf die Bühne der dramatischen Verstrickungen führt“, schon mehr forsch denn überzeugend an, so liest man die kurzen einführenden Bemerkungen zu den einzelnen Autoren und Texten mit zunehmendem Befremden. Diese Beigaben bestehen jeweils in einer Jahreszahl, einem Namen, einer Überschrift und einigen einleitenden Zeilen zum Autor, so etwa: „936 – Widukind von Corvey – König Ottos demokratische Krönung – Widukind von Corvey (geb. um 925, gest. nach 973), der im Kloster von Corvey die berühmte Sachsengeschichte schrieb, war ganz nach dem Vorbild der Griechen und Römer auch als politischer Reporter tätig. Sein lebendiges und teils äußerst kontroverses Zeugnis beweist einen glühenden Patriotismus, der das Zentrum seiner Welt nicht in Rom erblickt.“ [S. 66] Wer nichts Näheres über Widukind weiß, und das dürfte für den Großteil des Publikums gelten, wird kaum einen Bezug zwischen der Einleitung und dem Textauszug zur Königskrönung Ottos des Großen herstellen können und den Corveyer Mönch womöglich für einen Verfechter fränkisch-sächsischer Symbiose halten. Dem Leser wird suggeriert, der Bericht über die Krönung Ottos des Großen sei einer von mehreren, die Widukind neben der Sachsengeschichte geschrieben habe und von den Zeitgenossen heftig diskutiert worden. Doch hat, soweit wir wissen, Widukind eben nur die Sachsengeschichte geschrieben, und die Kontroverse um das Zeugnis des Mönches spielt sich auf dem Parcours der modernen Forschung ab. So leitet Brunolds wortgewaltige Einführung völlig in die Irre und umgeht es geradezu, darauf hinzuweisen, dass Widukind aller Wahrscheinlichkeit nach gar kein Augenzeuge von Ottos des Großen Krönung war. Gleich auf der nächsten Seite geht es munter weiter, wenn Lampert von Hersfeld Heinrich IV. in Canossa barfüßig im Schnee vorführt und vor Gregor VII. schlottern lässt. [68f.] Ein „prickelnder Stoff“, zweifelsohne, doch vor allem ein Produkt der Phantasie. Beide Fälle, die sich zwanglos vermehren ließen, erweisen, wie sorglos die alten Autoren und die gegenwärtigen Leser gleichermaßen behandelt werden.
Die Einführungen Brunolds ermüden zunehmend, folgen sie doch dem immer gleichen Schema: den jeweiligen Verfasser als großartigen Helden der Feder, als engagierten Zeitgenossen und als Prototyp des modernen Reporters zu präsentieren. Sie wollen weder das Verständnis der Texte, noch das der darin beschriebenen Ereignisse ermöglichen. Geschichte wird auf solche Weise, jedenfalls solange der moderne Erfahrungshorizont nicht erreicht wird, kaum erfahrbar und gerät zu einem Figurenkabinett des Exotischen.
Nicht deutlicher, sondern zunehmend unklar wird beim Lesen in „Nichts als die Welt“, welcher Gegenstand hier verhandelt wird. Weder wird hier Zeugenschaft in ihren unterschiedlichen historischen Ausprägungen thematisiert, noch widmen sich alle Texte tatsächlich „großen Ereignissen und Umbrüchen“, die erst durch kollektive Erinnerung etwas anderes sind als beliebige Ausschnitte aus dem unüberschaubaren Fluss historischen Geschehens. Zu vieles verspricht der elegant gestaltete, nicht eben erschwingliche Folioband seinen Lesern und immer wieder Verschiedenes – Weltgeschichte, Geschichte der Nonfiction-Literatur, klassischen Journalismus – und löst nichts davon ein. Kein formales Kriterium, kein inhaltlicher Fokus und kein gemeinsames Problem hält die vorliegende Anthologie zusammen. Sie zerfließt in Fülle und Vielfalt, die ohne gedankliche Ordnung keinen Reiz haben. Sie bietet keine Einführung, keinen Kommentar und lässt als Auswahl kein reflexives Zentrum erkennen. Der Zugang zu Geschichte gleicht hier einem Ausflug auf den verstaubten Dachboden, auf dem man zwar fasziniert alles Mögliche anfassen kann, aber womöglich nichts begreift. Einen Leser, der nicht nur irgendwie affiziert werden, sondern sich mit Geschichte über den Horizont des eigenen Erfahrungsraums hinaus auseinandersetzen und sich Zeugnisse aus vergangenen Zeiten produktiv aneignen will, um die eigene Gegenwart besser zu verstehen, kann sie nicht zufrieden stellen, sondern nur verärgern.
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Citation:
Claudia Moddelmog. Review of Brunhold, Georg, Nichts als die Welt: Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
April, 2010.
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