William M. Johnston, Josef Schiffer. Der österreichische Mensch: Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs. Wien: Böhlau Verlag Wien, 2009. 394 S. ISBN 978-3-205-78298-8.
Reviewed by Anita Mayer-Hirzberger
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2010)
W. M. Johnston: Der österreichische Mensch
Die Leidenschaft für Österreich spricht aus dem neuen Buch des amerikanischen Kulturhistorikers William M. Johnston. Vierzig Jahre nach seinem Bestseller „The Austrian Mind“ William M. Johnston, The Austrian Mind. An Intellectual and Social History 1848-1938, Berkely 1972; dt.: Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848-1938, Wien 1974. schrieb er eine Abhandlung für Österreicher über Österreicher und den ihnen zugeschriebenen Charakter. Zwar gab es hierzulande gerade in jüngerer Zeit verstärkt wissenschaftliche Abhandlungen zur Identitätsfindung in diesem Land, Johnston nennt auch einige in seiner Bibliographie, doch er hat die erklärte Absicht, in seinem neuen Werk die „Entfaltung des gesamten Diskurses“ zu erschließen. Zu Recht bedauert Johnston das Fehlen eines zusammenfassenden Werkes (S. 369).
Der Verfasser untersucht exemplarisch ausgewählte Schriften von fünfundzwanzig Autoren, die sich Gedanken über das „österreichische Wesen“ machten. Neben prominenten Literaten wie Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Robert Musil und Franz Werfel stehen solche, die außer in der Fachliteratur kaum genannt werden, wie Oskar Schmitz, Hugo Hassinger und Josef Leb. Natürlich fehlen auch nicht Anton Wildgans, dessen „Der österreichische Mensch und seine Heimat. Rede über Österreich“ (1930) Anton Wildgans, Rede über Österreich. Der österreichische Mensch und seine Heimat, Leipzig 1930. zur prominentesten Selbstbespiegelung in der Zwischenkriegszeit geworden ist, und der Historiker Friedrich Heer. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf dem Zeitraum 1910 bis 1938. Die Zweite Republik wird knapp, nämlich nur auf einem guten Drittel des Umfangs der Ausführungen zur Zwischenkriegszeit und etwa der Hälfte jener zu den letzten acht Jahren der Monarchie, abgehandelt. Die ungleiche Gewichtung lässt sich durch den Forschungsschwerpunkt Johnstons von 1848 bis 1938 erklären. Seine Untersuchungen enden mit dem Jahr 1967, obwohl er gerade die zweieinhalb Jahrzehnte zwischen 1970 und 1995 als Zeit des „Kampfes um die österreichische Identität“ bezeichnet (S. 327).
Wer erwartet, dass Johnston, wie im Klappentext versprochen, eine „Neuinterpretation der österreichischen Identität“, beziehungsweise eine Überblicksdarstellung bietet, wird vermutlich enttäuscht sein. Letzteres nimmt der Autor im Vorwort selbst zurück; er wolle nur in Vergessenheit geratene Texte zur Diskussion stellen. Problematisch ist allerdings, dass Johnston in seiner Begeisterung für diese Schriften seinen deklarierten bescheidenen Anspruch mitunter vergisst und die wenigen ausgewählten Beispiele als absolut setzt. Bereits vorhandene Forschungsergebnisse außer Acht lassend, zieht er von den zwei Dutzend Autoren sehr rasch allgemeine Schlüsse. Symptomatisch dafür ist etwa der erste Zeitabschnitt (1910-1914): Seine Favoriten Hofmannsthal, Bahr und Musil werden zu „Hauptvertreter[n] des Diskurses zum Österreichertum“ (S. 47) und ersten Kündern der österreichischen Charakteristik stilisiert. Hofmannsthals Forderung an die Essayisten Johnston zitiert Hofmansthals Artikel „Der Dichter und diese Zeit“, der im März 1907 in der Zeitschrift „Die Neue Rundschau“ erschienen ist. , die „beredten Herolde“ ihrer Epoche zu sein, wird als prophetischer Hinweis auf Bahr interpretiert, dessen „Austriaca“ von 1911 Hermann Bahr, Austriaca, Berlin 1911. als erste konkrete Aussage zur Österreichdiskussion präsentiert wird. Johnston ist überzeugt davon, dass „keinerlei Ursprünge im 19. Jahrhundert“ (S. 24) zu finden seien und kommt zu dem Schluss: „Im Jahr 1910 stand damit der Diskurs zum Österreichertum gerade bei der Stunde Null“ (S. 26). Zudem übernimmt er von Hofmannsthal unkritisch die Ansicht, dass sich vorrangig Schriftsteller mit der Analyse der österreichischen Eigenart beschäftigen mussten, da niemand sonst ein österreichisches Nationalbewusstsein ernst genommen hätte: „weil kein Historiker ein Nationalbewusstsein der Deutschösterreicher behauptete bzw. widerlegte, weil kein Kunsthistoriker einen österreichischen nationalen Stil ausmachte, weil kein Musikhistoriker eine spezifische Eigenart innerhalb der deutschen Musik aufzeigte“ (S. 26).
Diese Aussage ist nicht nachvollziehbar. Lange Zeit vor Bahr hatte etwa Albert Ilg (1847-1896) den barocken Stil als einen dem österreichischen Wesen entsprechenden definiert und sich daher für eine neobarocke Bauweise eingesetzt. Dieser Kunsthistoriker argumentierte mit bereits damals klischeehaften Vorstellungen vom Landescharakter: Barock entspräche dem „warmen, lebendigen, heiteren und phantasievollen Wesen des Österreichers“ Albert Ilg, Die Barocke, in: Albert Ilg (Hrsg.), Kunstgeschichtliche Charakterbilder aus Österreich-Ungarn, Prag 1893, S. 259-308, hier S. 262. . Es war also nicht erst der im Todesjahr Ilgs geborene, von Johnston genannte Hans Sedlmayr, der sich bei seinen kunsthistorischen Abhandlungen Gedanken über „das Österreichische“ machte. Ein reicher Diskurs darüber entfaltete sich entgegen Johnstons Meinung auch im Musikschrifttum. Rudolf Flotzinger verwies bereits 1989 auf eine rege Diskussion im Bereich des Musikschrifttums. Vgl.: Rudolf Flotzinger, Musikwissenschaft und der österreichische Mensch, in: Christian Brünner u.a. (Hrsg.), Die Universität und 1938, Wien 1989, S.147-166. „Tonheroen“, allen voran Haydn, Mozart und Schubert, wurden so wie ihre Werke als Anschauungsmaterial für österreichische Wesensart und höchster Ausdruck einer musikalischen Bevölkerung interpretiert. Richard von Kralik hat nicht nur die von Johnston erwähnte Schrift „Das unbekannte Österreich“ (1917) Richard von Kralik, Das unbekannte Österreich. Eine Entdeckungsfahrt, Wien 1917. zu seinen Arbeiten „um den österreichischen Staatsgedanken“ gezählt, sondern zahlreiche andere ähnlichen Inhalts Richard von Kralik, Entdeckungsgeschichte des österreichischen Staatsgedankens. Sonderabdruck aus der „Kultur“ Jahrbuch der österreichischen Leo-Gesellschaft, Wien 1917, S.13. , die bereits seit 1883 entstanden waren.
Die „österreichischen Charaktereigenschaften“ hatten sich in der Beweisführung für unterschiedliche Vorstellungen der entsprechenden Kultur bereits bewährt. Von „parallel laufenden Monologen“, von in „Isolation“ arbeitenden „Österreichsuchenden“, von der Beschäftigung mit dem Österreichischen als „Privatsache“ bis in die 1960er-Jahre (S. 328) hinein, kann also sicher nicht die Rede sein. Es gab vielmehr einen Pool resistenter Topoi, die den verschiedenen Ideologien angepasst wurden.
Kann es also für das Verständnis der Texte tatsächlich von Vorteil sein, die politische Komponente auszublenden? Johnston möchte diese Auseinandersetzungen über die Staatsidee nicht berücksichtigen, da er die „Ideologie im Sinne der Verteidigung eines politischen Standpunktes“ nur als eine „Nebenwirkung“ bei der Beschreibung der österreichischen Eigenschaften sieht. Er meint, dass „keiner der Essayisten ... in erster Linie politische Pamphlete schaffen wollte, sondern Beschreibungen und Typologien der Österreicher“ (S. 35). Hatte die Ideologie tatsächlich so wenig Stellenwert? Wie ist es dann zu erklären, dass vor allem in brisanten Zeiten eine besonders rege Auseinandersetzung mit diesem Thema auszumachen ist, etwa am Ende des 19. Jahrhunderts, während und nach dem Ersten Weltkrieg, zu Beginn der 1930er-Jahre, zur Zeit des Ständestaates, am Beginn der Zweiten Republik und um 1955, als der Staatsvertrag unterzeichnet wurde? Ging es beispielsweise Josef Leb in seinem Text „Der österreichische Mensch“ von 1933 tatsächlich in erster Linie um eine reine „Beschreibung“ der hiesigen Bevölkerung? Damals forderte er den Führungsanspruch der „im letzten Jahrzehnt zurückgedrängten Mittelschicht“, die seiner Meinung nach als einzige den Idealen des österreichischen Menschen entsprächen. Sie sollten die schlechten Eigenschaften des Österreichers „disziplinvoll“ Josef Leb, Der österreichische Mensch, Wien 1933, S. 8. bannen, oder, wie er es drei Jahre später im Jargon des Ständestaates formulierte, „das Proletariat gleichsam auf[zu]saugen“. Josef Leb, Die Wiener Kultur, Wien 1937, S. 27., sowie: Erste Studientagung für Wiener Volkskultur 1936, Bericht des Bundesleiters Dir. Dr. R. Henz und der Referenten Prof. K. Lugmayer, Dir. J. Leb, in: Österreichische Rundschau, 1937, S. 336.
Auch beim sarkastischen Robert Musil ist Vorsicht angeraten. In „Buridans Österreicher“ (1919) Robert Musil, Buridans Österreicher (1919), in: Ders., Gesammelte Werke 2, Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden, Hamburg 1955, S. 835–837. setzte sich der Schriftsteller vehement für den Anschluss an Deutschland ein und zerpflückte die Topoi, in denen das Wesen der „guten Österreicher“ beschworen wurde. Damit meinte er jene, die sich nicht von der monarchistischen Vergangenheit, der Vorstellung einer eigenständigen österreichischen Kultur lösen und zum Anschluss entscheiden konnten. Musil entlarvte Eigenschaften wie musische Begabung, Talent zum Mitteln zwischen Orient und Okzident oder barockes Wesen als Klischees der unentschlossenen, spirituellen Österreicher. Johnston macht aus dieser Spiritualität und Unentschlossenheit generelle österreichische Merkmale. Er verwendet daher den Begriff „Buridansmensch“ für den Nachkriegsösterreicher an sich (S. 156).
Johnstons Abhandlung ist nicht als Geschichte der Ideologien intendiert, sie will den gegenwärtigen Diskurs beleben. Der Österreicher solle hier „eine große Zahl weitgehend unbekannter Texte und Erzählungen über sich selbst finden“. Losgelöst von alten monarchistischen oder deutschnationalen Vorstellungen könnten sie „auf unsere heutigen Zustände“ (S. 337) angewendet werden. Dass dies längst üblich ist, zeigt ein kritischer Blick in die Fremdenverkehrswerbung oder beispielsweise auch in die Broschüre des Bundespressedienstes „Musik in Österreich“. Die erste Auflage erschien 1955 und stammt von Richard Kraliks Sohn Heinrich Kralik, die jüngste im Jahr 2000. Bundespressedienst (Hrsg.), Musik in Österreich. Von den ältesten Spuren bis zur Gegenwart. Ein Überblick, Wien 2000. Hier wird exemplarisch das praktiziert, was es laut Johnston nicht gibt – nämlich einen kontinuierlichen Weitertransport altbekannter Klischees, um die Besonderheit des Landes und seiner Bewohner aufzuzeigen.
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Citation:
Anita Mayer-Hirzberger. Review of Johnston, William M.; Schiffer, Josef, Der österreichische Mensch: Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs.
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