Bürgerlichkeit und Öffentlichkeit. Mendelssohns Verhältnis zu Düsseldorf und zur Region. Düsseldorf: Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf; Robert Schumann Hochschule Düsseldorf, 18.11.2009-20.11.2009.
Reviewed by Karsten Lehl
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2010)
Bürgerlichkeit und Öffentlichkeit. Mendelssohns Verhältnis zu Düsseldorf und zur Region
Zum Abschluss des Mendelssohn-Jahres 2009 veranstaltete die Robert Schumann Hochschule Düsseldorf gemeinsam mit dem Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf ein interdisziplinäres Symposium mit dem Titel „Mendelssohn – Bürgerlichkeit und Öffentlichkeit. Mendelssohns Verhältnis zu Düsseldorf und zur Region“. Jenseits einer kulturindustriellen Inbesitznahme sollte ein konkreter Kontext aufgesucht werden: Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Attraktivität der „Region Düsseldorf“ für Felix Mendelssohn Bartholdys bewusste Entscheidung, nach seiner Berliner Zeit an den Rhein zu wechseln.
In zehn Vorträgen wurde ein breites Spektrum an Themen diskutiert, das weit über einen bloßen Regionalbezug hinausging und Aspekte von Mendelssohns geschichtlicher Eingebundenheit, der von ihm erwarteten gesellschaftlichen Rolle und seiner künstlerischen Ansprüche (zusammen mit aus jenen resultierenden Synergien und Konflikten) ausführlich beleuchtete.
SABINE MECKING (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) stellte differenziert die lokalen Bedingungen Düsseldorfs zur Zeit Mendelssohns dar. Als Düsseldorf den Status einer Hauptresidenz verloren hatte, ging damit eine kulturelle Verarmung einher. Die Industrialisierung in den 1830er-Jahren führte jedoch bald zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Neuaufstieg der Stadt und zu zunehmender konfessioneller Liberalisierung. Mecking zeigte so, dass für Mendelssohn nicht nur rein künstlerische Herausforderungen wie die musikalische Reform von Theater und Kirchenmusik (neben der Professionalisierung der Niederrheinischen Musikfeste) ein Anreiz waren, eine Stellung in Düsseldorf anzunehmen.
BERND KORTLÄNDER (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) konzentrierte sich in seinem Vortrag hauptsächlich auf die künstlerischen Aspekte. Er erläuterte sowohl die grundsätzlichen Übereinstimmungen von Mendelssohns künstlerischen Ideen und Karl Immermanns Reformtheaterplänen (wie etwa das gemeinsame Interesse an einer historischen, quellenbasierten Kunst) als auch die sich allmählich entwickelnden Differenzen, die letztlich zum Bruch mit Immermann führten: Die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht durchsetzbare Idee eines bürgerlich-autonomen Theaterbetriebs führte zu finanziellen und personellen Konflikten, von denen Mendelssohn sich durch den Rückzug aus dem praktischen Alltagsgeschäft fernhalten wollte.
BRIGITTE METZLER (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) beschäftigte sich mit den „Lebenden Bildern“ als Teilaspekt des Reformtheaters und stellte heraus, dass die „Tableaux Vivants“ aus der Kombination von Musik und Bildern den synästhetischen Gesamtanspruch der Theaterbesucher im 19. Jahrhundert trafen. Mendelssohns Musik trug dazu bei, die räumlichen Grenzen der Bilder aufzuheben und ihren zeitlichen Aspekt zu betonen. Zudem diente die Musik als Mittel, Emotionen auf den Zuschauer zu übertragen.
Mit „Amt und Alltag“ Mendelssohns setzte sich MATTHIAS WENDT (Schumann-Forschungsstelle Düsseldorf) auseinander. Die Analyse der Probenbücher ließ nachvollziehen, wie Mendelssohns anfängliche Theaterbegeisterung zu Gunsten der Kirchenmusik abnahm. Bezug nehmend auf Alltags- und Buchführungsnotizen Mendelssohns betonte er, dass der Komponist offenbar mehr Ausgaben als Einnahmen hatte und das Einkommen aus der Tätigkeit als Städtischer Musikdirektor für ihn von untergeordneter Bedeutung war. Vielmehr erhoffte sich Mendelssohn wohl von seiner Arbeit in Düsseldorf Zeit zum Komponieren.
ANDREAS BALLSTAEDT (Robert Schumann Hochschule Düsseldorf) stellte in seinem Beitrag zum Vierhändigspiel dar, warum Mendelssohn die soziale Praxis des Vierhändigspiels zwar schätzte, aber abgesehen von vier Kompositionen in dieser Gattung nichts hinterließ. Neben der wichtigen Funktion vierhändiger Arrangements, die auch in ihren technischen Fertigkeiten begrenzten Laien die Erschließung großer Teile des Konzertrepertoires ermöglichten, wies Ballstaedt deutlich auf von Mendelssohn wohl als nachteilig empfundene Faktoren hin: Die Neigung zum Dilettantismus und den Voyeurismuszwang der Zuhörer, die zu Zuschauern werden. Der hieraus folgenden Veräußerlichung der Kunst wollte Mendelssohn seine Musik nicht aussetzen; er wollte verhindern, so argumentierte Ballstaedt, dass seine Musik zu Werbezwecken genutzt wurde und legte stattdessen Wert auf Originalität, Authentizität und künstlerische Wahrheit.
Im Mittelpunkt von HANS PETER REUTTERs (Robert Schumann Hochschule Düsseldorf) Vortrag standen Mendelssohns op. 1-3. Anhand der Analyse des ersten Satzes von op. 1 stellte er den erstaunlich früh einsetzenden Reifeprozess Mendelssohns dar. Im Vergleich mit Beethoven zeige sich sein früher Hang, Formprobleme auf neuen Wegen zu lösen und sich nicht am direkten Vorbild seines Lehrers orientieren zu wollen oder zu müssen.
MATTHIAS GEUTING (Robert Schumann Hochschule Düsseldorf) zeigte in seiner Analyse des Kopfsatzes der Orgelsonate op. 65, 1 das Bemühen Mendelssohns, durch Verschmelzen von Fugen- und Choraltechnik eine neue Form zu gewinnen. Das Ziel eines lebendigen Orgeltones konnte Geuting nicht nur in diesem Satz, sondern auch im gesamten Zyklus der Orgelsonaten, die er in ihrem zeitgenössischen Kontext darstellte, nachweisen.
VOLKER KALISCH (Robert Schumann Hochschule Düsseldorf) stellte in seinem Vortrag die Frage nach dem „Bürgerlichen“ in Mendelssohns Chorschaffen. Dieses „Bürgerliche“ zeigte sich im von seinem Lehrer Zelter ästhetisch geprägten, strophischen „Volkston“, dessen Ziel Unbefangenheit und Wahrhaftigkeit im musikalischen Ausdruck war. In zahlreichen „Liedern im Freien zu singen“ offenbarte sich Mendelssohns Bemühen, der Entfremdung „Mensch-Natur“ entgegen zu wirken und die Poesie der Natur einzufangen. Mendelssohn sah sich als Repräsentant einer aufbrechenden, bürgerlichen Kultur: „Die Wiedergeburt der Gesellschaft aus dem Geiste der Musik.“
In ECKHARD ROCHs (Julius-Maximilians-Universität Würzburg) „Versuch einer soziometrischen Analyse“ standen die Beziehungsstrukturen, innerhalb derer sich Mendelssohn befand, im Mittelpunkt. Auf der Basis von drei hypothetischen Beispielen – „Öffentlichkeit“, „Institutionalisierte Öffentlichkeit“ und „Familiäre Innerlichkeit“ – erläuterte er die Möglichkeiten, Quellenmaterial zur Bestimmung von Mendelssohns Position in unterschiedlichen sozialen Gefügen zu nutzen. Roch kam zu dem Ergebnis, dass viele Facetten der Persönlichkeit Mendelssohns heute noch nicht erforscht sind, und zu Recht gefragt werden müsse: Welcher Mendelssohn wird heute verehrt?
YVONNE WASSERLOOS (Robert Schumann Hochschule Düsseldorf) schilderte die Vorgänge um die Errichtung und Vernichtung des Düsseldorfer Mendelssohn-Denkmals. Hierbei betonte sie vor allem die Nutzbarkeit eines Denkmals als musikwissenschaftliche Quelle in seiner Eigenschaft als Vermittler von Werten, Identitätsstifter und Symbol für kollektives und subjektives Erinnern und verglich dies mit der NS-Zeit, in der ein Denkmal Macht und Ideologie zu repräsentieren hatte. Sie führte mit ihrem Vortrag vor Augen, dass die Geschichte um das Mendelssohn-Denkmal und seine Vernichtung allein aus der Aktenlage im Stadtarchiv nicht mehr nachvollziehbar ist. Darüber hinaus wurde auf die Erinnerungskultur für Mendelssohn in der Düsseldorfer Nachkriegszeit eingegangen, die als wenig bzw. nur temporär gegeben einzustufen sei.
Die problematische Aufarbeitung der antisemitischen Verfemung Mendelssohns im Nationalsozialismus in Düsseldorf nach 1945 bildete den Ausgangspunkt für die nachfolgende Podiumsdiskussion. Die Teilnehmer Hella Bartnig, Bernd Dieckmann, Elisabeth von Leliwa (alle Düsseldorf), Volker Kalisch, Bernd Kortländer, und Yvonne Wasserloos diskutierten die Frage: „Braucht Düsseldorf ein Mendelssohn-Denkmal?“. In der Diskussion um ein potentielles Mendelssohn-Denkmal wurde die Frage nach der Funktion von Denkmälern in unserer Erinnerungskultur damals und heute aufgeworfen. In diesem Zusammenhang wurde überlegt, welche Gestalt ein Denkmal oder Gedenken heute haben kann und sollte: Dabei wurden Formen wie virtuelle Erinnerungsplätze, Museen, das Aufführen seines Gesamtwerks oder die Benennung einer öffentlichen Institution diskutiert.
Im Rahmen des Symposiums gelang es, ein vielseitiges Bild von Mendelssohn zu zeichnen, in dem sowohl künstlerische als auch gesellschaftliche und private Aspekte gleichermaßen berücksichtigt wurden. Dank der sehr unterschiedlichen und breit gefächerten Vortragsthemen sowie der aktualitätsbezogenen Schlussdiskussion wurde neben dem Blick in die Vergangenheit immer wieder eine Verbindung zum heutigen Musikleben hergestellt. Das Thema "Felix Mendelssohn Bartholdy" scheint so heute lebendiger als je zuvor.
Konferenzübersicht:
Einführung: Andreas Ballstaedt, Bernd Kortländer, Volker Kalisch
Sabine Mecking: „Mendelssohn zwischen Senf und Bildern: Gesellschaft und Kultur im preußischen Düsseldorf“
Bernd Kortländer: „Immermanns Reformtheater und sein Bezug zu Mendelssohn“
Brigitte Metzler: „‚Denn jedes Bild will seines Rahmens Wände verlassen ...’ Felix Mendelssohn Bartholdy und die Lebenden Bilder“
Andreas Ballstaedt: „‚Vierhändig’. Versuch einer kulturellen Ortsbestimmung
Hans-Peter Reutter: „Komposition zwischen Handwerkszunft, bürgerlichem Salon und akademischem Lehrbetrieb. Mendelssohns Lernen und Lehren in musiktheoretischer Betrachtung“
Volker Kalisch: „Bürgerlichkeit in der Musik. Mendelssohns Chormusik“
Matthias Wendt: „Amt und Alltag. Annotationen zu Mendelssohns Notizen aus Düsseldorfer Zeit“
Matthias Geuting: „‚Für die Orgel denken’ – Mendelssohns Weg zu den Sonaten op. 65“
Eckhard Roch: „Felix Mendelssohn Bartholdy. Versuch einer soziometrischen Analyse“
Yvonne Wasserloos: „Auslöschung in Zeitlupe. Die Zerstörung des Düsseldorfer Mendelssohn-Denkmals 1936-1940“
Schlussdiskussion mit Ausblick: „Braucht Düsseldorf ein Mendelssohn-Denkmal?“
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Citation:
Karsten Lehl. Review of , Bürgerlichkeit und Öffentlichkeit. Mendelssohns Verhältnis zu Düsseldorf und zur Region.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
March, 2010.
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