Harm G. Schröter. Geschichte Skandinaviens. München: C.H. Beck Verlag, 2007. 128 S. (broschiert), ISBN 978-3-406-53622-9.
Reviewed by Thomas Etzemüller
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2010)
H. G. Schröter: Geschichte Skandinaviens
Skandinavien dient deutschen Historikern durchaus als Urlaubsregion, zum Teil der europäischen Geschichte haben sie den Norden jedoch noch nicht gemacht. „Europa“, das ist in erster Linie Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Ostmitteleuropa. Der Süden und der Norden sind Sache von Spezialisten, die sich in eigenen Fächern, der Romanistik und der Skandinavistik, organisieren. Zu den Historikern bestehen kaum Kontakte. Dabei kann gerade die skandinavische Geschichte vermeintlich zentrale Grundlinien der „europäischen“ Geschichte wirkungsvoll in Frage stellen, beispielsweise den Unterschied zwischen totalitären und liberal-demokratischen Systemen, der das „Zeitalter der Extreme“ geprägt haben soll. Das Schweden des 20. Jahrhunderts beispielsweise bot dagegen nicht nur den vielgerühmten ökonomischen „Mittelweg“ zwischen Sowjetkommunismus und Kapitalismus, sondern auch einen Mittelweg zwischen Totalitarismus und Pluralismus. Das Land war stets unstreitig demokratisch, aber dezidiert antipluralistisch ausgerichtet, sofern man Großbritannien zum Maßstab nimmt. Es verteidigte in den 1930er- und 1940er-Jahren die Demokratie mit Hilfe einer kollektivistischen Gesellschaftsverfassung und sozialtechnokratischen Instrumenten, die nicht zu Unrecht an den Nationalsozialismus und dessen „Volksgemeinschaft“ erinnern – ohne jedoch identisch zu sein. Vgl. Thomas Etzemüller, Total, aber nicht totalitär: die schwedische „Volksgemeinschaft“, in: Frank Bajohr / Michael Wildt (Hrsg.), Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2009, S. 41-59.
Zwar findet in neueren Sammelbänden nun vor allem Schweden immer häufiger Berücksichtigung, doch die skandinavische Geschichte insgesamt ist in der deutschen Geschichtswissenschaft im Grunde nach wie vor randständiger als sogar die altchinesische Geschichte oder die der altamerikanischen Kulturen. Darüber gibt es jeweils Bände des renommierten „Oldenbourg Grundriss der Geschichte“. Der Norden dagegen wird bislang in Taschenbüchern abgehandelt, die eher dem gebildeten Publikum einen historischen Hintergrund über diese Region vermitteln sollen. Ingrid Bohn, Finnland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 2005; Jörg P. Findeisen, Dänemark. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 2008; Ders., Schweden. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 2008; Fritz Petrick, Norwegen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 2002; Ralph Tuchtenhagen, Kleine Geschichte Norwegens, München 2009; Ders., Kleine Geschichte Schwedens, München 2008. Das ist nicht verkehrt, aber die inhaltliche (Um-)Orientierung der Fachwissenschaft wird auf diese Weise nicht geprägt. Immerhin könnten diese Publikationen wenigstens zur Popularisierung der skandinavischen Geschichte beitragen — so wie das Büchlein von Harm G. Schröter, das in der verbreiteten Reihe „Beck Wissen“ erschienen ist. Auf nur 128 Seiten skizziert Schröter, der in Bergen lehrt, die Grundzüge der nordischen Geschichte von der Steinzeit bis in die Gegenwart. Je nach Epoche wechselt er zwischen einer politik-, kultur- und geistesgeschichtlichen Perspektive, wobei die Politikgeschichte überwiegt. Der Schwerpunkt liegt außerdem auf der Nord-Süd-Achse des Nordens, das heißt Finnland, das nicht zu Skandinavien (aus skandinavischer Sicht aber zum „Norden“) gehört, und besonders Island werden eher am Rande behandelt. Beides ist, bei den Vorgaben der Reihe, zweifellos legitim.
Schröter behandelt die wichtigen Themen: Wikingerzeit, die Konsolidierung der skandinavischen Herrschaften im Mittelalter, die Großmachtzeit im 17. und 18. Jahrhundert, Industrialisierung, Weltkriege und den Aufbau des „skandinavischen Modells“ sowie die sozio-ökonomischen Umbrüche der Nachkriegszeit. Er macht dabei deutlich, dass der Norden nie ein homogenes Gebilde darstellte, und dass er schon im Mittelalter an der Peripherie Europas lag — allerdings gab es stets, auch jenseits der berüchtigten Wikingerzüge und der schwedischen Beteiligung am Dreißigjährige Krieg, enge diplomatische und wirtschaftliche Verflechtungen. Schröter hebt am Rande auch hervor, dass man im Mittelalter die skandinavischen Länder definitiv nicht als Nationen im modernen Sinne sehen dürfe, vielmehr stellten verwandtschaftliche Beziehungen den entscheidenden Zusammenhalt dar. Auch binnengeographisch änderte sich Skandinavien im Innern bis 1905 permanent: Südschweden gehörte zeitweise zu Dänemark, Norwegen mal zu Dänemark, mal zu Schweden, Finnland zu Russland oder Schweden; die schwedische Landkarte zeigte in der Frühen Neuzeit weniger die heute geläufige Süd-Nord-Ausdehnung, sondern eher ein Rechteck in West-Ost-Richtung; Norwegen war lange Zeit nur ein Küstenstreifen, der Norden Schwedens reine Wildnis. Diese Perspektive hält Schröter allerdings nicht durch. Die Folie des Buches bilden doch die modernen Nationen, wie sie sich seit 1905, mit dem Abfall Norwegens von Schweden, endgültig konsolidiert haben, und tendenziell schreibt er die Geschichte davon, wie Skandinavien entwicklungsmäßig in Europa ankam.
Trotzdem kommen die Besonderheiten der Region gut in den Blick: das weitgehend fehlende Feudalsystem, weil die Bauern grundsätzlich nicht leibeigen waren, der geringe Verstädterungsgrad oder die Welt der nordischen Götter, die Schröter überaus plastisch schildert. Die Rolle der Hanse wird skizziert und die Großmachtpolitik Dänemarks und Schwedens, die nicht nur Teile des Kontinents kolonisierten und verwüsteten, sondern die immer wieder versuchten, das Meer und die angrenzenden Landstriche als einheitlichen Herrschaftsraum, als „dominium maris baltici“ zu konzipieren (S. 40). Bis weit ins 19. Jahrhundert wuchsen oder schrumpften diese Länder in erheblichem Ausmaße, die territorialen Verluste betrugen im Falle Dänemarks über 60 Prozent. Das muss besonders für den (nationalen) Gefühlshaushalt Dänemarks eine schwere Herausforderung bedeutet haben.
Die spezifische Spielart des nordischen Absolutismus, die weitgehende Entmachtung des Adels und die tiefgreifenden Reformen, um den Staatsapparat effektiver zu machen – und vor allem die militärische Schlagkraft zu erhöhen – kommen zur Sprache, dann die späte und in den nordischen Ländern unterschiedlich verlaufende Industrialisierung: Schweden als „Werkstatt und Finanzplatz des Nordens“ (S. 57), Norwegen mit einer in Landwirtschaft und Fischfang gespaltenen Wirtschaft, dazu kamen Rohstoffexporte und eine erfolgreiche elektrochemische Industrie, in Dänemark spielte die Landwirtschaft die größte Rolle, in Island der Fischfang, in Finnland die Holzwirtschaft. Knapp verbindet Schröter die politisch-ökonomische Entwicklung mit kulturellen Entwicklungen, nicht nur der klassischen Geistesgeschichte (Kierkegaard, Ibsen, Munch, Grieg und andere), sondern auch mit der Schaffung einer neuen norwegischen Nationalsprache, der überaus bedeutenden Volksbildungsbewegung oder den massiven prohibitionistischen Zügen, die dazu beigetragen haben, den Alkoholkonsum im Norden bis heute zum Problem werden zu lassen. In der Zwischenkriegszeit entstand dann trotz zunächst instabiler Regierungen und der schweren Wirtschaftskrise das „skandinavische Modell“, das rasantes Wirtschaftswachstum und im Ausland beneidete Sozialsysteme verband.
Etwas zu positiv wird die Rolle Schwedens im Zweiten Weltkrieg geschildert, das viele Flüchtlinge aus Norwegen und Dänemark aufgenommen und teilweise militärisch ausgebildet und die Rohstofflieferungen an Deutschland seit Mitte des Krieges eingeschränkt habe. Tatsächlich hatte das Land eine restriktive Flüchtlingspolitik verfolgt und die opportunistische Unterstützung Deutschlands trotz der sich abzeichnenden Niederlage erst auf alliierten Druck reduziert. Erstaunlicherweise fehlt auch eine Würdigung des „schwedischen Modells“, jener Mischung aus Sozialstaat und demokratischer Volksgemeinschaft, die Schweden bereits in den 1930er-Jahren als „Volksheim“ zum beneideten Vorbild etwa der USA machte. Schröter verortet dieses Modell zu stark in der Nachkriegszeit und blendet dessen kollektivistische Seite aus. Umgekehrt trifft es die Sache nicht, in diesem Fall von einer „human intendierte[n] Wohlfahrtsdiktatur“ zu sprechen (S. 104), denn alle skandinavischen Staaten zeichnet eine umfangreiche „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ (Lutz Raphael) aus. Sie setzten eben nicht auf Zwang, sondern auf die durch Experten angeleitete, freiwillige Selbstkonditionierung der Menschen. Vgl. Anm. 1.
Das Büchlein bietet eine souveräne, gut geschriebene Skizze der skandinavischen Geschichte. Es wird hoffentlich dazu beitragen, den Norden in die europäische Geschichte zu integrieren, um die bislang verengte Sicht auf Europa aufzubrechen.
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Citation:
Thomas Etzemüller. Review of Schröter, Harm G., Geschichte Skandinaviens.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2010.
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