Angelika Epple, Angelika Schaser. Gendering Historiography: Beyond National Canons. Frankfurt: Campus Verlag, 2009. 244 S. $40.00 (paper), ISBN 978-3-593-38960-8.
Reviewed by Claudia Opitz-Belakhal
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2010)
A. Epple u.a. (Hrsg.): Gendering Historiography
Die kritische Reflexion der Historiographie begleitet die Frauen- und Geschlechtergeschichte schon seit ihren Anfängen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für die Entfaltung einer feministischen Geschichtsforschung war, dass Frauen eine Geschichte haben, die jedoch von den (männlichen) Geschichtsschreibern verschwiegen, vergessen oder schlicht übergangen wurde. Es galt also als ein lohnendes Projekt, Frauen in der Geschichte sichtbar zu machen und sie dann der männlich geprägten Geschichte einzugliedern. Mittlerweile hat sich das Bild diversifiziert und differenziert, wie sich an den elf Beiträgen des Sammelbandes hervorragend erkennen lässt. So stehen sich nicht länger Frauengeschichte und männliche Historiographen diametral gegenüber, sondern der gesamte Produktions- und Verbreitungsprozess historiographischer Schriften werden nun in den Blick genommen. Dadurch hat sich auch das Feld der Historiographieforschung erheblich erweitert, wie die beiden Herausgeberinnen Angelika Epple und Angelika Schaser einleitend hervorheben und wie auch in praktisch allen Beiträgen des Bandes immer wieder unterstrichen wird. Die Verbindung von Geschichtsschreibung und Geschichtskultur erscheint aus einer gender-sensiblen Perspektive als unerlässlich. Erst die Überwindung akademisch-männlich geprägter Definitionen von „wahrer“ oder „wichtiger“ Geschichte gegenüber „falschen“ bzw. „unwichtigen“ populären Geschichtserzählungen zum Beispiel macht es möglich, auch weibliche Historiographen überhaupt in den Blick zu bekommen; schließlich waren Frauen über Jahrhunderte hin qua Geschlecht aus der akademischen Geschichtsforschung und -schreibung ausgeschlossen – und mit ihnen auch zahlreiche Themen und Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, die der akademischen Geschichtsschreibung lange Zeit nicht der Rede bzw. des Erinnerns Wert erschienen. Konsequenterweise ist daher auch der umfangreichste Teil des Sammelbandes den „Dividing Lines between the Traditional Canon and Excludes Histories“ gewidmet.
Ob allerdings der Zugang von Frauen zur Universität und zur akademischen (Historiker-)Karriere seit Beginn des 20. Jahrhunderts hier eine grundlegende Veränderung darstellt, darf mit gutem Grund bezweifelt werden. Wie Sylvia Paletschek, Anke Berger und Martina Kessel in ihren Beiträgen deutlich machen, ist das Feld der Geschichtsschreibung und -forschung bis heute durch Geschlechterdifferenzen, -hierarchien sowie Ein- und Ausgrenzungen gekennzeichnet. Insofern ist das Anliegen, die Historiographie zu „gendern“, auch weiterhin ein eminent politisches. Was dies im Einzelnen bedeuten kann, lässt sich etwa an den Beiträgen von Claudia Kraft über „Gendering the Polish Historiography of the late Eighteenth and Nineteenth Centuries“ und an Ruth Barzilai-Lumbrosos Studie über „Gossip or History? Popular Turkish Historians and the Writing of Ottoman Women`s History” erkennen. In beiden Fällen werden geschlechtsspezifische (hier insbesondere weibliche) Erfahrungen und Lebensverhältnisse mit nationalen Projekten verbunden, um so eine breite Leserschaft anzusprechen und moderne politische „messages“ an den Mann und an die Frau zu bringen.
Hier wird auch die zweite konzeptionelle Dimension des Bandes berührt: Bekanntlich ist die Entwicklung der akademischen, „männlichen“ Geschichtsschreibung und -forschung in Europa eng verbunden mit dem Aufstieg des Nationalstaats und ist insofern schon längst als politisches Projekt ersten Ranges erkannt und auch problematisiert worden. Die Geschlechterfrage ist damit in doppelter Weise verbunden: Zum einen bringt die Genese des Nationalstaats erhebliche Veränderungen der Geschlechterordnung mit sich, etwa bezüglich der Exklusion von Frauen aus den Bürger- und Wahlrechten, zum anderen konstituiert sich die wissenschaftliche Geschichtsschreibung durch den Ausschluss von Themen und Personen, die der weiblich konnotierten Sphäre des Privaten zugerechnet werden. Eine systematische gender-Perspektive zeigte diese Ausgrenzung von Frauen im Feld der Historiographie, wo Frauen in der Regel nur als „Laien“ zugelassen wurden.
Die Überwindung dieser nationalstaatlichen Begrenzung, ja, Funktionalisierung von Geschichtsschreibung und -forschung, die in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnt, sollte deshalb unbedingt einer besseren Integration von Frauen und „Privatem“ in die Geschichtsschreibung und -forschung dienen. Wie dies gelingen kann, wird in den Beiträgen von Bonnie Smith, der Vordenkerin der modernen geschlechtergeschichtlichen Historiographieforschung ebenso problematisiert wie im Beitrag der Niederländerin Maria Grever. Beide betonen, dass weder in einer globalisierten Geschichtsbetrachtung, wie in einer auf Pluralität bedachten Historiographie europäischen Zuschnitts die Geschlechterdimension „automatisch“ impliziert wäre – im Gegenteil. Hier konkurrieren erneut verschiedene Realitätsebenen und soziale, kulturelle und ökonomische etc. Kategorien um Relevanz und „Wahrheitsanspruch“. Es gälte deshalb, rasch und dezidiert feministische Themen auf die Tagesordnung zu setzen, so betont Smith, während sich Grever mit einer „inklusiven“ Perspektivierung – also Geschlecht gleichrangig neben oder kombiniert mit kultureller oder sozialer Differenz – zufrieden geben würde.
Inwiefern gelingt es nun dem Sammelband selbst, Historiographie transnational zu betrachten und damit der (geschlechter-)historischen Historiographieforschung neue Perspektiven zu eröffnen? Der größte Teil der im Band versammelten Beiträge stammt von deutschen Historikerinnen und transportiert insofern deutlich ein „deutsches“ Narrativ von Ausschluss oder Des-Integration weiblicher Historiographen bzw. geschlechtergeschichtlicher Thematiken, während die übrigen Autorinnen eher die Ambivalenzen oder auch Potentiale betonen, die in einer (transnationalen) Historiographieforschung aus weiblicher Sicht angelegt sind. Dies ist ganz offensichtlich den Bedingungen geschuldet, denen Geschlechterhistorikerinnen und -historiker auch heute noch in der deutschen Universitätslandschaft unterliegen und die insbesondere durch eine Geringschätzung von Geschlechtergeschichte wie aber auch weiblichen Forschenden geprägt sind, wie Martina Kessel in ihrem abschließenden Kommentar betont. Die Publikation der Beiträge in englischer Sprache bewirkt indes bisweilen eine überraschende Entfremdung und Neuperspektivierung von Begrifflichkeiten und Narrativen und zwingt die Autorinnen, vermeintlich Selbstverständliches (etwa die Habilitation als wichtige Station auf dem Weg zur Professur) explizit zu erklären und damit den „deutschen Sonderweg“ in Sachen akademische Karriere zu erhellen. Auch bezüglich der vertretenen Nationalkulturen gelingt das „grenzüberschreitende“ Projekt recht gut: Neben Deutschland, Polen, Finnland und England ist auch die Türkei vertreten – wenn auch durch eine deutschsprachige Forscherin. Schade aber, dass weder Frankreich noch Spanien oder Italien mit ihren je eigenen Nationalstaatsbildungen und geschlechtergeschichtlichen Traditionen in diesem Band mit einem Beitrag vertreten sind. Und es fällt auf, dass geschlechtergeschichtliche Historiographieforschung derzeit offenbar ein ausschließlich weiblich geprägtes Feld darstellt: Es gibt keinen Beitrag eines männlichen Kollegen in diesem Band.
Insgesamt lässt sich der sehr gut strukturierte und lektorierte Sammelband als gelungener Schritt in Richtung auf eine transnationale Historiographieforschung werten, der neben interessanten Einzelergebnissen und -aspekten vor allem auch eine Vielzahl von offenen Fragen ausweist, die der Historiographieforschung neue Wege weisen kann. Wenn auch das Anliegen des Sammelbandes selbst schon ein älteres Projekt der feministischen Geschichtsforschung darstellt, so wird über die Breite der Themen und Felder hinweg in diesem Band deutlich, wie aktuell, weiterführend und vielversprechend eine Historiographieforschung aus geschlechterhistorischer Perspektive ist.
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Citation:
Claudia Opitz-Belakhal. Review of Epple, Angelika; Schaser, Angelika, Gendering Historiography: Beyond National Canons.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2010.
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