Formen der Armenfürsorge in hoch- und spätmittelalterlichen Zentren nördlich und südlich der Alpen. Trier: SFB 600: "Fremdheit und Armut"(Universität Trier), Teilprojekte B2: "Christliche Gemeinschaften in ihrer Bedeutung für Armut, Fürsorge und Seelsorge im hohen und späten Mittelalter" (Alfred Haverkamp) und B6: "Armenfürsorge in Zentral- und Oberitalie, 28.01.2007-30.01.2007.
Reviewed by Romy Kunert
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2008)
Formen der Armenfürsorge in hoch- und spätmittelalterlichen Zentren nördlich und südlich der Alpen
Der mit Unterstützung der DFG und der Fritz-Thyssen-Stiftung in Trier ausgerichtete Workshop widmete sich dem Vergleich hoch- und spätmittelalterlicher Armenfürsorge in urbanen Zentren nördlich und südlich der Alpen (Deutsche Lande sowie Ober- und Mittelitalien). Damit griff die Tagung einen im letzten Jahrzehnt verstärkt beachteten Themenkomplex auf. Im Unterschied zu den meisten der rund ein Dutzend internationalen Tagungen zu dieser Fragestellung wurde hier vor allem eine interdisziplinäre, kulturräumlich vergleichende Perspektive sowie die Berücksichtigung möglichst vielfältiger Formen mittelalterlicher Armenfürsorge angestrebt. In diesem Rahmen wurden private, gemeinschaftliche und herrschaftliche Initiativen in städtischen und überlokalen Kontexten untersucht und deren vielfältige inkludierende und exkludierende Wirkungsweisen thematisiert. Als weiterer innovativer Vergleichsaspekt wurde die soziale Fürsorge jüdischer Gemeinden beiderseits der Alpen mit einbezogen. Insbesondere jüngeren Angehörigen deutscher und italienischer Forschungseinrichtungen bot der Workshop die Möglichkeit, Ergebnisse laufender oder erst kürzlich abgeschlossener Arbeiten zu präsentieren und mit ausgewiesenen Experten – vor allem den Leitern der einzelnen Sektionen bzw. Teilsektionen (Thomas Frank, Michael Matheus, Sigrid Schmitt, Lukas Clemens, Alfred Haverkamp, Michel Pauly) – zu diskutieren.
Nach einem Grußwort des stellvertretenden Sprechers des SFB 600, Herbert UERLINGS, und der thematischen Einführung durch Lukas CLEMENS eröffnete Cristina ANDENNA (Dresden/Matera) den Reigen der Vorträge mit einer Untersuchung über die Hospitäler norditalienischer Regularkanoniker im 12. Jahrhundert. Am Beispiel des nordwestitalienischen Regularkanonikerverbandes von Mortara und des Regularkanonikerstifts S. Bartolomeo di Vercelli zeigte die Referentin die Übernahme bereits bestehender normativer und spiritueller Grundlagen hinsichtlich des karitativen Wirkens ebenso auf wie die strukturelle Notwendigkeit zur Einrichtung von Hospitälern in oder bei den geistlichen Institutionen aufgrund ihrer exponierten Lage an wichtigen Verkehrswegen. Parallel zur Ausbildung der Kommunen kam es zu einem stärkeren Engagement von Laien in der Armenfürsorge. Dies betraf auch die Regularkanonikerstifte, an deren Verwaltung seit der Mitte des 12. Jahrhunderts zunehmend laikale Kräfte partizipierten. Im Falle S. Bartolomeos übten Laien schließlich sogar einen derartigen Einfluss auf das Hospital aus, dass die Regularkanonikergemeinschaft nicht mehr als karitative Institution wahrgenommen wurde.
Ivo MUSAJO SOMMA (Mailand) zeigte am Beispiel des innerhalb der Stadt an der Via Francigena gelegenen bischöflichen Hospitals S. Stefano den sich im Verlauf des 13. Jahrhunderts in der Kathedralstadt und im Bistum Piacenza vollziehenden Wandel der Konzepte von Armut und Armenfürsorge auf. In S. Stefano etablierte sich in diesem Zeitraum neben der Klerikergemeinschaft ein Zusammenschluss von religiosi laici, die dort karitative Tätigkeiten ausübten, ohne ihr weltliches Leben aufzugeben. Die Attraktivität dieses consortium de spirito santo bezeugen eindrücklich erhaltene Matrikel, in denen über 800 Mitglieder unterschiedlicher sozialer Gruppen genannt sind. Mit ihrer häufigen Nennung als Vollstrecker letztwilliger Verfügungen in den überlieferten Testamenten des 13. Jahrhunderts ging offenbar auch eine veränderte Wahrnehmung von Fürsorge durch die Erblasser einher, indem über die gewissermaßen formelhaften Legate zugunsten der Hospitäler und Brücken zunehmend Bedürftige unmittelbar unterstützt wurden. Dabei verstärkte die ausdrückliche Nennung von verschämten Armen als Leistungsempfänger die exkludierende bzw. inkludierende Wirkung des Almosens.
Testamente standen auch im Mittelpunkt des Vortrags von Romy KUNERT (Trier) über private Armenfürsorge in Genua an der Wende zum 14. Jahrhundert. Schon aufgrund der einzigartigen Überlieferungslage mittelalterlicher Privaturkunden im Archivio di Stato bot sich Genua als Gegenstand einer solchen mikrohistorischen Studie jenseits von institutionengeschichtlichen Untersuchungen geradezu an. Anhand ausgewählter Beispiele – insbesondere des erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts in die Stadtmauern einbezogenen burgus St. Thomae – zeigte Kunert die verschiedenen Facetten privater Armensorge einschließlich der zugrunde liegenden Netzwerke auf der Basis der reichhaltigen Testamentsüberlieferung sowie der Akten über Erbstreitigkeiten auf. Dabei reichte die Bandbreite von der Bereitstellung von Schlafplätzen für Bedürftige über kleinere Geld- und Sachspenden und der Einrichtung so genannter cadè, gewissermaßen kleinster, ansatzweise institutionalisierter Fürsorgeeinrichtungen, bis zur Spende größerer Summen, Immobilien und Einkünfte.
Den herrschaftlichen Implikationen von Armenfürsorge wandte sich Juri HAAS (Dresden/Mailand) mit seiner Untersuchung "La gran reformazione – Zur Entstehung des Ospedale Maggiore in Mailand unter den Visconti-Sforza" zu. Vor dem Hintergrund der Hospitalreform des 15. Jahrhunderts mit der Einrichtung so genannter Ospedali Maggiori in nahezu allen lombardischen Städten untersuchte Haas die Motivation Francesco Sforzas (1401-1466), des Herzogs der Lombardei und erfolgreichsten Condottiere Italiens, zur Gründung einer zentralen Fürsorgeeinrichtung gewaltigen Ausmaßes in ausgewählter topographischer Lage sowie seine Bemühungen um allgemeine Akzeptanz des zuweilen als zu prunkvoll kritisierten Bauvorhabens. Nicht zuletzt die Einbindung von Magistrat, Erzbischof und Almosenbruderschaften in die Wahl des Leitungsgremiums führte zu einer sich über mehrere Generationen erstreckenden Auseinandersetzung zwischen den Herzögen und der städtischen Elite um die Trägerschaft des Hospitals.
Aus kunstgeschichtlicher Perspektive näherte sich Ulrike RITZERFELD (Berlin) der Thematik des Workshops in ihrem Beitrag "FECIT DEPINGI CON[FRA]TRUM TURBA FIDELI[S] – Die Misericordia in Bergamo und ihre Bildprogramme im gesellschaftlichen und politischen Wandel des Spätmittelalters". Auf der Basis zweier von der üblichen Fassadenmalerei in Bergamo abweichender Fresken der Misericordia-Bruderschaft mit der Darstellung karitativer Handlungen aus der Zeit um 1300 bzw. 1480 legte Ritzerfeld die Fürsorgetätigkeit der confraternitas dar und zeigte darüber hinaus eindrücklich den sich im Bildprogramm widerspiegelnden Bedeutungswandel der Bruderschaft innerhalb der städtischen Gemeinschaft. Während die in 1260er-Jahren gegründete und von Bischof und Bürgerschaft geförderte Korporation – mit bereits etwa 200 Mitgliedern aus allen Bevölkerungsschichten und Stadtteilen um 1280 – in der "kommunalen Periode" als identititäts- und friedensstiftende Gemeinschaft eine aktive politische Rolle im städtischen Leben einnahm, wurde ihr Aufgabenbereich um die Mitte des 14. Jahrhunderts unter der Herrschaft der Visconti weitgehend auf administrative und karitative Bereiche beschränkt. Anhand der beiden Beispiele verdeutlichte die Referentin, wie korporative Bildprogramme als Medien zur Vermittlung von Normen und Wertvorstellungen eingesetzt wurden und damit aufschlussreiche Hinweise zum Selbstverständnis der jeweiligen Gemeinschaften liefern können.
In einem weiteren kunsthistorischen Vortrag über "Barmherzige Werke, kaufmännisches Kalkül und freiwillige Armut. Bildprogramme in Prato zwischen 1345 und 1415" untersuchte Philine HELAS (Rom) die spätmittelalterliche Armen- und Krankenfürsorge in einer ökonomisch bedeutenden italienischen Stadt anhand zweier Bildprogramme: Zum einen handelt es sich um Fresken in der Cappella Migliorati des Franziskanerklosters mit Darstellungen von Matthäus und Antonius, die das Problem von merkantilem Streben, Armut und Almosen vergegenwärtigen. Diesen gegenübergestellt wurde eine weitgehend zerstörte bildliche Darstellung am früheren Hause des berühmten Kaufmanns Francesco Datini. Dieser hatte zur Rettung seines Seelenheils testamentarisch eine Stiftung für Arme ins Leben gerufen, den ceppo dei poveri, der er sein Vermögen einschließlich seines Palazzo vermacht hatte. Nach der Gründung der Stiftung wurde an dem Gebäude ein Freskenzyklus angebracht, der in einer Art Heiligenvita das Leben des Bürgers und seine mildtätigen Werke zeigt. Als besonders aufschlussreich im Hinblick auf Aussage der Bildkomposition erweist sich die Darstellung Datinis im Kreise der vier Rektoren des ceppo dei poveri, die ihn gewissermaßen zum Mittler zwischen der Stiftung und dem Himmel macht.
Im Zentrum des räumlich vergleichenden Referats von Thomas FRANK (Berlin) standen die Beziehungen zwischen Bruderschaften und Hospitälern im späten Mittelalter. Der Vortrag war in einen typologisch-terminologischen und einen historiographischen Teil gegliedert. Nach einem kurzen Überblick über die vielfältigen Formen des Verhältnisses zwischen Bruderschaften und Hospitälern, die von der zielgerichteten Gründung der Bruderschaft zur Betreuung eines Hospitals bis hin zur eher marginalen Unterstützung eines Hospitals bzw. der Nutzung bspw. der dortigen Kapelle als Versammlungsraum reichten, setzte sich Frank mit dem in diesem Zusammenhang gebräuchlichen Bruderschaftsbegriff auseinander. Dieser werde in der deutschen Hospitalforschung in Anlehnung an Reickes weit gefasste Definition extensiv gebraucht, woraus terminologische Unklarheiten resultierten, die einen Austausch vor allem mit der italienischen und französischen Forschung erschwerten. Die Notwendigkeit einer eindeutigen Begrifflichkeit erläuterte Frank nach der Präsentation seines Definitionsansatzes im zweiten Teil seines Vortrags am Beispiel der Beziehungen von Hospitälern und Bruderschaften in Assisi, Rom und Straßburg.
Rainer BARZEN (Trier) beschäftigte sich mit der jüdischen Armenfürsorge in hoch- und spätmittelalterlichen Zentren nördlich und südlich der Alpen. Zu Beginn seines Vortrags hob Barzen hervor, dass die "christliche Nächstenliebe" mit ihren identitätsstiftenden Merkmalen und der damit eng verbunden Abgrenzung gegenüber Nichtchristen nicht von der auf gemeinsamen biblischen Wurzeln fußenden jüdischen Fürsorge zu trennen ist. Daraufhin wurden verschiedene Aspekte jüdischer Armenfürsorge des nordalpinen-aschkenasischen Raums vor dem Hintergrund ihres christlichen Umfelds vorgestellt und entsprechenden jüdischen Einrichtungen des nördlichen mediterranen Raums (Provence, Spanien, Sizilien, Italien) gegenüber gestellt. Den Entwicklungen innerhalb des ober- und mittelitalienischen Judentums, das im späten Mittelalter durch eine starke Immigrationsbewegung aus dem nordalpinen Raum beeinflusst wurde, galt dabei ein besonderes Augenmerk. Anhand ausgewählter Beispiele gelang Barzen der Nachweis, dass die jüdische Armenfürsorge trotz gemeinsamer halachischer Traditionen in unterschiedlichen "Kulturräumen" jeweils spezifische Ausprägungen erfuhr.
In seinem Vortrag "... pauperes qui se defensare non possunt – Die Paupertas als Schwäche und Schutzbedürftigkeit am Beispiel des Gottesfriedens (10.-11. Jahrhundert)" ging Mihai GRIGORE (Erfurt) der Frage nach dem semantischen Verhältnis der häufig im Zusammenhang mit der Gottesfriedensbewegung auftauchenden Begriffe pauperes und paupertas zu materieller Bedürftigkeit nach. Auf Grundlage der in den einschlägigen Quellen unter Armut subsumierten Schutzbedürftigkeit lenkte Grigore die Aufmerksamkeit auf die über die materielle Armut hinaus gehenden Implikationen von sozialer Armut innerhalb ihres jeweiligen zeitlich und räumlich differenzierten Kontextes.
Die Ausführungen von Benjamin LAQUA (Trier) zu Heiliggeist-Hospitälern im bruderschaftlichen und kommunalen Kontext konzentrierten sich räumlich auf den Nordwesten des Reichsgebietes. Exemplarisch wurden hierbei Brüssel, Aachen, Köln und Soest herangezogen. In der auf das 12. und 13. Jahrhundert konzentrierten Analyse organisatorischer und personeller sowie funktionaler Aspekte und deren Zusammenhängen untereinander zeichnete der Referent ein vielfältiges Spektrum der mehr oder weniger eng mit den jeweiligen Stadtgemeinden verbundenen Heiliggeist-Bruderschaften nach. Neben wirtschaftlichen und kultisch-religiösen Merkmalen stand auch die Frage nach der normativen Regulierung der im Inneren der Einrichtungen wirkenden Fraternitäten im Blickpunkt. Dabei konnte die institutionelle Prägung sowohl in der Verfestigung zum Orden kulminieren (wie in Rom bzw. Montpellier) als auch – in einer Zeit der Bildung und Entwicklung gemeindlicher Strukturen – in lokalen Zusammenhängen flexibel ausgestaltet werden.
Die weibliche Armenfürsorge in den nordalpinen Städten des späten Mittelalters war Gegenstand der Untersuchung von Monika ESCHER-APSNER (Trier). Zwar erfolgte erst im 19. und 20. Jahrhundert eine "Feminisierung" der caritas, doch fand bereits mit der intensivierten Ausbreitung neuer sozial-religiöser Bewegungen seit dem endenden 11. Jahrhundert in hohem Maße eine Einbindung von Frauen in die Armen- und Krankenpflege statt. Insbesondere in den seit dem 13. Jahrhundert rasch anwachsenden urbanen Zentren und den neu aufkommenden Formen der Armenfürsorge waren diese sorores in saeculo geradezu unverzichtbar. Dennoch ist die diesbezügliche Rolle von Frauen – vor allem dort, wo auch Männer wirkten – nur unzureichend bezeugt. Demgegenüber zeigte die Referentin die Vielfalt des karitativen Engagements von Frauen auf, sei es in Hospitälern und Leprosorien, in Bruderschaften, in Orden, als Beginen, als Hebammen im städtischen Dienst oder auch allgemein als Laien und legte ihre flexible Anpassung an veränderte äußere Rahmenbedingungen dar. Aufgrund derart fließender Übergänge und enger Vernetzungen relativierte Escher-Apsner die Möglichkeit einer generellen Klassifizierung weiblicher Fürsorgeformen.
Am Beispiel der Reichsstadt Esslingen beleuchtete Sebastian ZWIES (Heidelberg) die Konkurrenz um Bedürftige im Rahmen der spätmittelalterlichen Armenfürsorge auf mikrohistorischer Ebene. In Esslingen traten seit der Mitte des 14.Jahrhunderts zu den von genossenschaftlichen Einrichtungen, vom Stadtrat (Gemeines Almosen) und von den Mendikanten getragenen karitativen Maßnahmen zunehmend Almosen in Form von teilweise langfristig wirksamen Stiftungen oder testamentarischen Anweisungen, wodurch es zu einem Nebeneinander komplementärer wie miteinander konkurrierender Institutionen kam. Zugleich wandelte sich mit der wachsenden Anzahl repräsentativer Motive und sozial disziplinierender Maßnahmen von Seiten der Stifter auch die generelle Sichtweise auf städtische Armut. Arme wurden zunehmend in solche eingeteilt, denen ein Anspruch auf Fürsorge zustand und solche, denen dieses Recht aus verschiedenen Gründen verweigert wurde. Dabei sei es jedoch, laut Zwies, nicht um die nachhaltige Bekämpfung konkreter Armut gegangen, sondern lediglich um einen Funktionswandel der Armenfürsorge, die vor dem Hintergrund in Konkurrenz miteinander stehender Fürsorgemaßnahmen die Anwesenheit zumindest bestimmter Armer in der Stadt geradezu erforderte.
Dem nordöstlichen Reichsgebiet wandte sich Sven RABELER (Kiel) in seinem Vortrag "Karitative Stiftungen und städtische Soziabilität im südlichen Ostseeraum des späten Mittelalters" zu. Zunächst ging Rabeler auf den dynamischen Wandlungen unterworfenen Stiftungsbegriff allgemein und dessen sozialgeschichtliche Implikationen im besonderen ein. Aus dieser sozialgeschichtlichen Perspektive charakterisierte er "Stiftung" als soziale Interaktion und Kommunikation, an der einzelne Personen sowie ein breites Spektrum an Netzwerken unterschiedlicher Art beteiligt waren. Mit der Rolle der städtischen Räte im karitativen Stiftungswesen der Region zwischen Holstein und Pommern konzentrierte sich die Untersuchung auf eine spezielle Gruppe von Akteuren innerhalb dieses weiten Beziehungsgefüges, wobei anhand einzelner Beispiele die konkrete Umsetzung in der sozialen Praxis dargelegt wurde. Rabeler konnte deutlich machen, dass der Rat in zahlreichen Städten seines Untersuchungsraums aktiv in die Armenfürsorge eingriff und zumeist auch seine Vorstellungen durchsetzte, während beispielsweise die Verfügungen der Stifter aufgrund der vielfältigen Einbindung von Stiftungen in das urbane Gefüge zuweilen missachtet wurden. Allerdings stellte die Mobilisierung finanzieller Mittel eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung karitativer Maßnahmen durch die städtischen Räte dar.
Griff bereits Rabelers Referat mit seinem das 16. Jahrhundert umfassenden Untersuchungszeitraum über den engeren zeitlichen Rahmen des Workshops hinaus, so bot der abschließende Vortrag von Sebastian SCHMIDT über "Neue Formen der Armenfürsorge in den geistlichen Kurstaaten der Frühen Neuzeit" mit der Darlegung des Wandels karitativer Maßnahmen einerseits und dem Vergleich zwischen katholischer und protestantischer Armenfürsorge andererseits gleich zwei weitere allgemeine Vergleichshorizonte. Schmidt zeichnete die frühneuzeitliche Armenfürsorge in den katholischen Territorien nach und erörterte die Frage, ob in den geistlichen Kurstaaten ältere Caritas-Vorstellungen stärker verhaftet waren als in protestantischen Territorien. Dabei zeigten sich zwar strukturelle Unterschiede zwischen den beiden Konfessionen, jedoch keine prinzipielle Rückständigkeit der katholischen Territorien, wo sich deutlich neue Ansätze in der Armenfürsorge fassen lassen, die unter anderem mit den Schlagworten "Bürokratisierung", "Rationalisierung" und "Disziplinierung" zu fassen sind und die letztlich dazu führten, dass die hoch- und spätmittelalterlichen Exklusionsmerkmale in der Frühen Neuzeit in tatsächliche Exklusion umschlugen.
Obwohl sich bis auf zwei raumübergreifend vergleichende Studien sämtliche Beiträge entweder mit dem Gebiet nördlich oder südlich der Alpen beschäftigten, erwiesen sich vor allem die regen Diskussionen zu den einzelnen Vorträgen und der von Michel PAULY (Luxemburg) geleitete abschließende "Runde Tisch" in Bezug auf den Vergleich der vom Urbanisierungsgrad und von der schriftlichen Überlieferung unterschiedlich geprägten Räume unter Einbeziehung interdisziplinärer und religiös übergreifender Ansätze als äußerst fruchtbar. Zudem wurde deutlich, dass ein prinzipieller Vergleich der hoch- und spätmittelalterlichen Armenfürsorge aufgrund unterschiedlicher Entwicklungen innerhalb der jeweiligen Räume kaum zu leisten ist. Vielmehr muss man von spezifischeren räumlichen Differenzierungen ausgehen. Eine Frage, die immer wieder aufgeworfen wurde, bezog sich auf die soziale Stellung sowohl der Träger als auch insbesondere der Empfänger der Armenfürsorge und der damit verbundenen, gleich mehrfach wirksamen exkludierenden und inkludierenden Aspekte karitativen Wirkens. Dabei zeichneten sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede ebenso zwischen einzelnen Regionen jeweils nördlich und südlich der Alpen ab wie auch beim Vergleich von beiderseits der Alpen gelegenen Räumen. Es bestand Einigkeit darüber, dass derartige spezifische Untersuchungen in räumlich vergleichender Perspektive unter Einbeziehung interdisziplinärer Ansätze einen hohen Erkenntniswert erwarten lassen. Eine Publikation der Beiträge in einem Sammelband ist geplant.
Konferenzübersicht:
Formen der Armenfürsorge in hoch- und spätmittelalterlichen Zentren nördlich und südlich der Alpen
Herbert UERLINGS (Trier), Begrüßung
Lukas CLEMENS (Trier), Einführung
Cristina ANDENNA (Dresden/Matera), Zu den Hospitälern der norditalienischen Regularkanoniker im 12. Jahrhundert
Ivo MUSAJO SOMMA (Mailand), Armenfürsorge im Bistum Piacenza (13. Jahrhundert)
Romy KUNERT (Trier), Dokumente privater Armenfürsorge an der Wende zum 14. Jahrhundert in Genua
Juri HAAS (Dresden/Mailand), La gran reformatione. Zur Entstehungsgeschichte des Ospedale Maggiore in Mailand unter den Visconti-Sforza (14.-15. Jahrhundert)
Ulrike RITZERFELD (Berlin), FECIT DEPINGI CON[FRA]TRUM TURBA FIDELI[S]. Die Misericordia in Bergamo und ihre Bildprogramme im gesellschaftlichen und politischen Wandel des Spätmittelalters
Philine HELAS (Rom), Barmherzige Werke, kaufmännisches Kalkül und freiwillige Armut. Bildprogramme in Prato zwischen 1345 und 1415
Thomas FRANK (Berlin), Bruderschaften und Hospitäler. Spätmittelalterliche Beispiele aus Italien und Deutschland
Rainer BARZEN (Trier), Formen jüdischer Fürsorge in hoch- und spätmittelalterlichen Zentren nördlich und südlich der Alpen
Mihai GRIGORE (Erfurt), pauperes qui se defensare non possunt. Die Paupertas als Schwäche und Schutzbedürftigkeit am Beispiel des Gottesfriedens (10.-11. Jahrhundert)
Benjamin LAQUA (Trier), Heiliggeist-Hospitäler im bruderschaftlichen und kommunalen Kontext des Mittelalters. Beobachtungen aus dem Nordwesten des Reiches
Monika ESCHER-APSNER (Trier), Paupercule femine, sorores et beggine. Aspekte weiblicher Fürsorge im Kontext nordalpiner spätmittelalterlicher Städte
Sebastian ZWIES (Heidelberg), Konkurrenz um Bedürftige. Armenfürsorge zwischen Spital, Gemeinem Almosen und privaten Stiftungen in der spätmittelalterlichen Reichsstadt Esslingen am Neckar
Sven RABELER (Kiel), Karitative Stiftungen und städtische Soziabilität im südlichen Ostseeraum des späten Mittelalters
Sebastian SCHMIDT (Trier), Neue Formen der Armenfürsorge in den geistlichen Kurstaaten der Frühen Neuzeit
Michel PAULY (Luxemburg), Abschlussdiskussion
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Citation:
Romy Kunert. Review of , Formen der Armenfürsorge in hoch- und spätmittelalterlichen Zentren nördlich und südlich der Alpen.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2008.
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