Tod und Jenseitsvorstellungen in der Schriftkultur der Frühen Neuzeit. Wolfenbüttel: Herzog August Bibliothek; Organisation und Leitung: PD Dr. Marion Kobelt-Groch (Hamburg) und Prof. Dr. Cornelia Niekus Moore (Berkeley, CA), 03.05.2006-05.05.2006.
Reviewed by Volker Bauer
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2006)
Tod und Jenseitsvorstellungen in der Schriftkultur der Frühen Neuzeit
Vom 3. bis 5. Mai fand im Bibelsaal der Herzog August Bibliothek eine internationale Arbeitstagung zum Thema “Tod und Jenseits” statt. Organisation und Leitung lagen in den Händen von Cornelia Niekus Moore (Germanistin, Hawaii) und Marion Kobelt-Groch (Historikerin, Hamburg). Ziel des Arbeitsgesprächs war es, Konzepte von Tod und Jenseits im Schrifttum der Frühen Neuzeit interdisziplinär und interkonfessionell zu beleuchten. Dabei ging es gerade um den Zusammenhang von Tod und Jenseits, um den Begriff eines angemessenen Todes als Pforte zu und Bedingung für eine jenseitige Ewigkeit. Die aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien und den USA angereisten Teilnehmer des Arbeitsgespräches kamen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen: Theologie, Kirchengeschichte, Geschichte, Germanistik, Volkskunde und Bibliothekswissenschaft, wobei der thematische Schwerpunkt überwiegend im deutschsprachigen Raum lag.
Eröffnet wurde das Arbeitsgespräch mit einem Vortrag von ¬Susan Karant-Nunn (Tucson, USA), die in ihren Forschungen u.a. der Frage nachgeht, inwieweit das junge Luthertum Gedanken und Rituale (auch in casu Tod und Beerdigungen) von der alten Kirche übernahm. In ihrem Vortrag “The Reformation and After Life” versuchte sie, den Tod auf der Grundlage des Glaubens als Eingang in eine himmlische Ewigkeit zu definieren. Darüber hinaus wurde im Kontext reformatorischen Gedankenguts nach den Voraussetzungen für dieses Jenseits gefragt. Susan Karant-Nunns Vortrag, zu dem sich weitere Interessierte eingefunden hatten, war als Einführung in das Arbeitsgespräch bestens geeignet, da viele Aspekte gestreift wurden, die in den folgenden Beiträgen eine Rolle spielen sollten, z.B. die Erlösung der Getauften bzw. Nicht-Erlösung Ungetaufter; Geister als diejenigen, die eine ewige Seligkeit (noch) nicht erreicht hätten; die Hilfe, die die Überlebenden dabei (nicht) leisten könnten.
Der erste Referent des nächsten Tages war Bruce Gordon (St. Andrews, Schottland). In seinem Vortrag “The Death of Reformers: Heinrich Bullinger and the Construction of the Holy Death” sprach er über das vorbildliche Sterben Schweizer Reformatoren, das mit dazu beigetragen habe, die Ansichten der Schweizer Reformation weiter zu veranschaulichen und ihr damit eine eigene Identität zu verleihen.
Frühneuzeitliche Wege unterschiedlichster Art, die ins himmlische Glück führen sollten, zeigten Bernhard Lang (Paderborn) und Cornelia Niekus Moore (Hawaii, Berkeley) auf. Bernhard Lang präsentierte mit seinem Vortrag “Wiedersehen im Himmel bei John Bunyan” eine englische Variante von Leben, Tod und Ewigkeit, die als nachahmenswerte Pilgerfahrt ins gelobte Land vorgestellt wurde. Cornelia Niekus Moore erläuterte, wie die Pietistin Augusta Elisabeth von Posadowski (1715–1739) in einem Zyklus von täglichen Gedichten ein Bild von der ersehnten Ewigkeit samt irdischem Pfad in diese Sphären schuf, und darin für sich selbst Trost und Gewissheit fand, auf dem richtigen Weg zu sein. In ihren reich illustrierten Vorträgen zeigten Piet Visser (Amsterdam) und Norbert Fischer (Hamburg) welche Himmelsvorstellungen bei den von ihnen vorgestellten Dichtern und Künstlern vorhanden waren: Norbert Fischers Vortrag stand unter der Überschrift “Friedhöfe und Friedhofsgemälde als Zeugen von Tod und Jenseits”, während Piet Visser über “’Die schoone stadt Godts’. The Metaphor of the Heavenly City in the Dutch Mennonite Edifying Literature of the 16th and early 17th Centuries” referierte. Beide Vorträge verdeutlichten, dass Konzepte eines theozentrischen Himmels sich mit dem Konzept eines ewigen Jerusalems durchaus kombinieren ließen.
Anhand von Heilsstrategien verdeutlichte Eva Labouvie (Magdeburg) in ihrem Vortrag “’Sanctuaires à répit’, Zur Wiedererweckung toter Neugeborener und zur Jenseitsvorstellung im katholischen Milieu” wie Katholiken eine fehlende Taufe ausgleichen konnten. Auch in dem Vortrag von Harald Tersch (Wien): “Stiftung und Trost, Strategien der Seelenrettung in katholischen Hauschroniken des 17. Jahrhunderts” ging es um das gleiche Thema: Heilssicherung. Ein Schwerpunkt seines Vortrages lag bei den Witwen, die sich durch Stiftungen die eigene bevorstehende Zeit im Fegefeuer und die ihres verstorbenen Gatten zu verkürzen dachten – nicht immer zur Freude der Erben.
Das brisante Thema totgeborener bzw. ungetauft verstorbener Kinder kam mehrmals zur Sprache, speziell in den Vorträgen von Marion Kobelt-Groch (Hamburg) “Selig auch ohne Taufe? Protestantische Leichenpredigten für Totgeborene” und Anna Linton (London) “Afterlife in the Epicedia for Children.” Thematisiert wurde dieser Aspekt ebenfalls in den Vorträgen von Eva Labouvie, Susan Karant-Nunn, und Michael Prosser (Freiburg), der über “Populäre Vorstellungen über die Seelenexistenz im Zwischenreich von Welt und Jenseitssphäre. Untersuchungen zu ‚unfertig’ Verstorbenen in Erzähltexten des süddeutschen und ostmitteleuropäischen Raumes” referierte. Seine Ausführungen zeigten besonders eindringlich, welche Angst und Hoffnungen mit einem derartigen Tod verknüpft waren, zumal die elterliche Sorge um das ewige Heil ihrer Kinder ungebrochen blieb, wozu auch die quälende Vorstellung gehört, dass “unfertig” Gestorbene als Geister auf der Erde herumgehen mussten. Manchmal appellierten sie an die Lebenden, ihnen zur ewigen Ruhe zu verhelfen.
Craig Koslofsky (Chicago) sprach über ein verwandtes Thema, nämlich die sich ändernde Auffassung über die Nacht und das Dunkel als Aktionsbereich von Geistern: “’Ghosts and Spirits in the Night?’ Darkness and Scepticism in Early Modern Europe”.
Zu dem besonderen Charakter des Arbeitsgespräches gehörte sicherlich, dass es konfessionell übergreifend angelegt war. Es ging um Täufer, Katholiken, Lutheraner, Zwinglianer und Pietisten. Sie alle sahen den Tod als Pforte zum Himmel, durch die man zum ewigen Seelenheil gelangen konnte, wenn auch die Vorstellungen wie es erreicht werden könnte, gravierend voneinander abwichen. Deutlich wurde aber auch, dass man die offiziellen theologischen Dicta einzelner Konfessionen beiseite legte, wenn es angesichts des Todes von Familienmitgliedern darum ging, Trost zu finden, wobei notfalls auf Ideen und Praktiken zurückgegriffen wurde, die sich mit der jeweiligen Glaubensrichtung nicht immer in Einklang bringen ließen. Die Kirchen hatten sich dann mit diesen Ideen und Praktiken nolens volens auseinander zu setzen.
Die Beiträge dieses Arbeitsgespräches präsentierten durchweg Forschungsergebnisse von hoher Qualität. Sie werden in einem Tagungsband veröffentlicht. Mit weiteren Autoren, die durch nachträglich vorgelegte Beiträge den Inhalt eines derartigen Bandes bereichern könnten, wurde bereits Kontakt aufgenommen.
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Citation:
Volker Bauer. Review of , Tod und Jenseitsvorstellungen in der Schriftkultur der Frühen Neuzeit.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2006.
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