Internationale Sommerschule "Mobility and Cultural Exchange". Orientalisches Institut, Universität Leipzig: Graduiertenschule "Understanding Space and Territorialization. World History, Geography and Area Studies in an Age of Globalization", Universität Leipzig, 24.09.2007-28.09.2007.
Reviewed by Stefanie Müller
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2007)
Internationale Sommerschule "Mobility and Cultural Exchange"
Die 5. Internationale Sommerschule der Leipziger Graduiertenschule "Understanding Space and Territorialization. World History, Geography and Area Studies in an Age of Globalization" An der Graduiertenschule sind aktuell vier Institutionen beteiligt: DFG-Graduiertenkolleg 1261 „Bruchzonen der Globalisierung“, Internationales Promotionsprogramm „Transnationalisierung und Regionalisierung vom 18. Jh. bis zur Gegenwart“, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas Leipzig, Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig. für Doktorandinnen und Doktoranden in Leipzig fand in diesem Jahr unter dem Titel "Mobility and Cultural Exchange" statt. Ihr Ziel war es, sich mit Voraussetzungen, Formen und Konsequenzen von Migrationsbewegungen auseinanderzusetzen und diese mit neuen kulturwissenschaftlichen Ansätzen der Kulturtransferforschung, des Postkolonialismus und der Untersuchung imaginierter Räume und Wege im Zuge von Mobilität zu konfrontieren. Das thematisch breit gefächerte Programm der fünftägigen Konferenz spiegelte die interdisziplinäre Zusammensetzung der veranstaltenden Institution wider. Die Sommerschule war damit ein Forum, auf dem Doktoranden mit unterschiedlichen Forschungshintergründen, Methoden, Herangehensweisen und Untersuchungsgegenständen ihre Arbeiten präsentieren und zur Diskussion stellen konnten. Vertreten waren Forschungsprojekte die sich mit der Untersuchung von Mobilität und kulturellen Wechselbeziehungen in zeitlichen Dimensionen beschäftigen, die vom 3. Jahrtausend vor Christus, über die Antike, die Kolonialherrschaften, den Nationalsozialismus, DDR und BRD bis zur Gegenwart reichten. Ebenso vielfältig waren die untersuchten Regionen. So wurden u.a. Sachsen, Ungarn, Australien, Japan oder Argentinien thematisiert. Von den Veranstaltern wie von den Teilnehmern verlangte die Sommerschule daher eine große inhaltliche Offenheit und die Bereitschaft, sich auf diese sehr unterschiedlichen und breit gefächerten Forschungsgegenstände und Präsentationen einzulassen. Diese Auseinandersetzung ging nicht selten mit begrifflichen und methodischen Diskussionen einher. Wer sich jedoch darauf einließ, blickte am Ende der Sommerschule auf eine inhaltlich und methodisch bereichernde, spannende Woche zurück, in der deutlich wurde, in welch einem vielfältigen Spektrum Formen der Mobilität, kulturelle Begegnungen und Austauschprozesse auftauchen und relevant werden können. Dabei wurden neben dem „klassischen“ Themengebiet der Mobilität von Menschen, d.h. der neuzeitlichen Migrationsforschung, ebenso die Themengebiete „Mobilitätskontrolle–Grenzregime“, Mobilität von (kulturellen) Konzepten und Ideen, Mobilität von Wissen und Informationen, Mobilität von Waren und Objekten, sowie nicht zuletzt Mobilität aus frühhistorischer und archäologischer Perspektive beleuchtet.
Einen ersten großen thematischen Block der Sommerschule bildete eine Reihe von Vorträgen, die sich mit neuzeitlicher Migration, Immigration–Emigration, Diaspora(s), Migrantennetzwerken und gegebenenfalls damit einhergehenden kulturellen Austauschprozessen auseinandersetzten. Zunächst präsentierte Oliver Kuhn (Leipzig) einen allgemeinen Überblick zu klassischen soziologischen Migrationstheorien und Marcel Berlinghoff (Heidelberg) zeigte die unvorhersehbaren Folgen des Versuchs einer Steuerung von Migrationsbewegungen am Beispiel des Anwerbestopps der 1970er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland auf. Überlegungen zur Diaspora standen im Mittelpunkt der Präsentationen von Jenny Kuhlmann (Leipzig) und Laura Casola (Leipzig). Jenny Kuhlmann lieferte einen Überblick zu Konzepten afrikanischer Diaspora(s) und demonstrierte, wie sich der Begriff der „Diaspora“ historisch wandelte, in verschiedenen wissenschaftlichen Kontexten unterschiedlich benutzt und auch von Gruppierungen selbst als politischer Begriff verwandt wird. Laura Casola stellte ihre Überlegungen zur Bildungsdiaspora im Mercosur vor und warf die Frage auf, welche Rolle Prozesse von brain drain und brain gain für die beteiligten Staaten dabei spielen. Daniel Kremers (Leipzig) und Zeynep Sezgin (Leipzig) thematisierten Migrationsgemeinschaften und ihre politischen Interessenvertretungen. Ersterer präsentierte die Ergebnisse seiner Untersuchungen zu ausländischen Mitgliedern einer japanischen Gewerkschaft und beleuchtete, welche wichtigen Funktionen und Aufgaben diese übernehmen, während Zeynep Sezgin ihre Forschungsarbeit zu türkischen Dachverbänden in Deutschland und Österreich vorstellte und deren lediglich begrenzte Einflussmöglichkeiten in der politischen Interessenvertretung der Migranten hervorhob. Um die Migration Hochqualifizierter drehte sich der Vortrag von Nina Wohlfeil (Wien), die diese am Beispiel ihrer Forschung zu polnischen Studierenden in Deutschland diskutierte und sich dabei insbesondere auf die Auswirkungen des Auslandsstudiums für den persönlichen Lebenslauf, aber auch auf die damit einhergehenden Formen des Kulturtransfers auf gesellschaftlicher Ebene konzentrierte. Emigration bzw. verhinderte Emigration waren Gegenstand der Beiträge von David Jünger (Leipzig) und Admantios Skordos (Leipzig). David Jünger thematisierte jüdische Organisationen zu Beginn der 1930er Jahre in Deutschland und fragte, weshalb die Emigration der Juden innerhalb dieses Zeitraumes aus heutiger Sicht verhältnismäßig zögerlich stattfand. Admantios Skordos beschäftigte sich in seinem Vortrag hingegen mit der Emigration aus der zentralbalkanischen Region Makedonien und den Maßnahmen, die der griechische Staat traf, um seine nach Übersee emigrierten Staatsbürger vor der so genannten „slawischen Propaganda“ zu „beschützen“ und somit ihre Treue gegenüber Griechenland zu gewährleisten. Der Schnittstelle Migrationskontrolle und Grenzen/Grenzregimes widmeten sich schließlich Christof Roos (Bremen) und Adèle Garnier (Leipzig). Während Christof Roos aus theoretischer Perspektive fragte, wie Wechselwirkungen zwischen grenzüberschreitender Migration und politischen Akteuren der Grenze Grenzpolitiken beeinflussen, stellte Adèle Garnier Veränderungen staatlicher Souveränität am Beispiel der australischen Pacific Solution vor und erörterte die damit einhergehende geographische Neuordnung australischer Souveränität.
Den zweiten großen thematischen Block der Sommerschule bildeten Vorträge, die weniger die Mobilität von Menschen, als vielmehr die (häufig mit dieser einherhergehende) Mobilität von Ideen und Konzepten, Wissen und Informationen, aber auch Waren und Objekten in den Vordergrund stellten. Hier lag der Fokus vor allem auf Kulturtransfers. Aus historischer Perspektive beschäftigten sich Eike Karin Ohlendorf (Leipzig) und Helge Wendt (Mannheim) mit der Kolonialzeit. Eike Karin Ohlendorf stellte einen Teil ihrer Arbeit zu den beiden französischen Kolonialstädten Dakar und Hanoi vor und beleuchtete einerseits die gewaltsame Form der Mobilität französischer Kolonialisten und deren Versuch Mobilitäten der ansässigen Bevölkerung zu kontrollieren, sowie die Mobilität von Ideen. Mobilität am Beispiel kolonialer Mission war der Gegenstand des Vortrags von Helge Wendt, der koloniale Mission als Verflechtungspunkte und Orte von Aktivität präsentierte, an denen vielfältige Beziehungen, Interaktionen und Zirkulationen zusammentrafen. Mirjam Thulin (Leipzig) stellte ihre Untersuchung zur Mobilität von Wissen durch Korrespondenz- und Wissensnetze jüdischer Gelehrter des 19. Jahrhunderts vor. Sigrid Kannengießer (Leipzig) thematisierte das Verhältnis „Medien–Geschlecht–Globalisierung“, bei dem sie massenmedial vermittelte Geschlechterkonstrukte und deren Auswirkungen auf gesellschaftliche Geschlechterhierarchien in Afrika untersucht. Die Beiträge von Klaus Dittrich (Portsmouth) und Kerstin Lange (Leipzig) stellten explizit den Kulturtransfer in den Vordergrund. Klaus Dittrich ging in seinem Vortrag der Frage nach, auf welche Art und Weise Weltausstellungen zum Kulturtransfer von Bildungspolitik beitrugen und Kerstin Lange stellte ihre Forschung zum Kulturtransfer am Beispiel des Transfers des Tango von Buenos Aires nach Paris und Berlin vor. Um Reisemobilität von DDR-Bürgern und den damit verbunden Erlebnissen, Eindrücken und Erfahrungen drehte sich der Vortrag von Claudia Müller (Leeds), deren Fokus auf der während der Reisen erfolgten Prägungen des „Bildes vom Westen“ lag. Die Auswirkungen von Reiseerfahrungen behandelte auch Maria Hidvegi (Leipzig) in ihrem Vortrag. Sie stellte die Einbindung zweier ungarischer Unternehmen in die Weltwirtschaft im Zusammenhang mit den Biographien der Unternehmer vor, was sich in mental maps aufzeigen lasse. Reisende und sich dabei wandelnde Vorstellungen des „Europäischen“ präsentierte auch Mandy Kretzschmar (Leipzig), die Wahrnehmung und Kommunikation der Vorstellungen des „Europäischen“ am Beispiel einer Analyse australischer Printmedien vorstellte. Ebenfalls um Europa, jedoch vielmehr um dessen räumliche Ordnung/Neuordnung, Konzeption/Rekonzeption drehte sich der Vortrag von Fergal Lenehan (Leipzig), der dies am Beispiel der Raumkonzeptionen ausgewählter europäischer Intellektueller untersuchte. Nicht zuletzt widmeten sich zwei Beiträge der Mobilität von Waren. Sarah Ruth Sippel (Leipzig) untersuchte dabei die Mobilität von Agrarprodukten und deren Auswirkungen auf landwirtschaftliche Familienbetriebe in Marokko und Südfrankreich und Cornelia Reiher (Leipzig) erörterte anhand der Mobilität von Porzellan aus einer peripheren Region Japans Diskurse über dieses Porzellan und dessen Mobilität und kam zu dem Schluss, dass damit nicht notwendig kultureller Austausch einhergehen müsse.
Einen dritten thematischen Block bildeten schließlich vier Präsentationen zur Untersuchung von Mobilitäten aus frühhistorischer und archäologischer Perspektive. Mit Mobilität und kulturellen Wechselbeziehungen im 3. vorchristlichen Jahrtausend in Sachsen beschäftigte sich hier der Vortrag von Matthias Conrad (Leipzig), der der Frage nachging, in welchem chronologischen und kulturellen Verhältnis die archäologischen Kulturen seiner Untersuchungsräume zueinander standen und welche Rolle Mobilität an einem möglichen Kulturaustausch spielte. Patrick Pfeil (Leipzig) stellte die territoriale und politische Mobilität germanischer Heerführer im römischen Reich vor, die Führungsrollen in der römischen Gesellschaft übernahmen und, so schlussfolgerte er, zeitweise „heimliche Herrscher“ waren. Weiterhin präsentierte Daniel Syrbe (Leipzig) seine Forschungsergebnisse zur Struktur von „Herrschaft“ und „Staat“ bei den indigenen maurischen Stämmen des 5. und 6. Jahrhunderts in Nordafrika, die – im Rahmen der Konfrontationsprozesses mit den in Nordafrika etablierten Staaten (Rom, Vandalen, Byzanz) – eine Zeit lang die militärische Initiative übernahmen und die Staaten in eine permanente Defensive drängten. Petra Weschenfelder (Berlin) stellte schließlich ihr Promotionsvorhaben zur Interaktion zwischen nomadischen und sesshaften Gesellschaften des mittleren Niltals vor, bei dem es ihr insbesondere darum ging, methodisch die Reichweite und Möglichkeiten des ethnoarchäologischen Ansatzes auszuloten. Neben diesem vielfältigen und intensiven Austausch zwischen Doktoranden wurde das Programm der Sommerschule außerdem durch eine Reihe von Beiträgen Leipziger Universitätsprofessoren sowie Mitarbeiter weiterer Leipziger Forschungseinrichtungen (Leibniz-Institut für Länderkunde, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas) ergänzt und von fachlicher Seite bereichert.
Aufgrund der Vielzahl und starken inhaltlichen, disziplinären wie auch methodischen Diversität der vorgestellten Beiträge lässt sich ein abschließendes Resümee zur Sommerschule nur schwer formulieren. Während der Veranstaltungen selbst kam es selten zu einem wirklichen interdisziplinären Austausch, da die Forschungsschwerpunkte der Teilnehmer dafür oft zu weit auseinander lagen. Dieser – sicherlich von einer Reihe von Teilnehmern vermisste – „rote Faden“ wie auch stringente konzeptionelle Arbeit zu den vorgestellten Begriffen, nämlich Mobilität und Kulturaustausch, waren somit etwas, was die Sommerschule in dieser Form nicht leisten konnte. Jedoch führte gerade die Vielfalt der vorgetragenen Beiträge und somit der aktuellen Forschungsarbeiten von DoktorandInnen umso mehr die Aktualität und den Bedarf an Mobilitätsforschung vor Augen. Diese beschränkt sich nicht auf die klassische Migrationsforschung, sondern umfasst vielmehr eine Vielzahl von Disziplinen und somit methodischen Herangehensweisen, sowie auch Mobilitätsformen. Zwar liegt nach wie vor der Hauptfokus auf der Mobilität von Menschen, Mobilitäten von Wissen, Waren, Ideen, Konzepten oder kulturellen Elementen werden aber mehr und mehr mit einbezogen. Insgesamt war die Sommerschule für die teilnehmenden DoktorandInnen und Professoren damit Herausforderung und Möglichkeit zugleich, eine Woche lang über die eigene Disziplin und den individuellen Forschungsschwerpunkt hinauszuschauen und diese zu reflektieren, um schließlich bereichert zur eigenen Arbeit zurückzukehren.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Stefanie Müller. Review of , Internationale Sommerschule "Mobility and Cultural Exchange".
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2007.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=29017
Copyright © 2007 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


