Sowjetische Zwangsarbeiter und ihr Nachkriegsschicksal. Graz: Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz; Institut für allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften; Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Karl-Franzens-Universität Graz, 16.12.2006.
Reviewed by Philipp Lesiak
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2007)
Sowjetische Zwangsarbeiter und ihr Nachkriegsschicksal
Am 16. Dezember 2006 veranstalteten das „Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung“ (BIK), das „Institut für allgemeine Geschichte“ der Russischen Akademie der Wissenschaften sowie das „Institut für Wirtschafts- Sozial- und Unternehmensgeschichte“ der Karl Franzens-Universität Graz gemeinsam eine Tagung zum Thema „Sowjetische Zwangsarbeiter und ihr Nachkriegsschicksal“ in Graz.
Trotz des diplomatischen Druckes im Vorfeld, welcher von russischer Seite auf das österreichische Außenministerium ausgeübt wurde (siehe FAZ, Feuilleton vom 11. Januar 2007, S. 40), nahmen rund sieben führende russische Historiker als Referenten an der Tagung teil. Weiterhin präsentierten Historiker aus der Ukraine, Weißrussland, Lettland, Schweden, Polen, Deutschland und natürlich Österreich einschlägige Expertisen. Insgesamt wurden während der Tagung 26 Impuls- und Diskussionsvorträge gehalten.
Ziel der Tagung war es, das nach wie vor wenig thematisierte Schicksal der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Gebiet des Deutschen Reich repatriierten Zwangsarbeiter, Emigranten und Exilanten zu beleuchten.
Basierend auf den Forschungen des österreichischen Historikers und Leiters des Ludwig Boltzmann Institutes für Kriegsfolgen-Forschung, Stefan Karner, während der 1990er-Jahre über Kriegsgefangene in der Sowjetunion, entwickelte sich infolge der langjährigen Zusammenarbeit mit der Moskauer Akademie der Wissenschaften ein regelrechtes österreichisch-russisches Forscher-Netzwerk.
In besonderer Weise für die Aufarbeitung der mittel/süd-osteuropäischen Nachkriegsgeschichte qualifiziert, lag es nahe, das vorhandene Netzwerk für die Aufarbeitung des Tabu-Themas, speziell der russischen Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einzusetzen. Im Zuge dieser produktiven Kooperation konnten sowohl 2001 mit Pavel M. Poljans Deportiert nach Hause. Sowjetische Kriegsgefangene im „Dritten Reich“ und ihre Repatriierung als auch 2005 mit Die Rote Armee in Österreich, 1945 bis 1955 umfangreiche Publikationen vorgelegt werden. Damit wurde eine erste Etappe der Zusammenarbeit erfolgreich abgeschlossen. Poljan, Pavel M., Deportiert nach Hause. Sowjetische Kriegsgefangene im „Dritten Reich“ und ihre Repatriierung, München/Wien 2001; Karner, Stefan (Hrsg.), Die Rote Armee in Österreich, 1945 bis 1955. 2 Bände Graz/Wien 2005. Für weitere Informationen und Publikationen siehe <http://www.bik.ac.at>.
Bereits das Schlagwort „Opfer zweier Diktaturen“ beschreibt das besonders harte Schicksal der Millionen Zwangsarbeiter und sowjetischen Kriegsgefangenen. Waren sie zunächst in die Hände der Deutschen gefallen, verschleppt und unter grausamen Bedingungen im vom Arbeitskräftemangel gebeutelten Deutschen Reich zur Arbeit gezwungen worden, wurden sie parallel von Stalin zu „Vaterlandsverrätern“ erklärt. Neben den bei Kriegsende von den Alliierten an die Sowjetunion ausgelieferten Kosaken und Wlassow-Soldaten traf dieses Prädikat auf sämtliche sowjetischen Soldaten zu, die in deutsche Gefangenschaft gerieten, demnach also nicht bis zum „Heldentod“ dem Vaterland gedient hatten. So wie diese galten auch alle Zivilisten, welche zu einem geringen Teil freiwillig, zum Großteil jedoch zwangsverpflichtet und verschleppt auf nationalsozialistischem Territorium ihren Arbeitsdienst leisteten, als Kollaborateure. Insgesamt waren mehr als vier Millionen Personen direkt betroffen. Bei ihrer Rückkehr in die Heimat erwartete diese Personengruppe eine systematische Überwachung und Verfolgung, und nicht zuletzt der GULag. Hinzu kamen die Angehörigen der „Repatrianten“, welche ebenfalls mannigfaltigen Diskriminierungen anheim fielen. Doch auch für Hunderttausende Zivilisten anderer Nationalitäten aus Deutschland sowie den Ländern des sowjetischen Vorhofs bedeutete das Kriegsende den Weg „vom Regen in die Traufe“.
Nach der Begrüßung und Eröffnung von Stefan Karner (Ludwig Boltzmann Institut), V. Iščenko (Russische Akademie der Wissenschaften), St. Ossadtschij (Botschafter der Russischen Förderation in der Republik Österreich) und Waltraud Klasnic (Vorsitzende des Zukunftsfonds der Republik Österreich), stellte Roman Sandgruber (Universität Linz) die Tagung in den Kontext der Entschädigungszahlungen der Republik Österreich an ehemalige Zwangsarbeiter auf ihrem Territorium. Anhand der Darstellung der Arbeit der „Österreichischen Historikerkommission“ wurde somit der Umfang der in Österreich geleisteten Zwangsarbeit umrissen, als auch die Aktualität und Brisanz des Themas unterstrichen. Weiter wurde der sehr positive Effekt hervorgehoben, welcher einerseits durch die konsequente Bereitschaft zur „Wiedergutmachung“ auf zwischenstaatlicher Ebene erreicht werden konnte und andererseits durch die wissenschaftliche Aufarbeitung zu einer professionellen Annäherung zwischen den internationalen Wissenschaftlern führte. Im Anschluss an dieses einleitende Referat gliederte sich die Tagung in vier Panels.
Das Panel I, „Ostarbeiter“ und baltische Zwangsarbeiter im Deutschen Reich, wurde von Stefan Karner geleitet. Dieses Panel diente dazu, zunächst einmal die Umstände, Modalitäten, und Bedingungen zu thematisieren, unter denen ausländische Zwangsarbeiter, beziehungsweise Sklavenarbeiter, wie KZ-Häftlinge, aus ihrer Heimat verschleppt und auf den vom Deutschen Reich beherrschten Gebieten zum Arbeitseinsatz gezwungen wurden. Die beiden ausführlicheren Referate wurden von Peter Ruggenthaler (BIK: Sowjetische Zwangsarbeiter im „Dritten Reich“ Karner, Stefan; Ruggenthaler, Peter, Zwangsarbeit in der Land- und Forstwirtschaft auf dem Gebiet Österreichs 1939-1945, Wien u. a. 2004. ) und K. Kangeris (Universität Stockholm: Baltische Zwangsarbeiter im Deutschen Reich) vorgetragen. Vier kürzere Diskussionsbeiträge verbreiterten den Ansatz dieses Panels weiter, von quellenkritischen Ansätzen bis hin zur Psychologie (V. Korotaev, Staatliches Militärarchiv Moskau: Widerstandshandlungen von „Ostarbeitern“ im „Dritten Reich“ auf der Basis deutscher Beuteakten; Wolfram Dornik, BIK: „Ostarbeiter“ im kollektiven Gedächtnis Österreichs; Peter Sixl, BIK: Sowjetische Kriegstote in Österreich – KZ Häftlinge und Zwangsarbeiter Sixl, Peter, Sowjetische Kriegsgräber in Österreich, Graz/Wien/Klagenfurt 2005. ; B. Lueger-Schuster, Universität Wien: Posttraumatische Belastungsstörungen bei KZ- und Kriegsopfern).
Das Panel II, Die Repatriierung sowjetischer Bürger nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Leitung von V. Iščenko, eröffnete die explizite Auseinandersetzung mit der brisanten Thematik der Rückkehr von Zwangsarbeitern in ihre Heimat. Vor allem von russischen Historikern getragen, kamen hierin die vielen noch offenen Fragen zum Ausdruck und das Bedürfnis, diesen Lücken in der russischen Historiographie zu schließen. Nachdem die beiden einführenden Referate von P. Poljan (RAN Moskau, „Ostarbeiter“ und sowjetische Kriegsgefangene – Opfer zweier Diktaturen) sowie N. Lebedeva (RAN Moskau, Zum Stand der Forschung) die Thematik in groben Zügen umrissen, folgten abermals vier Diskussionsbeiträge, welche vor allem die Quellenlage thematisierten (N. Petrov, Memorial Moskau: Sowjetische Archivquellen zum Thema „NKVD und Repatriierung“; M. Prozumenščikov, Archiv für Zeitgeschichte Moskau: Die Spätheimkehrer in den Akten des Archivs des ZK der KPdSU). Die Ausführungen der einzigen nichtrussischen Vortragenden in diesem Panel, Barbara Stelzl-Marx (BIK, Die Heimat wartet auf Euch!), zur von russischer Seite verwendeten Propaganda im Kontext der Repatrianten, trugen eindeutig zur Vielfalt des Panels bei.
Das sehr umfangreiche Panel III, Zur Praxis der Repatriierungen, welches von Roman Sandgruber geleitet wurde, vertiefte in der Folge die vom Panel II aufgebrachten Fragestellungen. Durch die sehr bunte, internationale Besetzung konnte das breite Spektrum skizziert werden, welches sich hinter dem Schlagwort „Repatriierung“ verbirgt. Nach den vorangestellten Referaten von B. Musial (Hannover, Zuhause und doch nicht daheim: Die Rückführung der polnischen Zwangsarbeiter) und O. Pavlenko (RGGU Moskau, Oral History-Studien mit „Ostarbeitern“) folgten in diesem Panel acht Diskussionsbeiträge, welche praktisch das gesamte geographische Spektrum der Repatriierung in den sowjetischen Einflussbereich nach dem Zweiten Weltkrieg umspannten (Walter Iber, BIK: Zur Arbeit der sowjetischen Repatriierungskommissionen in den westlichen Besatzungszonen Österreichs; A. Šarkov, Akademie des MVD Minsk: Die Filtrationslager für „Heimkehrer“ in Weißrussland; V. Selemenev, Nationalarchiv Minsk: Die Repatriierung weißrussischer „Ostarbeiter“ Hierzu bereits erschienen: Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung/Weißrussisches Nationalarchiv/u. a. (Hrsg.), „Ostarbeiter“. Weißrussische Zwangsarbeiter in Österreich 1941-1945, Graz/Minsk 2003. ; H. Starko, Lemberg-Tarnopol: Die Repatriierung ukrainischer Zwangsarbeiter; I. Krjučkov, Universität Stavropol: „Heimkehr“ in den Kaukasus; H. Strods, Universität Lettland: Lettische Repatrianten nach dem Zweiten Weltkrieg; K. Burinskaitė, Genozid-Zentrum Vilnius: Repressalien an litauischen „Heimkehrern“ durch die sowjetischen Organe).
Das die Tagung beschließende Panel IV, Vaterlandsverräter: Der lange Arm Moskaus unter der Leitung von Barbara Stelzl-Marx, wurde gänzlich von Mitarbeitern des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgen-Forschung getragen. Legte das Referat von Harald Knoll (BIK, Zur Suche nach ehemaligen sowjetischen Staatsbürgern in der sowjetischen Besatzungszone Österreichs) einen Schwerpunkt auf Österreich und die nicht geringe Zahl von ehemaligen Zwangsarbeitern, die sich der Repatriierung zu entziehen suchten, stellte Peter Fritz (BIK, Zu der Auslieferung von Balten durch Schweden an die UdSSR) ausführlich eine der dramatischen Episoden dar, in welcher westliche Mächte „Kollaborateure“ an die Sowjetunion auslieferten. Die beiden folgenden Diskussionsbeiträge entsprachen der thematischen Aufteilung der Referate. Stefan Karner (BIK, Zur Auslieferung der Kosaken durch die Briten an die Sowjets in der Steiermark) schilderte auf der Basis seiner Forschung die dramatischen Szenen, welche sich an der Demarkationsgrenze in Judenburg (Steiermark) bei der Auslieferung der Kosaken/Wlassow-Truppen abspielten. Stefan Karner, Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941-1956 (Wien u. a. 1995). Edith Petschnigg (BIK, Der Zwangsrepatriierung entronnen. Fallbeispiele aus der Oral History) schloss mit ihren Ausführungen thematisch an jene von Harald Knoll an.
Anders als bei den vorangegangenen Panels kam es bei Panel IV im Zuge der allgemeinen Diskussion zu einer interessanten Debatte rund um die Kosaken, deren begangene Kriegsverbrechen nach der Meinung einiger Hörer im Vortrag von Stefan Karner zu wenig betont wurden. Dieser verwies jedoch darauf, dass es ihm bei seinen Ausführungen vor allem um den „Tross“ an Frauen und Kindern ging, welche die Kosaken begleiteten und ebenfalls schwersten Repressalien seitens der Sowjets ausgesetzt waren. Diese Diskussion unterstrich abermals die Brisanz des Themas der Tagung und in welchem Umfang die Forschung gefordert ist, um einige der finstersten Kapitel der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts befriedigend und objektiv aufzuarbeiten.
Die Tagung wurde durch die Worte von Botschafter a.D. Herbert Grubmayr (Zukunftsfonds der Republik Österreich) beschlossen, welcher noch einmal die wichtigsten Linien der Tagung zusammenfasste.
Insgesamt stellte diese Tagung den medial sehr gut reflektierten Auftakt zur Erschließung eines weiteren problematischen Themenbereiches der europäischen Geschichte dar, in eindeutiger Tradition österreichisch-russischer Kooperation auf historischem Gebiet.
Nicht zuletzt ist die hervorragende Organisation der Tagung zu erwähnen, welche maßgeblich dem Einsatz von Silke Stern (BIK) sowie der logistischen Unterstützung der Karl Franzens-Universität Graz zu verdanken ist. Die perfekte deutsch-russisch-deutsche Simultanübersetzung wurde von Arno Wonisch sichergestellt.
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Citation:
Philipp Lesiak. Review of , Sowjetische Zwangsarbeiter und ihr Nachkriegsschicksal.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
March, 2007.
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