HT 2004: Geschichtskultur im Umbruch: Neue Standards und global orientiertes Geschichtsbewusstsein. Historikertag Kiel: Peter Lautzas, 17.09.2004-17.09.2004.
Reviewed by Peter Lautzas
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2004)
HT 2004: Geschichtskultur im Umbruch: Neue Standards und global orientiertes Geschichtsbewusstsein
Die Sektion hatte das klar formulierte Ziel, erneut die Aufmerksamkeit auf einen in Deutschland als Randthema behandelten Gegenstand, nämlich auf die bisher in Wissenschaft und Unterricht immer noch vernachlässigte Dimension der "Weltgeschichte" zu lenken und der längst fälligen Umorientierung in diese Richtung den Weg bereiten zu helfen.
Diese Abstinenz, so legte Peter Lautzas in der Einführung dar, ist umso erstaunlicher, als sich die Welt um uns herum seit Mitte des 19. Jahrhunderts und dann vor allem in den letzten Jahrzehnten, nicht zuletzt durch die neuen Kommunikationsmittel, in zunehmendem Umfang, in zunehmender Geschwindigkeit und Intensität internationalisiert hat. Einen neuen Schub erhielt diese Entwicklung durch den Prozess der Globalisierung, der nahezu alle Lebensbereiche umfasst, der unsere Gegenwart und Zukunft bestimmt und der noch lange nicht beendet sein dürfte. Angesichts dieser Tatsache entwickelt sich in der Gesellschaft allgemein ein neues Orientierungsbedürfnis, das von persönlicher Selbstvergewisserung bis zur Sinnstiftung reicht und das wir sehr ernst nehmen müssen, auf das auch die Historiografie wie der Geschichtsunterricht reagieren müssen.
Die Skizzierung dieses weit über den fachgebundenen Kompetenzbereich hinausragenden Problemhorizonts vertiefte eindrucksvoll aus ökonomischer und zugleich politischer Sicht Ernst Ulrich von Weizsäcker, der davor warnte, den Prozess der Globalisierung zu verharmlosen. Hinter dieser Erscheinung stünden klare wirtschaftliche Interessen, die die Finanzströme global lenken, sich dem Staat entziehen und ihm die Daseinsfürsorge für die Gesamtbevölkerung deutlich erschweren. Der positiv dargestellte und aufgefasste Prozess, der eine neue Dimension des Kapitalismus markiert, verhindert entgegen allgemeiner Annahme wirtschaftliches Wachstum statt es zu fördern und vergrößert den Abstand von Arm und Reich in der sog. Dritten Welt, so Weizsäcker. Dieses Plädoyer aus ganz anderer Sicht war geeignet, der Fragestellung einen neuen Impuls zu geben und der Fragerichtung eine neue, wichtige Facette hinzuzufügen. Leider kam dieser Beitrag auf Grund der knappen Zeit, aber auch - hatte man den Eindruck - auf Grund der fachgebundenen Perspektive der Veranstaltung, in seiner Auswirkung auf die zur Diskussion stehende Fachfrage nicht zu der verdienten Geltung und wurde auch in der Diskussion nicht wieder aufgegriffen.
Das Themenfeld war - aus gutem Grunde gewählt - zu umfassend, um Einzelaspekte gründlich behandeln zu können. Es sollte und konnte nur einen Problemaufriss aufzeigen sollte zugleich ein Appell sein. Schon der Begriff der "Weltgeschichte" ist ungenau, missverständlich und bedarf der Präzisierung. Er kann nicht additiv, auch nicht im Sinne der Universalgeschichte verstanden werden. Er ist vielmehr als Vernetzung transnationaler und transkultureller Erscheinungen aufzufassen (was im Übrigen auch methodische Konsequenzen für Wissenschaft und Unterricht hat). In sowohl etwas zurückgenommener als auch sachlich differenzierender und sich von - problematischen - Urteilen über den Gegenstand entfernender Weise sprach Susanne Popp dann auch zutreffend von "global orientiertem Geschichtsbewusstsein" als Ziel und Aufgabe insbesondere des Geschichtsunterrichts.
Die Erforschung und Darstellung jüngerer Globalisierungserfahrungen, die - vor allem medial vermittelt - von politischen, über wirtschaftliche und kulturelle bis hin zu persönlichen Wahrnehmungen und Eindrücken reichen, haben ein breiteres öffentliches Interesse gefunden, das sich in zahlreichen Neuerscheinungen zur Geschichte heutiger Konfkliktherde, in einer breiten Methodendebatte über Einheit bzw. Vielfältigkeit von Modernisierungsprozessen sowie generell in einer größeren Anzahl von Untersuchungen niederschlägt. Auch in der internationalen Geschichtsforschung zeichnet sich eine immer stärkere Berücksichtigung transnationaler Tendenzen ab. Starke Impulse kommen dabei aus Übersee, in Deutschland fasst diese Erweiterung der Perspektive erst langsam Fuß. Die seit Beginn der 90er Jahre aus der Ökonomie und Soziologie kommende Globalisierungsdebatte zeichnete in den Grundlinien Matthias Middell nach. Er stellte die verschiedenen Konzepte der world oder global history vor, skizzierte vergleichend die derzeitige Situation in den USA und in Deutschland und forderte eine engere Zusammenarbeit von Schule und Hochschule in dieser Frage. Die Anlage der Sektion als sowohl wissenschaftlich wie auch didaktisch ausgerichtet entsprach dieser Forderung und zeigte in der fruchtbaren gegenseitigen Bezugnahme von theoretischer und praktischer Wissenschaftlichkeit ansatzweise, wie ein realistischer Bildungshorizont zu gestalten ist, ein Weg, der im Übrigen bei der gegenwärtigen Diskussion um eine Reorganisation des Bildungs- und Ausbildungswesens richtungsweisend sein kann.
Der Hauptteil der Sektion widmete sich der Frage der Realisierung globalgeschichtlicher Ansätze, d.h. der Frage des didaktischen Zugriffs und der Unterrichtsstrukturierung. Susanne Popp diskutierte das Verhältnis von lokaler, nationaler, europäischer und globaler Dimension im Geschichtsunterricht und kam zu dem Schluss, dass sich diese vier didaktischen Aspekte nicht ausschlössen, sondern integriert in Lehrpläne und Unterricht Eingang finden müssten, eine Auffassung, die auch Hanna Schissler vertrat. Sie ergänzte die Ausführungen durch Beispiele und praktische Erfahrungen aus den USA. Kaum nachahmenswert erschien ihr die dort in den High schools anzutreffende Interpretation von world history als history of the whole world, bei der nicht eine transnationale Sichtweise vermittelt, sondern ein Nebeneinander von ausgewählten Nationalgeschichten behandelt wird. Susanne Popp und Hanna Schissler plädierten gleichermaßen dafür, im Geschichtsunterricht einen Perspektivwechsel im Sinne transnationaler historischer Betrachtungsweisen anzustreben, der es den Schülern ermöglicht, bestehende Themen in unterschiedlichen und eben auch globalen Bezügen zu sehen. Eine gänzliche Neuorientierung, ein neues "master narrative", gar mit universalhistorischem Anspruch, könne nicht das Ziel sein. Insofern würde sich der von Peter Lautzas in der Einführung zur Sektion provokativ angesprochene Paradigmenwechsel auf eine ergänzende und angesichts der schulischen Realität machbare Schwerpunktverlagerung reduzieren.
Susanne Popp verknüpfte diese Grundsatz-Überlegungen für ein globalgeschichtliches Curriculum mit der aktuellen Debatte um die übergreifenden Standards im Fach Geschichte, eine Debatte, die wohl mehr aus praktischen Notwendigkeiten denn aus dem Bedürfnis nach einer historischen Orientierung im Zeitalter der Globalisierung entstanden ist. An mehreren konkreten Beispielen machte sie deutlich, dass keinesfalls die Überfrachtung des Curriculums mit immer neuen Themen anzustreben ist, sondern dass es - mit Hilfe von Umformulierungen und kleineren Ergänzungen - um den genannten Perspektivwechsel geht, letztlich um die Verdeutlichung der Mehrdimensionalität geschichtlicher Prozesse und der Multiperspektivität ihrer Betrachtung. Bei der Festschreibung der Standards sollte darauf geachtet werden, entsprechende Kompetenzen einzufordern. Zu befürchten ist nämlich, wenn sich die KMK zur Formulierung von Standards auch im Fach Geschichte entschließt, dass man nolens volens das anzustrebende Endresultat von Unterricht auf abfragbare Daten und Begriffe beschränkt. Der weite und viel wichtigere Bereich der durch den Geschichtsunterricht vermittelten Urteile, Bewertungen und Einstellungen bliebe dann gänzlich unberücksichtigt.
Eckhardt Fuchs vertiefte die Überlegungen aus erziehungswissenschaftlicher Sicht am Beispiel der 2004 in Baden-Württemberg eingeleiteten Bildungsreform. Er sprach sich dafür aus, bei den Lehrvorgaben nicht von normativen Vorstellungen auszugehen, sondern von empirischen Daten, über die die didaktische Forschung bisher leider nur in sehr geringem Umfang verfügt. Ist eine Ergänzung in dieser Richtung sicher sinnvoll und angebracht, so fragt man sich doch, ob sich Erziehungsziele allein durch die Kraft des (reproduzierten) Faktischen festlegen lassen. Wahrscheinlich ist eine Kombination von normativen Entscheidungen und empirischen Verfahren am sinnvollsten. Unbestritten nützlich dürfte es jedoch sein, da ist Fuchs zuzustimmen, mit Hilfe empirischer Unterrichtsforschung sich darüber Klarheit zu verschaffen, wie die Schüler z.B. Globalisierungsphänomene wahrnehmen und verstehen. Nicht ganz folgen möchte man jedoch der Behauptung von Fuchs, dass bei den Jugendlichen allgemeines Desinteresse am Geschichtsunterricht zu konstatieren sei. Vielleicht liegt es auch etwas an den Lehrplanvorgaben und an der Didaktik, dass Geschichte nicht immer in der gewünschten Weise vermittelbar ist. Sicher liegt das Problem ganz wesentlich darin, dass sich die Lebenswelt grundlegend und rasant verändert, die Schere von Anspruch und Wirklichkeit also weit auseinander klafft. V.a. dieses Phänomen bedürfte einer gründlichen Untersuchung.
Zur Diskussion über die Standards im Fach Geschichte lieferte Larry Beaber aus seinen umfassenden und langjährigen Erfahrungen mit Testverfahren in einem Verbund von 3.000 Universitäten und 14.000 High schools in den USA wichtige, wenn auch leider nur sehr knappe Ergänzungen. Immerhin gewannen die Zuhörer einen Einblick in das College Board Advanced Placement Program World History, seine Ziele und seine Organisation. Die ""World history"-Kurse auf Universitätsniveau für fortgeschrittene High school-Studenten sind derzeit die erfolgreichsten Kurse dieser Art. Die darauf aufbauenden Tests werden vielfach als fachspezifische Eingangsprüfungen für die Aufnahme an Universitäten gewählt.
Die an die Vorträge anschließende Diskussion, an der neben dem Publikum weitere geladene Experten wie Sebastian Conrad und Andreas Eckert teilnahmen, bestätigte im Kern sowohl die dringende Notwendigkeit, transnationale Aspekte der Geschichte in Wissenschaft und Unterricht stärker bzw. überhaupt zu berücksichtigen, als auch die skizzierten und angedeuteten Wege dazu. Über diesen erfreulichen Konsens im Grundsätzlichen hinaus war aber auch eine gewisse Ratlosigkeit spürbar, wie das angesichts der Organisationsstrukturen und vorherrschenden Mentalitäten in beiden Institutionen zu bewerkstelligen sei. Die Notwendigkeit einer Öffnung in den transnationalen Raum wird von den entscheidenden Gremien noch nicht in der erforderlichen Schärfe gesehen, die Dringlichkeit unterschätzt. Eine Realisierung des Anliegens steckt noch in den Anfängen, Initiativen im politischen und wissenschaftlichen Raum sowie konkretisierende Arbeiten in der Fachdidaktik sind notwendig und eröffnen für die Zukunft ein weites und verdienstvolles Feld der Betätigung.
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Peter Lautzas. Review of , HT 2004: Geschichtskultur im Umbruch: Neue Standards und global orientiertes Geschichtsbewusstsein.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2004.
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