Europa in kommunistischen Zeiten: Zeitzeugen – Mythos - Erinnerung. Potsdam: Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam), 31.05.2007-02.06.2007.
Reviewed by Nina Dombrowsky
Published on H-Soz-u-Kult (September, 2007)
Europa in kommunistischen Zeiten: Zeitzeugen – Mythos - Erinnerung
Nicht Wenige in der Europäischen Union waren in den letzten Wochen irritiert über die EU-Politik Polens, dem größten der insgesamt zehn ostmitteleuropäischen Staaten, um die die EU 2004 unter großen Feierlichkeiten erweitert wurde: Nachdem Polen bereits den Irak-Kurs des US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush zum Erstaunen Deutschlands und Frankreichs unterstützt hatte, überraschten die Kaczynski-Brüder unter den Schlagworten ‚Quadratwurzel’ oder ‚Weltkriegstote’ ihre westeuropäischen Partner aktuell erneut mit Forderungen nach einem höheren Stimmengewicht Polens in der EU. Viele Politiker in Polen oder auch Tschechien empfanden es als Auszeichnung, als sie der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld während der Spannungen um den Irakkrieg in Abgrenzung zum vermeintlich ‚alten’ als ‚neues Europa’ bezeichnete. Während die derzeitige nationalkonservative Regierung Polens der EU meist mit kaum verhohlenem Misstrauen begegnet, erfreut sich die Union und die EU-Mitgliedschaft Polens bei der polnischen Bevölkerung dagegen durchweg großer Zustimmung.
Die Wurzeln für diese ambivalente Haltung liegen – so die These des Forschungsprojekts ‚Europa im Ostblock’ am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam – in den Europabildern aus der Zeit des Kommunismus. Parallel zur Osterweiterung der Europäischen Union hatte das Projekt drei Jahre lang über den Wandel der europabezogenen Vorstellungswelten und Kommunikationsräume in den ehemaligen Ostblockstaaten geforscht. Im Zentrum standen dabei die Europawahrnehmungen der damaligen Volksrepublik Polen, der CSSR und der DDR, die von der Projektgruppe (José M. Faraldo, Paulina Gulinnska-Jurgiel und Christian Domnitz) in mehreren Arbeiten untersucht wurden. Zum Abschluss des Forschungsprojekts fand vom 31. Mai bis 2. Juni 2007 die durch die Volkswagen-Stiftung geförderte Konferenz ‚Europa in kommunistischen Zeiten: Zeitzeugen – Mythos – Erinnerung’ in Potsdam statt. Gegenstand der Konferenz war die Auseinandersetzung mit den Forschungsergebnissen und den Quellenmaterialien, deren kritische Diskussion und eine gemeinsame Reflexion mit Zeitzeugen. Eingeladen waren unter anderem publizistische und politische Akteure sowie Wissenschaftler aus Polen, Tschechien und der ehemaligen DDR. Ziel der Konferenz war es, die Grenzen des Sagbaren, die Grauzonen der Freiheit sowie die Möglichkeiten der Teilnahme an bzw. der Distanzierung von ‚Europa-Debatten’ der Nachkriegszeit im Ostblock herauszuarbeiten.
Mit einem einführenden Vortrag, der die vorläufigen Ergebnisse der dreijährigen Forschungsarbeit zugespitzt zusammenfasste, zeigte der José M. Faraldo gleich zu Beginn der Konferenz die Zwiespältigkeit des kommunistischen ‚Europa’-Begriffs und deren kontroverse Folgen für die heutigen ‚Europa’-Diskurse in den neuen EU-Mitgliedsstaaten auf: Die Europabilder aus den Zeiten des Ostblocks könnten zum einen als Last interpretiert werden, so Faraldo mit Blick auf die aktuellen anti-europäischen Debattenbeiträge der polnischen oder tschechischen Rechten, die von diesen Bildern vorgeprägt seien. Zum anderen verwies Faraldo zum Auftakt der einleitenden Podiumsdiskussion ‚Idee Europas in kommunistischen Zeiten. Chance oder Last für heute?’ (Moderation: Thomas Lindenberger, ZZF) aber auch auf positive Folgen der tradierten Europa-Bilder: Die kommunistischen Diskurse über Sicherheit und Frieden in Europa, wie sie z. B. während der ‚Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa’ (KSZE) Mitte der 1970er-Jahre geführt worden seien, hätten durchaus Einfluss genommen auf das postkommunistische pro-europäische Denken. Diese von Faraldo pointiert skizzierte Janusköpfigkeit der Europa-Vorstellungen in den ehemaligen Ostblock-Ländern zog sich im Folgenden wie ein Leitmotiv durch die dreitägige Konferenz. So berichtete etwa Daniel Kroupa, tschechischer Philosoph und Mitglied der damaligen tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung ‚Charta 77’, dass sich vor allem die junge Generation nach der Niederschlagung des ‚Prager Frühlings’ 1968 zunächst verstärkt nach ‚Westen’ gewandt habe und heimlich den aus München funkenden Radiosender ‚Free Europe’ gehört habe. Man zählte sich nicht zu ‚Osteuropa’, sondern verstand sich vielmehr als „Herz und Magen Europas“. Dennoch seien es vor allem die polnischen Intellektuellen gewesen, die den tschechischen Dissidenten als Orientierungsmaßstab gedient hätten. Dies bestätigte auch Ludwig Mehlhorn, zu DDR-Zeiten in der ostdeutschen ‚Aktion Sühnezeichen’ (ASZ) aktiv: Für die DDR-Opposition hätten vor allem die tschechischen und polnischen Debatten Bedeutung gehabt, weniger die westeuropäischen.
Joachim Gauck, der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Theologe und Mitbegründer des ‚Neuen Forums’, einer in der Wendezeit entstandenen Bürgerrechtsbewegung in der DDR, sprach von einem „Misstrauen gegenüber Westeuropa“, das in den oppositionellen Kreisen in der DDR dominiert habe. Ziel sei es gewesen, in geheimen Jugendkonferenzen mit ost- und westeuropäischen Teilnehmern eine Art „Gegeneuropa der Ohnmächtigen“ aufzubauen.
Ehemalige polnische und tschechische publizistische Akteure und Oppositionelle zeichneten ein Bild von ‚Europa’, das einerseits als Enttäuschung, andererseits als unerfüllbar geglaubter Sehnsuchtstraum erlebt worden war. So berichtete etwa Daniel Passent, seit 1958 Journalist bei der polnischen Wochenzeitschrift ‚Polityka’, von seiner Skepsis gegenüber den Forderungen der polnischen Dissidenten zur Zeit von ‚Solidarnosc’ und Kriegsrecht: „Ich dachte: Die Oppositionellen haben zwar recht, aber das lässt sich nicht durchsetzen! Wir sind bis zum Ende unserer Tage dazu verdammt, in diesem System zu leben.“ Dies bestätigte auch die Tschechin Petruška Šuštrová, die in der Tschechoslowakei für die Samisdat-Zeitschrift ‚Mitteleuropa’ gearbeitet hatte und eine Sprecherin der ‚Charta 77’ gewesen war: „Wir konnten uns eine andere Welt einfach nicht vorstellen!“ Der westeuropäischen Friedensbewegung sei mit Argwohn begegnet worden: Zum einen sei dies aus der Angst heraus geschehen, die westliche Linke sei vom sowjetischen Geheimdienst unterwandert. Zum anderen aber, so Šuštrová, sei den ostmitteleuropäischen Dissidenten bewusst gewesen, dass für sie weit mehr auf dem Spiel stand, als für die westeuropäischen Friedenskämpfer: „Für die westlichen Friedenaktivisten war es schick, gegen die Stationierung US-amerikanischer Raketen zu protestieren! Für uns dagegen war es ein unter Umständen lebensbedrohliches Risiko, gegen die sowjetische Aufrüstung auf die Straße zu gehen, wie es einige Linke aus Westeuropa von uns forderten!“
Jan Litynski, damals Mitglied der polnischen Bürgerrechtsbewegung KOR (Komitet Obrony Robotników), berichtete auch vom Unbehagen der polnischen Oppositionellen gegenüber dem KSZE-Prozess: Dieser sei lediglich als ökonomisch motiviertes Zugeständnis interpretiert worden, und nicht als wirkliches Bemühen Westeuropas um die Dissidenten in den Ostblockstaaten, bzw. um die Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte durch die kommunistischen Diktaturen.
Niemand, so auch der damalige polnische Oppositionsjournalist und ebenfalls KOR-Mitglied Seweryn Blumsztajn, habe sich ein freies Polen vorstellen können. ‚Europa’ sei für ihn vor allem eine enttäuschende Erfahrung gewesen. In der Zeit von ‚Solidarnosc’, die als erste unabhängige Gewerkschaft im damaligen Ostblock Anfang der 1980er-Jahre in Gdansk gegründet worden war, seien es lediglich einige westliche Trotzkisten gewesen, die den polnischen Kampf für Demokratie und Mitbestimmung aktiv unterstützt hätten. Diese bittere Bemerkung wider besseren Wissens – schließlich waren allein aus der alten Bundesrepublik Millionen von Hilfspaketen nach Polen geschickt worden, von den Tausenden Hilfstransportern und Spendenveranstaltungen überall aus und in Westeuropa gar nicht zu sprechen – zeigt, wie tief das polnische Misstrauen gegenüber ‚Europa’ verwurzelt ist. So meinte etwa auch Krzysztof Kozlowski, Redakteur der polnischen katholischen Wochenzeitung ‚Tygodnik Powszechny’ aus Krakau, dass sich in den Nachkriegsjahrzehnten im Grunde nur die Landsmannschaften der deutschen Vertriebenen für Polen interessiert hätten.
Auch Ludwig Mehlhorn berichtete, dass die DDR-Opposition auf ‚Europa’ lange Zeit keinen positiven oder orientierenden Bezug genommen hätte. Während Mehlhorn zunächst zwar im Gegensatz zu Litynski eine vorsichtige Annäherung an ‚Europa’ während des KSZE-Prozesses feststellte, schränkte auch er dieses erste Nachdenken über ‚Europa’ sogleich auf die Schlagworte Blockfreiheit und ‚Finnlandisierung’ Europas ein. Ein gemeinsames, freies, demokratisches Europa habe auch er sich damals nicht vorstellen können.
Diese zögerliche Bezugnahme auf ‚Europa’ in den ehemaligen Ostblockstaaten bestätigten auch die eingeladenen Publizisten Peter Bender und Thomas Urban: Bender, der in den 1970er-Jahren als ARD-Korrespondent in Warschau lebte und als Vordenker der sozialdemokratischen ‚Neuen Ostpolitik’ in der alten Bundesrepublik gilt, stimmte Mehlhorn zu, dass der ‚Europa’-Begriff in der ehemaligen DDR angesichts des als gleichgültig erlebten Westeuropas erst spät mit Inhalt gefüllt worden sei. Auch in Polen habe es bis 1989 keine Europadebatte gegeben, betonte auch der Polen-Korrespondent der ‚Süddeutschen Zeitung’ Urban.
Angesichts dieser eher negativen Bilanzziehung plädierte die Erfurter Ostmitteleuropa-Historikerin Claudia Kraft dafür, Europa-Vorstellungen stärker zu historisieren: Auch im Westen sei ‚Europa’ lange Zeit nachrangig behandelt worden. Diese Forderung nach einer Erweiterung der Perspektive unterstützte der in Pittsburgh lehrende Historiker Gregor Thum, der das Projekt ‚Europa im Ostblock’ in großem Maße mitkonzipiert hatte: Er verwies auf die Epoche der Habsburger Monarchie und die damals gelebte Multiethnizität, die er als Modell für die Überwindung des Nationalstaats und als Beleg für den historischen Anteil Ostmitteleuropas an Europa ansieht.
Insgesamt zeigte die dichte und spannende Konferenz, dass auf die von der Eingangsdiskussion aufgeworfene Frage nach der ‚Idee Europas in kommunistischen Zeiten’ und deren Wirkungskraft für heutige Europa-Diskurse in den ostmitteleuropäischen EU-Mitgliedsstaaten keine einfache und eindeutige Antwort gefunden werden kann. ‚Europa’ war sowohl emotional konnotierter ‚Sehnsuchtstraum’ und Codewort für wirtschaftliche und technische Modernisierung, stand andererseits aber auch für Enttäuschung und das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein. Intellektuelle Kraft und Hoffnung schöpften die Dissidenten eher aus den Debatten in ihren jeweiligen kommunistischen ‚Bruderländern’, als aus den oft als naiv empfundenen Diskussionen der westeuropäischen Friedensbewegung. Diese zwiespältige ‚Europa’-Erfahrung – dies kann als ein Ergebnis der Forschungsarbeit des Projekts ‚Europa im Ostblock’ und der abschließenden Konferenz festgehalten werden – prägt bis heute die ‚Europa’-Rezeption in den ehemaligen Ostblockstaaten. Sie könnte erklären, warum z. B. die Polen heute im Zweifel eher die USA als zuverlässigeren Partner ansehen, dessen Freundschaft es durch vermeintliche Illoyalität nicht zu riskieren gilt.
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Nina Dombrowsky. Review of , Europa in kommunistischen Zeiten: Zeitzeugen – Mythos - Erinnerung.
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