„Schläft ein Lied in allen Dingen ...“ Romantische Dingkulturen in Text und Bild. München: Stiftung für Romantikforschung, Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen der Justus-Liebig-Universität Gießen, 11.09.2008-13.09.2008.
Reviewed by Johanna Zeisberg
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2008)
„Schläft ein Lied in allen Dingen ...“ Romantische Dingkulturen in Text und Bild
Der prekäre Status der zunächst erkenntnistheoretisch von der kritischen Philosophie Kants, gänzlich dann von der idealistischen Philosophie Fichtes ins Abseits manövrierten Kategorie der „Dinge (an sich)“ wird in den Anfängen (früh)romantischer Poesie und Philosophie in Frage gestellt. Novalis’ Befund, dass unsere immerwährende Suche nach dem „Unbedingten“ überall und immer nur auf „Dinge“ stoße, wurde in den Vorträgen der von der Stiftung für Romantikforschung organisierten Tagung „’Schläft ein Lied in allen Dingen…’ Romantische Dingkulturen in Text und Bild“, die vom 11. bis 13. September 2008 in der Seidlvilla in München stattfand, als ein kunsttheoretischer und -praktischer Leitfaden der Epoche der Romantik erwiesen. Mit ihrer Fragestellung nach einer spezifisch romantischen Dingkultur zielte die Tagung auf eine Leerstelle neuerer Dingforschung, die ihr Augenmerk zwar auf die Literatur- und Kunstepochen des Rokoko, der Empfindsamkeit, des Klassizismus und des Realismus richtet, die von ihnen umrahmte Romantik bisher jedoch auffallend übergeht.
Nachdem die einleitenden Worte DAGMAR VON WIETERSHEIMs (München), Gründerin der Stiftung für Romantikforschung, und der am Teilprojekt „Andenken und Eingedenken“ des Sonderforschungsbereichs Erinnerungskulturen der Justus-Liebig-Universität Gießen tätigen Tagungsleitung CHRISTIANE HOLM (Halle) und GÜNTER OESTERLE (Gießen) das sich um 1800 eröffnende Spannungsfeld zwischen einer praktischen Anhäufung realer Dinge und ihrer gleichzeitig theoretisch-kritischen Negation skizziert hatten, entfalteten die Vorträge unter den sechs Rubriken (1.) Romantische Dingtheorien, (2.) Dinge und Zeichen, (3.) Die Komik der Dinge, (4.) Dinge als Akteure, (5.) Talisman, Fetisch und Andenken, (6.) Behauste Dinge die variierenden Inszenierungen eines „Theaters“ der Dinge, wie es GERHARD NEUMANN (München) nannte, das in Texten der Romantik zur Aufführung gelangt. Anknüpfen konnten die Vorträge an die bereits in der Tagungseinleitung plausibilisierte Beobachtung einer veränderten Wahrnehmung der Dinge in der Romantik: das Primat ihrer rein räumlichen Präsenz wird vom Primat ihrer Verzeitlichung abgelöst. Die Dinge werden als historische wahrgenommen, ihr Material als veränderlich, der Umgang mit ihnen als zeitaufwendig. Dass Gemälde der Romantik, wie der Vortrag der Kunsthistorikerin BEATE SÖNTGEN (Bochum) zeigte, im Gegensatz zu den Texten eine augenfällige Entleerung von Dingen vorführen, könnte als ein Indiz für diese sich der Raumkunst verschließende Verzeitlichung der Dinge gelten.
Die romantische Rehabilitierung der Dinge geschieht also nicht, so lautete der Konsens der Tagungsdiskussion, über die Restitution einer ihnen zugeschriebenen „stummen“ Objekthaftigkeit, sondern durch ein verwirrendes Wechselspiel, bei dem die zuvor festgelegten Systemstellen von Subjekt und Objekt aus dem Gleichgewicht geraten, an Eindeutigkeit verlieren, ihre Positionen zuweilen sogar vertauschen. In den Prosatexten von Novalis, Eichendorff, Brentano, Tieck, Hoffmann, Heine und anderer und auch in den Grimmschen Märchen treten die Dinge als aktive Protagonisten auf, deren manchmal offensiv, manchmal subtil präsentierte Subjektivität die menschlichen Figuren oftmals umgekehrt zu dinglichen Objekten, Automaten oder Marionetten degradiert. Dabei lassen sich verschiedene Abstufungen einer den Dingen derart zugeschriebenen Aktivität beobachten. Von den in Aussehen und/oder Handlungsmächtigkeit menschengleich dargestellten Automaten- oder Märchendingen reicht die Palette romantischer Dingakteure bis hin zu magisch-fetischisierten Dingen wie Talismanen, Amuletten und Schmuckstücken, die zwar nicht im menschlichen Sinne ‚handeln’, wohl aber mit ihrem historischen, symbolischen oder magischen Mehrwert das eigentliche Subjekt der Erzählungen und, wie MICHAEL NIEHAUS (Essen) zeigte, auch noch einiger Dramen Hebbels bilden oder zumindest zu bilden scheinen. Als Ursache hierfür wurde das romantische Projekt einer „Romantisierung“ sowohl des technischen Fortschritts als auch der Ökonomie ermittelt. UWE C. STEINER (Mannheim) versteht Romantik in diesem Sinne als einen Objektivität und Subjektivität betreffenden, doppelten Krisenraum, was durch CLAUDIA LIEBRANDs (Köln) Interpretation von E.T.A. Hoffmanns Sandmann und HEINZ BRÜGGEMANNs (Hannover) Analyse der Grimmschen Märchen bestätigt wurde. JÜRGEN LINKs (Dortmund) interdiskurstheoretischer Ansatz entdeckte in romantischen Texten als eine Folge der Krise ein „strukturelles Viereck“ aus verworrenen, szientifischen, gespenstischen und ursprünglichen Dingen, die sich zuletzt alle um das beunruhigende „Hirngespinst/gespenst“ der nach Foucault „empirisch-transzendentalen Dublette“ Mensch gruppieren und die zuvor taxonomische Ordnung der Dinge in ein für die Zeitgenossen verwirrendes, romantisches Neben-, Über- und Ineinander von Empirie und Transzendenz überführt.
Angesichts dieser mannigfaltigen Präsenz aktiver Dinge wurde die kontrovers diskutierte Frage aufgeworfen, ob romantische Texte von einer tatsächlichen „Agency“ der Dinge überzeugt seien und so jüngste Theoreme aktueller Wissenssoziologie um Bruno Latour vorwegnähmen, oder aber, ob der zwischen Aktivität und Passivität mäandernde Status der Dinge lediglich narratologisch instrumentalisiert würde, um, wie CHRISITNE WEDER (Basel) an Erzählungen Kleists und Hoffmanns verdeutlichte, ein zwischen Vorsehung und Zufall changierendes Geschichts- und Geschichtenbild literarisch zu produzieren. JOHANNES F. LEHMANNs (Essen) Analyse der Komiktheorie des Romantikers Stefan Schütze, die bis dahin ein Forschungsdesiderat darstellte, plädierte dafür, dass handelnde und belebte Dinge in Texten der Romantik bewusst eingesetzt würden, um als poetologische Ambivalenzfiguren zwischen Komik und Katastrophik den zeitgenössisch empfundenen Zwiespalt zwischen Fortschrittseuphorie und -angst wirkungsmächtig zu demonstrieren. Eine spezifisch narrative Potenz und Funktion der Dinge bestätigten zudem SANDRA BAUERs (Gießen) Beobachtungen zu einer Poetik der dinglichen Andenken in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und ANNEGRET PELZ’ (Wien) Untersuchungen über die Mittel- und Mitteilbarkeitsfunktion romantischer Ding-Dispositive. Mit zeichentheoretisch motiviertem Nachdruck verwies ALEXANDER VON BORMANN (Amsterdam) darauf, die „Dinge“ nie als an sich gegeben anzusehen. Nur im Modus eines je schon subjektiv vermittelten „Habens“ der Dinge (‚hexis’) könne über sie gesprochen werden. Ein Bewusstsein hiervon zeichne sich schon lange vor der modernen, spielästhetischen Zeichentheorie Charles S. Peirces in Texten der Romantik ab. Die von FRAUKE BERNDT (Frankfurt) vorgeführte, romantiknahe und zugleich -ferne Symboltheorie Friedrich Creuzers von 1810-12 unterstreicht im Gegensatz dazu die physisch-metaphysische Doppelstruktur des (Symbol)Dinges, das gerade wegen seiner dem menschlichen Zugang rätselhaft verschlossenen dinglichen Physis zu meta-physischen Narrationen reizt.
Ein in Veröffentlichung begriffener Sammelband verspricht durch die in der Tagung vorgeführte produktive Verbindung von Kunstgeschichte, Philosophie, Literaturtheorie und Einzelinterpretationen einen systematisch perspektivreichen Einblick in die „Dingkulturen“ der Romantik, der durch einen instruktiven Ausblick RUDOLF HELMSTETTERs (Erfurt) auf die von der romantischen zu differenzierende „Verdichtung“ der Dinge in der Literatur des Realismus zudem historisch dimensioniert wird. In ihm werden sich ausführliche Antworten auf die für die Tagungsdiskussion zentrale Frage finden: Gibt es in der Romantik Dinge, die keine Zeichen sind?
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Johanna Zeisberg. Review of , „Schläft ein Lied in allen Dingen ...“ Romantische Dingkulturen in Text und Bild.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2008.
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