Caritas und Armenfürsorge in spätantiken und mittelalterlichen Inschriften. Trier: Lukas Clemens, SFB 600 „Fremdheit und Armut“, Teilprojekt B6 „Armenfürsorge in Zentral- und Oberitalien – Konstanten und Wandlungen von der christlichen Spätantike bis ins Hochmittelalter“, Universität Trier, 14.11.2008-15.11.2008.
Reviewed by Katrin Dort
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2009)
Caritas und Armenfürsorge in spätantiken und mittelalterlichen Inschriften
„Caritas und Armenfürsorge in spätantiken und mittelalterlichen Inschriften“ war das Thema eines kleinen Workshops, der am 14. und 15. November 2008 in Trier im Rheinischen Landesmuseum stattfand. Er wurde organisiert vom Projekt B6 „Armenfürsorge in Zentral- und Oberitalien – Konstanten und Wandlungen von der christlichen Spätantike bis ins Hochmittelalter“ des an der Universität Trier angesiedelten, DFG-geförderten Sonderforschungsbereichs 600. Die Veranstaltung war bewusst als Arbeitstreffen angelegt, auf dem die epigraphischen Zeugnisse vor allem vorgestellt und erste Beobachtungen und Auswertungsergebnisse mit auswärtigen Expertinnen und Experten diskutiert werden sollten. Als solche waren eingeladen Andrea Binsfeld von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Hiltrud Merten vom Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Trier, Lothar Schwinden vom Rheinischen Landesmuseum Trier sowie Sebastian Scholz von der Universität Zürich und Rüdiger Fuchs, langjähriger Leiter der Inschriftenabteilung der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.
In seiner Einleitung betonte LUKAS CLEMENS (Universität Trier), Leiter des Projektes B6, dass epigraphische Zeugnisse im Zusammenhang mit Armut und Armenfürsorge bisher wenig beachtet wurden. Auf dem Workshop sollte das epigraphische Material verschiedener Regionen in den Blick genommen werden, wobei auch ein Schwerpunkt auf der vergleichenden Perspektive nördlich und südlich der Alpen lag. Zeitlich reichte das vorgestellte Material von der Spätantike bis ins Spätmittelalter.
Im ersten Vortrag führte HILTRUD MERTEN (Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Trier) aus, dass Caritas als Armenfürsorge in der Spätantike zunächst auf privater Initiative beruhte. Mit der Professionalisierung des Klerus und der Einrichtung der Klöster ging die Fürsorge in den Aufgabenbereich des Bischofs und der Diakonie über. Orte der Caritas entstanden zunächst im Umkreis der Bischofskirche: Hier wurden Almosen gesammelt und Stätten der Zuflucht für Fremde, Arme und Kranke eingerichtet. Die Empfänger der Caritas waren die abiectissimi: Bettler, Kranke, Alte, Witwen und Waisen. Als Träger der Caritas kamen die städtische Führungsschicht und die Priesterschaft in Frage. Die Betrachtung der Grabinschriften von hohen Offizieren, Beamten im Hofdienst und von Angehörigen des Reichsadels erweist jedoch, dass überwiegend Elemente des traditionellen Totenlobs und klassische Topoi verwendet werden. Auch die Grabinschriften für Kleriker aller Stände behalten meist das gängige Formular bei. Die im Trierer Raum verbreitete Wendung pro caritate oder ähnliche wird, von einer Ausnahme abgesehen, in diesen Inschriften nicht benutzt; die Formel erscheint vor allem in familiären Zusammenhängen, in denen das Wort Caritas nicht den Sinn von „Armenfürsorge“ hat. Das Fehlen der Erwähnung karitativen Wirkens in den Grabinschriften für die Trierer Oberschicht und den Klerus darf jedoch nicht zu dem Schluss führen, dass Caritas selbstverständlich als integraler Bestandteil der christlichen Existenz verstanden wurde, deren Erwähnung es nicht bedurfte. Im traditionellen Inschriftenformular, an dem die Oberschicht festhielt, fehlte eine Wendung zur Umschreibung von Caritas.
Daran anschließend beschäftigte sich ANDREA BINSFELD (Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz) mit einer auffälligen Gruppe unter den Trierer Inschriften des 5. Jahrhunderts, in denen Familienmitglieder sich gegenseitig Grabsteine pro caritate setzten. Caritas wird hier im familiären Bereich im Sinne von Liebe oder auch Fürsorge gebraucht, wie sie das Neue Testament und die Kirchenväter von den Kindern fordern, wenn sie sie an ihre Pflicht erinnern, sich im Alter um ihre Eltern zu kümmern. Eine Bedeutungserweiterung erfährt der Begriff caritas anscheinend in Trierer Inschriften des 8. Jahrhunderts: Der Presbyter Aufidius erhält von seiner verwitweten Schwester und deren Sohn eine Inschrift pro caritate. Da Witwen und Waisen die typische Zielgruppe der caritas in frühchristlicher Zeit sind, könnte pro caritate hier im Sinne von „im Ausgleich für die Fürsorge“ verstanden werden. In einem zweiten Fall stiftet die sacra puella Lea einer puella dei mit Namen Hilaritas einen Grabstein vinculo caritatis et studio religionis. Caritas ist hier wohl im Sinne von Fürsorge und gegenseitiger Solidarität zu verstehen. Was in den Trierer Inschriften jedoch völlig fehlt, ist die „praktische“ Seite der caritas, wie sie in einer Inschrift aus Bingen Erwähnung findet, vor allem aber von den Inschriften des 5./6. Jahrhunderts aus Vienne bekannt ist. Hier sind es neben den Bischöfen vor allem die Angehörigen der verschiedenen ordines, des ordo viduarum, virginum und paenitentium, deren karitatives Wirken besonders gewürdigt wird. Lokale Inschriftentraditionen und der Zufall der Überlieferung mögen die Gründe für die unterschiedliche Repräsentation der caritas in den Inschriften Galliens sein. Im Falle Trier haben sicherlich auch die Germaneneinfälle des 5. Jahrhunderts Auswirkungen auf den Erhalt der Inschriften, die Entwicklung des Inschriftenformulars und generell auf die Lebensverhältnisse gehabt.
SEBASTIAN SCHOLZ’ (Universität Zürich) Vortrag lenkte den Blick nach Frankreich. Er schickte voraus, dass das Armutsideal das Bischofsbild im Merowingerreich des 6. Jahrhunderts prägte. Danach stellte er verschiedene, abschriftlich überlieferte Epitaphien von Bischöfen aus Vienne und Lyon aus dieser Zeit sowie ein Grabgedicht von Venantius Fortunatus vor und analysierte die darin enthaltenen Nennungen der Armenfürsorge. Sie nimmt unterschiedlichen Raum ein. Während etwa bei Avitus von Vienne die Verse zur Armenfürsorge in die Passage eingefügt sind, die seine Qualitäten als Bischof beschreibt, ist das Grabgedicht des Dominus von Vienne im Ganzen geprägt von der freiwilligen Armut des Bischofs. Bei Nicetius von Lyon ist die Armenfürsorge unverzichtbarer Bestandteil eines Tugendkatalogs. Als Ergebnis der Untersuchung dieser und weiterer Texte fasste Scholz zusammen, dass sich die private Spendentätigkeit und die Armenfürsorge der Bischöfe als Amtspflicht kaum trennen lassen. Zur Frage nach dem Aussagewert der Epitaphien konstatierte er, dass die Funktion der Inschriften dafür spreche, dass die Belege für Armenfürsorge nicht einfach Topoi seien. Die Inschrift diente nicht nur der Memoria, sondern galt auch als Beispiel für die Nachfolger im Bischofsamt. Diese Funktion würde verlorengehen, wenn die Diskrepanz zur Wirklichkeit zu groß sei. Die Armenfürsorge stellte ein bedeutendes Element der bischöflichen Stadtherrschaft dar. Arme konnten wichtige Parteigänger sein und die öffentliche Inszenierung der Fürsorge durch den Bischof war ein höchst bedeutender Akt.
Im Anschluss an die Vorträge fand eine Exkursion zum Gräberfeld des Klosters St. Eucharius/St. Matthias statt, bei der unter Führung von LOTHAR SCHWINDEN (Rheinischen Landesmuseum Trier) einige Grabkammern und der sogenannte Albana-Sarkophag besichtigt wurden.
KATRIN DORT (Universität Trier) gab in ihrem Vortrag einen Überblick über das vom Projekt B6 zusammengetragene Material. Die Durchsicht einiger Tausend Inschriften und Fragmente erbrachte bisher rund 150 Treffer, wobei Inschriften ganz Italiens von der Spätantike bis ins Spätmittelalter berücksichtigt wurden. Zunächst wandte sich Dort den im Hinblick auf das Thema besonders interessanten Epitaphien zu. Oft werden die Verstorbenen für Wohltätigkeiten gelobt, die an die Werke der Barmherzigkeit angelehnt scheinen. Häufig verwendete Motive sind die Armenspeisung, die Unterstützung von Pilgern sowie das Kleiden der Nackten. Auch die Sorge für Gefangene, Kranke, Witwen und Waisen findet Erwähnung. In spätantiken Inschriften werden die Wohltäter oftmals als amicus/amator bzw. amatrix pauperum bezeichnet; in späteren Epitaphien überwiegt das Großzügigkeitsmotiv (largus). Weibliche Adelige werden in Grabinschriften häufig als Mutter (mater) der Bedürftigen charakterisiert, während für Männer eine Vielzahl von Begriffe wie solator, nutritor oder defensor verwendet wird. Die Empfänger der Wohltaten werden überwiegend mit allgemeinen Begriffen benannt und nicht weiter differenziert. Am häufigsten findet sich der Terminus pauperes, aber es erscheint auch eine große Auswahl anderer Bezeichnungen. Interessante Hinweise zu karitativen Einrichtungen findet man in Inschriften an Hospitälern, die etwa den Gründer nennen, und in Steinurkunden, die Rechtsakte wie Schenkungen oder Abkommen fixieren und mitunter wichtige Einblicke in Organisation und Funktion der Einrichtung gewähren.
Daran schloss sich der ebenfalls aus dem Material des Projektes B6 entwickelte Vortrag von CHRISTIAN REUTHER (Universität Trier) an. Er nahm die Erwähnungen von Armenfürsorge auf den Epitaphien Adliger in den Blick. Zunächst stellte er für die frühmittelalterlichen Könige fest, dass sich in den erhaltenen Epitaphien keine Hinweise auf Armenfürsorge finden. Lediglich zwei Königinnen wurden für ihre karitativen Tätigkeiten gelobt. Für das Fürstenhaus Benevent, das mit einer relativ dichten epigraphischen Überlieferung aufwartet, lässt sich dagegen ein besonderes Engagement im Bereich der Fürsorge ausmachen. Weiter beschäftigte sich Reuther mit der für weibliche Adlige in Inschriften häufig gebrauchten Bezeichnung als Mutter (mater) der Bedürftigen und ging danach auch auf weitere Epitaphien Adliger ein. Für den römischen Adel lassen sich häufigere Fürsorgeerwähnungen erst seit dem 11. Jahrhundert nachweisen. Reuther warf die Frage auf, ob eventuell das Papsttum hier aus machtpolitischen Gründen die Armenfürsorge von Adligen verhinderte. Abschließend ging er kurz auf die schwer zu beantwortenden Fragen nach Auftraggebern, Adressaten und Anbringungsort sowie Funktion der Inschriften ein. Hinsichtlich des Realitätsgehaltes konstatierte er, dass nicht alle Aussagen als rein toposhaft oder idealisierend zu werten seien, sondern in einigen Fällen sicherlich reale Taten zu Grunde liegen dürften. Weiter zog er den Schluss, dass das adlige Herrschaftsverständnis in früh- und hochmittelalterlichen Inschriften anscheinend neben den Aspekten Friedenssicherung und Gerechtigkeit auch die Armenfürsorge als Bestandteil „guter“ Herrschaft umfasste.
Im letzten Vortrag des Workshops verwies RÜDIGER FUCHS (Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz) zunächst darauf, dass auch durch andere Quellen belegte, umfangreiche Armenfürsorge nicht unbedingt in Inschriften auftaucht. Dann stellte er vorwiegend anhand des in der Reihe „Die deutschen Inschriften“ edierten Materials Beispiele einschlägiger Begriffe und wenige Inschriften mit entsprechendem Bezug vor. Etwa kennt man aus dem Halberstädter Dom eine Holzschale mit entsprechender Inschrift, die auf 1310-1340 datiert wird und zum Mahl der Bruderschaft oder zur Armenspeisung gedient haben könnte. Weiter gibt es Inschriften auf Opferstöcken, die zu Spenden für Hausarme auffordern. Im Totenlob sind gelegentlich Begriffe wie subsidium oder fautor zu finden. Auf dem Grabstein des Hildesheimer Priesters Bruno wird die bekannte Matthäus-Stelle (25,35-36) wiedergegeben. Manchmal wird in Grabinschriften Getreide erwähnt, das in Form von Brot den Armen gegeben werden soll. Häufiger sind Belege zu konkreter Fürsorge in Inschriften des 11.-13. Jahrhunderts im südfranzösischen Raum, die auch „Anniversarepitaphien“ genannt werden. Zuletzt kam Fuchs auf Stiftungsinschriften zu sprechen. Er machte deutlich, dass Gaben an Arme nur in einem kleinen Teil der erhaltenen Stiftungsinschriften überhaupt vorkommen und die entsprechenden Stiftungen meist nur geringen Umfang haben. Eine Ausnahme bildet eine auf 1502-1508 datierte Inschrift in Laufen (Oberbayern), in der die Armen mit einer großen Summe bedacht werden. Abschließend beschäftigte sich Fuchs mit der Frage, warum Fürsorgebelege im nordalpinen Material so selten sind. Mögliche Erklärungsansätze wären unter anderem, dass sich die Rolle, die die Armenfürsorge einst für das Seelenheil hatte, auf die Messen verlagerte. Auch findet man die Erwähnung konkreter Fürsorgeleistungen eher dort, wo eine entsprechende „Urkundeninschriftenkultur“ vorhanden war oder besondere Umstände vorlagen.
Der Workshop endete mit einer zweiten Exkursion, diesmal zum Gräberfeld der ehemaligen Reichsabtei St. Maximin, die von Lukas Clemens selbst geführt wurde.
Die Veranstaltung war geprägt durch fruchtbare Diskussionen in angenehmer Atmosphäre, womit der Workshop seiner Anlage als Arbeitssitzung mehr als gerecht wurde. Zum Thema Caritas und Armenfürsorge in Inschriften wurde deutlich, dass es verschiedene, regionale Inschriften-Kulturen gibt, von denen abhängt, ob Fürsorge in den epigraphischen Zeugnissen auftaucht oder nicht. In Italien, aber auch in Südfrankreich kann man deutlich mehr Hinweise verzeichnen als im deutschen Raum. Dies bedeutet, dass die einzelnen Inschriften auch in die jeweilige, regionale Inschriftentradition eingeordnet und in diesem Kontext interpretiert werden müssen.
Das Formular und auch die Funktion der Inschriften änderten sich. Für die Grabinschriften lässt sich seit dem Spätmittelalter eine Reduzierung auf Personendaten und eine Zuspitzung auf Memoria feststellen. Es setzen sich Grabplatten mit Figuren und Wappen durch, während für individuelle Charakterzüge und Verdienste wie Armenfürsorge kein Raum mehr vorhanden ist.
Weiter ist es gerade im Hinblick auf die zahlreicher überlieferten poetischen Inschriften nötig, sich genauer mit dichterischen Traditionen und einflussreichen Vorbildern zu beschäftigen.
Immer wieder kreiste die Diskussion um die Frage, ob die Nennungen der Armenfürsorge in Epitaphien lediglich als Topoi zu werten sind, oder ob sie auf reale Taten verweisen. Sebastian Scholz vertrat die Meinung, dass die Belege für Armenfürsorge in Inschriften keinesfalls nur frei erfunden seien und dass in der Verbalisierung tatsächlicher karitativer Tätigkeiten bewusst mit bekannten Topoi gearbeitet wurde. Rüdiger Fuchs stand dem eher kritisch gegenüber. Leider fehlen in vielen Fällen begleitende Quellen, anhand derer der „Wahrheitsgehalt“ von in Inschriften erwähnter Fürsorge überprüft werden kann. Diesem Punkt kommt gerade bei der Untersuchung des Zusammenhanges von Herrschaft und Armenfürsorge, dem besonderes Interesse galt, Bedeutung zu.
Als Fazit dieses interessanten Workshops kann festgehalten werden, dass das Potential der besonderen Quellengattung „Inschriften“ noch lange nicht ausgeschöpft ist. Es ist beabsichtigt, die Beiträge in einem Tagungsband zu veröffentlichen.
Kurzübersicht:
Lukas Clemens (Universität Trier): Einführung in den Workshop
Hiltrud Merten (Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Trier): Adel und Klerus als Träger der Caritas im spätantiken Trier
Andrea Binsfeld (Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz): Caritas in frühchristlichen Inschriften aus Trier und Gallien (5.-7. Jahrhundert)
Sebastian Scholz (Universität Zürich): Armenfürsorge in Bischofsepitaphien der Merowingerzeit. Topos oder Spiegel der Wirklichkeit?
Katrin Dort (Universität Trier): Hospitalsgründungen und Werke der Barmherzigkeit. Aspekte der Armenfürsorge in früh- und hochmittelalterlichen Inschriften Italiens
Christian Reuther (Universität Trier): Mater erat viduis orphanicoque grege ... Adelige Armenfürsorge in früh- und hochmittelalterlichen Inschriften Italiens
Rüdiger Fuchs (Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz): Armenfürsorge in hoch- und spätmittelalterlichen Inschriften - ein verschwiegenes gutes Werk?
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Citation:
Katrin Dort. Review of , Caritas und Armenfürsorge in spätantiken und mittelalterlichen Inschriften.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2009.
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