Unternehmensgeschichte in Niedersachsen und Bremen II. Braunschweig: Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 27.11.2004.
Reviewed by Gudrun Fiedler
Published on H-Soz-u-Kult (December, 2004)
Unternehmensgeschichte in Niedersachsen und Bremen II
Wie schon auf der Frühjahrssitzung befasste sich der Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen auch auf seiner Herbstsitzung am 27.11.2004 mit der niedersächsischen und bremischen Unternehmensgeschichte. Rund fünfzig Zuhörer folgten der freundlichen Einladung von Elke Hlawatschek, der Leiterin des Unternehmensarchivs der TUI AG, in deren gastfreundliche Konzernzentrale nach Hannover. Wie im Frühjahr, als man sich in einem Braunschweiger Dienstleistungszentrum in den Baulichkeiten einer ehemaligen Zuckerraffinerie versammelte, spiegelte der Tagungsort auch diesmal den bisweilen stürmischen Strukturwandel der niedersächsischen Unternehmenslandschaft wieder.
Nach einer kurzen Einführung von Frau Hlawatschek in die Konzerngeschichte leiteten Prof. Carl-Hans Hauptmeyer (Universität Hannover) als Vorsitzender und Dr. Gudrun Fiedler (Staatsarchiv Wolfenbüttel) als Schriftführerin durch das Gespräch über die Aktivitäten des Arbeitskreises (Näheres unter http://www.staatsarchive.niedersachsen.de, Menüpunkt "Forschung/Historische Kommission").
Den thematischen Teil der Sitzung begann Prof. Hartmut Berghoff (Universität Göttingen) mit einer kurzen Einstimmung in die Chancen einer modernen Unternehmensgeschichtsforschung mit regionaler Perspektive und einer kurzen Zusammenfassung der Frühjahrssitzung. Darauf folgten drei Sektionen mit je zwei Vorträgen. Im ersten Tagungsteil befassten sich zwei Referate mit Unternehmungen, die aus traditionellen Wirtschaftszweigen des relativ schwach industrialisierten, agrarisch geprägten Niedersachsen hervorgingen. Hans-Werner Niemann (Universität Osnabrück) zeigte anhand der Kaufmannsfamilie Sanders aus Bramsche bei Osnabrück eine weithin gelungene unternehmerische Entwicklung und Anpassung vom transatlantischen Leinenhandel im protoindustriellen Textilgewerbe des 18. Jahrhunderts zur fabrikindustriellen Textilproduktion des 19. und 20. Jahrhunderts auf. Die vor kurzem publizierte Mikrostudie stützt sich insbesondere auf einen relativ geschlossenen Bestand von kaufmännischen Geschäftsbüchern für den Zeitraum 1770 bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In seinem Beitrag stellte Niemann besonders die Bedeutung der staatlichen Landlegge für den privaten Leinenhandel, die verkehrsgeographisch gute Anbindung an den niederländischen Handel und die damit zusammenhängenden Kompensationsgeschäfte von ländlichem Leinen- und Kolonialwarenhandel heraus.
Bernhard Stier (Universität Koblenz-Landau) referierte über die Strategien der Preußischen Bergwerks- und Hütten AG in Bezug auf ihre niedersächsischen Montanbetriebe, d.h. dem Steinkohlenbergbau bei Barsinghausen und Obernkirchen sowie den Harzer Erzbergbau. Diese Standorte, die seit jeher unter staatlicher Regie standen, gehörten seit 1924 zu den schweren Gründungshypotheken der Preussag. Die Krise der Bergwerke, die strukturelle oder wie im Fall der Harzer Berg- und Hüttenwerke überwiegend konjunkturelle Ursachen hatte, kündigte sich längst vor dem Ersten Weltkrieg an. Als Resultat der demnächst erscheinenden Untersuchung zur Konzerngeschichte der Preussag zeigte Stier, dass die "alte Preussag" die zeitweise hoch defizitären Unternehmen nach politischen Grundsätzen mit Hilfe staatlicher Subventionen, aber auch durch interne Umverteilung am Leben erhielt. In der Frage konkurrierender ökonomischer Rationalitäten - so die These Stiers - behaupteten die einzelnen Standorte gegenüber dem Gesamtkonzern eine starke Position. Die endgültige Stillegung der Standorte in den Jahren 1956, 1960 und schließlich 1992 war die Konsequenz verschärfter Rentabilitätsprobleme und der veränderten Konzernstrategie der Preussag.
Zu Beginn der zweiten Sektion stellte Christian Salewski (Aeronauticum Luftschiff- und Marinefliegermuseum Nordholz) sein Promotionsvorhaben zum heute nur noch Fachkreisen bekannten Luftschiff- und Flugzeugbauer Johann Heinrich Schütte (1873-1940) vor, das im Rahmen des von der Universität Oldenburg mitgetragenen EU-Projekts "Unternehmen Museum" bearbeitet wird. Mit seiner detailreichen, biographisch angelegten Untersuchung folgte Salewski den Wandlungen seines "Helden" vom Ingenieur beim Norddeutschen Lloyd und Professor für Schiffbau in Danzig hin zum Konstrukteur und Produzenten von militärisch genutzten Großluftschiffen. Dabei wurde nicht nur eine ingenieurswissenschaftliche Karriere zwischen Hochschule und Wirtschaft im wilhelminischen Deutschland beleuchtet, sondern gleichzeitig das Wechselspiel von wissenschaftlicher Innovation, persönlichen Beziehungen, Politik und individuellen Krisenerfahrungen aufgezeigt.
Einsichten aus einem sehr ungewöhnlichen Projekt "am lebenden Objekt" konnte dann Klaus Fesche (Universität Hannover) präsentieren, der einen Arbeitsbericht zu der vom Niedersächsischen Institut für Historische Regionalforschung e.V. im Auftrag der EXPO 2000 Hannover GmbH erstellten historischen Dokumentation der Organisation der Weltausstellung gab. Hauptmeyer, Carl-Hans u. Rund, Jürgen (Hg.), EXPO 2000 - die Firma, Hameln 2002. Nach einem Abriss der wechselvollen Vorgeschichte standen die vielfältigen Probleme der Untersuchung eines flexiblen und tagesaktuellen Objekts im Mittelpunkt des Vortrags. Besonderes Augenmerk galt der Frage der wissenschaftlichen Unabhängigkeit, dem allmählichen Vertrauensaufbau zwischen Auftraggeber und Historikergruppe während des einjährigen Projekts, dem begrenzten Zugang zum Quellenmaterial, das gleichzeitig im Überfluss von 25.000 Aktenordnern vorlag, sowie der Veränderung des Gegenstands durch die öffentliche Meinung und dem daraus resultierenden Wandel des zunächst vor allem defensiv ausgerichteten Auftrags.
In der dritten und letzten Sektion galt der Blick dann den Institutionen der Unternehmensgeschichte. Thomas Krueger (Porzellanmanufaktur Fürstenberg) referierte zunächst aus der gut 250jährigen Geschichte der Porzellanmanufaktur Fürstenberg und hob die spezifischen Probleme der Quellenüberlieferung hervor. Während aus der Verwaltung dieses Braunschweiger Staatsunternehmens im Bereich der Berg- und Hüttenadministration eine sehr gute Aktenlage im Staatsarchiv Wolfenbüttel überliefert ist, wurden Unterlagen in Fürstenberg selbst nur unsystematisch und sporadisch aufbewahrt. Doch selbst diese böten noch eine gute Grundlage für unternehmens- und konsumhistorische Forschungen, die angesichts der bisher fast ausschließlich kunstgeschichtlichen Beschäftigung mit Porzellan erhebliche Desiderata darstellen. Sodann beleuchtete Krueger die Bedeutung der Unternehmensgeschichte für die heutige Unternehmenstätigkeit. Die Tradition der Manufaktur prägt nachhaltig das heutige Image, was im Hinblick auf am modernen Zeitgeschmack orientierte Kunden durchaus nicht unproblematisch ist. Eine handfeste betriebliche Funktion hat das Fürstenberger Museum, welches jährlich rund 70.000 Besucher anlockt und im Werksverkauf erhebliche Umsätze erzielt.
Mit der Vorstellung des Instituts für Unternehmensgeschichte an der Hochschule Bremen durch seinen Sprecher, Prof. Dieter Leuthold, wurde der Blick abschließend auf die Frage nach der Institutionalisierung von Unternehmensgeschichte gelenkt. Die im Jahr 2000 gegründete zentrale Einrichtung der Hochschule Bremen folgt einer doppelten Zielsetzung. Zum einen bietet sie Studierenden die Möglichkeit zu forschendem Lernen. Regionale Bezüge werden gestärkt, indem die Studierenden ermuntert werden, selbstständig Unternehmen in ihren Heimatorten anzusprechen. In der Hochschulbibliothek steht ein Apparat von Bremer Firmenmonographien zur Verfügung, der stetig ausgebaut wird. Zum anderen versteht sich das Institut als ein Partner für Bremer Unternehmen, der bei der Entwicklung einer Corporate Identity und ganz handfest bei der Einrichtung von Unternehmensarchiven behilflich ist und auch konkret mit der Abfassung von Festschriften beauftragt werden kann.
Insbesondere auch durch die regionale Perspektive bieten sich somit Chancen, die Unternehmensgeschichte im Schnittfeld von Hochschulen und Unternehmen auf Dauer stärker zu verankern. Wie die beiden Tagungen mit den sich ergänzenden Perspektiven von Universitäten, Archiven, Museen und Unternehmen belegen, wäre dies für alle Seiten ein erheblicher Gewinn.
Die nächste Sitzung des Arbeitskreises findet am 12.03.2005 in Hannover unter inhaltlicher Leitung von Prof. Jürgen Schlumbohm statt. Die Beschäftigung gilt dann der sozialen Praxis des Kredits. Alle an einer Teilnahme Interessierten werden gebeten, sich direkt bei der Schriftführerin, Frau Dr. Gudrun Fiedler (gudrun.fiedler@staatsarchiv-wf.niedersachsen.de) anzumelden.
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Citation:
Gudrun Fiedler. Review of , Unternehmensgeschichte in Niedersachsen und Bremen II.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
December, 2004.
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