Von der Manufaktur zum industriellen Unternehmen? Fürstenberg/Weser: Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 16.03.2007-17.03.2007.
Reviewed by Gudrun Fiedler
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2007)
Von der Manufaktur zum industriellen Unternehmen?
Am 16. und 17. März 2007 traf sich der Arbeitskreis Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Historischen Kommission für Niedersachsen-Bremen zu seiner turnusgemäßen Frühjahrstagung. Auf Einladung der Porzellanmanufaktur FÜRSTENBERG GmbH, die in diesem Jahr das 260. Jahr ihres Bestehens begeht, diskutierten hoch über der Oberweser 32 TeilnehmerInnen unter dem Titel „Von der Manufaktur zum industriellen Unternehmen?“ die Frage, was die Langlebigkeit bestimmter Industrieunternehmen bedingt, z.B.: Gibt es typische Verläufe? Wie gelingt eine „nachhaltige“ Betriebsführung? Wie gelingt die betriebliche Anpassung an historische Veränderungen: Vom Fiskal- zum Kapitalbetrieb; Kriegssituationen; technische Innovationen usw.? Gibt es spezifische regionale, politisch-institutionelle Standortvor- oder –nachteile? u.a.m.
Nach einer Führung durch den laufenden Betrieb der Porzellanmanufaktur gab HANS-WERNER NIEMANN, Osnabrück, „Einige theoretische Vorbemerkungen zur Langlebigkeit von Unternehmen.“ Ausgehend von der Beobachtung, dass die Lebensdauer von Unternehmen heute 20 Jahre kaum übersteigt, entwickelte Niemann von der Transaktionskostentheorie her einige Thesen über die Erfolgsstrategien von Unternehmen. Zwar seien periodische Existenzkrisen, mithin „die Unwahrscheinlichkeit des Jubiläums,“ der Normalfall, doch ergebe sich eine hohe Vitalität durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Dazu gehört zunächst eine funktionierende Interaktion mit der Fähigkeit zu empathischer Kommunikation mit inneren wie äußeren Akteuren; die Lernfähigkeit der Institution; die Akzeptanz aller beteiligten Stakeholder für das Unternehmen; die Pflege spezieller Produkte sowie die Pflege der Marke. Zusammengefasst sei eine evolutorische Ökonomik ausschlaggebend.
HEIKE KNORTZ, Karlsruhe, diskutierte die Möglichkeit, „Die Porter’sche Cluster-Theorie zur Erklärung langjährigen Unternehmenserfolges“ zu nutzen. Hiernach können in einer Region Netzwerke von eng zusammen arbeitenden Firmen einer Branche entstehen, die auch langfristig mit Erfolg bestehen können, wie etwa die japanische Textilindustrie den Übergang von der Seiden- zur Kohlefaserherstellung erfolgreich vollziehen konnte. Knortz übertrug die Ansätze der Porter’schen Theorie auf die Region um Frankenthal im Nordosten der Pfalz, wo sich im Umfeld von Druckmaschinenherstellern (Koenig & Bauer AG, einer der weltweit ältesten Druckmaschinenhersteller) verwandte Branchen der Papier-, Folien- und Farbenindustrie angesiedelt haben. Langlebigkeit entsteht demnach durch das Suchen, nicht Vermeiden von Konkurrenten. Über Innovationen verwandter Produkte entsteht ein stimulierender Wettbewerb, der verwandte Branchen anzieht. Damit können sie die Ökonomie einer Region langfristig bestimmen.
Nach den theoretischen Vorüberlegungen wandte sich die Tagung einer speziellen Branche zu, der Porzellanindustrie. WILHELM SIEMEN, Selb, zeichnete „Die Entwicklung der europäischen Porzellanindustrie seit dem 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ nach. Nachdem die „Porzellankrankheit“ der Höfe abgeklungen war und die meist fiskalischen Manufakturgründungen des 18. Jahrhunderts um 1800 kriselten oder die Produktion gänzlich einstellen mussten, während die von Napoleon geförderte französisch-Pariser Porzellanindustrie prosperierte, investierten vermehrt private Unternehmer in die kapitalintensive Porzellanherstellung. Wichtige technische Innovationen wie die Entwicklung des Rundofens Mitte des 19. Jhs mit Koks- statt Holzfeuerung und nicht zuletzt die Eisenbahn förderten den Wandel des Porzellans vom Luxus- zum Massengut. Dabei durchlebte die Branche parallel zur allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung alle Aufs und Abs der Konsumgüterindustrie. Die Inflationszeit Anfang der 1920er Jahre brachte eine Scheinkonjunktur durch die Flucht der Menschen in Sachwerte, während die Depression auch die Porzellanindustrie stark in Mitleidenschaft zog. In der Nachkriegszeit sorgte der kriegsbedingte Ersatzbedarf an Geschirr für eine erneute Konjunktur, die jedoch aufgrund von Überproduktionen um 1955 einbrach. Die zweite Konjunktur der Branche in der Konsumwelle der späten 1960er/1970er und 1980er Jahre endete in einem lang dauernden Niedergang in der Gegenwart, europaweit bedingt durch die Globalisierung, wobei die Branche jedoch zu spät auf die Entwicklung reagiert hatte.
THOMAS KRUEGER, Fürstenberg, gab einen Überblick über die „Höhen und Tiefen – Die Porzellanmanufaktur FÜRSTENBERG im Wandel ihrer 260-jährigen Geschichte,“ wobei die Entwicklung spiegelbildlich zu der von Siemen zuvor skizzierten nachgezeichnet werden konnte. Die Manufaktur Fürstenberg stand in ihrer Geschichte mehrfach vor dem Aus. Doch trotz der „Unmöglichkeit des Jubiläums“ gelang es der jeweiligen Betriebsführung immer, im letzten Moment das Ruder herumzureißen. Unabhängig von persönlichen Stärken oder Schwächen von Persönlichkeiten in der jeweiligen Geschäftsführung waren für das Gelingen folgende Gründe entscheidend:
- In fürstlicher Zeit lag der Erhalt des Betriebes aus strukturpolitischen Gründen im Interesse des Fürsten bzw. seiner Kammerräte.
- Die Pächter (ab 1859) schafften es, mit einer Anpassung des Angebots die vor allem regionale Nachfrage nach „gutbürgerlichem“ Haushaltsporzellan zu befriedigen. Hilfreich war dabei, dass die Konkurrenz weiter entfernt vom Kernabsatzgebiet Nordwestdeutschland lag (Thüringen, Böhmen, Schlesien, Oberfranken). Das konnte den Wettbewerbsnachteil der Rohstoffferne (Kohle) in gewisser Weise ausgleichen.
- Bei der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft (1888) konnte diese Strategie vor allem dadurch erfolgreich fortgesetzt werden, weil der Fachhandel als Anteilseigner die Geschäftsführung bestimmte.
- Es gelang der Manufaktur immer, zeitgerecht, d.h. im letzten Moment, in die Modernisierung der de dato veralteten und abgeschriebenen Betriebsanlagen investieren zu können, wobei offenbar immer starke Kapitalgeber für das nötige Kapital zur Verfügung standen, (Tunnelofen 1952), so wie heute der Hauptgesellschafter (98%) NORD/LB.
- Nicht allein innovative Gestaltungen der Produkte sicherten die wirtschaftliche Basis, sondern Produkte im Zeitgeschmack: Eine marktgerechte Mischung von innovativen, prestigeträchtigen Produkten und gehobener Massenware (Bsp. neobarocke Formen und Industriedesign in den 1930er Jahren).
- Als „Notanker“ half immer der Export (Bsp. USA ab 1928).
- Wichtig war stets eine gewisse „Staatsnähe“ des alten Fiskalbetriebes, Tradition und Marke verhalf (und verhilft) dem Unternehmen als „Aushängeschild“ immer wieder zu Staatsaufträgen (Herzöge, Freistaat Braunschweig, Land Niedersachsen).
In einem gut besuchten öffentlichen Abendvortrag unternahm CARL-HANS HAUPTMEYER unter der Frage „Immer etwas zurück, aber zukunftsfähig?“ „Ein[en] Streifzug durch die niedersächsische Wirtschafts- und Sozialgeschichte,“ wobei er dem interessierten Publikum die Frage am Schluss mit einem klaren Ja beantworten konnte.
Nach den Regularia des Arbeitskreises begann der zweite Tag mit einem Blick auf die Entwicklungslinien der deutschen Papierindustrie seit dem 19. Jh. VICTOR-L. SIEMERS, Braunschweig, berichtete über „Gewinner und Verlierer der Entwicklungen im 19. und 20. Jh. in einigen deutschen Papiermacher-Regionen.“ Hier war besonders nachzuvollziehen, wie sich der Wandel von der handwerklichen Papiermühle zur –fabrik im Zeitalter der Industrialisierung vollzog: Den meisten frühneuzeitlichen Papiermühlen gelang der Übergang zur maschinellen Papierherstellung nicht, denn nur wenige Papiermüller-Dynastien konnten genügend Kapital (meistens durch fremde Kapitaleigner) aufbringen, in die neuen Papiermaschinen zu investieren; nur neuere, marktorientierte Papiermühlen des 18. Jhs schafften den Übergang. Bis heute ist der Kapitalbedarf für Papiermaschinen sehr hoch, beim Massenprodukt Papier ist Kapital wichtiger als Fachwissen.
ULRICH HEß, Wurzen, berichtete über „Wachsen oder überleben. Kleine und mittlere Unternehmen in Sachsen im 19. und 20. Jahrhundert. Beobachtungen und Überlegungen aus Gesprächen mit heutigen Unternehmern.“ Nach der Wende 1989/90 gelang es einigen Familienunternehmern, ihre in der DDR kollektivierten klein- und mittelständischen Unternehmen wiederzubeleben. Die Fa. Mühle-Glashütte GmbH, die sich bis ins 13. Jh. zurückverfolgen lässt, kann als Familienbetrieb mit hochqualifizierten Mitarbeitern und der Produktion von nautischen Instrumenten und Uhren an die feinmechanische Tradition im Raum Chemnitz anschließen. Blüthner-Flügel in Leipzig hatte großes Glück bei der Re-Privatisierung, da im Zuge der in Mode gekommenen historischen Aufführungspraxis der von Blüthner auch zu DDR-Zeiten gepflegte romantische Ton der Klaviere wieder hoch geschätzt ist. - Max Pommer-Spezialbeton in Leipzig – in 6. Generation - profitierte vom Nachwende-Bauboom und prosperiert trotz Ende des Booms durch geschickte Senkung der Opportunitätskosten.
Der Erfolg dieser unterschiedlichen Unternehmen hängt nach deren Selbsteinschätzung ab von der Erfüllung der Kriterien:
- richtiger Zeitpunkt für das Produkt,
- richtiges Markfenster,
- qualifizierte Fachkräfte,
- verlässliche Finanzierung,
- richtige Größe,
- Möglichkeit der Weitergabe in der Familie,
- Integrationsfähigkeit der Familie.
Herausforderungen an die Kontinuität sind die Generationen im Unternehmen, die Bewährung auf internationalen Märkten in der Zeit der Globalisierung, die demografische Entwicklung (Fachkräfte, Kunden). Überdies sind Tradition und Marke wichtige Faktoren, weil sie Verlässlichkeit vermitteln und zugleich der interne „Kitt“ für das Unternehmen in schwierigen Zeiten sind.
„Frühen Formen industrieller Produktion und betrieblicher Organisation im mittelalterlichen Ziegeleiwesen am Beispiel Erdings“ widmete sich MATTHIAS JOHANNES BAUER, Paderborn. Im Erdinger Stadtteil „Ziegelstatt“ wird seit dem 14. Jahrhundert Ziegelton abgebaut und verarbeitet. Bauer schilderte die kommunale Selbstorganisation des mittelalterlich-frühneuzeitlichen Saisonbetriebs zur Gewinnung von Baustoffen. Hier war es die Nähe zum elementaren Rohstoff, die die Langlebigkeit des Unternehmens sicherte. Noch nach 1945 wurde der Wiederaufbau der Stadt mit den Produkten der 1811 privatisierten Ziegelei (heute AUER) geleistet.
VIOLA HOFMANN, Dortmund, erläuterte „Die Entwicklung der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie am Beispiel der Firmen Trigema und Falke.“ Die Globalisierung hat dem Anschein nach der deutschen Textilproduktion als einstige Schlüsselindustrie einen Schlusspunkt gesetzt. Trotzdem behaupten sich einzelne deutsche Textilhersteller am Markt. Dazu gehören unter anderen die Firmen Falke (gegr. 1895) und Trigema (gegr.1919). Die Werdegänge der beiden Unternehmen reflektierten im Vortrag die Wechselwirkungen zwischen historisch gewachsenen Standortbedingungen, Technologie, Wirtschaftspolitik und Unternehmertum. Die Beispiele aus dem Textilsektor verdeutlichten wie die übrigen Beiträge auch, dass dauerhafter ökonomischer Erfolg nicht generalisierbar ist. Vielmehr sind es die individuellen Anpassungsstrategien, vor allem in Krisensituationen, die den beiden Unternehmen bisher den Erhalt sicherten. Im Vergleich wurde dargestellt, welche Chancen Produktionsstandorte im In- und Ausland bieten, wie Technisierung und Spezialisierung Wettbewerbsvorteile schaffen können, Marken als Identifikations- und Qualitätsfaktor genutzt werden und inwieweit Mode, Konsumverhalten und Produktion miteinander verzahnt sind.
PETER KUCHUCK, Bremen, skizzierte „Die AG „Weser“ 1843-1983. Unternehmensgeschichte einer Bremer Großwerft.“ Eisengießereien, Schmieden und Maschinenfabriken waren im 2. Drittel des 19. Jhs die Wurzeln des Eisenschiffbaus, nicht die alten Holzschiffswerften; denen fehlten Kapital und Know-how zum Metallbau. Zunächst ab 1846 mit dem Flussschiffbau beschäftigt, orientierte die AG „Weser“ bald auf öffentliche Aufträge: Postschiffbau und Marine-Ausbau des Kaiserreichs sicherten einerseits den Bestand, brachten das Unternehmen aber in Abhängigkeit von „Kriegs“-Konjunkturen. Die Kriegskonversion nach 1918 brachte statt Kaufleuten Bankiers in das Unternehmen, die zeitweilig im Kartell der DESCHIMAG den renditeorientierten Bau von Handelsschiffen forcierten. Ein ruinöser Preiskampf führte in der Weltwirtschaftskrise beinahe zum Zusammenbruch. Die NS-Politik brachte zunächst keine Entlastung, da eine Handelsschifffahrt nicht zum Autarkiestreben passte. Erst ab 1934/35 wurde der Handelsschiffbau als Devisenbringer begünstigt, ab 1937 wurde die AG durch die Aktienmehrheit Krupps zur Waffenschmiede. Nach der Demontage durch die Sowjetunion konnte der Schiffbau erst ab 1951 mit dem Bau von Großtankern wieder aufgenommen werden. Innovationen aus der Kriegswirtschaft (Sektionsbauweise aus dem U-Bootbau, Schweißung statt Nieten) ermöglichten eine Standardisierung im Schiffsbau. Die auf das Massengeschäft orientierte AG „Weser“ geriet seit den 1970er Jahren durch die Konkurrenz aus Japan, Korea und China zusehends unter Druck. Als Krupp den Gewinn-, Verlustabführungsvertrag kündigte, konnte die Werft nicht mehr lange bestehen. – Die Entwicklung der AG „Weser“ zeigt, dass der moderne Schiffsmarkt seit Mitte des 19. Jhs global, daher abhängig von der Weltkonjunktur und mithin krisenanfällig ist. Staatliche Subventionen und Bürgschaften können strukturelle Probleme mittelfristig nicht auffangen. Die Alternative Kriegswirtschaft wirkt mittelfristig eher als Hemmschuh, da hier keine Kontinuität besteht, sondern dieser „Markt“ besonderen Schwankungen unterliegt.
Nach den Schilderungen einzelner Betriebe oder Branchen schloss die Tagung mit der Vorstellung dreier Wirtschaftsregionen.
GUDRUN FIEDLER, Stade, erläuterte zunächst „Braunschweig: Wirtschaft ab Stunde Null. Eine Geschichte der Wirtschaft in der braunschweigischen Region nach 1945.“ Die Region war seit dem 19. Jh. der zweitwichtigste Wirtschaftraum auf dem Gebiet des heutigen Landes Niedersachsen. Der Raum von Wolfsburg bis Goslar und von Peine bis Helmstedt zeichnet sich im Vergleich zum restlichen Bundesgebiet durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil des produzierenden Gewerbes sowie durch eine traditionell hohe Exportorientierung aus. Innerhalb dieses Wirtschaftsraumes hat sich die ökonomische Struktur seit 1945/46 dramatisch durch Deindustrialisierungsprozesse verändert. – Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es wenige Vernetzungen zwischen den traditionellen, im 19. Jahrhundert entstandenen, vor allem in der Stadt Braunschweig ansässigen Industrien (Konserven- und Verpackungsindustrie, spezialisierter Maschinen- und Anlagenbau, spezialisierte Mühlenbautechnik und Zuckerindustrie als echter Standortverbund, ergänzt durch elektronische bzw. feinmechanische und optische Industrie, u.a. mit Firmen von Weltruf wie Brunsviga/Olympia, Rollei, Voigtländer oder die Braunschweigische Maschinenbauanstalt BMA sowie Metallverarbeitung im Nordharzer Industriegebiet um Goslar und Bergbau im Harz) und den 1937/38 von Berlin aus gegründeten, zunächst staatlichen Großbetrieben mit Firmensitz in Wolfsburg (Straßenfahrzeugbau) und Salzgitter (Eisenerzabbau im Gebiet Peine-Salzgitter, Stahlherstellung sowie angelagerte Maschinenindustrie). Weitere Industrien siedelten sich seither nur vereinzelt an. – Die beiden Großbetriebe konnten die marktwirtschaftlichen Bedingungen der exportorientierten Bundesrepublik für sich nutzen und haben den in den 1970er Jahren einsetzenden beschleunigten Strukturwandel durch schwierige und kostenintensive Anpassungsprozesse bis heute gemeistert. Das alte braunschweigische Industriezentrum jedoch ging in den 1970er Jahren unter. Die Symptome deuteten sich schon bei temporär krisenhaften Entwicklungen der 1950er Jahre an, denen bereits seit der Wende zum 20. Jahrhundert eine kriselnde Entwicklung vorausgegangen war, nur unterbrochen durch die NS-Rüstungsproduktion. Eingehendere Analysen stehen noch aus. Die ökonomischen Veränderungen der 1970er schlugen auf alle Industrien der überdurchschnittlich vom Export abhängigen Region gravierend durch: Die auf hart umkämpften Märkten international angebotenen Produkte waren u.a durch die teurer werdende D-Mark (freie Wechselkurse) und durch überdurchschnittliche Lohnerhöhungen nicht mehr konkurrenzfähig, japanische und koreanische Firmen traten als flexibel agierende Wettbewerber auf (v.a. bei Fototechnik und Büromaschinen). Die Gewinne regionaler Industrien sanken in kürzester Zeit dramatisch, so die der BMA 1972 auf ein Dreißigstel des Reinerlöses der früheren Jahre. Weitere Ursachen: Ausruhen auf einstigen, durch international erfolgreiche Spitzenprodukte erzielten Erfolgen und geringe Innovationsfreude bei gleichzeitiger Unterschätzung der nachhaltigen Veränderungen der Weltmärkte und des Weltfinanzsystems (Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems); fehlende Produktivität, kaum oder verspätete Umstellung auf neue Modelle der Betriebs-, Produktions- und Vertriebsorganisation (Ablösung des amerikanischen Fordismus durch das japanische Modell des Toyotismus ), mangelndes Kapital, zu hohe Dividenden. – Trotz wirtschaftsfördernder Maßnahmen durch die niedersächsische Landesregierung in den 1980er Jahren ließ sich der vollständige Abbau der Industrie im Harz ebenso wenig stoppen wie die weitreichende Deindustrialisierung in der Stadt Braunschweig. Die ehemalige Industriestadt wandelte sich, u.a. mit staatlicher Unterstützung, in das heutige Dienstleistungszentrum mit einem hohen Anteil an (unternehmensbezogener) Forschung und einem dynamisch wachsenden Finanzdienstleister (VW Financials). Seit den 1990er Jahren bilden sich unter Beteiligung von Volkswagen und der Salzgitter AG (Stahlerzeugung u.a. für den Fahrzeugbau) zusammen mit mittelständischen Betrieben, der IG Metall, den Kommunen sowie den Hochschulen ein regionale Netzwerke u.a. im Bereich der Zulieferung, Ausbildung oder Innovation in der technischen Produktion. Zeitweise moderierend unterstützt durch (Politik-) Wissenschaftler der TU Braunschweig wird unter dem Leitbild einer ’Verkehrskompetenzregion’ die Entwicklung zu einem neuen Standortverbund sichtbar.
Im Anschluss stellte JÜRGEN BLOCK, Holzminden, mit „Düfte und Stadtentwicklung in Holzminden. Chancen und Risiken einer Partnerschaft“ vor. Dass sich in dem kleinen Holzminden im strukturschwachen Weserbergland seit gut 100 Jahren zwei Hersteller von synthetischen Düften (DRAGOCO und Haarmann & Reimer) entwickelt haben, ist allein dem speziellen Produkt und dem hier konzentrierten „Wissen“ der hochspezialisierten Chemiker und Parfumeure geschuldet. Für die Stadt bedeutete das zwar den einigermaßen glatten Übergang von der agrarisch strukturierten Ackerbürgerstädtchen zur industriell geprägten Kleinstadt mit ca. 20.000 Einwohnern, doch führte diese Abhängigkeit in den vergangenen Jahren auch zu großen Problemen. Die Fusion der beiden traditionsreichen Unternehmen – eines in Familienbesitz, das zweite im Bayer-Konzern beheimatet – zur SYMRISE AG ließ zwar den weltweit viertgrößten Hersteller von Duft- und Aromastoffen entstehen, doch der renditeorientierte „Global Player“ ist auf die Stadt als Produktionsstandort nicht mehr angewiesen, wenn auch aufgrund der „human resources“ als Standort für Forschung und Entwicklung. Der „Fluch der fetten Jahre“ hat jedoch in der Stadt dazu geführt, dass keine Zukunftsvorsorge betrieben wurde. Ob in Zukunft Tourismus und Dienstleistungen die Prosperität zurückbringen wird, bleibt zweifelhaft.
Schließlich stellte JÖRG LEUSCHNER, Salzgitter, ergänzend zum Beitrag Gudrun Fiedlers, Die Salzgitter-Region als Beispiel für Kontinuitäten und Brüche in der Entwicklung einer Montanlandschaft“ vor. Die in der 2. Hälfte des 19. Jhs beginnende Ausbeute der schon lange bekannten Erzlagerstätten ist aufgrund ihrer verhältnismäßig geringen Eisengehalte von ca. 30% gegenüber 60% der Minette-Erze in Elsaß-Lothringen nur durch den großen Bedarf im Zuge der Hochzeit der Industrialisierung zu erklären. Die zweite Konjunkturphase der Eisenverhüttung erklärt sich aus den Autarkiebestrebungen der NS-Zeit und der bis in die jüngste Vergangenheit wirkenden strukturpolitischen Stützungsmaßnahmen.
Die Abschlussdiskussion brachte noch einmal die Heterogenität der vorgestellten Entwicklungen zum Ausdruck. Zur Beantwortung der Generalfrage der Tagung: "Wie können Unternehmen über lange Zeit bestehen?" wurden als Voraussetzungen genannt:
- umsichtige Unternehmerpersönlichkeiten (Empathie), die durchsetzungsfähig, aber zugleich achtsam sind (Bsp. Beiträge Siemen, Heß, Hofmann, Block);
- eine regionale Kompetenzbündelung (Standortverbunde/Cluster; Bsp. Beiträge Knortz, Siemen);
- Kapital (Bsp. Beitrag Siemers, Kuckuck);
- Vitalität bzw. Transformationsfähigkeit in Umbruchphasen, etwa flexible Reaktionen auf den Markt bis hin zum Austausch der Produkte (Bsp. Beiträge Heß, Kuckuck);
- eine enge Bindung an Kunden und Belegschaft (Bsp. Beiträge Krueger, Heß, Bauer, Block;
- ein Paktieren mit den jeweils politisch Bestimmenden unter Wahrung unternehmerischer Autonomie oder zumindest Aufrechterhaltung der Arbeitnehmerkompetenz (Bsp. Beiträge Heß, Kuckuck, Leuschner);
- Qualitätsprodukte für spezielle hochrangige Märkte (Bsp. Beiträge Siemen, Krueger, Heß, Hofmann).
Grundsätzlich wurde noch einmal die Frage aufgeworfen, was denn daran so erstrebenswert sei, dass ein Unternehmen lange bestehe. Während betriebswirtschaftlich betrachtet das Verschwinden und neu Entstehen von Unternehmen durchaus ein Ausweis von Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sei, würdedem das Bewusstsein von „Tradition,“ auch im Sinne von „Marke“ entgegenstehen. Demgegenüber sei volkswirtschaftlich die verlässliche Einbindung von Wirtschaftsunternehmen in die ökonomischen Kreisläufe einer Region und damit die Befriedigung der Grundbedürfnisse der dort lebenden Menschen bedeutend.
Nur angedeutet werden konnten die Fragen nach der Bedeutung des Staates für die Langlebigkeit von Unternehmen. Ebenso nur problematisiert werden konnte, ob der derzeit herrschende managementgestützte Kapitalismus wandlungsfähig genug ist, die offensichtlich anstehenden Umbrüche im Kapitalismus (Problem Wachstum vs. Ökologie) zu beherrschen, und ob die betriebswirtschaftliche Lehre als quasi naturgesetzlich-exakte Wissenschaft zur Problemlösung beitragen kann. Möglicherweise sind auch unter diesem Gesichtspunkt mittelständische Personengesellschaften, die sich auch in einer sozialen und ökologischen Verantwortung sehen, stabiler als rein kapitalbasierende, renditeorientierte Gesellschaften.
Die gegenwärtige „Heuschrecken“-Diskussion und die Turbulenzen auf den Finanzmärkten zeigen, dass die Fragen, die diese historische Tagung nur anreißen konnte, hoch aktuell sind.
Thomas Krueger
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Citation:
Gudrun Fiedler. Review of , Von der Manufaktur zum industriellen Unternehmen?.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
October, 2007.
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