Ungleiche wirtschaftsräumliche Entwicklungen in Nordwestdeutschland (Teil II). Hannover: Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 25.11.2006.
Reviewed by Gudrun Fiedler
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2007)
Ungleiche wirtschaftsräumliche Entwicklungen in Nordwestdeutschland (Teil II)
Die Tagung des Arbeitskreises für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, deren wissenschaftliche Leitung Hans-Werner Niemann (Universität Osnabrück) übernommen hatte, fand am 25. November 2006 in Hannover statt. Thematisch bildete die Tagung die Fortsetzung der Zusammenkunft vom 11. März 2006 zum Thema „Ungleiche wirtschaftsräumliche Entwicklungen in Nordwestdeutschland“. Ging es im ersten Teil zunächst um die Herausarbeitung der allgemeinen statistischen Befunde und die Identifizierung der ökonomischen Disparitäten Niedersachsens im 19. und 20. Jahrhundert, so widmete sich die Tagung am 25. November anschließend der Analyse und Diskussion einzelner regionaler Fallbeispiele und der Betrachtung bestimmter Faktoren, die eine raumdifferenzierende Wirkung entfalteten.
Klaus.-J. Lorenzen-Schmidt referierte über das Thema „Nicht nur Hamburg-Rand – Ökonomische Binnendifferenzierung in Schleswig-Holstein im 19. und 20. Jahrhundert“. Er betonte, dass die heutige Situation der ökonomischen Bevorteilung des Umlandgebietes von Hamburg (Hamburg-Rand oder „Speckgürtel“) bisweilen den Blick auf andere Präferenzgebiete in der historischen Entwicklung verstelle. Der Referent verwies in diesem Zusammenhang auf die gänzlich andere wirtschaftsräumliche Verteilung in vorindustrieller Zeit. So seien im 17. und 18. Jahrhundert die von ihren naturräumlichen Voraussetzungen benachteiligten nordfriesischen Inseln ein wichtiges Reservoir für Nautiker und Fachpersonal für die niederländische, später hamburgische und holsteinische Wal- und Robbenfangfahrt gewesen und hätten eine ausgesprochene Blüteperiode erlebt. Lorenzen-Schmidt verwies darüber hinaus auf die gutsherrlich strukturierten Zonen im östlichen Hügelland, die den Gutsherren im 16. und 17. Jahrhundert reiche Gewinnmöglichkeiten (Agrarexporte) boten oder den Wohlstand der freien Bauern an der Westküste mit großen Marschanteilen ausbauten. Die Industrialisierung habe dort nur bestimmte Bereiche erfasst und andere Zonen in agrarischen Strukturen verharren lassen. Als frühe Industrialisierungszonen identifizierte der Referent den südwestholsteinischen Raum (Achse Altona bis Itzehoe) und die größeren Städte (Neumünster, Kiel, Flensburg), nicht aber das bis 1937 eigenständige Lübeck. Lorenzen-Schmidt resümierte, dass die Industrialisierungsphase, die in Schleswig-Holstein nicht nur durch gewerbliche Unternehmungen (Metallindustrie, Textil- und Lederindustrie, daneben Nahrungsmittelverarbeitung) zum Tragen kam, sondern auch den Dienstleistungssektor stark berührte, eine für das Deutsche Reich eher durchschnittliche Entwicklung darstelle, die allerdings zu wirtschaftlich erheblich disparaten Kleinräumen mit zwischen 1880 und 1930 hoher Stabilität geführt habe. Demgegenüber sei die Entwicklung des Hamburg-Randes in erster Linie ein Resultat der Expansion der hamburgischen Wirtschaft über die Stadtgrenzen von 1937 hinaus und der Lokation von Zulieferbetrieben in der Nähe des Zielortes ihrer Produkte. Ökonomische Gegengewichte (etwa die Kern-Region: Kiel, Eckernförde, Rendsburg, Neumünster) hätten sich in jüngster Vergangenheit nicht etablieren können. Heute sei der Norden und Westen des Landes gewerblich und von den Arbeitsplätzen her unterentwickelt, während insbesondere der Süden und Südosten boome.
Gerhard Schildt ging in seinem Referat „Die Gemeinheitsteilungen in den welfischen Territorien und ihre Wirkung auf die Häuslinge“ regional unterschiedlichen Auswirkungen der liberalen Agrarreformen nach. Ausgangspunkt seiner Betrachtungen war die von Werner Sombart in seinem Werk „Der moderne Kapitalismus“ (Bd. 3, 1927) vertretene und bis in die 1980er Jahre wiederholte These, die Agrarreformen in den Gebieten der norddeutschen Grundherrschaft seien zwar für die Bauern außerordentlich vorteilhaft gewesen, hätten aber die unterbäuerliche Schicht benachteiligt, da die Aufteilung des so genannten Gemeindebesitzes unter die formal allein weideberechtigten Reiheeinwohner den Häuslingen bzw. Heuerleuten die Möglichkeit genommen habe, ihr Vieh weiterhin auf die Gemeinheiten oder Marken zu treiben. Schildt belegte in seiner Analyse des statistischen Materials nicht nur die Fragwürdigkeit dieser These, sondern arbeitete dabei wesentliche regionale Unterschiede bezüglich der Auswirkungen der Agrarreformen heraus. Er verwies insbesondere auf die anscheinend einzige schichtenspezifische Viehstatistik in den welfischen Territorien aus dem Jahre 1848. Er unterstrich, dass nach dieser Viehstatistik die Häuslinge in den Lößgebieten nördlich der Mittelgebirge vor den Gemeinheitsteilungen kaum Vieh gehalten hätten. Die Landdrostei Hildesheim zählte z. B. nur 0,06 Rinder pro Häusling, die Landdrostei Aurich dagegen 1,61 Rinder. Auch waren die Gemeinheiten im Süden relativ klein (Lamme bei Braunschweig circa 22 Prozent der Gemarkung, Albstedt, Kreis Cuxhaven dagegen circa 82 Prozent). Schildt fasste zusammen, dass von einer Benachteiligung der Häuslinge zumindest auf den fruchtbaren Lößböden also nicht gesprochen werden könne.
Olaf Grohmann befasste sich in seinem Beitrag „... nicht hinreichend mit Steinkohlen werde versorgt werden können – Niedersachsens schwarzes Gold und die große Industrie“ mit der raumdifferenzierenden Wirkung des fossilen Energieträgers Steinkohle und seiner Bedeutung für die regionale Industrialisierung des Raumes Hannover. Der Referent legte zunächst den groben Verlauf der Industrialisierung im heutigen Niedersachsen dar. Danach entwickelten sich Hannover, insbesondere aber Linden, zu Industriestandorten, die auf den Energieträger Steinkohle angewiesen waren. Grohmann verwies darauf, dass die in Norddeutschland gefundene Steinkohle (Wealden- oder Berriaskohle) von geringerer Qualität als die Ruhrkohle sei und nur in kleinen Flözmächtigkeiten vorkomme. Dennoch sei die Nachfrage nach der unter anderem am Hils, am Osterwald, am Süntel und am Deister, in den Bückebergen und der Schaumburger Mulde abgebauten heimischen Steinkohle ständig gestiegen. Da sie nur über kurze Distanzen zum Abnehmer transportiert werden musste, fielen ihre qualitativen Nachteile nicht sonderlich ins Gewicht. Die Inbetriebnahme der so genannten Deisterbahn von Weetzen bis nach Haste, einer Zweiglinie der Strecke von Hannover nach Altenbeken, im Jahr 1872 hätten die bis dahin bestehenden Transportschwierigkeiten beseitigt und 1872 seien mehr als 60 Prozent der hannoverschen Dampfkessel mit Kohle aus dem Deister befeuert worden. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts habe sich der Deister (Barsinghausen) neben dem Schaumburgischen zum Zentrum des niedersächsischen Steinkohlenbergbaus entwickelt. Den entscheidenden Grund für den allmählich schwindenden Standortvorteil der niedersächsischen Steinkohle sah Grohmann in dem stetigen Ausbau der Transportkapazitäten. Die politische und wirtschaftliche Entwicklung in der Zeit vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis zur Überwindung der unmittelbaren Folgen des Zweiten Weltkrieges hätten allerdings den Fortbestand des eigentlich unrentablen Steinkohlenbergbaus in den beiden genannten Hauptrevieren unterstützt. Die Einstellung des Betriebes erfolgte in Barsinghausen 1957, in Obernkirchen 1962.
Martin Stöber widmete sich in seinem Beitrag „Landschaft ist ein Prozess – zur Raumwirksamkeit der Rohstoffnutzung in Calenberger Börde und Leine-Bergland“ den vielfältigen Auswirkungen der Gewinnung von Deisterkohle nahe der Stadt Barsinghausen auf die Veränderung der Landschaft. Er folgte den Spuren des Bergbaus, die von lokalen Einflüssen auf die Kulturlandschaft (Pingenfelder, Stollen, Schächte, Halden, Transportwege) bis hin zu nachhaltigen Auswirkungen auf die räumlichen Strukturen im Süden der Region Hannover reichen. Der Referent verwies auf die nachhaltigen demographischen Auswirkungen des industriellen Tiefbaus. So hätten alle sieben wichtigeren Bergbauorte auf dem Gebiet des späteren Altkreises Hannover (Kreisgebiet wie 1960) zwischen 1821 und 1871 ein überdurchschnittliches Bevölkerungswachstum verzeichnet und Orte wie Egestorf und Barsinghausen hätten sogar das Dreifache des Durchschnittswertes erreicht. Bis heute spiegelten sich der Bergbau und die Bevölkerungsentwicklung im Ortsbild durch zahlreiche Bergmannshäuser oder kleinere Bergmannssiedlungen wider. Barsinghausens wesentlich durch den Bergbau gefestigte zentralörtliche Funktionen hätten das Ende der Förderung 1957 überlebt, da das örtliche Potential (wie Arbeitskräfte, Infrastruktur) wohl gute Voraussetzungen für die Ansiedlung von Folgebetrieben bot. Von der Bergbaulandschaft am Deister, so Stöber, sei abgesehen von Abraumhalden heute nur noch wenig zu sehen. Gerade daran zeige sich, dass Landschaft ein Prozess sei. Der Referent schloss mit dem
Hinweis, es sei eine dankbare Aufgabe, bestehende Forschungslücken über die Raumwirksamkeit der Rohstoffgewinnung und deren Rolle im Rahmen der regionalen Differenzierung im südniedersächsischen Berg- und Hügelland zu schließen.
Christian Heppner ging in seinem Referat „Konkurrierende Urbanität: Hannover und die neue Stadt Garbsen“ dem interessanten Phänomen der Verstärkung von Suburbanisierungsprozessen und der Aufwertung des suburbanen Raums im Umfeld großstädtischer Agglomerationen zu einem neuen städtischen Raumtyp nach, der in der Planungstheorie als „Postsuburbia“ oder „Zwischenstadt“ bezeichnet wird. Diese Entwicklung lässt sich anhand zahlreicher Stadtrechtsverleihungen im Umfeld größerer Städte auch im Flächenstaat Niedersachsen beobachten. Insbesondere die Region um die Landeshauptstadt Hannover sticht mit zehn derartigen „Stadtneugründungen“ seit 1945 hervor.
Heppner analysierte in seinem Beitrag am Beispiel der 1967–1974 entstandenen Stadt Garbsen wesentliche Elemente dieser Entwicklung. Er kontrastierte die Großstadt Hannover, die seit Ende der 1960er-Jahre mit Wachstumsstockungen z.B. im Bereich von Einwohnerentwicklung, Gewerbeflächenausweisung oder Wohnungsbauprojekten zu kämpfen hatte, mit der Stadt Garbsen. Diese hatte dagegen unter dem Eindruck von Flüchtlingsansiedlung und Automobilisierung, sozialem Wohnungsbau und Eigenheim-Boom, industrieller Randwanderung und wirtschaftlicher Tertiärisierung eine explosionsartige Entwicklung zu verzeichnen. Die Bildungs- und Kulturoffensive der 1970er-Jahre, das Entstehen neuer Einzelhandelsformen wie das Einkaufscenter und der Druck der 1974 abgeschlossenen Gebietsreform begünstigten die Entstehung von neuen städtischen Schwerpunkten. Gleichwohl führten sie zur Bildung einer polyzentrischen Stadtfigur, die bereits in sich das Abbild einer ebenso unübersichtlichen wie vitalen, modernen Stadtlandschaft ist.
Der die Tagung abschließende und in zentralen Aspekten resümierende Beitrag von Carl-Hans Hauptmeyer fragte nach den seit dem Späten Mittelalter über Jahrhunderte mehr oder weniger konstanten sozioökonomischen Raummustern Niedersachsens und damit sozusagen nach dem „harten Gestein“ der Wirtschaftsentwicklung.
Im Mittelpunkt des Vortrages standen folgende Thesen: Die regionale ökonomische Struktur des niedersächsischen Raumes geht in den Wesenszügen auf das Späte Mittelalter zurück. Einwirkungen der frühneuzeitlichen Territorialstaaten, Zuwanderungen nach dem Zweiten Weltkrieg und selbst die Industrialisierung veränderten die regionale wirtschaftliche Gliederung nicht prinzipiell. Prägend wirken weiterhin die naturlandschaftlichen Großräume und die bereits im Mittelalter festliegenden Verkehrsleitlinien. Dennoch haben sich die niedersächsischen Teilräume immer wieder neuen Gegebenheiten, die insbesondere von außen einwirkten, flexibel gezeigt. Hierbei herrschten nicht originäre Innovation, sondern nachholende Modernisierung und Konkurrenzfähigkeit durch Imitation vor. Die aktuelle Wirtschaftsdynamik gerade in traditionell agrarischen Räumen verweist auf das Wachstumspotential, das auf sozialer Stabilität beruht.
Hauptmeyer bezeichnete es in diesem Zusammenhang als eine zukünftige Forschungsaufgabe für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, nach dem historischen Hintergrund der regional unterschiedlichen Flexibilität im Umgang mit ökonomischen Innovationen zu fragen. In der abschließenden Diskussion wurde hierzu ein erster Austausch von Historikern der Universitäten in Osnabrück, Hamburg, Braunschweig und Hannover für das erste Quartal 2007 vereinbart.
Alles in allem verdeutlichten die beiden Tagungen im März und November 2006, dass die Erforschung ungleicher wirtschaftsräumlicher Entwicklungen im vielgestaltigen Niedersachsen noch am Anfang steht, aber gerade in einer längeren zeitlichen Perspektive großen Erkenntnisgewinn verspricht.
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Citation:
Gudrun Fiedler. Review of , Ungleiche wirtschaftsräumliche Entwicklungen in Nordwestdeutschland (Teil II).
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February, 2007.
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