Moral im Nationalsozialismus. Analyse - Umsetzung - Reaktion. Hamburg: Leo Baeck Institut London, Hamburger Institut für Sozialforschung, mit Unterstützung des evangelischen Studienwerks Villigst und der Wiener Library London, 03.07.2002-06.07.2002.
Reviewed by Raphael Gross
Published on H-Soz-u-Kult (September, 2002)
Moral im Nationalsozialismus. Analyse - Umsetzung - Reaktion
Die erste gemeinsame Tagung des Hamburger Instituts für Sozialforschung und des Leo Baeck Instituts London (unterstützt vom Evangelischen Studienwerk Villigst) untersuchte „Moral im Nationalsozialismus“.
Wir, die Veranstalter, PD Dr. Werner Konitzer (HIS) und Dr. Raphael Gross (LBI), hatten mit der Tagung die Absicht verfolgt, die Strukturen moralischer Argumentationen während der NS-Zeit in Deutschland aufzuzeigen: Schande, Ehre, Betrug, Anständigkeit, Opferbereitschaft und weitere eng mit der NS-Ideologie verknüpfte Kernbegriffe sollten daraufhin untersucht werden, wie sie auf der Ebene geteilter moralischer Urteile wirkten. Welche Äußerungen, Einstellungen oder Handlungen verknüpften sich mit diesen Begriffen, insofern sie über ihre traditionelle semantische Bedeutung hinaus im NS eine spezifische Prägung – meist Radikalisierung – erfahren haben? Wir gingen von einem aus der Philosophie der moralischen Gefühle von Adam Smith begründeten und später von Ernst Tugendhat in Deutschland neu reflektierten Modell aus: Sie folgten also weder psychologischen, psychoanalytischen oder rein pflichtenethischen Ansätzen, um das vielfältige empirische Material zu dem Thema zu analysieren. Dieses empirische Material versuchten wir durch zahlreiche Kurzvorträge aus den unterschiedlichsten Themenbereichen bereitzustellen: NS-Philosophie, protestantische Theologie, SS-Moral, Pädagogik, Literatur, Film etc. Zudem wurde in einer Schlusssektion nach den jüdischen Reaktionen in Deutschland auf die NS-Moral gefragt und dabei das Beispiel von Rabbiner Leo Baeck untersucht.
Eingeleitet wurde die Tagung durch einen Abendvortrag von Prof. Dr. Gesine Schwan mit dem Titel: "Wussten sie nicht, was sie tun? Die Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus". Sie bot einen Gesamtüberblick über die Diskussion der Frage des vorhandenen oder nicht vorhandenen Gewissens der Deutschen vor 1945, und entwickelte die These, daß auch während der Zeit des Nationalsozialismus konventionelle und traditionelle Moralvorstellungen sehr wohl erhalten blieben, die von der NS-Moral nur überformt aber nicht vollkommen beseitigt wurde.
In den folgenden drei Tagen wurden in sieben Sektionen einzelne Themen oder Quellenbereiche durch Kurzreferate und Korreferate vertieft. Die Tagung war durchgehend von einer sehr hohen Intensität und einer sehr guten Gesprächsatmosphäre geprägt. Einer der mehrfach beleuchteten Begriffe – „Opferbereitschaft“ – gewann dadurch etwa zunehmend an Konturen. Es wurde deutlich, dass die Fragestellung nicht nur auf überaus breites historisches Material zurückgreifen kann, sondern auch, wie anspruchsvoll es im Einzelnen ist, aus der ersten Person heraus, eine Analyse einzelner Kernbegriffe zu leisten. Verschiedene Fallen zeichneten sich dabei ab, die auch im Laufe der Diskussionen immer wieder zu Verwirrung führten: Psychologische Kategorien zur Erklärung moralischer Haltungen, Urteile oder Handlungen sind eher dazu geeignet, die Fragen zu verstellen, als sie zu klären. Genauso scheinen Ansätze, die versuchen, von einem einzigen Punkt aus das gesamte NS-Moralsystem zu erklären, wenig erfolgsversprechend. Insofern hat die Tagung durch die verschiedenen Schwerpunkte sehr gut deutlich gemacht, dass ein Verständnis der dem Nationalsozialismus inhärenten – und ihn erst in seinem ganzen Ausmaß ermöglichenden – Moral, großer methodischer und empirischer Arbeit bedarf. Sie hat gleichzeitig – wenn auch an kleinen Beispielen – gezeigt, welche neuen Perspektiven sich durch diese Analyse ergeben werden – Perspektiven, die weit über die Jahre 1933-1945 hinaus unser Verständnis für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts erweitern werden.
Programm & Referenten/innen
Abendvortrag
Prof. Dr. Gesine Schwan (Frankfurt/Oder)
Wussten sie nicht, was sie tun? Die Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus.
Einleitung
Dr. Werner Konitzer (Hamburger Institut für Sozialforschung) / Dr. Raphael Gross (Leo Baeck Institute London)
Moral im Nationalsozialismus
Philosophie und Ethik im NS. Opfer – Opferkult – Ehrenschutz
Chair: PD Dr. Werner Konitzer (Hamburger Institut für Sozialforschung)
Ref: Dr. Michael Reiter (Berlin)
Opferbegriff bei Heidegger, Böhm, Sombart und Toennies.
Ref: PD Dr. Christian Strub (Leo Baeck Institute London )
Ehre als “Höchstwert”.
„Meine Ehre heißt Treue“ – Moral der SS und der Partei
Chair: Dr. Ulrich Bielefeld (Hamburger Institut für Sozialforschung)
Ref: Armin Nolzen (Bochum)
„Die Partei muß eine Minorität kampfbereiter, entschlossener, aktiver Menschen sein”. Moralvorstellungen und “richtiges Handeln” in der NSDAP, 1919-1945.
Ref: Dr. Gudrun Schwarz (Hamburger Institut für Sozialforschung)
Männer und Frauenmoral in der SS.
Ref: Dr. Nick Zangwill (London)
Moral der deutschen Ordnungspolizei.
Entschlußkraft: Film und Propaganda
Chair und Kor: Prof. Dr. John A. S. Grenville (Birmingham)
Ref: Matthias Weiss M.A. (Bochum)
Der Wille zur Vorstellung. ‘Tatkraft’, Film und Propaganda in der ‘Volksgemeinschaft’.
Gehorsam, Anstand und Reinheit in der NS-Pädagogik und Literatur
Chair: Prof. Dr. Klaus Briegleb (Hamburg)
Ref: Dr. Birgit Erdle (Berlin)
’Ethik des Völkischen’. Hanns Rössners deutsche Literaturwissenschaft.
Ref: Dr. Ute Benz (Berlin)
Moral in deutschen Kinderstuben und ihre langanhaltenden Wirkungen.
Ethik und Gerechtigkeit in der protestanischen Theologie
Chair: Prof. Dr. Ursula Büttner (Hamburg)
Ref: Tanja Hetzer M.A. (UHK Bertelsmann)
Vollzug Gottes Gerechtigkeit am Volke Israel: Theologische Kommentare zur Judenpolitik.
Ref: Prof. Dr. Heinrich Assel (Universität Koblenz)
Das Selbstopfer des Täters am Schreibtisch – Politische Christologie im NS-Protestantismus.
Kor: PD Dr. Manfred Gailus (Berlin)
Verrat und Betrug: Antisemitismus und nationalsozialistische Moral
Chair: Dr. Stefanie Schüler-Springorum (Hamburg)
Ref: Dr. Monika Boll (Bochum)
Was ist gesellschaftlicher Antisemitismus? Revision eines Ansatzes von Hannah Arendt.
Ref: Uffa Jensen M.A. (Berlin)
Moralischer Antisemitismus. Überlegungen zur Genese des Judenbildes in der bürgerlichen Bildungskultur des 19. Jahrhunderts.
Kor: PD Dr. Klaus Holz (Evangelisches Studienwerk Villigst)
Jüdische Reaktionen: Leo Baeck
Chair: Prof. Dr. Peter Pulzer (All Souls College Oxford)
Ref: Dr. Martin Liepach (Frankfurt am Main)
Ref: Dr. Fritz Backhaus (Frankfurt am Main)
Leo Baeck – Aporien eines Rabbiners.
Kor: Dr. Arnold Paucker (Leo Baeck Institute London)
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Citation:
Raphael Gross. Review of , Moral im Nationalsozialismus. Analyse - Umsetzung - Reaktion.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
September, 2002.
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