Digitale Fotografie. Kulturelle Praxen eines neuen Mediums, Arbeitstagung der Kommission Fotografie der deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv). Marburg: Irene Ziehe und Ulrich Hägele in Zusammenarbeit mit dem Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft, Philipps-Universität Marburg, dem Bildarchiv Foto Marburg und dem Jonas Verlag, 19.09.2008-21.09.2008.
Reviewed by Christiane Cantauw
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2009)
Digitale Fotografie. Kulturelle Praxen eines neuen Mediums, Arbeitstagung der Kommission Fotografie der deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv)
Obwohl die digitale Fotografie längst zu unserem Alltag gehört, harrt dieses Feld nach wie vor einer eingehenden Untersuchung. Längst überfällig ist die Auseinandersetzung darüber, welche kulturellen Folgen die Entmaterialisierung der Fotografie nach sich zieht. Wie gehen wir als Fotografierende, als Rezipienten oder als Wissenschaftler mit der Tatsache um, dass Fotografien im sogenannten digitalen Zeitalter mehr denn je eine Scheinwelt repräsentieren, deren materieller Gehalt gegen Null tendiert? Repräsentiert die digitale Fotografie einen Paradigmenwechsel?
Die vor sieben Jahren gegründete Kommission Fotografie hat sich mit dem Thema „Digitale Fotografie“ einem höchst aktuellen Forschungsfeld zugewandt, das im Rahmen einer dreitägigen Veranstaltung in Marburg von allen Seiten beleuchtet werden sollte. Traditionell waren neben den Kulturwissenschaftlern und Vertretern benachbarter Disziplinen auch Fotografen angesprochen worden, sich an der Tagung als Referenten oder Zuhörer zu beteiligen.
IRENE ZIEHE (Berlin), die Sprecherin der Kommission Fotografie, wies in ihrer Begrüßung darauf hin, dass die Beschäftigung mit digitaler Fotografie in der Fotografieforschung längst überfällig sei. Seitens der Veranstalter habe man sich bemüht, das Feld der Referentinnen und Referenten möglichst interdisziplinär zu besetzen, auch die praktische Seite, die Sichtweise der Fotografinnen und Fotografen solle beleuchtet werden und nicht zu kurz kommen.
Der erste Tagungstag brachte Referatbeiträge von ULRICH HÄGELE (Tübingen) und ROLF SACHSSE (Saarbrücken). Hägele gelang es in seinem Beitrag mit dem Titel „Scheinwelten. Über die Digitalisierung der Fotografie und ihre Bedeutung für die Kulturwissenschaft“ die Virulenz der Thematik aufzuzeigen. Seine Hypothese, dass das Bild als Ding und Objektivation wieder stärker deutend in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses gerückt werden müsse, machte auch vor dem digitalen Bild nicht Halt und mündete in die Frage, ob das digitale Zeitalter ein Verschwinden der Dingwelt, eine Dematerialisierung einläute und dementsprechend die Beschäftigung mit dem Bild als Ding und Objektivation angesichts digitaler Bilderwelten obsolet sei.
Hägele klärte die Frage nach dem Paradigmenwechsel durch die digitale Fotografie auf seine Weise, indem er darauf aufmerksam machte, dass dieser Paradigmenwechsel nur für die technische Ebene gelte. Auf der Bildebene bleibe das digitale Bild ein Bild, dem man sich mit den Mitteln der Ikonographie und Ikonologie nähern könne. Hägele plädierte eindringlich für einen ganzheitlichen Ansatz, der andere Formen der Digitalisierung ebenso miteinbeziehen müsse wie den Umgang mit der digitalen Fototechnik, der sich erstaunlicherweise stark an den Umgang mit analoger Technik anlehne.
Der zweite Referatbeitrag an diesem Nachmittag stammte von Rolf Sachsse, der sich der Frage nach dem Verhältnis von Digitalisierung und Erinnerung widmete. Funktioniert unsere Erinnerung, wenn keine dingliche Repräsentanz vorhanden ist und wenn ja, wie? Mit dieser Frage sprach Sachsse einen ganz wesentlichen Diskussionspunkt an, der die von Hägele diskutierte Hypothese des Paradigmenwelchsels von einer anderen Warte her aufgriff. Sachsse vertrat die Ansicht, dass ein verändertes Verhältnis von Bild und Erinnerung längst gesellschaftliche Realität geworden sei. Dementsprechend könne im Hinblick auf die Erinnerungsfunktion von Fotografien durchaus von einem Paradigmenwechsel gesprochen werden.
Der zweite Tagungstag wurde eingeleitet von JULIA FRANKE (Berlin), die in ihrem Referatbeitrag der Frage nach der fotografischen Repräsentation von Arbeit nachging. Die Hypothese, dass „Arbeit“ als Bildthema in der gegenwärtigen Fotografie weitgehend verschwunden sei, stand im Mittelpunkt ihres Beitrages. Zur Veranschaulichung präsentierte Franke Fotografien von Web-Sites moderner Großunternehmen, anhand derer sie darlegte, dass Arbeit weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung ausgelagert wird, indem diese entweder theatralisiert wird oder hinter anderen Bildthemen in den Hintergrund tritt. Die Hypothese Frankes wäre noch anhand größerer Datenbestände zu überprüfen, entbehrt aber nicht einer gewissen Plausibilität. Sie würde aufgrund des ihrer Untersuchung zugrunde liegenden Materials auf jeden Fall von einem Paradigmenwelchsel ausgehen.
JAN BRÜNING (Berlin) referierte im Anschluss über „Pressefotografie im digitalen Zeitalter“. Auf der Basis von Interviews mit Pressefotografen wies er nach, dass die digitale Fotografie den Alltag von Pressefotografen nachhaltig verändert hat. Über 90 Prozent der Pressefotografen sind mittlerweile freiberuflich tätig. Sie erstellen pro Termin mehr Aufnahmen, haben mehr Archivierungsaufwand und längere Arbeitstage als vor dem Aufkommen von Digitalkameras. Außerdem wird die Konkurrenz durch Dritte größer, da die Kameras scheinbar leichter zu handhaben sind und der Kostenaufwand zurückgeht. Auch die Authentizitätsfrage ist für die Fotografen durchaus virulent. Brüning vertritt dennoch die These, dass von einem Paradigmenwechsel nicht die Rede sein könne, weil nach Meinung der befragten Fotografen keine inhaltliche Veränderung der Fotografien festzustellen sei.
Das Thema „Amateurfotografie im digitalen Zeitalter“ stand im Mittelpunkt der Ausführungen von MANFRED KRIEGELSTEIN (Berlin), der sich in seinem Vortrag bemühte, die Phasen in der Entwicklung eines fotografischen Autodidakten nicht nur verbal sondern auch visuell nachvollziehbar zu machen.
Der Bezeichnung „(Foto)Amateur“ widmete sich MANUELA BARTH (München) von einer anderen Seite her. Sie ging in ihrem Beitrag der Frage nach, ob die Dichotomisierung von Profis und Amateuren auf das Feld der Fotografie angewandt, zu irgendeinem Zeitpunkt einmal Sinn gemacht hat. Indem sie sich dem Amateurbegriff kulturhistorisch näherte, gelang es ihr nachzuweisen, dass das Phänomen der Amateurisierung durchaus nicht nur in Zusammenhang mit digitaler Fotografie Relevanz erhält, sondern auch als historischer Sachverhalt untersucht werden kann, wobei stets zu fragen ist, wer sich hier als Deutungselite versteht/verstand und zu welchem Zweck die Kategorisierung Amateur ins Feld geführt wird/wurde.
Die Nachmittagssitzung wurde eingeleitet durch MATTHIAS RAUERT (Lübeck/Pécs), der sich in seinem Vortrag mit verschiedenen Darstellungsmöglichkeiten von Frauen in Single-Portalen beschäftigte. Ein Internet-Portal für Fotointeressierte jeglicher Coleur stand im Mittelpunkt der Ausführungen von SUSANNE HOLSCHBACH (Berlin). Am Beispiel der Foto-Sharing-Plattform Flickr erläuterte Holschbach, dass Fotografien in hohem Maße kontextabhängig sind. Gerade bei Foto-Sharing-Plattformen gelte es, die soziale und kommunikativen Prozesse, in denen die Fotografien stünden, in die Betrachtungen mit einzubeziehen. Angesichts des Verbreitungsgrades solcher Plattformen müsse man sich aber fragen, ob dies der Ort ist, an dem visuelle Stereotypen für die Postmoderne generiert werden. Diese Frage lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht abschließend beantworten, berührt aber gleichwohl einen Aspekt, dem auch künftig weiter nachgegangen werden sollte.
Die Brücke zum ethnografischen Film schlug THORSTEN NÄSER (Göttingen) in seinem Referat. Anhand von Handreichungen für Filmer wies er nach, dass die Entwicklung der digitalen Technologie in Hinblick auf den ethnografischen Film auf jeden Fall einem Paradigmenwechsel gleichkam.
CHRISTIAN BRACHT, Leiter des Bildarchivs Foto-Marburg, beschloss den zweiten Tagungstag. In seinem sehr informativen Vortrag machte er die Anwesenden mit dem Aufbau und der Sammelpraxis dieses klassischen Bildarchives bekannt und weckte bereits Vorfreude auf die Besichtigung desselben am darauffolgenden Tag.
Der dritte Tagungstag stand im Zeichen der Besuche beim Jonas-Verlag und bei Foto-Marburg, die den Teilnehmern einen „Blick hinter die Kulissen“ dieser beiden Einrichtungen ermöglichte und zu der Erkenntnis führte, dass die digitale Welt sehr enge Grenzen hat und direkte visuelle Eindrücke, den verbalen Austausch und das Erlebnis von konkreten Räumen nicht zu ersetzen vermag. Alles in allem bot die Tagung sowohl den Kulturwissenschaftlern als auch den Fotografen einen sehr passenden Rahmen für Diskussionen und Informationsaustausch über Fächergrenzen hinweg.
Kurzübersicht:
Ulrich Hägele (Tübingen): Scheinwelten. Über die Digitalisierung der Fotografie und ihre Bedeutung für die Kulturwissenschaft
Rolf Sachsse (Saarbrücken): Zur Zukunft der Erinnerung
Irene Ziehe (Berlin): Begrüßung
Julia Franke (Berlin):Work in Progress – Zur fotografischen Repräsentation von Arbeit im digitalen Zeitalter
Jan Brüning (Berlin): Pressefotografie und Digitalisierung
Manfred Kriegelstein (Berlin): Phasen in der Entwicklung eines fotografischen Autodidakten in der digitalen Zeit
Manuela Barth (München): Neudefinition von Fotopraktiken engagierter AmateurInnen durch den Prozess der Digitalisierung
Matthias H. Rauert (Lübeck/Pécs): No pic – no click. Frauen in Singleportalen zwischen Zeigelust und Zensur. Versuch einer empirischen Annäherung an das Phänomen Körperkult und virtuell-visuelle Kommunikation
Susanne Holschbach (Berlin): Fotokritik in Permanenz – Flickr als praktische Bildwissenschaft
Torsten Näser (Göttingen): Cinéma digital? Über Interdependenzen von technischen Entwicklungen und Repräsentationspotentialen des ethnografischen Films
Christian Bracht (Marburg): Foto-Marburg. Ein klassisches Bildarchiv und die digitale Bilderwelt
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Christiane Cantauw. Review of , Digitale Fotografie. Kulturelle Praxen eines neuen Mediums, Arbeitstagung der Kommission Fotografie der deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv).
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