Diätetik. Lebensführung in der Geschichte der Medizin. Stuttgart: Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, 16.04.2008-19.04.2008.
Reviewed by monika löscher
Published on H-Soz-u-Kult (May, 2008)
Diätetik. Lebensführung in der Geschichte der Medizin
„Schwartenmagen, Schinkenwurst, Maultaschen“
Bereits im Lift wurde auf das reichhaltige Frühstücksbuffet des Tagungshotels hingewiesen. Diese Information wollte so gar nicht zum Thema des 28. Fortbildungsseminars des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung passen. Vom 16. bis 19. April 2008 diskutierten nämlich 13 Nachwuchswissenschafter/innen aus Deutschland, Österreich, Tschechien und Japan gemeinsam mit der Vorbereitungsgruppe Philipp OSTEN (Stuttgart/Heidelberg), Susanne HOFFMANN (Stuttgart), Tilmann WALTER (Würzburg) und Alexandra STANISLAW-KEMENAH (Dresden) über „Diätetik. Lebensführung in der Geschichte der Medizin“.
Nach der Begrüßung durch den Institutsleiter, Robert JÜTTE, eröffnete Tillmann Walter die Sektion „Globalisierung des Geschmackes“.
Richard LUX (Hannover) stellte seine Dissertation in einem Referat über „Tabak. Persistentes Accessoire der Lebensführung im Spiegel der Wissenschaft und Werbung“ vor. Darin setzte er historische medizinische Studien über die Schädlichkeit des Rauchens und zeitgenössische Werbestrategien in Relation zueinander. Deutlich arbeitete er dabei den Genderaspekt in der Werbung aus. Die folgende Diskussion drehte sich unter anderem um die Frage, ob die Anti-Rauch-Kampagne der Nationalsozialisten wirklich als Beginn der Gesundheitsaufklärung angesehen werden könne oder ob nicht vielmehr die Tatsache, dass Tabak Mangelware wurde, Motivation war, diesen als schädlich zu vermarkten.
Daran anschließend thematisierte Detlef BRIESEN (Siegen) „Die moderne Küche in der Nachkriegszeit: Alltägliche Ernährung zwischen wissenschaftlichen Prinzipien, moderner Ernährungslehre und Internationalisierung des Geschmacks“. Er verglich die Ernährungskultur in den USA und in Deutschland und machte daran seine Thesen fest. Entwicklungen, die in den USA in der Zwischenkriegszeit begonnen haben (wirtschaftliche und gesundheitliche Faktoren wurden zunehmend wichtig), kamen zeitversetzt nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Deutschland an und änderten dort die Ernährungsgewohnheiten.
Nach einem ausgiebigen Mittagessen (die Steaks sind wirklich zu empfehlen!) moderierte Philipp Osten die Sektion „Fleischlos“.
Bernadette BIGALKE (Erfurt) sprach über „Frischobst und Okkultismus als Heilswege: Zu Vegetarismus und Theosophie in Leipzig um 1900“. Darin zog sie eine Verbindungslinie zwischen okkulter und vegetarischer Ernährungsweise. Als Beispiel nannte sie die Theosophen, die zu Mäßigung und Sittlichkeit aufriefen und das Zusammengehen von Moral und Gesundheit betonten. Neben einer individuellen Sinnsuche als Begründung dieser Lebensstile ist auch soziale Distinktion als Motivation zu nennen. Exemplarisch beleuchtete sie den Fall einer jungen Frau, die sich ein Jahr lang nur von Früchten ernährte und ihre Erfahrungen in einem Konversionsbericht publizierte.
Jörg ALBRECHT (Taucha) stellte seine Magisterarbeit, die er am religionswissenschaftlichen Seminar in Leipzig schreibt, vor: „Vegetarisch, abstinent und zu Fuß: Ludwig Ankenbrands Weltreise. Vegetarismus im Kontext von Lebensreform und alternativer Religiosität vor dem Ersten Weltkrieg“. Anhand der Figur Ankenbrand erläuterte er den Begriff der multiplen Devianz. Der Schriftsteller und Journalist setzte sich mit lebensreformerischen Themen auseinander und verkündete den Vegetarismus als neue Weltanschauung und Religion. Seine Weltreise diente dabei neben dem Aspekt der Selbsterfahrung der Plausibilisierung und Propagierung seiner Ideen.
Den letzten Vortrag des Tages hielt Gereon SCHÄFER (Aachen): „Diätetik und Lebensführung am Beispiel John Harvey Kellog (1852-1943)“. Darin setzte er sich sowohl mit der historischen Person Kellogs auseinander, als auch mit seiner Darstellung in T. C. Boyle’s Roman „Willkommen in Welville“, der 1993 erschien und ein Jahr später von Alan Parker verfilmt wurde. In seinem „Sanitarium“, das auch gerne von höheren Schichten aufgesucht wurde, widmete er sich holistischen Methoden unter besonderer Betonung von vegetarischer Ernährung und Einläufen. Dabei verfolgte er kein einheitliches Konzept, sondern betrieb schlussendlich einen eklektischen Polypragmatismus. In der nachfolgenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob die Forderung nach Askese nur dort entstehen könne, wo Überfluss vorhanden sei. So wurden in der Verfilmung fast ausschließlich dicke Menschen als Kurgäste gezeigt.
Der folgende Tag begann mit der Sektion „Institutionelle Fürsorge“, die von Alexandra Stanislaw-Kemenah geleitet wurde.
Lars NYHOEGEN (Magdeburg) thematisierte in seinem Beitrag „Die Diätetik der Epilepsie und Idiotie um 1900 am Beispiel der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe“. Konrad Alt, der erste Direktor dieser Anstalt, entwickelte ein weitreichendes Konzept der Anstaltsdiätetik, mit dem Ziel, eine zwanglose, freie und möglichst würdevolle Behandlung der Epileptiker und Geisteskranken zu gewährleisten. Wesentliche Punkte dieser Therapieform waren dabei unter anderem die Anstaltsarchitektur (Pavillons, Grünanlagen), die Strukturierung des Alltags und die vorwiegende Beschäftigung der Kranken im Freien. Nyhoegen gewährte einen guten Einblick in den Alltag der Anstalt, indem er Patientenäußerungen vorstellte, die er den Krankenberichten entnommen hatte. Das Uchtspringer Modell der Anstaltsdiätetik stellte er dabei in den Kontext der Forschungsliteratur zu Anstaltsdisziplin, Anstaltsfamilie und Verwahrungspraxis.
Hideharu UMEHARA (Düsseldorf) referierte über „Schulspeisung in Düsseldorf im frühen 20. Jahrhundert“. Am Anfang verwies er auf das Cover einer Spiegel-Ausgabe vom September 2004 über „Gelernte Gesundheit“. Er machte deutlich, dass die Thematisierung von Fehl- und Mangelernährung von Schulkindern kein neues Phänomen ist, und verwies auf die Schulspeisung zu Beginn des letzten Jahrhunderts, die sich als Instrument der Armuts- und Seuchenbekämpfung entwickelte. Ausführlich ging er auf die Quäkerspeisung ein, die ab den 1920er-Jahren einsetzte; die Auswahl der Kinder erfolgte mal durch Schulärzte nach ihrer gesundheitlichen Bedürftigkeit und mal durch die Armenbehörden, die wirtschaftliche Kriterien zugrunde legten.
Nach dem Mittagessen ging es unter der Moderation von Susanne Hoffmann mit der Sektion „Weltanschauungen“ weiter.
Hans Peter PÖKEL (Berlin) führte in einem großen zeitlichen Sprung in die „Diätetik in der klassisch-arabischen Literatur des neunten Jahrhunderts: Das „Buch über die Speisen“ in Ibn Qutaibas literarischer Enzyklopädie“ ein. Dieses Buch steht neben einer Anzahl anderer Werke in der klassisch-arabischen Literatur, die den Anspruch verfolgten, kulinarisches und diätetisches Wissen in unterhaltsamer Form zu vermitteln. In Form von Dialogen, Anekdoten, Sprichwörtern und Koranversen wurden diätetische Ratschläge erteilt. Viele Hinweise zur richtigen Lebensführung klangen wohlvertraut, wie etwa die Forderung nach Mäßigung, sodass in der Diskussion gefragt wurde, ob es nicht tatsächlich so etwas wie eine Konstante in der Geschichte der Diätetik gibt.
Monika LÖSCHER (Wien) sprach über „Der Einzug der Eugenik in die katholische Lebensreformbewegung. Das Beispiel Johannes Ude (1874-1965)“. In ihrem Beitrag über den Grazer Theologieprofessor, der sich publizistisch und politisch mit vielen lebensreformerischen Themen auseinandersetzte, stellte sie den Zusammenhang zu einer Katholischen Eugenik dar. Auch wenn Ude rassenhygienische Forderungen in sein lebensreformerisches Programm aufnahm, so blieben sie doch ein Nebenaspekt seiner Vorstellungen einer naturgemäßen Lebensweise. Sein Einsatz für den Vegetarismus und Antialkoholismus entsprangen einer religiösen Motivation und waren von strenger Askese geprägt.
Nach einer Pause führte Philipp Osten durch die letzte Sektion „Inkubation“.
Sonja KINZLER (Bremen/Kiel) stellte einen Aspekt ihrer Dissertation vor, nämlich „Charakteristika der Schlafdiätetik von der Aufklärung bis in die Gegenwart“. Sie zeigte die Bezüge zwischen dem Schlaf und anderen Diätetikthemen. In ihrer Arbeit untersucht sie auf der Grundlage populärer Gesundheitsratgeber und medizinischer Fachliteratur vom späten 18. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert, wie sich die Bedeutung des Schlafes vor dem Beginn der modernen Schlafforschung gewandelt hat.
Anschließend sprach Vladan HANULIK (Pardubice) über „’Wer keinen Charakter hat, der bleibe weg von der Wasserkur.’ Hydropathie des Vincenz Priessnitz in der Korrespondenz mit Patienten.“ Priessnitz entwickelte im Gräfenberg in Schlesien ein Kursystem, das auf die Wirkung kalten Wassers, physischer Bewegung und naturgemäßer Ernährung beruhte. Als Quelle verwendete Hanulik Korrespondenz zwischen Priessnitz und seinen Patienten und orientierte sich an dem Konzept der Anthropologie des menschlichen Körpers.
Den Abschluss machte Isabel ATZL (Berlin) und thematisierte ebenfalls den Aspekt „Wasser“, wenngleich in einer anderen historischen Epoche: „Diätetische Aspekte in der antiken religiös-medizinischen Praxis: die Bedeutung des Wassers im Asklepioskult.“ In ihrem Beitrag stellte sie die Frage nach Funktion und Bedeutung des Wassers im religiös-medizinischen Kontext. Sie verwies nicht nur auf den rituellen Gebrauch von Wasser, sondern auch auf die Anwendungen im medizinischen Bereich, die oftmals galenischen Prinzipien folgten. Sie konnte belegen, dass beide Felder – Wissenschaft und Religion im Asklepioskult nebeneinander existierten.
Wie schon in den letzten Jahren wurde die Arbeits- und Diskussionsathmosphäre von allen als sehr angenehm und konstruktiv empfunden. Die Bereitstellung eines Readers mit den Thesenpapieren, in denen Methodik, Fragestellungen und Zielsetzungen erörtert wurden, wurde als Vorbereitung auf die Veranstaltung sehr positiv bewertet.
Das Thema des nächsten Fortbildungsseminars lautet „Migration in der Geschichte der Medizin“.
Kurzübersicht
Mittwoch, 16. April
Sektion: Globalisierung des Geschmacks
Richard Lux, Hannover: Tabak. Persistentes Accessoire der Lebensführung im Spiegel der Wissenschaft und Werbung
Detlef Briesen, Siegen: Die moderne Küche in der Nachkriegszeit: Alltägliche Ernährung zwischen wissenschaftlichen Prinzipien, moderner Ernährungslehre und Internationalisierung des Geschmacks
Sektion: Fleischlos
Bernadett Bigalke, Erfurt: Frischobst und Okkultismus als Heilswege: Zu Vegetarismus und Theosophie in Leipzig um 1900
Jörg Albrecht, Taucha: Vegetarisch, abstinent und zu Fuß: Ludwig Ankenbrands Weltreise
Gereon Schäfer, Aachen: Diätetik und Lebensführung am Beispiel John Harvey Kelloggs (1852-1943)
Donnerstag, 17. April
Sektion: Institutionelle Fürsorge
Lars Nyhoegen, Magdeburg: Die Diätetik der Epilepsie und Idiotie um 1900 am Beispiel der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe
Hideharu Umehara, Düsseldorf: Schulspeisung in Düsseldorf im frühen 20. Jahrhundert
Sektion: Welt-Anschauungen
Hans Peter Pökel, Berlin: Diätetik in der klassisch-arabischen Literatur des neunten Jahrhunderts: Das „Buch über die Speisen“ in Ibn Qutaibas literarischer Enzyklopädie
Monika Löscher, Wien: Der Einzug der Eugenik in die katholische Lebensreformbewegung. Das Beispiel von Johannes Ude (1874-1965)
Sektion: Inkubation
Sonja Kinzler, Bremen/Kiel: Charakteristika der Schlafdiätetik von der Aufklärung bis in die Gegenwart
Vladan Hanulik, Pardubice: „Wer keinen Charakter hat, der bleibe weg von der Wasserkur.“ Hydropathie des Vincenz Priessnitz in der Korrespondenz mit Patienten.
Isabel Atzl, Berlin: Diätetische Aspekte in der antiken religiös-medizinischen Praxis: Die Bedeutung des Wassers im Asklepioskult
Freitag, 18. April
Abschlußdiskussion
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Citation:
monika löscher. Review of , Diätetik. Lebensführung in der Geschichte der Medizin.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
May, 2008.
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