Raumsymbolik im Mittelalter. Münster: Graduiertenkolleg "Gesellschaftliche Symbolik im Mittelalter", Münster, 26.01.2005-28.01.2005.
Reviewed by Antje Diener-Staeckling
Published on H-Soz-u-Kult (April, 2005)
Raumsymbolik im Mittelalter
Vom 26.-28.1.2005 fand in Münster ein internationales interdisziplinäres Kolloquium zum Thema "Raumsymbolik im Mittelalter" statt, zu dem das Graduiertenkolleg "Gesellschaftliche Symbolik im Mittelalter" eingeladen hatte. Dabei war Raumsymbolik im weiteren Sinne zu verstehen und bezog architektonische und topographische wie auch imaginierte Räume ein. Welche Bedeutung hatten Gestaltung und Nutzung von Räumen in unterschiedlichen Kontexten? Wie wurde Raum imaginiert, inszeniert und wahrgenommen? Welche Beziehungen bestehen zwischen Raum und Handlung? Auf diese Fragestellungen wurde in den Einzelbeiträgen und Diskussionen Bezug genommen.
In einem öffentlichen Abendvortrag als Auftakt des Kolloquiums stellte Michael Viktor Schwarz (Wien) Arena und Arena-Kapelle in Padua vor, deren Bedeutung für die Kommune und ihre Mitglieder durch die Darstellung des zeitgenössischen Kontextes deutlich gemacht werden sollte. Zunächst schilderte er die Feierlichkeiten, mit denen dort im Spätmittelalter alljährlich das Fest Mariä Verkündigung begangen wurde: Die Prozession von zentralen Punkten der Stadt aus hinaus in die antike Arena mit ihrer Kapelle, in deren Überresten die Prozession schließlich in einer Theateraufführung um die Stadtpatronin Maria ihren Höhepunkt fand. Die Kapelle gehörte seit dem 14. Jahrhundert zu dem heute nicht mehr erhaltenen Palast der Familie Scrovegni, wurde aber vom Stifter Enrico Scrovegni der Öffentlichkeit von der Arena aus zugänglich gemacht. Schwarz versuchte die Kapelle aus der in der bisherigen Forschung gängigen Danterezeption zu lösen. Zwar schmort der Vater des Stifters als Wucherer in Dantes Hölle, dennoch sah Schwarz die Kapelle aber nicht als Sühnestiftung für diesen. Für sich und seine Ehefrau stiftete Reginaldo bereits direkt nach seinem Tod eine Kapelle im Dom von Padua. Erst zehn Jahre nach dem Tod des Vaters erwarb der Sohn Anwesen und Kapelle. Schwarz zeigte, dass Enrico, der dort begraben liegt, sich die Hilfe Marias beim Weltgericht erhoffte und für diesen Zweck auch die Fürbitten der Pilger für sich in Anspruch nahm. Schwarz zeigte zudem die konzeptionelle Nähe der Kapelle zum Baptisterium des Domes, das einer anderen Adelsfamilie als Grablege diente und wo Maria im Deckenfresko dargestellt ist.
Am 27.1. führte Nikolaus Staubach (Münster) in die Thematik der Tagung ein. Ergänzend zu den Schwerpunkten des Kolloquiums, nämlich Stadträumen, Kirchenräumen und literarisch konstruierten Landschaftsräumen thematisierte er Räume der Innerlichkeit. Dafür führte er das Beispiel der Mönchszelle an, die als privater Innenraum für Meditation und Selbstreflexion das Innere ihres Bewohners symbolisiert. Als Wohnung und 'äußere Zelle' gewinnt sie gleichsam ein inneres Pendant, die 'innere Zelle' als Wohnstatt Gottes. Im späten Mittelalter bedeutet in ähnlicher Weise das eigene Zimmer etwa bei Christine de Pizan einen Raum, der reflexive Selbsterfahrung und die Möglichkeit zum Alleinsein bei Meditation und Gebet erlaubt und daher gewissermaßen als einVorposten der modernen Individualität gelten kann.
Die erste Sektion des Vormittags behandelte städtische Räume. Der Vortrag von Frances Andrews (St. Andrews/Florenz) widmete sich unter Rekurs auf die Gesta Innocentii III. umkämpften Räumen im Rom des 13. Jahrhunderts. In der Stadt wurde ein Konflikt zwischen mehreren römischen Familien ausgetragen, in dem es um Grundbesitz außerhalb der Stadt, um die Anzahl von Senatoren sowie um Besitz und Macht des Papstes ging. In der ersten Phase wurde die Machtperformanz an den traditionellen öffentlichen Orten der Herrschaft gestört, in der zweiten Phase herrschte ein regelrechter Krieg, in dem Gebäude als Herrschaftszeichen errichtet und zerstört wurden, so dass eine schnell wechselnde, geradezu flüssige Dynamik der Machtstrukturen entstand. Orte und Räume wurden genutzt, um Macht und Herrschaft zu definieren, herauszufordern, zu festigen oder zu zerstören bzw. zu redefinieren.
Antje Staeckling (Münster) führte danach am Beispiel von Erfurt und Goslar im späten Mittelalter vor, wie das Rathaus als Raum mit seiner topographischen Lage und seiner Ausstattung die städtischen Machtverhältnisse zwischen Rat, Bürgern und Landesherren sowie die Legitimation des Rates spiegelte. Anhand des Ablaufs des Ratswahlrituals in den beiden Städten und der Besetzung von Räumen währenddessen zeigte sie, wie unterschiedlich der Rat seinen Herrschaftsanspruch stützte und geltend machte. In Erfurt stand im Zentrum der Ratswahl die Huldigung der Bürger den Ratsherren gegenüber: Jeder Bürger musste jedem Ratsherrn Treue und Gehorsam durch Handschlag bzw. Ineinanderlegen der Hände geloben, und die Ratsherren gelobten eine gute Regierung. Diese 'große Hulde' fand im Ratssaal statt, dessen Architektur und Ausstattung deutlich an die Struktur eines Kirchenraums erinnerten, d.h. hier wurden Zeichen städtischer Macht nach einem sakralen Modell angeordnet, was deren Herrschaftsanspruch unterstrich. In Goslar befand sich die Ratsstube über dem städtischen Beinhaus. Der Rat hielt seine Sitzungen also über den Gebeinen der Bürger ab. Hier wurde bewusst die Gemeinschaft von Toten und Lebenden gesucht, während in Erfurt mehr die ursprüngliche Bindung an die Gemeinde im Vordergrund stand. Am Beispiel der beiden Städte wurde eindrücklich vorgeführt, wie der Rat das Rathaus und die dazugehörigen Örtlichkeiten jeweils nach seinen Vorstellungen und seinem Herrschaftsanspruch sowie nach seiner Legitimation gestaltete.
Karsten Igel (Osnabrück) untersuchte, wie sich die Herrschaft des Rates in der mittelalterlichen Stadt Osnabrück präsentierte. Er stellte dar, wie sich die Bürger und geistlichen Institutionen als Gegenpol zum Bischof als Stadtherrn, dem der Dom als Sakralraum zugehörte, gruppierten, wobei sie ihrerseits bestimmte Räume besetzten und für sich beanspruchten. Besonders der Markt als Zentrum der Stadt erfuhr um 1500 eine radikale Umgestaltung durch Rat und Bürgerschaft. Aber nicht nur das Selbstverständnis des Rates als Gruppe, auch das Selbstverständnis der führenden Ratsfamilien der Stadt wurde in der Gestaltung des Stadtraums umgesetzt. So zeigte Karsten Igel, dass sich bereits seit dem 14. Jahrhundert in Osnabrück neben dem ersten politischen Zentrum der Bürger am Markt ein zweites gesellschaftliches rund um die Kirche St. Katharina herausbildete. Nicht durch Zufall hatte die Kirche im 16. Jahrhundert den höchsten Turm in der Stadt. Auch das städtische Siegel mit dem Rat der Katharina ist in diesem Zusammenhang schon vor dem bischöflichen Siegel nachzuweisen.
Jenny Oesterle (Münster) kontrastierte Herrscherprozessionen an religiösen Festtagen in frühmittelalterlichen deutschen Städten mit den Moscheegangsprozessionen des fatimidischen Kalifen in der Doppelstadt Kairo. Jenny Oesterle arbeitete in ihrer detaillierten Analyse der Prozessionen heraus, wie komplex die zugrunde liegenden kulturellen Strukturen jeweils sind und wie jede für sich ein besonderes Bedeutungsnetz bildet, das nicht ohne weiteres mit dem anderen verglichen werden kann, ohne dass Bedeutungszusammenhänge aus dem Blick geraten. Die Stadt als Raum beeinflusste die Form der Prozessionen. Die Gestaltung der Prozessionen brachte vor allem den König als Sakralherrscher zur Geltung. Im Gegensatz dazu eignete der Freitagsprozession des Kalifen in Kairo neben der Spendung von Heil und Segen durch den schiitischen Kalifen, auch ein dezidiert politisches Moment, nämlich die Demonstration seiner Herrschaft im älteren, sunnitischen Teil der Doppelstadt, die den Herrscher nicht ohne weiteres anerkannte. Sein Umzug aus der Palaststadt in den sunnitischen Teil Kairos hatte expansiven Charakter und kann also vor allem als Herrschaftsrepräsentation und festigung sowie als Anspruch, den schiitischen Glauben dort zu verankern, angesehen werden.
In dieser Sektion zeigte sich die mittelalterliche Stadt als hochkomplexe Struktur, in der Raum Objekt und Mittel des Kampfes um Herrschaft und Macht, Spiegel des städtischen Selbstverständnisses, sowie Bühne für liturgische Handlungen und Herrschaftsrepräsentation sein konnte.
Die zweite Sektion des Vormittags befasste sich mit der Konstruktion von Räumen in literarischen Texten.
Gernot Müllers (Augsburg) Ausgangspunkt waren der zweite Gesang von Dantes 'Inferno', in dem die kosmischen Dimensionen der von Vergil geführten Jenseitsreise abgesteckt werden, und die Interpretation Boccaccios zu diesen Versen. 1373 erhielt Boccaccio von der Stadt Florenz den Auftrag, Dantes Werk öffentlich zu erklären. Er konnte diese Aufgabe nicht vollenden, doch aus seinen Entwürfen geht hervor, dass er sich die Kosmographie des Bernardus Silvestris als Interpretationsvorlage nahm. Auf diese Weise kommt Boccaccio als erster zu der Deutung, Dantes Reise als Allegorie innerer Vorgänge im Menschen aufzufassen. Landino, schon platonisch geprägt, verfolgte dann eine parallele Deutung, d.h. Boccaccio und seine Werke schrieben sich in einen Diskurs ein, der an platonischer Kosmologie interessiert war. Müller stellte fest, dass Renaissanceplatoniker und mittelalterliche Kosmologen sich auf dieselben Quellen bezogen - ein für den Epochencharakter der Renaissance nicht unwichtiges Resultat.
Ingmar Krause (Münster) analysierte ausgehend von der berühmten Beratungsszene des altfranzösischen Rolandslieds Versammlungs- und Beratungsszenen im Hinblick auf ihren öffentlichen oder heimlichen Charakter, d.h. es wurde der Frage nachgegangen, ob es in der altfranzösischen chanson de geste räumliche Muster gibt, die die dargestellten Versammlungen als heimlich oder öffentlich erkennen lassen. Neben den teilnehmenden Personen und Personenverbänden wurde dafür der Beratungsort einer besonderen Betrachtung unterzogen, mit der These, dass insbesondere Pflanzen Hinweise auf den Charakter einer Beratung geben können.. Besonders wurde der Raum des Waldes berücksichtigt, der in der chanson de geste oft der Ort für das Ritual der deditio ist. Beispiele zeigten, dass der Wald auch ansonsten ein Platz der Buße und Reue ist und in diesem Sinne sehr wohl der richtige Ort für ein Unterwerfungsritual sein kann.
In der dritten Sektion des Tages ging es um Räume in kunstgeschichtlicher Perspektive.
Tanja Michalsky (New York) zeigte am Beispiel der Grabkapellen des neapolitanischen Adels, wie sich Machtrepräsentation und gesellschaftliche Stellung in der Topographie manifestieren, wenn die Stadt und die Kirchen selbst das Ordnungsmuster darstellen. Dies wurde durch die Verteilung der Versammlungsorte des Adels (seggi) und der Kirchen mit den Grabkapellen im Stadtbild verdeutlicht. Am Beispiel der Grabkapellen in der Kirche San Domenico im 15. und 16. Jahrhundert zeigte Michalsky, mit welchen Typen, Verweissystemen und Überlagerungen sowohl synchron als auch diachron zu rechnen ist. Die Grabmäler waren dabei ein Nachweis für die Zugehörigkeit zum Stadtadel bzw. zu einem bestimmten seggio. Bei ihrer Gestaltung orientierten sich die Künstler und ihre Auftraggeber an den Grabmälern, die sich in demselben sozialen Gefüge befanden. Ob dahinter ein bewusster Bezug auf Tradition oder Kostendenken steht, muss offen bleiben.
Stefanie Menke (Münster) stellte Raumüberlegungen zum Grabmal Kaiser Friedrichs III. († 1493) in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Dieses steht heute in der Mitte des südlichen Seitenchores des Stephansdomes in Wien. Dies ist jedoch nicht der ursprüngliche Platz, denn das Grabmal wurde erst im 18. Jahrhundert an diese Stelle versetzt.. Stefanie Menke vertritt die These, dass auch diese ursprüngliche Aufstellung nicht den Plänen entsprach, die Kaiser Friedrich III. selbst für sein Grabmal und seine Grablege gehabt hatte. Zahlreiche Hinweise in verschiedenen Schriftquellen sprechen dafür, dass er seine letzte Ruhestätte nicht im Wiener Stephansdom, sondern in der Neuklosterkirche der Zisterzienser in Wiener Neustadt finden wollte. Auch der monumentale Grabaufbau in St. Stephan entsprach nicht den ursprünglichen Absichten des Kaisers. Beides ist vielmehr als ein Konzept Maximilian I. zu sehen. Es wurde deutlich, wo und wie stark die Gedächtnispolitik Maximilians I. der Grabkonzeption des Vaters Friedrich widersprach, die sich an den geistlichen Idealen der Bettelorden orientierte.
Am Freitag, dem 28. Januar, waren die ersten beiden Sektionen literaturwissenschaftlichen Themen gewidmet.
Christoph Fasbender (Jena) ging in seinen Überlegungen zum Nibelungenlied von der Frage aus, ob die im Hochmittelalter in deutscher Sprache verfasste heroische Dichtung eigene Raumkonzepte kannte und somit anhand dieser semantisierten Konzepte von der höfischen Dichtung abgegrenzt werden kann. Im Zentrum der Analyse stand der Tod Siegfrieds im Wald. In Fortsetzung der kontinentalen Erzählungen von Jung-Siegfried, die den Wald als eigentlichen Lebensraum Siegfrieds kennzeichnen, erscheint der Tod im Wald folgerichtig. Die Jagd vollzieht sich sozusagen parallel in zwei Wäldern. Siegfried jagt in einem anderen Wald als höfische Gesellschaft, nämlich im vom Verfasser konstruierten Wald des heroischen Zeitalters. Somit erfährt der Wald eine doppelte Semantisierung: Als der höfischen Welt zugehörig und als davon geschiedene Gegenwelt der Heldenepik. Siegfrieds Verhalten an der Quelle ist als höfisch konditioniert zu bewerten, erst hier befindet sich Siegfried also wieder im höfischen Wald, womit auch sein Tod in den höfischen Bereich fällt.
Hanna Steinunn Þorleifdóttir (Caen) stellte ihre Arbeiten zum Verhältnis des französischen 'Chevalier au lion' und dessen nordischer Übersetzung, der Ívens saga, vor. Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Frage, inwieweit die altnordische Ívens saga in der Schilderung von Räumen von ihrer Vorlage abweicht. Der Raum dient zur Schilderung innerer Zustände. Insgesamt fällt auf, welch geringe Rolle die Beschreibung von Natur-Räumen spielt: Abgesehen von wenigen Szenen hält sich Íven stets im höfischen Raum auf. Hanna Steinunn Þorleifdóttir zog aus ihren Ausführungen die Schlussfolgerung, dass die äußerlich beschreibbare Welt letztlich nur als 'Dekoration' dient. Die einzige Landschaft, die ausführlich beschrieben wird, befindet sich im Inneren von Íven.
Vera Johanterwage (Münster) begab sich in ihren Ausführungen auf die Suche nach Indien, dem gelobten Land in der mittelalterlichen Literatur des Nordens. Vera Johanterwage betrachtete den fiktiv konstruierten Raum Indien vor dem Hintergrund höfischer Wertvorstellungen im spätmittelalterlichen Island. Dabei stellte sie heraus: Den Verfassern einer Reihe von Märchensagas war daran gelegen, am Beispiel Indiens einen idealen höfischen Raum zu zeigen. Dies ist als Identifikationsangebot an ein Publikum zu verstehen, das die übersetzten Rittersagas kannte und sich an den darin transportierten höfischen Normen orientierte.
Florian Schmitz (Münster) prüfte in seinem Vortrag wissenschaftliche Konzepte zum Raumbegriff in Wolfram von Eschenbachs Willehalm. Er zeigte, dass der Raum im Willehalm weder rein fiktional ist noch diskontinuierlich, und wie sich die Beschreibungen von Orient und Okzident dort an denselben Raumstrukturen orientieren wie in den realen Weltbeschreibungen des Mittelalters. Darüber hinaus fragte Florian Schmitz nach den Grenzen in der mittelalterlichen Welt und im Willehalm, denn gerade die Grenzen bestimmen einen Raum. Deutlich wurde: Der Raum des Orients in der Literatur wurde nach dem Recht und der Ordnung des Okzidents gebildet und beschrieben.
Stephan Fuchs-Jolie (Frankfurt/M.) stellte in seinem Beitrag die zentrale Terminologie der höfischen Minnelyrik im Deutschen vor. Besonders die Begriffspaare: Oben/Unten und Hier/Dort werden dabei immer wieder für eine Metaphorik des fiktiven Raumes genutzt. Fuchs-Jolie zeigte, dass es sich dabei keineswegs um 'tote' Metaphern handelt, sondern dass die Autoren damit den Raum in ihrem Werk grundlegend strukturieren. Eine 'topologische' Ordnung der Lieder soll vorgezeichnet werden. Die Wortpaare Oben/Unten und Hier/Dort werden so zu Trägern des Dichtens und Singens, wodurch ein Metadiskurs über das Dichten selbst etabliert wird.
Die dritte Sektion des Tages stand unter dem Thema 'Liturgie und Raum'
Rainer Stichel (Münster) erörterte unterschiedliche Raumdarstellungen und Raumwahrnehmungen in der byzantinischen Liturgie und markierte Wendepunkte in ihrer eineinhalb Jahrtausende langen Entwicklung. Dabei nahm er einerseits Raumvorstellungen, die in liturgischen Texten zum Ausdruck kommen und andererseits Raumerfahrung in Kirchenräumen in den Blick. Jerusalem, der geistliche Mittelpunkt der byzantinischen Liturgie, war zugleich Mittelpunkt des Raumes nach byzantinischer Vorstellung. Die heilige Stadt wirkte in Byzanz nicht nur topographisch gestaltend, sondern es wurde auch ihre Liturgie (z.B. die der Grabeskirche) nachvollzogen. Auch in liturgischen Texten, Gebeten und Predigten steht Jerusalem im Weltmittelpunkt. Byzantinische Liturgie verband in einzigartiger Weise Licht, Akustik und Bewegung und ließ sie im sakralen Raum wirken.
Christoph Winterer (Frankfurt/M.) zeigte in seinem Vortrag am Beispiel zweier Doppelbilder, dem Miniaturdiptychon mit der Messe im spätottonischen St. Galler Sigebert-Sakramentar und den karolingischen Elfenbeinplatten vom Einband einer Handschrift aus St. Denis zwei unterschiedliche frühmittelalterliche Raumkonzepte. Während in dem Sakramentar beide Teile des Doppelbildes entgegengesetzte Raumkonzepte darstellten und somit die liturgische Ikonographie auf eine apokalyptische Ebene höben (so Winterer), werde bei den Elfenbeintafeln vor allem nach der Bedeutung der Gliederung in ein Oben und Unten gefragt, die eine 'natürliche' Verteilung der liturgischen Handlungen in der Raumfläche ablöse.
Die Schlußdisskussion der Tagung wurde geleitet von Volker Honemann (Münster). Angesichts der verschiedenen Beiträge zu realen und fiktionalen Räumen - Stadt, Kirche, Landschaft, literarische, metaphorische und liturgische Räume - stellte er noch einmal die Frage: Was ist ein Raum? Was unterscheidet Raum und Ort? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen statischen und dynamischen Räumen? Ist ein Raum im Unterschied zum Ort 'abgegrenzt'? Welche Rolle spielen Grenzen, bzw. Übergänge zwischen den Räumen? Muss Raum definiert, inszeniert werden durch Zeichen und Symbolik? Der Versuch, Raum zu fassen, beginnt, wie die Diskussion herausstellte, mit der Frage nach den Grenzen bzw. Abgrenzungen des Raumes einerseits und seiner Wahrnehmung andererseits. Weitere Aspekte, auf die sich die Abschlussdiskussion konzentrierte, waren die Vieldimensionalität des Raumbegriffes (welche Quellenbegriffe stehen in anderen Sprachen, vor allem dem Lateinischen für Raum und was bedeuten sie?) und die Frage, wie Raum im Mittelalter theoretisch reflektiert wurde. Die Tagung beleuchtete den Raumbegriff aus verschiedenen Perspektiven interdiziplinär. In den Einzeluntersuchungen wurde Raum nicht philosophisch abstrakt, sondern konkret konstituiert. Es wurde deutlich: Noch immer bleiben zum Thema Raum Forschungsfragen offen.
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Citation:
Antje Diener-Staeckling. Review of , Raumsymbolik im Mittelalter.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
April, 2005.
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