Imaginiertes Oberschlesien. Kamien Slaski, PL: PIN-Instytut Slaski, Opole; Herder-Institut, Marburg; Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, Opole, 14.10.2004-16.10.2004.
Reviewed by Juliane Haubold-Stolle
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2005)
Imaginiertes Oberschlesien
Wie die Geschichte der Menschheit immer wieder gezeigt hat, wohnten historischen Vorstellungen und Bildern, seien sie bezogen auf Gruppen, Überzeugungen und Personen oder auf geographische Gebiete, auch in der "realen" Welt starke Wirksamkeit inne. Sie prägen - vor allem über ihre emotionale Wirkung - das individuelle wie kollektive Handeln von Menschen. Dabei dient die Vorstellungswelt einer Gruppe sowohl dazu, die Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu ermöglichen, als auch dazu, den inneren Zusammenhang zu stärken. Gerade am Beispiel von nationalen Vorstellungen wird dies besonders deutlich.
Ca. 30 Wissenschaftler unternahmen den Versuch, sich mit historischen Vorstellungen am Beispiel der Region Oberschlesien auf einer Konferenz vom 14. bis 16. Oktober 2004, die vom Instytut Slaski (Oppeln), Herder - Institut (Marburg) und dem Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (Oppeln) in Kamien Slaski organisiert wurde, zu beschäftigen. Die Konferenz wurde durch die finanzielle Unterstützung der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und dem Komitet Badan Naukowych ermöglicht. Sie reihte sich ein in die europäischen historiographischen Debatten um Analysekategorien wie kollektive Erinnerung, Erinnerungskultur und im weiteren Sinne politische Kultur überhaupt. Wie die beiden Organisatoren - Bernard Linek und Juliane Haubold-Stolle - in ihrer Einführung unterstrichen, spielte und spielt das kulturelle Erbe eine bedeutende Rolle für die Entstehung und die Funktionsweise von und die Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen in der Region. Dabei habe man es in Oberschlesien vor allem mit zwei umfassenden Kulturangeboten - dem polnischen und dem deutschen - zu tun, deren Elemente bis heute in der kulturellen Landschaft der Region sichtbar und in der Vorstellungswelt aktiv seien. Die Entzifferung der verschiedenen, häufig konkurrierenden (nationalen, regionalen, konfessionellen) Sichtweisen in der Region war Ziel der Veranstaltung. Oberschlesien/Schlesien wurde sowohl in die großen nationalen Narrative in Deutschland und Polen "eingefügt" als auch auf der Ebene der Region selbst durch Bezug auf historische Ereignisse, sprachliche und kulturelle Unterschiede sowie nationale/regionale/konfessionelle Gruppen (Deutsche, Polen, Oberschlesier/die "Zugewanderten" etc.) "konstruiert".
Ausgangspunkt der Diskussion war die theoretische Definition der Analysekategorien (Mythen, Symbole, Helden) durch die ersten zwei Referenten. Krzysztof Jaskulowski (Breslau, das Referat wurde gemeinsam mit Wojciech Burszta aus Posen vorbereitet) näherte sich ihnen aus der Perspektive der Anthropologen; nach ihm klärte Heidi Hein (Marburg) aus historisch-soziologischer Sichtweise die Bedeutung der Begriffe für die regionale historische Forschung. Beide Referenten arbeiteten den prinzipiellen Konstruktionscharakter von Gruppenidentitäten heraus und betonten die besondere Bedeutung von sakralisierenden Erzählungen (Mythen) für diesen Prozess. Innerhalb dieser Erzählung dienen Symbole, (Erinnerungs-)Orte und Helden als Bestätigungs- und Festigungselemente.
Daran anschließend standen die großen "nationalen" Erzählungen der Geschichtswissenschaft im Mittelpunkt der ersten Sektion. Eduard Mühle (Marburg) stellte am Beispiel Hermann Aubins die politische Rolle der schlesischen Geschichtsschreibung in der Zwischenkriegszeit dar. Die Breslauer Ostforscher um Aubin versuchten, durch ihre Arbeit ganz Schlesien als ein Teil des deutschen Lebensraums zu beschreiben (und damit die Revision der Ostgrenze zu fördern). Die Darstellung Schlesiens in der polnischen Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit schilderte Grzegorz Strauchold (Breslau). Diese (insbesondere der Historiker Zygmunt Wojciechowski) stellten, aufbauend auf Vorarbeiten aus den Dreißiger Jahren, Schlesien als einen Teil der polnischen Mutterländer dar, um den polnischen Anspruch auf ganz Schlesien zu untermauern. Beide Referate ergänzte Kai Struve aus Leipzig durch seine Schilderung des Stellenwertes der oberschlesischen Aufstände und des Plebiszites in der Arbeit polnischer und deutscher Nachkriegshistoriker. Für die polnischen Historiker seien die Aufstände das wichtigste Symbol des allen deutschen Germanisierungsbestrebungen trotzenden Polentums Oberschlesiens. In Deutschland seien die Aufstandskämpfe nach dem Krieg wenig bearbeitet worden. Gewertet worden seien sie als Versuch, das Abstimmungsergebnis mit Gewalt zu Ungunsten Deutschlands zu beeinflussen.
Der Frage nach Genese, Struktur und Dauer der imaginierten Gruppengrenzen war die letzte Sitzung des Tages gewidmet. Aus einer allgemeinen, die ganze Neuzeit umfassenden Perspektive sprach Piotr Madajczyk (Warschau). Er stellte heraus, dass die Kategorie des "Fremden" in der an Zu- und Abwanderung reichen Geschichte Schlesiens beständig präsent gewesen sei. Radikale Trennungslinien seien erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf Druck des Nationalstaates geschaffen worden, die die Region bis heute prägten. Zwar habe sich parallel zur deutschen und polnischen nationalen Gesinnung, häufig auch gegen den Willen der Nationalstaaten, ein starkes regionales Gefühl entwickelt, das sich jedoch nicht institutionalisiert oder zu einer festen Gruppenidentität entwickelt habe. Stattdessen blieb ein Sonderbewusstsein, das sowohl durch die brutale deutsche Germanisierungspolitik des Dritten Reiches als auch durch die Polonisierung der Nachkriegszeit zwar verändert, nicht aber endgültig beseitigt worden war. Für Oberschlesier blieben sowohl zentraldeutsche als auch zentralpolnische Verwaltungen "fremd" und die Region "fremdbestimmt". Nach 1989 sei die Entwicklung offen gewesen: es seien einerseits alte Gruppengrenzen neu entstanden (deutsche Minderheit/polnische Mehrheit), aber es sei auch ein Trend der "Reregionalisierung" zu erkennen. Eine der oberschlesischen Binnengruppen, die als "Fremde" nach Oberschlesien kamen, die der sogenannten "Repatrianten" (ostpolnische Umsiedler/Vertriebene), beschrieb Danuta Berlinska (Oppeln) in Hinsicht auf deren Erinnerung an die Herkunftsgebiete. Parallel dazu sprach Tobias Weger (Görlitz) über die Erinnerung der deutschen "Vertriebenen" (Aussiedler aus Oberschlesien). Während die Repatrianten ihre Erinnerung aus politischen Gründen nur im familiären Kreis hätten wach halten können, seien in Westdeutschland gerade aus politischen Gründen die Verbände der Vertriebenen vom Staat gefördert worden. Beide Vertriebenengruppen idealisierten in ihrem Rückblick das Land der Herkunft, in dessen Frieden der Krieg (bzw. seine Folgen, wie der polnisch-ukrainische Konflikt) eingebrochen sei und dann die Zwangsumsiedlung mit sich gebracht habe.
Schlesisches Regionalgefühl und seinen sprachlichen Ausdruck analysierten Krzysztof Nowak (Kattowitz) und Kevin Hannan (Lodz), die die historisch-sprachlichen Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen der schlesischen Bewegung betrachteten.
Weiterer Schwerpunkt der Diskussion waren die Elemente der gesellschaftlichen Artikulation der Vorstellungswelt "Oberschlesien". Über nationale Feiern sprachen Bernard Linek (Oppeln), der die Feiern des Kaiserreichs in Oberschlesien am Beispiel des Sedantags erläuterte, Juliane Haubold-Stolle (Berlin), die die Rolle des Sankt Annaberges als nationaler und regionaler Wallfahrtsort in deutscher wie polnischer Zeit darlegte, und Andrzej Michalczyk (Erfurt), der die Vermischung katholischer Feste in der Region mit nationalem Inhalt erläuterte.
Einen weiteren Bezugspunkt kollektiver Narrationen - die Helden - bearbeitete Ryszard Kaczmarek (Kattowitz), der über die Rolle der kommunistischen und faschistischen Helden in der regionalen Tradition sprach und ihre jeweilige Instrumentalisierung am Beispiel des SA-Mannes Peter v. Heydebreck und des polnisch-oberschlesischen Kommunisten Jozef Wieczorek analysierte. Paulina Kalinowska-Wójcik (Kattowitz) ging der Frage nach der Erinnerung an jüdische Oberschlesier in der Region nach (am Beispiel des Historikers und Archivars Ezechiel Zivier), Gerard Kosmala (Breslau), erörterte das besonders aktuelle Thema der Nationaldenkmäler (Aufstands- und Kriegerdenkmäler) im Oppelner Schlesien. Gerade die Denkmälerdiskussion in der Region zeigte, dass für die verschiedenen Gruppen in Oberschlesien (vor allem die polnische Mehrheit und die deutsche Minderheit) der historische Bezug Grundlage der Gruppenabgrenzung ist, was zu heftigen regionalen Konflikten führt, vor allem über die Frage der Kriegerdenkmäler der deutschen Minderheit.
Die letzte Sektion der Konferenz widmete sich den politischen Vorstellungswelten in der Sphäre der populären Kultur. Urszula Biel (Gleiwitz) ging der Nationalisierung der oberschlesischen Kinos in der Zwischenkriegszeit nach, in der die Präsentation deutschsprachiger Filme im polnischen Oberschlesien zum Politikum geworden sei. Andrzej Gwózdz (Kattowitz) präsentierte in seinem Referat das (negative) Stereotyp des Deutschen, des brutalen Besatzers im polnischen Kino der Nachkriegszeit, das sich vor allem in den (80% der gesamten Filmproduktion ausmachenden) Kriegsfilmen, -kömodien und -serien finde. Wenige Filme (z.B. die von Kazimierz Kutz) beschäftigten sich direkt mit Oberschlesien. Als letzter betrachtete Wojciech Pacula (Kattowitz) die Frage der politischen Verwertung des oberschlesischen Dialektes vor und nach dem Krieg. Bis heute werde in staatlichen Radioprogrammen der Dialekt nicht gesendet, finde sich aber in privaten Ausstrahlungen.
So wurden zahlreiche verschiedene Aspekte der Imaginationen in und um Oberschlesien aufgezeigt. Viele Fragen - vor allem die nach der Wechselwirkung der konkurrierenden Bildhaushalte (deutsch/polnisch, religiös/national, national/regional) - konnten nur aufgeworfen, nicht aber beantwortet werden, so dass auf eine Fortsetzung zu hoffen bleibt. Die Tagungsbeiträge werden veröffentlicht.
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Citation:
Juliane Haubold-Stolle. Review of , Imaginiertes Oberschlesien.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
February, 2005.
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