Lernen für die Gegenwart? Perspektiven der historisch-politischen Bildung zur NS-Geschichte an außerschulischen Lernorten. Dachau: Jugendgästehaus Dachau in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Fritz Bauer Institut Frankfurt am Main und Imke Scheurich, Freie Universität Berlin, 17.11.2005-19.11.2005.
Reviewed by Verena Haug
Published on H-Soz-u-Kult (December, 2005)
Lernen für die Gegenwart? Perspektiven der historisch-politischen Bildung zur NS-Geschichte an außerschulischen Lernorten
Wenn 60 Jahre nach Kriegsende ein neuer Lernort zur Geschichte des Nationalsozialismus entstehen soll, scheint es geboten, Expertinnen und Experten zusammenzuführen, um Standpunkte und Perspektiven auszuloten und zu diskutieren. In München, wo seit vielen Jahren um ein NS-Dokumentationszentrum gestritten wird, haben in diesem Jahr die Fachgremien ihre Arbeit aufgenommen. Insbesondere die pädagogische Gestaltung der zu planenden Einrichtung ist aber noch vollkommen ungewiss. Kein schlechter Anlass also, eine allgemein gefasste Tagung zum pädagogischen Umgang mit der NS-Vergangenheit auf einen konkreten, zukünftigen Ort zu beziehen und dessen Entwicklung damit auch unter die Beobachtung einer breiteren fachlichen Öffentlichkeit zu stellen. Den vier VeranstalterInnen, Jugendgästehaus Dachau (Barbara Thimm), Kulturreferat der Stadt München (Ursula Saekel), Fritz Bauer Institut Frankfurt a.M. (Gottfried Kößler) und Imke Scheurich von der Freien Universität Berlin gelang es in den zweieinhalb Tagen, durch die Mischung aus wissenschaftlicher Standortanalyse, Praxisreflexion, Workshops und ausreichend Raum für Diskussion eine ausgesprochen konstruktive Atmosphäre zu schaffen und neue Ideen, aber auch klarere Grenzlinien zwischen unterschiedlichen pädagogischen Ansprüchen zutage zu fördern.
Den Eröffnungsvortrag „Veränderte Verhältnisse – Zum Wandel der Bedingungen für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Deutschland“ hielt Martin Sabrow (Potsdam). Mit einem Abriss der (west-)deutschen Erinnerungsgeschichte zeigte er zunächst, dass es ihm in seinem Referat weniger um die Bedingungen des Wandels als um „die Gegenwart der Vergangenheitsaneignung“, ginge. In den letzten 30 Jahren habe eine Popularisierung der Vergangenheitsbeschäftigung stattgefunden, die sich beispielhaft im Begriff der „Erinnerungskultur“ zeige, der für Lust und Pathos im Umgang mit der Geschichte sowie eine identitätsstiftende Vergangenheitsbeschäftigung stehe. Vergangenheitsaufarbeitung habe heute nicht mehr die Qualität einer Entlarvung von Tätern, sondern sei vor allem durch „Opferempathie“ geprägt. In den bundesdeutschen Geschichtsnarrativen verschwömmen die Begrenzungen des Begriffs jedoch zunehmend, die Erzählungen deutscher Bomben- und Vertreibungsopfer konkurrierten mit denen der NS-Verfolgten, Filme wie „Der Untergang“ viktimisierten selbst NS-Täter.
Seit 1989 werde auch auf staatlicher und gesellschaftlicher Ebene ein „bekenntnisfreudiger Sündenstolz“ deutlich. Während der Nationalsozialismus in der DDR unter anderen Vorzeichen immer eine zentrale geschichtspolitische Bedeutung hatte, sei die Erinnerung nach 1989 auch im gesamtdeutschen Selbstverständnis staatstragend und zum handlungsleitenden Auftrag der Verantwortungsübernahme im internationalen Kontext geworden. Mit dieser neuen Anerkennung, die auch die Singularität des Holocaust einschließe, formiere sich gleichzeitig eine erinnerungspolitische Transnationalisierung, die einen neuen Bezugsrahmen unterschiedlicher Staatsverbrechen (Katyn, Gulag, „Holodomor“) schaffe sowie auf die Notwendigkeit international orientierter Menschenrechtspolitiken verweise.
Als zweites deutliches Veränderungsmerkmal der Beschäftigung mit der NS-Geschichte markierte Sabrow die zunehmende Medialisierung, die den Zugang zu Geschichte zwar vervielfacht habe, dessen marktgängige, nicht selten skandalisierten Erkenntnisse aber eine ausgesprochen geringe Halbwertszeit aufwiesen. Die steile Karriere des so genannten Zeitzeugen und die Vielzahl neuer Erinnerungsorte verweise auf eine „sakralisierende Authentizitätssehnsucht“, die weniger die Vergangenheit meine als die Vergewisserung ihres Überwundenseins. Der Zeitzeuge sei eben kein Zeuge im juristischen Sinne und auch nicht mehr der Gegenerzähler einer oral history der 1980er-Jahre; er beglaubige vielmehr eine eigene Geschehenswelt, bleibe historisch entortet und werde illustrativ vernutzt.
Diese kritische Annäherung an den Zeitzeugen löste im Plenum erwartbaren Widerspruch aus. Sind die Zeitzeugen in der Gedenkstättenarbeit in der Regel doch Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung und haben bis heute, zumindest ideell, eine immense Bedeutung für die pädagogische Diskussion. Nicht zuletzt deshalb scheint eine Differenzierung des Zeitzeugenbegriffs und ein quellenkritischer Umgang mit den Zeugnissen für die Entfunktionalisierung hin zu einer Personifizierung nötig.
Hasko Zimmer (Münster) konstantierte in seinem Vortrag „Veränderte Perspektiven – Zum Wandel der internationalen Diskussion um den Umgang mit der Vergangenheit“ zunächst eine Krise der deutschen Erinnerungskultur, die er unter anderem an der Etablierung einstmaliger Gegenerzählungen und der multikulturellen Heterogenität von Besuchergruppen festmachte. Daraus resultierende aktuelle Anforderungen an Bildungsarbeit erschienen nicht nur als neue Herausforderungen sondern als beinahe uneinlösbar. Zur Integration verschiedenster Zugänge, so Zimmer, bedürfe es in der multikulturellen Gesellschaft eines „Netzes der Anerkennung“, das sich pädagogisch in einer „historisch-interkulturell orientierten Menschenrechtspädagogik“ ausdrücken könnte.
Die bei Zimmer festzustellende Heterogenitätsüberraschung überraschte ihrerseits, arbeitet doch die Praxis schon lange nicht mehr nur mit so genannten Täternachfahren. Und auch die Unterstellung eines gemeinsamen Zugangs dieser „Gruppe“ war im Wesentlichen Teil einer Homogenitätsfiktion.
Auf internationaler Ebene, so Zimmer im Weiteren, sei zum einen die Kosmopolitisierung des Holocaustgedenkens festzustellen, zum anderen sei der Holocaust vor allem zur Orientierungsgröße in Bezug auf andere Genozide und zum „Motor einer globalen Menschenrechtspolitik“ geworden. Die im Vortrag recht kontextlos zum Vergleich herangezogenen Formen nationaler „Aufarbeitung“ (Argentinien, Südafrika, Nachfolgestaaten Jugoslawiens) leuchteten allerdings nicht immer ein und auch die Implikationen des internationalisierten Kontextes für die pädagogische Arbeit hierzulande blieben jenseits des Postulats, dass historisch-politische Bildung national sein müsse, ihre Konsequenzen jedoch „den nationalen Rahmen überschreiten“ müssten offen.
Monique Eckmann (Genf) spannte mit ihrem Vortrag unter dem Titel „Vielfalt beachten – Unterschiedliche Bezüge und Narrative zur NS-Geschichte“ einen Bogen in die vielfältige Praxis hinein und leitete damit auch auf die am Nachmittag vorgesehenen Arbeitsgruppen über. Die Zugehörigkeit zu (möglichst positiv besetzten) Erinnerungskollektiven sei, so Eckmann, Teil der individuellen Identität und werde durch Ausstiegsversuche aus negativ bewerteten Gruppen oder Abwertungen von Fremdgruppen aufgewertet. Heroisierung und Opferkonkurrenz finde sich auch im Klassenraum, wenn sich unterschiedliche Erinnerungserzählungen (deutsche Bombenopfer versus Verfolgte des Nationalsozialismus; Gleichsetzung der israelischen Staatspolitik im Westjordanland mit NS-Praktiken) gegenüber stünden. Notwendig im Sinne einer Pädagogik der Anerkennung sei die (schmerzhafte) Konfrontation mit der eigenen Geschichte innerhalb und Erinnerungsdialoge zwischen den Erinnerungsgemeinschaften. Anerkennung werde dabei weniger konzeptionell als durch das pädagogische Setting (z.B. Arbeit in gemischten Teams, Sensibilität für verschiedene Zugänge) ermöglicht.
Pädagogische Aufgabe von Gedenkstätten hingegen müsse vor allem die historische Wissensvermittlung sein. Das politisch-moralische Ziel „Nie Wieder“ könne zwar formuliert, nicht jedoch in Praxis übersetzt werden, die Vermittlung von Handlungswissen zum Schutz von Opfern und der Moblisierung von Bystandern sei nicht vorderste Aufgabe der Gedenkstätten. Trotzdem müsse es Ziel der Bildungsanstrengungen bleiben, neben der Aneignung des Vergangenen für die Gegenwart den Umgang mit Widersprüchen zu erlernen und für die Zukunft die universelle Gültigkeit von Menschenrechten anzuerkennen und einzufordern. Eckmann betonte darüber hinaus die Bedeutung der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus, die derzeit eine eher marginale Rolle in der pädagogischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit spiele und die nicht in antirassistischen Bildungskonzepten aufgehe. Für ein NS-Dokumentationszentrum in München empfahl sie eine pädagogische Konzeption, die die Erwachsenenbildung mit einbeziehe, beispielsweise durch Multiplikatorenausbildung oder berufsgruppenspezifische Angebote. Zudem wäre die Erinnerungsgeschichte unbedingt in die Ausstellung zu integrieren.
Am Nachmittag tagten vier Arbeitsgruppen, die einem differenzierten Umgang mit RezipientInnen der Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus Rechnung trugen. Für die Themen „Einwanderungsgesellschaft“ (Rosa Fava, Hamburg), „Geschlechterfragen“ (Pia Frohwein, Weimar und Leonie Wagner, Holzminden), „Geschichtsbewusstsein in Ost- und Westdeutschland“ (Andreas Wagner, Schwerin) und „Generationelle Zugänge“ (Sabine Moller, Oldenburg) waren drei Stunden gemeinsamer Arbeit reserviert. Leider verschwammen in der anschließenden Kurzpräsentation im Plenum die spannenden Diskussionsprozesse zu so allgemeinen Aussagen, dass der Austausch über die AG-Ergebnisse gänzlich in den informellen Teil der Veranstaltung verlegt werden musste. An die Konzeption des Dokumentationszentrums wurde der allgemeine Anspruch erhoben, dass sie der Diversität von Zugängen zur Geschichte, Geschichtsnarrativen oder Perspektiven sowohl innerhalb einer Ausstellung als auch in pädagogischen Begleitprogrammen gerecht werden müsse. Die Ausstellung sollte dynamisch, also veränderbar sein und ihre Rezeption wissenschaftlich begleitet werden.
Fünf Diskussionsstränge mit Implikationen für die pädagogische Praxis wurden zur „Halbzeit“ von der Tagungsbeobachtung (Verena Haug/ Christian Geißler-Jagodzinski) zusammengefasst und kritisch beleuchtet. Die Aspekte Musealisierung und Medialisierung waren zwar als Neuerung oder Schwierigkeit genannt, nicht jedoch für die pädagogische Praxis an außerschulischen Lernorten diskutiert worden. Das für die Erinnerungskultur als krisenhaft beschriebene Ende der Gedenksstätten als Orte der kritischen Gegenerzählungen wurde mit der Frage konfrontiert, ob dies nicht vielmehr ein Problem des Selbstverständnisses der Akteure sei. Für die Pädagogik könne der Staatsauftrag zur Information und Wertevermittlung sowohl dessen affirmative Annahme als auch die Stärkung kritischer Gegenerzählungen, etwa gegen die Viktimisierung der Volksgenossen bedeuten. Hier böten sich insbesondere für ein Dokumentationszentrum in München Anknüpfungspunkte.
Als pädagogische Antwort auf die Heterogenität der jugendlichen Zielgruppen konnte nahezu konsensual eine inklusive historisch-politische Bildung festgemacht werden. Dabei blieb aber offen, ob sich diese „Pädagogik der Anerkennung“ in einer Differenzierung auf der Ebene von Zielen, Inhalten oder Methoden niederschlagen sollte. Tendenziell liefen die Beiträge darauf hinaus, im Sinne eines Mainstreaming unterschiedliche Zugehörigkeiten inklusiv aufzugreifen und nicht zielgruppenspezifische Einzellösungen zu suchen (etwa so: Deutsche befassen sich mit dem Nationalsozialismus, Türken mit dem Genozid an den Armeniern). Während diese Integration für die Menschenrechtspädagogik nahe zu liegen schien, blieb sie für die historische Bildung unausgeführt. Auf Integration zielende Bildungskonzepte seien allerdings, so die Tagungsbeobachtung, überfordert, wenn sie aktuelle politische und gesellschaftliche Setzungen kompensieren wollten.
Hinsichtlich der Internationalisierung der Erinnerungsdebatte müsse sich die pädagogische Praxis insbesondere selbstkritisch fragen, inwiefern die „DIN-Norm des Gedenkens“ (Sabrow) und die entsprechende Bildungsarbeit in die internationale Zusammenarbeit übertragbar bzw. inwiefern ein Export deutscher Bewältigungspädagogik stattfinden solle, bezüglich der Rolle von ZeitzeugInnen wurde auf die Frage verwiesen, ob der für die Gespräche als so bedeutsam eingeschätzte Charakter von Realbegegnung und Interaktion auch auf medial vermittelte Zeitzeugen übertragbar wäre.
Die Abendveranstaltung war dem Thema „Zeitzeugen“ in besonderer Form gewidmet. Marie-Luise Schulze-Jahn und Ernst Grube wurden von Peter Koch (Dachau) zu ihren Erfahrungen und Erinnerungen als ErzählerInnen ihrer Lebensgeschichte befragt. Aus dieser Perspektive wurde ein Rückblick auf viele Jahre professionellen Erzählens möglich und die unterschiedlichen Motivationen ihrerer Tätigkeit deutlich. Leider wurde das Gespräch für das Publikum nicht geöffnet und verlor durch die allzu sehr auf die vorbereiteten Fragen fixierte Gesprächsführung an Dynamik.
Der letzte Teil der Tagung galt dem „Lernort“. Siegfried Grillmeyer (Nürnberg) postulierte in seinem Einführungsvortrag die spezifischen und ganzheitlichen Erfahrungsmöglichkeiten des so genannten authentischen Orts als realem und soziokulturellem Erinnerungsort, dessen didaktische und methodische Erschließung jedoch unabdingbar sei. Auch die bereits von Monique Eckmann aufgeworfene Frage nach der Möglichkeit, am historischen Ort für aktuelle Fragen zu motivieren (Menschenrechte) wurde zur Diskussion gestellt. Im anschließenden Panel wurde die Bedeutung der Orte für das historische Lernen diskutiert. Während Peter Koch (Dachau) und Martina Christmeier (Nürnberg) auf den anregenden und die Geschichte konkretisierenden Charakter des Ortes verwiesen, betonte Hartmut Reese (Hartheim) die Bedeutung der politischen Entscheidung, historische Orte zunächst als solche identifizierbar und zugänglich zu machen. Es müsse von einer Authentizität der Örtlichkeit, nicht aber des Ortes gesprochen werden. Die vorhandenen Unterschiede in den Konzeptionen der Gedenkstätte Dachau, des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim und des Dokumentationszentrums „Reichsparteitagsgelände“ Nürnberg wurden im weiteren Verlauf zwar vorgestellt, jedoch nicht kontrovers diskutiert. Dies ist insofern schade, als die Differenzen durchaus wunde Punkte der gedenkstättenpädagogischen Diskussion berühren: das Verhältnis von Gedenken und Lernen an den jeweiligen Orten, konzeptionell verankerte gegenüber explizit den Besuchern überlassene Aktualisierungsüberlegungen oder das Verhältnis emotionaler, moralischer oder an das historische Wissen gebundener Lernziele innerhalb der pädagogischen Angebote. Auch die während der Tagung oft aufgeworfene Frage nach der Integration unterschiedlicher Zugänge und Voraussetzungen von BesucherInnen wurde nicht mehr diskutiert und damit versäumt, sowohl konstruktive Spannungen zu nutzen als auch inhaltlich an den voran gegangenen Diskussionen anzuschließen.
In der Abschlussdiskussion wurden wesentliche Diskussionsstränge zusammengefasst und Empfehlungen für eine pädagogische Konzeption des NS-Dokumentationszentrums München formuliert. Diese mussten notwendigerweise allgemein bleiben. Für die Diskussion über die konkrete Ausarbeitung hat die Tagung ein tragfähiges Fundament gelegt.
Drei Tage nach der Tagung wurde das Gelände des ehemaligen „Braunen Hauses“ zum endgültigen Standort bestimmt. Eine Publikation der Tagungs- und der Diskussionsbeiträge ist in Vorbereitung und erscheint im Frühjahr 2006.
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Citation:
Verena Haug. Review of , Lernen für die Gegenwart? Perspektiven der historisch-politischen Bildung zur NS-Geschichte an außerschulischen Lernorten.
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December, 2005.
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