Metaphorologie. Zur Praxis von Theorie. Dresden: Fritz-Thyssen-Forschungsprojekt "Sprach-Bilder. An den Grenzen der Sprache" (Projektleiter: Prof. Dr. Thomas Rentsch, Lehrstuhl für Praktische Philosophie, Bearbeiter: Dr. Dirk Mende), Institut für Philosophie, TU Dresden in Zusammenarbeit mit dem Grad, 15.07.2005-16.07.2005.
Reviewed by Morris Vollmann
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2005)
Metaphorologie. Zur Praxis von Theorie
Bildhafte Übertragungen werden im alltäglichen Sprachgebrauch oft genutzt, metaphorische Elemente finden sich selbst in der spezialisiertesten wissenschaftlichen Theorie. Davon kann die Performancekünstlerin Laurie Anderson ein unbehagliches Lied singen. Sie war zuletzt für zwei Jahre Artist in Residence bei der NASA und machte unlängst ihrem Ärger darüber Luft, in welcher Welt wohl Wissenschaftler leben würden, die Teilchen abhängig von ihrer Aktivität oder Passivität als „machos“ und „wimps“ (Schwächlinge) bezeichnen. Metaphern, so ließe sich eine Bemerkung Ludwig Wittgensteins verstehen, lenken den Strom unseres Weltverständnisses wie ein Flußbett. Solche Bilder liegen als Sedimente am Boden unserer Sprachverwendung, und wir benutzen sie mehr oder weniger bewusst.
Schon Aristoteles stellte wirkmächtige Überlegungen zur Sprachfigur der Metapher und ihrer Funktion für die Erkenntnis an. Radikalisiert wurde solches Denken durch den Philosophen Hans Blumenberg. Er leistete nicht nur „Arbeit am Mythos“, sondern gilt auch als Begründer der Metaphorologie, nach der sprachliche Bilder die gesamte Orientierung des Menschen in der Welt leiten. Die Ausarbeitung dieses Gedankens leistete Blumenberg in seiner Theorie der Metakinetik. Gerade metaphorisch vergewisserten sich die Menschen zu allen Zeiten ihrer großen Themen. Beispielsweise, wenn der Mensch als des Menschen Wolf oder als Ebenbild Gottes, die Welt als Bühne, die Natur als Buch und Gott als allmächtiger Vater begriffen wird.
Blumenbergs Werk stand deshalb im Zentrum einer Tagung an der Technischen Universität Dresden. Auf Einladung des Fritz-Thyssen-Forschungsprojektes „Sprachbilder“ und des DFG-Graduiertenkollegs „Repräsentation–Rhetorik–Wissen“ (Frankfurt/Oder) diskutierten Philosophen und Literaturwissenschaftler zwei Tage lang über das Thema „Metaphorologie. Zur Praxis von Theorie”. Programm siehe unter http://www.tu-dresden.de/vk/2005/07/v_phf.php
Die Philosophie selbst, die die Stellung des Menschen in der Welt kritisch reflektieren und erläutern will, ist von der Problematik der Metaphorizität im Kernbereich ihrer wissenschaftstheoretischen Überlegungen betroffen. Auf der Tagung wurden daher grundsätzliche Fragen gestellt: Sind Metaphern nur unpräzise Vorahnungen des wahren Wissens, das letztlich nach fortschreitender Untersuchung erst im theoretischen Begriff seine genaue Formulierung findet? Welchen Status haben Begriffe gegenüber Metaphern? Ist es nicht so, daß noch der exakteste Begriff einen metaphorischen Horizont enthält, dessen im weitesten Sinne sprach- und ideengeschichtliche Wurzeln nur um den Preis einer grundsätzlichen erkenntnistheoretischen Naivität vergessen oder geleugnet werden können?
Wie der Vortrag von Anselm Haverkamp verdeutlichte, führten dergleichen Fragen zu Konflikten bei der Planung des mittlerweile abgeschlossenen Mammutprojekts des begriffsgeschichtlichen Historischen Wörterbuchs der Philosophie. Haverkamp lieferte geistes- und sozialgeschichtliche Einblicke in die Auseinandersetzungen zwischen Blumenberg und den Herausgebern in den 70er Jahren. Der damals im Entstehen begriffene Blumenbergsche Ansatz einer Metaphorologie geriet für die historisch geplante Begriffsgeschichte zum methodischen Streitpunkt und wurde letztendlich nicht integriert. Thomas Rentsch, selbst Mitherausgeber des zwölfbändigen Werkes, wies in systematischen Überlegungen nach, wie sich die metaphorologische Perspektive trotzdem – auch für das Wörterbuch – nach und nach durchsetzte: Mit fortschreitender Anzahl der veröffentlichten Bände wurde klar, daß Metaphern eine wichtige Rolle in der Philosophiegeschichte gespielt haben und auch Artikel zu philosophischen Fachtermini nicht auf metaphorologische Erläuterungen verzichten können. Das zentrale Konzept der „Spur“ im Oeuvre des kürzlich verstorbenen Jaques Derrida ist dafür ein prominentes Beispiel. Martin Heidegger, von dem der französische Philosoph wesentlich beeinflußt wurde, war auch für Blumenberg von Bedeutung, und Dirk Mende verdeutlichte diesen Zusammenhang von Heideggers Spätphilosophie zum metaphorologischen Projekt.
Während am ersten Tag systematische Beiträge überwogen, gingen am zweiten die Vorträge zur detaillierten Lektüre über: In einer Analyse prüfte Barbara Merker das Hauptwerk des US-amerikanischen Philosophen Robert Brandom darauf, inwiefern er selbst den metaphorischen Aspekt seiner Theorie mitreflektiert. Christian Strub las die Philosophen des Deutschen Idealismus im Hinblick auf die Verwendung von Gebäude- und Organismusmetaphern. Mariele Nientied widmete sich der negativen Theologie des Thomas von Aquin und hob die Relevanz hyperbolischer, übertreibender Elemente hervor. Aus diesen und anderen Befunden der Tagung kann geschlossen werden, daß der metaphorologische Blick die begriffgeschichtliche Sicht bereichern und öffnen, nicht aber dominieren soll. Es wurde deutlicht, wie unerläßlich es ist, für andere rhetorische und systematische Aspekte der philosophischen und theologischen Rede wachsam zu bleiben.
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Citation:
Morris Vollmann. Review of , Metaphorologie. Zur Praxis von Theorie.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
August, 2005.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=27940
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