The Experiences and Memories of War in European Comparison: (Trans)national and Interdisciplinary Approaches. Berlin: DFG-AHRC Research Group on 'Nations, Borders, Identities: the Revolutionary and Napoleonic Wars in European Experiences and Memories' (Technische Universität Berlin, Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, University of North Carolina at C, 10.11.2005-11.11.2005.
Reviewed by Karen Hagemann
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2006)
The Experiences and Memories of War in European Comparison: (Trans)national and Interdisciplinary Approaches
Kriege sind ein universalhistorisches Phänomen und auch die europäische Geschichte war und ist von ihnen geprägt. Wahrgenommen als traumatisches Erlebnis, extreme Eruption und apokalyptische Katastrophe, gehören sie zu den zentralen kollektiven Erfahrungen menschlicher Gemeinschaften, deren Erinnerungskulturen sie deshalb nachhaltig formten. Besonders die Revolutions- und Napoleonischen Kriege von 1792 bis 1815 nahmen aufgrund ihrer wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Nachwirkungen im kollektiven Gedächtnis Europas, seiner Regionen und Nationen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein einen wichtigen Stellenwert ein.
Wenngleich sich auch in den letzten Jahrzehnten die Geschichts-, Sozial- und Kulturwissenschaften zunehmend mit der Interdependenz zwischen Erfahrung, Gedächtnis und Kriegen beschäftigten, liegt der Schwerpunkt der Forschung bisher eindeutig auf dem 20. Jahrhundert mit seinen beiden Weltkriegen. Demgegenüber wurden die Kriege des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts im Hinblick auf die damit verbundenen Erfahrungen und Erinnerungen erst in Ansätzen untersucht.
Die von der DFG und dem AHRC geförderte deutsch-britische Projektgruppe „Nations, Borders, Identities: The Revolutionary and Napoleonic Wars in European Experiences and Memories“ (NBI), Informationen über das internationale Forschungsnetzwerk und die Projektinhalte der NBI-Projektgruppe unter: http://www.nbi.tu-berlin.de/ wird mit einer komparativen und transfergeschichtlichen Analyse europäischer Erfahrungen und Erinnerungen an die Revolutions- und Napoleonischen Kriege diese Forschungslücke schließen. Mit diesem Ziel findet unter anderem eine Reihe von Workshops und Tagungen zum Thema statt. Das Forschungsnetzwerk wird geleitet von Karen Hagemann (Projektleitung, Technische Universität Berlin / University of Chapel Hill, Department of History), Richard Bessel (University of York, Department of History), Alan Forrest (University of York, Centre for Eighteenth Century Studies), Etienne François (Technische Universität Berlin, Frankreich-Zentrum), Hartmut Kaelble (Humboldt Universität Berlin, Berliner Kolleg für Vergleichende Geschichte Europas, BKVGE), Arnd Bauerkämper (Freie Universität Berlin, BKVGE) und Jane Rendall (University of York, Centre for Eighteenth Century Studies).
Am 1. November 2004 wurde auf einem ersten Workshop am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam der aktuelle Forschungsstand und weiterführende Forschungsperspektiven im europäischen Vergleich diskutiert. Vgl. Programmankündigung http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=3142 und Tagungsbericht http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=677 bei H-Soz-u-Kult Der Potsdamer Workshop machte deutlich, dass ein zentrales Problem größerer Vergleichsprojekte in der Gefahr einer additiven Aneinanderreihung nationaler bzw. regionaler Studien liegt. Deshalb war die zentrale Fragestellung des zweiten Workshop, der am 10. und 11. November 2005 in der Europäischen Akademie der Wissenschaften Berlin unter Teilnahme von rund 35 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus ganz Europa und den USA stattfand und von Karen Hagemann und Ruth Leiserowitz (BKVGE) organisiert wurde, welche theoretischen und methodischen Untersuchungsparameter den komplexen Vergleich unterschiedlicher regionaler, nationaler, individueller und kollektiver Kriegserfahrungen und Erinnerungen gestatten und eine Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden ermöglichen. Vgl. Programmankündigung http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=4658 bei H-Soz-u-Kult Dass ein solches Vorhaben Probleme birgt, zeigen schon die semantischen Unterschiede in der Terminologie. Die Begriffe Erfahrung, experience, expérience, Gedächtnis und Erinnerung, memory, mémoire, pamjat oder wspomnienia verweisen auch auf unterschiedliche Bedeutungen. Zehn Referenten stellten sich der Aufgabe und präsentierten einen Überblick über die unterschiedlichen Ansätze zur geschichts- und kulturwissenschaftlichen Untersuchung von Erfahrung und Gedächtnis, die im Zusammenhang mit der Erforschung von Kriegen entwickelt wurden. Zugleich gaben sie einen Einblick in nationale Erinnerungskulturen. In den Vorträgen wurde dabei einmal mehr deutlich, dass die meisten Konzepte durch den länderspezifischen Kontext ihrer Entstehung geprägt sind.
Da die regionalen und nationalen Grenzen sich während und nach den Kriegen von 1792 bis 1815 vielfach veränderten, wird die Analyse regionaler Erfahrungen und Erinnerungen, die zentral für die regionale, nationale und auch transnationale Identitätsbildung gewesen ist, zu einem hochkomplexen und zugleich außerordentlich interessanten Gegenstand einer komparativen europäischen Geschichte. Alan Forrest, der die britische Gruppe des NBI Projektes leitet, die zu den Erfahrungen der Revolutions- und Napoleonischen Kriege forscht, erläuterte in diesem Zusammenhang, dass für eine transnationale Untersuchung von Erfahrung, experience, expérience deshalb ein geschärftes Bewusstsein für regionale und nationale Identitätsmuster für alle Untersuchungsländer gleichermaßen wichtig ist. Die Varianz und Komplexität regionaler Identität spiegle sich schon in der Problematik einer exakten Begriffsbestimmung von „Nation“ und „Region“, was besonders in Grenzregionen deutlich werde. Nationskonstrukte, so Forrest, sind oft wenig an die Selbstidentifikation der Individuen gebunden, sondern vielmehr das Ergebnis staatlicher Propaganda und abstrakter Ideale. Etienne François erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass französische Historiker wie Philippe Joutard und Jean Clément Martin den Weg für eine solche Geschichte der région-mémoire geebnet haben, die zu den Inhalten der geplanten Untersuchungen der Gruppe zählen soll. Neben den regionalen Unterschieden, so Forrest, gelte es auch, überregionale und transnationale Gemeinsamkeiten von Kriegserfahrungen in den Blick zu nehmen: Als Beispiel für eine solche geteilte Erfahrung nennt er das Heimweh, das, gerade in den Revolutions- und Napoleonischen Kriegen, für viele Soldaten in ganz Europa genuiner Bestandteil ihrer Kriegserfahrungen war.
Horst Carl (Universität Giessen, Institut für Geschichte) diskutierte den Forschungsstand zum Thema im deutschsprachigen Raum und skizzierte einen Überblick über die Genese des Begriffs und Konzepts der „Kriegserfahrung“. Carl, der am Giessener SFB „Erinnerungskulturen“ forscht, wies auf die Relevanz eines methodischen und theoretischen Brückenschlages zwischen Erfahrung und Erinnerung für den geplanten Vergleich hin: Zwischen einem erfahrungsgeschichtlichen Ansatz und den Konzepten des kulturellen Gedächtnisses und der Erinnerungsforschung gäbe es keine qualitative bzw. systematische Unterscheidung, keinen Bruch oder Gegensatz, sondern vielmehr eine sehr große theoretische und methodische Nähe.
Diese makrohistorische Perspektive der Interdependenz zwischen Erfahrung und Erinnerung illustrierte Hans Medick (Max-Planck-Institut für Geschichte, Göttingen) am Beispiel einer mikrohistorischen Untersuchung der Erfahrungs- und Erinnerungsgeschichte des Dreißigjährigen Krieges. Medicks Quellen zeigten eindrucksvoll die enge Verknüpfung zwischen Erinnerungen an vergangene Kriege, Erfahrung gegenwärtiger bewaffneter Auseinandersetzungen und zukünftigen Kriegserwartungen und Deutungsmustern. So wurden die Revolutions- und Napoleonischen Kriege (1792 bis 1815) als Wiederholung des Dreißigjährigen Krieges gedeutet. Ein Jahrhundert später führte Charles de Gaulles sogar den Ersten und Zweiten Weltkrieg als einen zweiten „Dreißigjährigen Krieg“ zusammen. Demgegenüber hatten die Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts die bellizistischen Auseinandersetzung ihrer Gegenwart sowohl mit Hilfe religiöser Deutungsmuster als auch anhand einer Rezeption der Antike und Wiederholung des Peleponesischen Krieges interpretiert. Die Gegenwart wird erfahrbar (und erträglich) durch den Filter der Vergangenheit und konditioniert zukünftige Erinnerungen und Interpretamente, Bilder und Narrative, die sich im ständigen Wandel befinden und in allen europäischen Nationen und Regionen gleichsam sichtbar werden.
Jörg Echternkamp (Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam) rekonstruierte diese historische Zirkelbewegung am Beispiel kollektiver Erinnerungen der Deutschen an den Ersten Weltkrieg nach der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges. Der Referent wies nach, dass selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Erste Weltkrieg in der Erinnerung der westdeutschen Bevölkerung dominantes Interpretationsmuster war und erst in einem sukzessiven Umdeutungsprozess von den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg überlagert wurde. An Echternkamps Beispiel zeigte sich in aller Deutlichkeit, wie wenig statisch, linear oder vorhersehbar die Gesetze kollektiver Erinnerungen sind.
Die Vorträge Medicks und Echternkamps exemplifizierten außerdem eine weitere transnationale Gemeinsamkeit: Geschichtsbilder waren und sind oft (De-)Konstruktionen und Überformungen einstiger Erfahrungs- und Erinnerungsmuster, an der sich jeweils eine Vielzahl von Akteuren beteiligt. So wurde der Dreißigjährige Krieg, der zunächst als fünfjähriger, dann als zehnjähriger und schließlich als fünfzehnjähriger Krieg bezeichnet wurde, erst in der kulturellen Verarbeitung der Erfahrung und unter dem Einfluss “humanistischer Überbietungstopoi“ (Medick) sukzessiv zu einem “Dreißigjährigen Krieg“. Das macht deutlich, wie wichtig eine kritische Reflexion der Eigenart des Gedächtnisses und der Verflechtung und Wechselwirkung zwischen Gedächtnis, Geschichte und Vergessen ist. Es gilt, stets auch nach verschütteten, verdrängten, umkämpften und vergessenen Erinnerungen zu fragen, die nicht dem „mainstream“ nationaler Geschichtsschreibung entsprachen. Nur so können die geplanten Untersuchungen sich von den Paradigmen nationaler Geschichtsschreibungen befreien.
In Frankreich, dem Geburtsland alltags- und mentalitätsgeschichtlicher Fragestellungen, hat die Untersuchung von memoire eine lange Tradition. Etienne François, der in seinem Referat die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand der Gedächtnisforschung skizzierte, erinnerte an die frühen Werke von Henri Bergson und Marcel Proust, wies aber auch darauf hin, dass bei diesen die Beschäftigung mit Gedächtnis noch ganz aus der Perspektive des Individuums geschehen sei. Dies änderte sich erst, als Maurice Halbwachs in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts sein großes, unvollendet gebliebenes Werk über das „Kollektivgedächtnis“ (les cadres sociaux) vorgelegt habe. Seine Entdeckung, dass individuelle Erinnerung nur in Zusammenhang mit kollektiven Strukturen verstanden werden kann, hat zunächst wenig Beachtung gefunden, langfristig die Forschung aber nachhaltig beeinflusst. Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er-Jahre eroberten auch französische Historiker das wissenschaftliche Terrain der Gedächtnisforschung. Von paradigmatischer Bedeutung war bekanntermaßen das Unternehmen der lieux de mémoire, jene zwischen 1984 und 1992 von Pierre Nora herausgegebenen sieben Bände mit einem Gesamtumfang von 5000 Seiten, welche die französische Nation in ihrer ganzen Symbolhaftigkeit diskutierten und eine Reihe weiterer Projekte zum Thema in anderen europäischen Ländern anregte, beispielsweise in Deutschland und Großbritannien.
Im Rahmen dieser Verortung methodisch-theoretischer Überlegungen zu den Kategorien Gedächtnis, memory, mémoire sprach Astrid Erll (Universität Giessen, Institut für Anglistik) über die „Meilensteine“ britischer Konzepte und Studien zu Krieg und Erinnerung. Ihr Beitrag zeigte, daß Großbritannien – neben Frankreich und Deutschland – immer noch die am weitesten entwickelte Forschungslandschaft zum Thema aufweist. Erll unterstrich nachdrücklich die Notwendigkeit einer theoretischen Auseinandersetzung mit Konzepten von Gedächtnisgeschichte in Studien zu den Erinnerungen von Militär und Krieg und kritisierte die Faktenorientiertheit und den Empirismus vieler (Militär-)historiker, die noch zu oft den Blick auf Kriege bestimme. Dabei sei es wichtig, unterschiedliche Ansätze geschichts- und kulturwissenschaftlicher Forschung sinnvoll miteinander zu verknüpfen: Eine differenzierte europäisch vergleichende Geschichte kollektiver Erfahrung und Erinnerung habe ebenso auf das Konzept einer Perspektive der „Erinnerungen von oben“ – der „invention of tradition“ (Hobsbawm/ Ranger) – zu rekurrieren wie auf die Mythen- oder Medientheorie oder psychologische Fragestellungen.
Auch Christina Kleiser (Universität Wien / BKVGE) betonte im Rahmen ihres Vortrages über Avishai Margalits vielschichtiges Werk The Ethics of Memory (2004) die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit theoretischen Konzepten sowie die exzeptionelle Bedeutung einer Integration interdisziplinärer Ansätze in die Untersuchung von Erfahrung und Erinnerung. Ihr Beitrag zeigte, dass der Untersuchung individueller und kollektiver Erfahrung und Erinnerung eine existenzielle Dimension inhärent ist, die weit über die wissenschaftliche Bedeutungsebene hinausweist.
Wie Alexander Martin (Universität Oglethorpe, Atlanta) in seinem Beitrag zur russischen und sowjetischen Erinnerung an die Napoleonischen Kriege erläuterte, sei in Osteuropa das Forschungsfeld der Erinnerungsgeschichte – gerade aus interdisziplinärer und vergleichender Perspektive – weitgehend unbestellt. Es gelte, so Martin, die traditionelle historiographische Perspektive endgültig zu überwinden. Dass nur zu oft primär unter nationalgeschichtlichen Vorzeichen die genuin militärische Dimension der Kriege aufgearbeitet wurde, resultiert offenkundig auch aus dem noch anhaltenden Prozess der Suche nach eigener Identität. Für die russische (oder sowjetische) Identitätsfindung sei der Rekurs auf die Napoleonischen Kriege von anhaltender Bedeutung gewesen. Die Erinnerung an den großen „Vaterländischen Krieg“ sei aus den verschiedensten politischen Richtungen instrumentalisiert worden.
Auch am spanischen Fall zeigt sich die Multidimensionalität kollektiver Erinnerung: Ebenso wie in Russland wurde der Krieg gegen Napoleon auf der iberischen Halbinsel als „kathartische Erfahrung“ eines „Befreiungskrieges“ gefeiert. José Alvarez Junco (Centro de Etudiios Politicosy Constitutucionales, Madrid) zeigte dies in seinem Beitrag zur spanischen Erinnerung. Junco verdeutlichte, wie viele verschiedene (und konkurrierende) Deutungen der Napoleonischen Kriege in Spanien existierten. Während des spanischen Bürgerkrieges in den 1930er-Jahren hätten sich sowohl die spanischen Republikaner wie auch die Francisten die Tradition des „Befreiungskrieges“ auf ihre Fahnen geheftet und als Wiederholung ihres gegenwärtigen „neuen Unabhängigkeitskrieges“ deklariert.
Wurden auf der Suche nach spanischer Identität die Napoleonischen Kriege gerne als „Religionskriege“ gedeutet und dem Korsen die Rolle eines Urfeindes zugeschrieben, so war die Erinnerung an Napoleon im polnischen Kontext durchaus positiv konnotiert. Andrezej Nieuważny (Copernicus UniversityToruń / Pultusk High School of Humanities) verdeutlichte dies anhand einer Untersuchung des noch immer sehr lebendigen polnischen Napoleon-Kultes. Die polnische Napoleon-Erinnerung sei, so Nieuważny, weitaus positiver und weniger ambivalent (gewesen) als in Frankreich; habe Napoleon doch als Projektionsfigur für den polnischen Wunsch nach einem eigenen Nationalstaat gedient. Symbolkräftig spiegele sich die polnische Napoleon-Verehrung im Text der Nationalhymne, in der – einzigartig in ganz Europa – Napoleon besungen wird.
Im abschließenden „Round Table“ kommentierten Jane Rendall (University of York), Richard Bessel (University of York) und Arnd Bauerkämper (BKVGE) die Ergebnisse des Workshops. Einigkeit herrschte auf dem Podium darüber, dass die Referate und die anschließenden fruchtbaren Diskussionen eindrucksvoll die Aktualität und wissenschaftliche Relevanz des Themas zeigten. Die Teilnehmer des „Round Table“ stimmten allerdings auch darin überein, dass viele zentrale Fragen weiter zu diskutieren sind. So wies Jane Rendall – wie auch Karen Hagemann mehrfach in der Diskussion des Workshops – darauf hin, dass die Gender-Perspektive bislang nur unzureichend in die theoretische und methodische Diskussion zur Erfahrungs- und Erinnerungsgeschichte einbezogen worden sei. Dies sei ein höchst problematisches Desiderat. Zeige sich doch schnell, so Karen Hagemann, die die Abschlussdiskussion leitete, dass in der Analyse der Erfahrungen Geschlechterdifferenzen in den Quellen durchaus noch sehr präsent seien, in den Medien der kommunikativen und kulturellen Erinnerung jedoch mehr und mehr an den Rand gedrängt werden und in Vergessenheit geraten, weil sich die männliche Perspektive als hegemoniale Perspektive durchsetze und das kulturelle Gedächtnis überforme.
Richard Bessel hob in seinem anschließenden Statement hervor, dass die Erfahrung von Kriegen zweifellos leidvoll und traumatisch sei; Tod und Schock, Versehrung und Entbehrung bestimmten kollektive Erinnerung. Dennoch sollte man aus der Perspektive des Historikers nicht vergessen, dass mit Kriegen immer auch positive Erfahrungen und Imaginationen verbunden waren. Die „pleasures of war“ (Graham Dawson) durchzogen die Erinnerungskulturen Westeuropas ebenso wie die Mittel-, Süd- und Osteuropas: Kriege sind immer auch verbunden mit der Erfahrung von Sieg und Heldentum; sie stiften Gruppen- und individuelle Identitäten; ermöglichen Selbstfindung, Abenteuer, Erlebnisse von Sex, Drogen und Rausch, das Reisen in andere Länder. Situativ oder nachträglich wahrgenommen als positive Erfahrung, haben sie Erinnerungsmuster und somit jene „pleasure culture of war“, geprägt, die sich in unterschiedlichen Medien – im Theater, in Romanen oder Festen – in ganz Europa widerspiegelten. Gerade in einer Untersuchung des „Kriegstourismus“ und des „boarder crossing“ finden sich wichtige Ansatzpunkte für einen transnationalen Vergleich und eine histoire croisée.
Erfahrung ist, so Arnd Bauerkämper in seinem Schlusskommentar, ein „Aggregatzustand“ von Erinnerung; ihre Analyse bedingt ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge von Erfahrung, kollektiver und individueller Erinnerung sowie ein geschärftes Bewusstsein für die Schnittstellen zwischen Bildern und analytischen Konzepten, transnationalen Gemeinsamkeiten und Besonderheiten.
Nach der Tagung kann erwartet werden, dass auf dem am 24. und 25. Februar 2006 am Deutschen Historischen Institut in London stattfindenden dritten Workshop der NBI-Projektgruppe zum Thema "War Experiences and Identities: The Revolutionary and Napoleonic Wars in Contemporary Perception" die Dimension der Erfahrung der Revolutions- und Napoleonischen Kriege angemessen beleuchtet und für die konkrete Forschung nutzbar gemacht werden kann.
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Citation:
Karen Hagemann. Review of , The Experiences and Memories of War in European Comparison: (Trans)national and Interdisciplinary Approaches.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2006.
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