Industriekultur im Spannungsfeld von Region und Nation. Nordfrankreich, der Pays de Liège, Sachsen, Venetien und Yorkshire im Vergleich. Leipzig: Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig Institut Fédératif de Recherche sur les Économies et Sociétés Industrielles (IFRESI), 19.10.2003-21.10.2003.
Reviewed by Matthias Middell
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2004)
Industriekultur im Spannungsfeld von Region und Nation. Nordfrankreich, der Pays de Liège, Sachsen, Venetien und Yorkshire im Vergleich
Das Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig war gemeinsam mit dem im nordfranzösischen Lille ansässigen Institut Fédératif de Recherche sur les Économies et Sociétés Industrielles (IFRESI) zwischen dem 19. und 21. Oktober 2003 Gastgeber eines workshops zum Thema „Industriekultur im Spannungsfeld von Regionalisierung und Nationalisierung“. Die Tagung vereinte Forscher aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Die Mitglieder der vom Zentrum für Höhere Studien koordinierten interdisziplinären Forschergruppe „Symbolische und soziale Konstruktion von Räumen“ trafen im Rahmen der Tagung auf internationale Partner aus Geographie, Geschichts- und Politikwissenschaften und diskutierten Probleme der regionalen Industrialisierung in drei Arbeitskreisen, die zunächst die Perioden der Frühindustrialisierung und der Hochindustrialisierung in den Blick nahmen und abschließend Strategien zur heutigen Rekonversion von altindustrialisierten Regionen diskutierten. Im Mittelpunkt der Diskussion standen fünf Fallstudien zu den industriellen Ballungsräumen Nord (Frankreich), Pays de Liège (Belgien), Sachsen (Deutschland), Veneto (Italien) und Yorkshire (Großbritannien).
Die Initiatoren der Tagung Matthias Middell (Leipzig) und Gérard Gayot (Lille) berichteten in einführenden Referaten von den Erfahrungen, die im Rahmen des Leipziger Sonderforschungsbereiches „Regionenbezogene Identifikationsprozesse“und des IFRESI in den zurückliegenden Jahren gesammelt worden sind und entwickelten Perspektiven für die Untersuchen regionaler Industriekulturen im europäischen Vergleich. Die aus kultur- und wirtschaftsgeschichtlicher Perspektive vorgetragenen Überlegungen wurden mit einem Kommentar des Geographen Michel Grésillon (Paris) konfrontiert, der die Bedeutung einer kulturwissenschaftlichen Öffnung der traditionellen wirtschaftshistorischen und geographischen Zugriffe auf die Region unterstrich.
Fallstudien zur ersten Phase der Industrialisierung wurden von John Chartres (Leeds), Cantal Petillon und Didier Terrier (Valenciennes) und Steffen Sammler (Leipzig) vorgestellt. Chartres verwies auf die Bedeutung kultureller Merkmale, die die Region vor der Industrialisierung geprägt haben. Diese seien im Industrialisierungsprozess grundlegend modifiziert worden und erlebten im Zuge der mit der Deindustrialisierung verbundenen Identitätssuche eine neue Konjunktur.
Petillon und Terrier rekonstruierten auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen die Raumvorstellungen nordfranzösischer industrieller Unternehmer. Sie entwickelten ein Koordinatensystem, das Kooperationsbeziehungen und Konkurrenzverhältnisse, Marktbeziehungen und die Auseinandersetzung der Unternehmer mit der Kultur der beschäftigten Arbeitskräfte, die vom regionalen Einzugsbereich abhängig war, einschloss.
Steffen Sammler (Leipzig) stellte den schwierigen Übergang von der haus- zur fabrikindustriellen Produktion in den verschiedenen sächsischen Subregionen vor, der von den Pionieren der sächsischen Industrialisierung als ein Haupthindernis für erfolgreiche Industrialisierung angesehen worden ist.
Silvie Vaillant (Lille) und David Celetti (Padua) präsentierten am Beispiel der Familien Seydoux im Cato-Cambrésis und Rossi in Schio Strategien französischer und norditalienischer Unternehmer für die Industrialisierung agrarisch geprägter Regionen.
Jean-Luc Mastin (Lille) beschäftigte sich mit den Kapitalbildungsprozessen bei der Industrialisierung des Industriebezirks von Lille in der Periode der Hochindustrialisierung. Diese wurden von Peter Hertner (Halle) kommentiert und mit deutschen, italienischen und englischen Beispielen konfrontiert.
Die Spezifik der sächsischen Entwicklung, die sich durch eine besonders ausgeprägte Konfrontation zwischen einer sozialdemokratisch organisierten Arbeiterschaft und der industriellen Unternehmerschaft bei gleichzeitig fortdauernder Innovationsbereitschaft des mittelständischen Gewerbes auszeichnete, wurde von Werner Bramke (Leipzig) hervorgehoben.
Im Mittelpunkt der abschließenden Sektion standen Rekonversionsstrategien, die Auswege aus der Krise der traditionellen Industrieregionen eröffnen sollten. Die Fallstudien von Celetti und Suzy Pasleau (Liège) verwiesen auf die Bedeutung von hochspezialisierten industriellen Clusterbildungen als Voraussetzung für eine erfolgreiche Rekonversion, die durch touristische Aktivitäten bestenfalls ergänzt werden kann. Wolfgang Luutz (Leipzig) stellte neue Regionalisierungsstrategien am Beispiel des Leipziger Südraumes vor. Die traditionelle Braunkohlenlandschaft steht vor genau dieser Herausforderung, unternehmerische Initiativen im zweiten Sektor mit der weiteren Entwicklung einer Tourismusregion zu verbinden. In der Diskussion wurde das Problem der Bildung von Doppelstrukturen bei der „Regionalisierung von unten“ hervorgehoben.. Neue Regionalinitiativen geraten dabei in Konkurrenz zu traditionellen Verwaltungsstrukturen.
Die Teilnehmer betonten die Fruchtbarkeit vergleichender Zugänge ebenso wie die Untersuchung kultureller Transfers zwischen den untersuchten Regionen.
Es war nicht überraschend, dass die Teilnehmer ein hohes Maß an Übereinstimmung bei der Bestimmung allgemeiner Strukturelemente der Früh-, Hoch- und Deindustrialisierungsphase in den einzelnen Regionen feststellen konnten. Dagegen hat die Diskussion den Blick für zeitliche Verschiebungen geschärft und die damit zusammenhängenden kulturellen Transfer- und Lernprozesse deutlich gemacht.
Die Tagung markiert den Beginn eines gemeinsamen Forschungsvorhabens der beteiligten Universitäten, das im nächsten Jahr auf einer Tagung in Liège fortgesetzt werden soll.
Eine Exkursion in das Industriemuseum Chemnitz gestattete den Teilnehmern der Tagung und Studierenden des PHD Studienganges „Transnationalisierung und Regionalisierung“ an der Leipziger Universität einen Einblick in die Arbeit des „Zweckverbandes Sächsisches Industriemuseum“. Achim Dresler (Chemnitz) hob bei dieser Gelegenheit die Bedeutung des industriellen Erbes für die Identitätsstiftung in Sachsen hervor. Im Gegensatz zur vielfach beklagten „Musealisierung der ostdeutschen Industriekultur“ versteht sich das sächsische Industriemuseum gleichzeitig als Erinnerungsstifter und Moderator der Neugestaltung der sächsischen Industrielandschaft.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Matthias Middell. Review of , Industriekultur im Spannungsfeld von Region und Nation. Nordfrankreich, der Pays de Liège, Sachsen, Venetien und Yorkshire im Vergleich.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2004.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=27841
Copyright © 2004 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


