Fondsgesellschaften. Bericht über die Sitzung des Arbeitskreises Bank- und Versicherungsgeschichte der GUG e.V. Frankfurt am Main: Arbeitskreis Bank- und Versicherungsgeschichte der GUG e.V., 09.06.2006.
Reviewed by Gabriele Pieri
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2006)
Fondsgesellschaften. Bericht über die Sitzung des Arbeitskreises Bank- und Versicherungsgeschichte der GUG e.V.
Anlass für die Beschäftigung mit dem Thema „Fondsgesellschaften“ waren das 50jährige Jubiläum des dit (Deutscher Investment Trust Gesellschaft für Wertpapieranlagen mbH) im Jahre 2005 und das ebenfalls 50jährige Bestehen des DWS S. die Publikationen von Martin L. Müller, DWS – Eine Erfolgsgeschichte 1956-2006, München: Piper Verlag, 2006 sowie von Johannes Bähr, 50 Jahre dit. Aufbruch, Wachstum, Zukunft 1955 - 2005. im Jahre 2006.
Im einleitenden Vortrag von Martin L. Müller ging es um „Vorläufer und Anfänge des Investmentsparens in Deutschland und die Entwicklung der DWS seit 1956“. Nach einer kurzen Schilderung der Entwicklung des Investmentwesens in Belgien, der Schweiz, Großbritannien und den USA seit Anfang des 19. Jahrhunderts, stand zunächst die Frage im Mittelpunkt, warum sich deutsche Investmentfondsgesellschaften erst seit Mitte der 1950er Jahre etablieren konnten, und Deutschland im Vergleich zu seinen westeuropäischen Nachbarländern auf dem Gebiet der Investmentanlage als Spätentwickler gelten muß.
Als Hauptursachen können folgende Faktoren gelten:
- Das intensive Wertpapiergeschäft mit der privaten Kundschaft insbesondere bei den Großbanken.
- Durch ihr breites Industrieportfolio waren die Großbanken in gewissem Sinne auch Investmentgesellschaften: „Ein Aktionär, der etwa Aktien der Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft erwirbt, ist damit zugleich an dem Schicksal einer ganzen Reihe anderer Unternehmungen indirekt mit interessiert.“ (Adolf Weber)
- Im Kaiserreich und der Zwischenkriegszeit unterlagen Investmentsparer einer dreifachen Besteuerung: einmal bei dem Unternehmen, dessen Aktien die Anlagegesellschaft besaß, zum zweiten bei der Investmentgesellschaft und zum dritten bei deren Anlegern.
- Das hohe Zinsniveau in der Zwischenkriegszeit: Bei einer Realverzinsung von nicht unter 8 Prozent für Inlandsobligationen war die organisierte Kapitalverwaltung, die sich auf heimische Aktien konzentrierte, uninteressant. Selbst bei den niedrigen Kursen von Anfang 1930 kamen gute deutsche Aktien nicht über eine Dividendenrendite von 6 bis 7 Prozent hinaus.
- Erste, in den 1920er Jahren gegründete deutsche Investmentgesellschaften scheiterten an den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise.
- Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kamen zu den ungünstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch politische Vorbehalte, die der Entstehung von Investmentgesellschaften im Wege standen.
- Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Währungsreform mußte zunächst ein funktionierender Kapitalmarkt wiederhergestellt werden.
Der zweite Teil des Beitrags thematisierte Entstehung und Entwicklung der vor 50 Jahren, am 22. Mai 1956, gegründeten „Deutschen Gesellschaft für Wertpapiersparen mbH“, die heute als „DWS“ firmiert und eine 100prozentige Deutsche Bank-Tochter ist. Dabei wurden insbesondere Parallelen und Unterschiede zur fast gleichzeitig entstandenen Fondsgesellschaft der Dresdner Bank herausgearbeitet.
Johannes Bähr beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Thema des Investmentfonds als „Sparform der Zukunft“. Vermögenspolitische Konzepte und die Entwicklung des Fondsgeschäfts wurden am Beispiel des dit mit den Einflüssen der Vermögenspolitik und des sozialstaatlichen Umfelds auf die Entwicklung des Fondsgeschäfts in der Bundesrepublik vorgestellt.
Nach seiner Gründung im Jahr 1956 folgte der dit - eine 100prozentige Tochter der Dresdner Bank - wie auch andere Fondsgesellschaften, dem vermögenspolitischen Konzept des „Eigentums für alle“, das die Regierung Adenauer damals propagierte. Bald merkte man, dass diese Ausrichtung am Markt vorbei ging und änderte die Strategie. Bis in die siebziger Jahre hinein blieb der dit die führende deutsche Fondsgesellschaft. Nun nahmen im Investmentgeschäft vor allem die Rentenfonds stark zu. Die Vermögenspolitik der sozialliberalen Koalition führte zu einem Ausbau der betrieblichen Sozialsysteme, von dem aber nicht Publikumsfondsgesellschaften wie der dit, sondern Spezialfondsgesellschaften profitierten.
Insgesamt war der direkte Einfluss politischer Konzepte auf die Entwicklung des Fondsgeschäfts gering. Entscheidend war dagegen der Einfluss des sozialstaatlichen Umfelds. Der Ausbau der gesetzlichen Sicherungssysteme in den fünfziger Jahren wirkte sich auf das Fondsgeschäft bremsend aus. Ende der achtziger Jahre trug dann die beginnende Krise des Rentensystems und des gesamten Vorsorgestaats wesentlich dazu bei, dass dem dit und den anderen deutschen Publikumsfondsgesellschaften der Durchbruch ins Massengeschäft gelang.
Der Beitrag von Detlef Krause: „Von der ADIG zur COMINVEST – Möglichkeiten und Grenzen der Forschung zur ältesten deutschen Investmentfonds-Marke“ bot einen Überblick zur Geschichte der ADIG Allgemeine Deutsche Investment-Gesellschaft mbH sowie zur Quellenlage und zeigte mögliche Forschungsthemen auf. Die ADIG wurde 1949 von vier Banken als erste deutsche Investmentfonds-Gesellschaft in München gegründet. Im Jahr 1950 wurden die beiden ersten Fonds Fondra und Fondak aufgelegt. Der zunehmende Wettbewerb, nicht zuletzt durch ausländische Anbieter, förderte Innovationen wie das 1965 eingeführte ADIG-Aufbau-Konto oder den Einsatz von Außendienstmitarbeitern im Vertrieb.
Die ADIG verfügte jahrzehntelang über einen sehr breiten Gesellschafterkreis; zeitweilig hielten rund 20 in- und ausländische Banken sowie Versicherungen Kapitalanteile an der Gesellschaft. Die Commerzbank, die seit 1951 an der ADIG beteiligt ist, erwarb 1999 die Mehrheit an der ADIG sowie deren luxemburgische Tochtergesellschaft. Im Jahr 2002 wurde die ADIG in die COMINVEST Asset Management GmbH der Commerzbank integriert. Im Zuge einer geschäftspolitischen Neupositionierung wird die Marke ADIG im Laufe des Jahres 2006 vom Markt genommen werden.
Die Überlieferungslage erlaubt es, die Entwicklungsgeschichte der ADIG nachzuzeichnen, während strategische Fragen nur ansatzweise untersucht werden können. Quellen zur Geschichte der ADIG befinden sich im Historischen Archiv der Commerzbank in Frankfurt am Main sowie im Archiv der HypoVereinsbank in München. Mögliche Forschungsthemen, die mit dem überlieferten Material bearbeitet werden könnten, wären die Anlagepolitik, die Kundenstruktur, der Wandel des Marketing sowie die kulturellen Unterschiede zwischen Investmentfonds-Gesellschaften und Banken.
Auffällig waren die häufig parallelen Entwicklungen der verschiedenen Fondsgesellschaften trotz ihrer unterschiedlichen unternehmerischen Strategien. Dies zeigte insbesondere der Vortrag von Kai Stefani (dit), der die strategische Ausrichtung des aktuellen Fondsgeschäfts und dessen Entwicklung der letzten zehn Jahre darstellte. Historisch zeigen die Etablierung von eigenständigen Gesellschaften auf neuem Terrain die Handlungsweisen von Großbanken auf dem Gebiet des Risikomanagements. Innovationsschübe wie wechselseitiger Einfluss von Politik und Wirtschaft waren durch den unmittelbaren Vergleich der verschiedenen Fondsgesellschaften besonders gut nachvollziehbar. Mit dieser Sitzung wurden erstmals der Themenbereich Fondsgesellschaften gestreift. Mit den vorliegenden Publikationen sind Grundlagen für weitere vergleichende Ansätze geschaffen worden.
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Citation:
Gabriele Pieri. Review of , Fondsgesellschaften. Bericht über die Sitzung des Arbeitskreises Bank- und Versicherungsgeschichte der GUG e.V.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2006.
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