Nekropolis - Der Friedhof als Ort der Toten und der Lebenden. Irsee: Tagungsleitung: Dr. Norbert Fischer (Universität Hamburg), Dr. Markwart Herzog (Schwaben Akademie Irsee), 07.11.2003-09.11.2003.
Reviewed by Norbert Fischer
Published on H-Soz-u-Kult (December, 2003)
Nekropolis - Der Friedhof als Ort der Toten und der Lebenden
Auf der interdisziplinären Tagung trafen sich 16 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Fachgebieten Geschichte, Ethnologie, Kunstgeschichte, Kulturanthropologie, Theologie, Islamistik, Volkskunde, Sozialgeschichte sowie Garten- und Landschaftsarchitektur, um die Funktion des Friedhofs in Gesellschaft, Kultur und Religion zu beleuchten, entscheidende historische Etappen zu erläutern sowie gegenwärtige und künftige Tendenzen der Erinnerungskultur zu skizzieren. Konzipiert und geleitet wurde die Tagung von dem Sozial- und Kulturhistoriker Norbert Fischer (Universität Hamburg) und dem Religions- und Kulturhistoriker Markwart Herzog (Wissenschaftlicher Bildungsreferent, Schwabenakademie Irsee).
Im einleitenden Vortrag untersuchte der Theologe, Archäologe und Kunsthistoriker Reiner Sörries - Leiter des Kasseler Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur - das Erscheinungsbild sowie die religiöse und soziale Funktion des mittelalterlichen christlichen Kirchhofs. Während in der Antike die Nekropolen außerhalb der Städte lagen und das Begräbnis eine Pflicht der Familie war, so fiel die Bestattung in der christlichen Spätantike in die Zuständigkeit der Gemeinden, die Gräber wurden in die Städte verlegt. Sörries wies darauf hin, dass in den mittelalterlichen Quellen nicht vom "Kirchhof", sondern vom "coemeterium" (Ruhestätte) gesprochen wurde. Die Hauptaufgabe des Coemeteriums war die Befriedung des im alten Glauben spannungs- und konfliktreichen Verhältnisses zwischen Lebenden und Toten. Wichtige bauliche Elemente waren Beinhaus (Karner), Totenleuchte und die lokale Pfarrkirche. An dieser mittelalterlichen Grundstruktur - mit ihrem Bestreben, die Lebenden vor den Toten und den von ihnen ausgehenden Gefahren zu sichern (Mauern und Beinbrecher), änderte sich bis zum 16. Jahrhundert nur wenig. Erst danach setzte ein Umbruch ein, als eine erste, hygienisch motivierte Welle von Friedhofsverlegungen vor die Tore der Städte dazu führte, dass die Orte der Lebenden und der Toten allmählich getrennt wurden. Die wachsende Dominanz hygienischer Erkenntnisse über das Gewicht religiöser Traditionen führte dann im Zeitalter von Aufklärung und Reform zu einer weiteren, umfassenderen Welle von Friedhofsverlegungen, die in fast allen deutschen Städten früher oder später zur Anlage außerstädtischer Begräbnisplätze in der Ära um 1800 führte. Dieses Phänomen untersuchte die Kulturwissenschaftlerin Barbara Happe (Universität Jena) vor allem am Beispiel des Dessauer Neuen Begräbnisplatzes. Dieser 1787 eingerichtete Friedhof bietet nicht nur ein frühes instruktives Beispiel für ästhetisch gepflegte Begräbnisplätze, sondern er zeigte auch - zumindest vorübergehend - Formen der im Zeitalter von Aufklärung und Revolution propagierten "anonymen Beisetzung". Auf die sich im 19. Jahrhundert vollziehende "Ästhetisierung der Friedhöfe" ging die Hamburger Kunsthistorikerin Barbara Leisner ein. Sie wies nach, dass die amerikanische "rural cemetery"-Bewegung wichtige Einflüsse auf die deutsche Friedhofsgeschichte ausübte und die Gestaltung der frühen deutschen Parkfriedhöfe in Kiel, Bremen und vor allem in Hamburg-Ohlsdorf prägte.
Die folgende Vortragssektion war dem "Besonderen Friedhof" gewidmet. Helmut Schoenfeld (Hamburg) untersuchte die Wechselwirkungen zwischen den Soldatenfriedhöfen und der Friedhofsreformbewegung im frühen 20. Jahrhundert. Er stellte einen grundlegenden Einfluss der frühen Friedhofsreform auf die Gestaltung von Soldatenfriedhöfen des Ersten Weltkriegs fest. Namhafte Persönlichkeiten der Friedhofsreformbewegung beteiligten sich an den Entwürfen für Soldatenfriedhöfe. Die Kieler Kunsthistorikerin Michaela Henning berichtete aus ihren Forschungen über Privatfriedhöfe und Mausoleen in Schleswig-Holstein und Hamburg. Diese sich an romanischen, gotischen und klassizistischen Stilformen orientierenden Bauten standen - unter dem Einfluss der englischen Parkästhetik - häufig in landschaftlich prominenter Lage. War der Mausoleumsbau lange Zeit ein Privileg des ländlichen Adels gewesen, so ließen Ende des 19. Jahrhunderts auch großbürgerliche Auftraggeber stattliche Mausoleen errichten. Norbert Fischer untersuchte den Wandel des Umgangs mit dem Tod in den "hydrografischen Gesellschaften" der Nordseeküste. Am Beispiel der Namenlosenfriedhöfe für nicht identifizierbare Strandleichen konstatierte er einen im 19. Jahrhundert hegemonial werdenden Einfluss der bürgerlich-städtischen Kultur auf die zuvor relativ autonomen Küstengesellschaften - wichtigste Katalysatoren waren das aufkommende Seebäder- und Seenotrettungswesen. Der Volkskundler Michael Prosser (Universität Würzburg) erläuterte die Bestattungsorte totgeborener Kinder vor dem Hintergrund der christlichen Frömmigkeitspraxis und des sie tragenden Jenseitsglaubens. Da den totgeborenen oder kurz nach der Geburt verstorbenen Kindern die Taufe verwehrt wurde, blieb ihnen auch die christliche Bestattung innerhalb des Friedhofs versagt. Deshalb versuchten die Eltern bis ins 19. Jahrhundert hinein, z.B. durch die Anrufung der Fürbitte von Heiligen, ein kurzzeitiges mirakelhaftes Wiederaufleben ihrer Kinder herbeizuführen, so dass diese getauft und in geweihter Erde beigesetzt werden konnten. Abschließend ging Prosser auf den Umgang mit Totgeborenen in der Gegenwart und auf die Errichtung von Gedenkstätten auf Friedhöfen ein.
Die nächste Sektion befasste sich mit den Friedhöfen anderer Kulturen und Religionen. Der Theologe und Islamwissenschaftler Thomas Lemmen (Berlin) widmete sich den vielfältigen Schwierigkeiten moslemischer Bestattungs- und Friedhofskultur in Deutschland. Er betonte den rechts- und gemeinschaftsverbindlichen Charakter der religiösen Grundsatzregeln, deren Details gleichwohl von den unterschiedlichen Rechtsschulen im Islam nicht einheitlich festgelegt und gehandhabt werden. Vor allem ging Lemmen auf moslemische Bestattungstraditionen ein - u.a. Sargverbot und dauerhafte Grabbelegung -, denen restriktive deutsche Friedhofsordnungen entgegenstehen. Alfred Etzold (Berlin) berichtete über jüdische Friedhöfe in Berlin, über Bestattungstraditionen und die Bedeutung hebräischer Inschriften. An ausgewählten jüdischen Friedhöfen in Berlin, darunter auch Weißensee als derzeit größten jüdischen Friedhof Europas, stellte er deren Erhaltenszustand vor. Der in Frankfurt a.d. Oder an der Europa-Universität lehrende Historiker und Essayist Karl Schlögel erläuterte an Hand von Beispielen aus dem osteuropäischen Raum, warum Friedhöfe "Dokumente sui generis" sind und sich als aussagekräftige historische Texte bzw. Palimpseste lesen und auswerten lassen. Schlögel befragte sie zum Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit, Multiethnizität und Multikulturalität - der Friedhof als "Vielvölkerstaat". Die Ethnologin Dorle Dracklé (Universität Bremen) stellte die Bestattungskultur einer sozialschwachen Region in Portugal, dem Alentejo, vor. Religiöse Bruderschaften sind dort für die Bestattungsrituale von großer Bedeutung. Eine architektonische Besonderheit stellen die "Knochenkapellen" dar, die der repräsentativen Aufbewahrung der menschlichen Überreste in Form einer Sekundärbestattung dienen. Die soziale Topographie des Friedhofs entspricht jener der dazugehörigen Stadt.
Die abschließende Sektion widmete sich neuen Aufbrüchen des Totengedenkens und der Erinnerungskultur. Die Volkskundlerinnen Gudrun Schwibbe und Ira Spieker (Universität Göttingen) stellten am Beispiel der seit Anfang der 1990er Jahre eingerichteten sog. "Internet-Friedhöfe" repräsentative Formen digitalen Erinnerns und Gedenkens und deren soziokulturelle Bedeutung vor. Die Referentinnen analysierten die Funktionen von Trauern und Erinnern ebenso wie die durch Internetkommunikation entstehenden Sozialkontakte. Zugleich hinterfragten sie die Bedeutung des digitalen Gedenkens im Spannungsfeld von Realität und Virtualität, Diesseits und Jenseits, Zeitlichkeit und Ewigkeit ("forever online"). Die Kulturanthropologin Andrea Gerdau (Frankfurt a.M.) referierte neue Resultate ihrer Forschungen über "Kreuze am Straßenrand", eine verbreitete Form moderner Trauerkultur für Verkehrstote. Die mehr oder weniger aufwändig geschmückten Erinnerungsstätten am Rand der Verkehrsstraßen sind stellenweise zu "magischen" Orten geworden, an denen die Hinterbliebenen mit den Toten über diverse Zeichen "kommunizieren". Zugleich sind die Kreuze am Straßenrand als Mahnung an die Lebenden zu verstehen. Markwart Herzog untersuchte - u.a. am Beispiel des 1. FC Kaiserslautern -, wie Sportvereinsgemeinschaften in ihre die Generationen übergreifende Kontinuität das Gedächtnis an verstorbene Spieler, Fans und Funktionäre einbeziehen. Zur Darstellung kamen einerseits traditionelle Medien der Totenmemoria wie z.B. Kriegerdenkmäler und deren sich ändernden Funktionszuschreibungen, Todesanzeigen, Gedächtnisfeiern und (Mannschafts-)Fotos. Besondere Beachtung verdienen andererseits die in der britischen Fansubkultur durch Ascheverstreuung praktizierten Stadionbestattungen. Vereinsgemeinschaft ist, vor allem in den traditionsreichen Sportclubs, als eine Sozialstruktur angelegt, die sowohl lebende als auch verstorbene Mitglieder - "the ashes of our fathers" - umfasst. Gerhard Robert Richter, der an der Fachhochschule Weihenstephan Freiraumplanung lehrt, beschäftigte sich im abschließenden Vortrag mit aktuellen Tendenzen der Friedhofs- und Bestattungskultur, die in die Zukunft weisen. Im Rahmen veränderter gesellschaftlicher Bedürfnisse und den damit verbundenen neuen Todesbildern werden die klassischen Familiengrabstätten zunehmend verschwinden und neuen Beisetzungsformen, wie besonders gestalteten Gemeinschaftsanlagen, Platz machen. Die Integration der Friedhöfe in die Wohngebiete wird eine größere Rolle spielen als bisher. Der Friedhof wird künftig eine breitere architektonische und landschaftliche Variabilität aufweisen und sich für die Bedürfnisse von Menschen aus anderen Kulturkreisen stärker öffnen können. Zugleich werden Beisetzungsorte außerhalb des Friedhofs (Beispiel "Friedwald") an Bedeutung gewinnen.
Resümierend kann man festhalten, dass der Paradigmenwechsel, der im spätantiken Christentum eingesetzt hatte, heute immer mehr zurückgefahren wird: Die Trennung der Toten von den Lebenden wird dadurch relativiert, dass die Memorial- und Bestattungsorte in öffentliche Räume eindringen, die eigentlich anderen Zwecken gewidmet sind. Obendrein werden kollektive Zuständigkeiten zunehmend abgelöst durch die Familien. Individuellere Formen und Initiativen der Sorge um die Verstorbenen, und auch deren Finanzierung (Abschaffung des Sterbegeldes), sind signifikante Belege für diesen Entwicklungstrend.
Die für den Druck überarbeiteten Ergebnisse der Tagung sollen im Herbst 2004 - herausgegeben von den Berichterstattern - als Band 10 der Reihe "Irseer Dialoge: Kultur und Wissenschaft interdisziplinär" im Kohlhammer-Verlag, Stuttgart, erscheinen.
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Norbert Fischer. Review of , Nekropolis - Der Friedhof als Ort der Toten und der Lebenden.
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December, 2003.
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