Schriftlichkeit und Identität. Koppelsberg bei Ploen: Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, 30.05.2003-01.06.2003.
Reviewed by Martin Rheinheimer
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2003)
Schriftlichkeit und Identität
Vom 30. Mai bis 1. Juni 2003 veranstaltete der Arbeitskreis fuer Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins in der Evangelischen Landvolkshochschule auf dem Koppelsberg bei Ploen unter der Leitung von Martin Rheinheimer die Tagung "Schriftlichkeit und Identitaet". Die Teilnehmer hatten sich bereits vorher einmal zu einem Arbeitsgespraech in Kiel getroffen. In den Beitraegen ging es darum, inwieweit Schriftlichkeit Identitaet beeinflußt bzw. konstitutiv fuer sie ist, und/oder wie sich
Identitaet in Schriftlichkeit ausdrueckt.
Martin Rheinheimer (Esbjerg) stellte in seinem Einleitungsreferat am Freitag abend zunaechst das Stufenmodell von Roy Baumeister vor, das fuenf Typen der Selbstdefinition nach dem Schweregrad unterscheidet. Bei dem einfachsten Typ wird die Identitaet von außen, passiv zugeschrieben (zum Beispiel durch Geburt), beim zweiten Typ wird sie durch einmaligen Uebergang erlangt (z. B. durch Heirat oder Ritterschlag), beim dritten Typ erlangt man sie entlang einer festen Werteskala (z. B. einer Hierarchie oder materiellem Besitz), beim vierten Typ wird sie aus fest vorgegebenen Optionen freiwillig gewaehlt (z. B. die Konfession), beim fuenften und schwierigsten Typ erfolgt die Wahl unter beliebigen Alternativen ohne feste Kriterien. Dieses Modell eignet sich sowohl fuer die Beschreibung verschiedener Kulturen als auch fuer die Historisierung. So lassen sich anhand dieses Modells die verschiedenen Identitaetsformen in bestimmten historischen Perioden beschreiben. Martin Rheinheimer fuehrte dies am Beispiel Hark Olufs' (1708-1754) vor. Hark Olufs war ein Seemann von der Insel Amrum. Er geriet als 15jaehriger in die algerische Sklaverei, wo er eine erstaunliche Karriere machte und bis zum Kriegs- und Finanzminister der Provinz Constantine aufstieg. Nach zwoelf Jahren kehrte er auf seine Heimatinsel zurueck, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Die Reintegration wurde durch einen kirchlichen Ritus (Konfirmation), die soziale Integration (Heirat, Aemter) und das Abfassen einer Autobiographie erreicht. Letztere hatte eine seelsorgerische Funktion. Da bei der Abfassung ein Pastor mithalf und das Buch auch fuer einen Markt verfaßt wurde, ist die Funktion der Schriftlichkeit fuer Hark Olufs' Identitaet aber keinesfalls ganz eindeutig.
Das Verhaeltnis von Schriftlichkeit und Identitaet erweist sich insofern als komplex. Dabei sind die Begriffe zu differenzieren, also: inwieweit bestimmte Formen von Schriftlichkeit zu bestimmten Formen von Identitaet beitragen bzw. sie konstituieren. Man muß also z. B. fragen, welche Funktion Schriftlichkeit bei welchem Baumeisterschen Identitaetstyp hat.
Der Sonnabend begann mit einer Sektion, in der es um Einzelbiographien und die Bedeutung von Schriftlichkeit in bestimmten Lebenssituationen ging. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt (Hamburg) behandelte Selbstvergewisserung und Lebensrechtfertigung im Spiegel schleswig-holsteinischer baeuerlicher Autobiographik (1600-1960). Daniel Luebbeke aus der Wilstermarsch, Hartich Sierck aus Dithmarschen, Klaus Wiese aus der Probstei, Peter Julius Hansen aus Eiderstedt, Anna Ruge aus den Elbmarschen und Peter Petersen aus Angeln dienten ihm als Beispiele. Er stellte Lebenslauf und Art ihrer Texte vor und untersuchte, warum sie schrieben. Autobiographik erweist sich nicht generell als konstitutiv fuer baeuerliche Identitaeten; in marktorientierten Regionen war Schriftlichkeit (Wirtschaftsaufzeichnungen) aber gleichwohl notwendig fuer eine baeuerliche Existenz.
Jann M. Witt (Potsdam) sprach ueber Beruf und Identitaet bei nordfriesischen Seeleuten. Die Autobiographien von Paul Frerksen, Jens Jakob Eschels und Lorenz Friedrich Jepsen von den Inseln Foehr und Langeness dienten ihm als Beispiele, die Entwicklung familiaerer und beruflicher Identitaet bei dieser sozialen Gruppe zu untersuchen. Aeußerliche Zeichen wie Kleidung und Ehrenaemter hatten fuer sie eine große Bedeutung.
Gesine Carl (Kiel) berichtete unter dem Titel "Das Ich am Ende des Schreibens?" ueber Konversionserzaehlungen ehemaliger Juden als Medium der Identitaetsbildung. Ihr diente Malachia Ben Samuel, der 1621 in Braunschweig konvertierte und auf den Namen Paulus Christian getauft wurde, als Beispiel. Malachia verfaßte angeblich einen Tag nach der Konversion eine Erzaehlung in Paarreimen, die ueber seinen Konversionsprozeß Auskunft gibt. Die Erzaehlung diente dabei als Dokumentation dieses Prozesses, wobei deutlich wird, daß die Konversion eigentlich bereits vor der Konversion stattfand.
Am Nachmittag folgte eine Sektion, bei der Sprache und Schrift selbst in das Zentrum rueckten. Peter Thaler (Esbjerg) referierte ueber Schriftsprache, Alltagssprache und nationale Identitaet in Schleswig. Indem er einen Ueberblick ueber die Sprachgeschichte im ehemaligen Herzogtum Schleswig gab, arbeitete er die verschiedenen Faktoren heraus, die bei der Entwicklung nationaler Identitaeten im deutsch-daenischen Grenzraum eine Rolle spielten. Da Alltagssprache und Schriftsprache nicht deckungsgleich waren, untersuchte er ihre Entwicklung und gegenseitige Beeinflussung.
Michael Plata (Horst) behandelte die Schrift selbst als identitaetsstiftendes Medium. In seinem Beitrag "Nation und Schriftbild" verglich er die Abschaffung der Fraktur in Skandinavien und Deutschland. Die bei uns als "deutsche" Schrift bezeichnete Fraktur wurde dort als "daenische" oder "schwedische" Schrift bezeichnet. Bereits seit dem 18. Jahrhundert wurde sie in Schweden zunaechst in der wissenschaftlichen Literatur durch die Antiqua ersetzt. In Deutschland wurde die Fraktur dagegen zu einem nationalen Symbol. Erst 1941 ordnete Bormann ihre Abschaffung an.
Ulf-Thomas Lesle (Bremen) erlaeuterte alte und neue sprachliche Identitaetssetzungen am Beispiel des Plattdeutschen. Die Wiederbelebung des Plattdeutschen im 19. Jahrhundert und die Aktivitaet entsprechender Sprachverbaende war danach erheblich durch voelkische Ideologie beeinflusst. Die Etablierung des Plattdeutschen als europaeischer Minderheitensprache sei daher sehr kritisch zu sehen.
Am Sonntag wurde der Bogen mit zwei Beitraegen geschlossen, in denen es noch einmal um die Bedeutung von Schriftlichkeit fuer die Identitaetsbildung in bestimmten sozialen Situationen und fuer bestimmte Individuen ging. Kirsten Ruether (Hannover) sprach ueber den Prozeß der Identitaetsbildung, der sich in den Berichten und Statistiken der Hermannnsburger Missionsgesellschaft spiegelt. Die Begegnung mit den Afrikanern wurde ueber die Berichte und Statistiken von einer baeuerlich-religioesen Bewegung in der Lueneburger Heide zur Ausbildung einer eigenen spezifischen Identitaet genutzt.
Baerbel von Borries-Pusback (Hamburg) behandelte weibliche Identitaet zwischen Adel und Buergertum im 19. Jahrhundert. Als Beispiel diente ihr Henriette Selig, die aus adeliger Familie stammte, aber buergerlich verheiratet war. Ihre Identitaets- und Statusprobleme zwischen diesen Staenden werden aus ihren Briefen sowie einer Jugendautobiographie, die sie in hohem Alter schrieb, erschlossen.
Es wird erst richtig spannend, wenn man nicht mehr die Quelle als solche betrachtet als vielmehr das, was sich in ihr "bewegt". In der lebhaften Diskussion der Tagungsbeitraege wurde verlangt, durch die schriftlichen Zeugnisse zur Schriftlichkeit vorzustoßen. Es ist spannend, herauszuarbeiten, was der Erwerb oder der Gebrauch von Schriftlichkeit fuer die Identitaet bedeutet. Dabei muß immer hinterfragt werden, inwieweit die Identitaet des Textes eigentlich auch die des Schreibers ist. Insgesamt war die Tagung sehr ertragreich und eroeffnete eine Vielzahl neuer Perspektiven, indem sie die Schriftlichkeit als solche konzeptionalisierte. Die Beitraege sollen in einem Sammelband publiziert werden.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the network, at: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/.
Citation:
Martin Rheinheimer. Review of , Schriftlichkeit und Identität.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2003.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=27760
Copyright © 2003 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.


