Elementarbildung und Berufs(aus)bildung in und außerhalb der Schule 1450 - 1750. Bielefeld: Arbeitskreis für die Vormoderne in der Erziehungsgeschichte (AVE), 10.11.2004-12.11.2004.
Reviewed by Johannes Kistenich
Published on H-Soz-u-Kult (December, 2004)
Elementarbildung und Berufs(aus)bildung in und außerhalb der Schule 1450 - 1750
Vom 10. bis 12. November 2004 fand im Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld mit finanzieller Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung die 10. Tagung des Arbeitskreises für die Vormoderne in der Erziehungsgeschichte (AVE) der Sektion Historische Bildungsforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft zum Thema „Elementarbildung und Berufs(aus)bildung in und außerhalb der Schule 1450-1750“ statt. Die inhaltlichen Schwerpunkte der von Alwin Hanschmidt (Vechta) und Hans-Ulrich Musolff (Bielefeld) überzeugend konzipierten und vorbildlich organisierten Veranstaltung lagen auf den Gebieten der Bildung und Ausbildung von Handwerkern und Kaufleuten, von Angehörigen des Militärs und Soldatenkindern, von Mädchen und Frauen sowie der ländlichen Bevölkerung. Gezielt wurden damit Aspekte in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt, die im Zuge der „realistischen Wende“ der bildungshistorischen Forschung während der letzten Jahrzehnte lange und teils bis in die Gegenwart vergleichsweise wenig Beachtung gefunden haben. Im Mittelpunkt der 15 Vorträge standen Entwicklungen in Territorien des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Die international vergleichende Perspektive hatten die Sprecher der AVE-Tagung diesmal bewusst ausgeblendet, da eine entsprechende Tagung in Zürich derzeit für 2005 vorbereitet wird.
In einer Reihe von Beiträgen stellte sich die Frage nach der Lese- und Schreibfähigkeit bei Handwerkern, Kaufleuten und Bauern, also breiter Bevölkerungsschichten, vor 1750. Margret Wensky (Bonn) wies in ihrer Studie über die Elementar- und Berufsausbildung weiblicher Handwerkslehrlinge in Köln während des 15. und 16. Jahrhunderts nach, dass die Mädchen und Frauen, die im spätmittelalterlichen Köln im Handel und in unterschiedlichen Branchen wie dem Metall-, Textil-, Leder- und Nährmittelgewerbe mitarbeiteten oder einer der vier speziellen Frauenzünfte in exportorientierten Gewerbezweigen angehörten, die Elementarschulen der Pfarreien besucht hatten.
Marcel Lepper (Berlin) entwickelte am exzeptionellen Fall des Hans Sachs das Bild eines Nebeneinanders und Ineinandergreifens unterschiedlicher Bildungseinflüsse auf die berufliche Ausbildung in Nürnberg um 1500 (Lateinschule, Meistersingschule als literarisches Fortbildungssystem, Gesellenausbildung, autodidaktischer Bildungserwerb).
Kurt Wesoly (Bonn) verwies in seinem Vortrag über Handwerkslehrlinge am Mittelrhein bis ins 17. Jahrhundert darauf, dass zwar in den normativen Quellen wie den Zunftbüchern und –statuten für die Aufnahme von Lehrlingen Lese- und Schreibfähigkeiten nicht ausdrücklich verlangt waren, bereits das übliche Eintrittsalter von etwa zwölf Jahren legt jedoch die vorherige Elementarausbildung nahe. Nimmt man noch Bestimmungen hinzu, wonach Zunftmitglieder abwechselnd die Zunftbücher zu führen hatten, und berücksichtigt die große Zahl der in den Archiven überlieferten Rechnungen und Quittungen, so kommt Wesoly zu dem Schluss, dass die Handwerker in den spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Städten am Mittelrhein in der Regel Lesen und Schreiben konnten. Freilich wird das Bild hier vor allem nach einzelnen Berufen zu differenzieren und dabei zu prüfen sein, ob oder bis wann sich Handwerker städtischer Schreiber für ihre Korrespondenz bedienten, also gleichsam die Verwaltungsschriftlichkeit für sich nutzten.
Für die Bauhandwerker in Gotha, Weimar und Erfurt kommt Reiner Prass (Paris) jedenfalls zu dem Ergebnis, dass die Befähigung zu geschäftsmäßiger Schriftlichkeit einschließlich Rechnen und Zeichnen (erst) im 18. Jahrhundert entsprechend den von außen an die Berufsgruppe herangetragenen Anforderungen merklich zunahm. Den Anstoß hierzu sieht Prass in der zunehmenden Kontrolle über Baumaßnahmen durch landesherrliche, kommunale oder kirchliche Stellen, wie etwa den Zwang zur Vorlage einen Kostenvoranschlag und eines Baurisses.
Mit einer bislang wenig beachteten Quellengattung bezog Frank Konersmann (Bielefeld) die Elementarbildung der bäuerlichen Bevölkerung am Beispiel der Pfalz und Rheinhessens während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in die Alphabetisierungsdebatte mit ein: die Schreibebücher, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts überliefert sind. In ihnen lassen sich eine differenzierte Buchführung (einfache Bilanzierung) neben anderen Formen geschäftlicher und familiärer Aufzeichnungen nachweisen. Ähnlich wie Prass für die thüringischen Bauhandwerker betonte auch Konersmann die Bedeutung der Anforderungen des Staates und der Kirchenobrigkeit im Hinblick auf die Beteiligung der Bevölkerung an der Kommunal- und Kirchenverwaltung sowie die agrarwirtschaftliche Professionalisierung mit zunehmender Marktorientierung als wesentliche „Promotoren“ zunehmender Schriftlichkeit bei den rheinhessischen und pfälzischen Bauern. Als förderlich für den Bildungsgrad der bäuerlichen Bevölkerung hob Konersmann ferner die konfessionelle Konkurrenz innerhalb dieser Landschaften hervor und leistete mit dem Hinweis auf die Sonderstellung der mennonitischen Minderheit als wirtschaftlich führender und zugleich weit überdurchschnittlich gebildeter Gruppe einen wichtigen Beitrag auch zum Diskurs über die Max-Weber-These.
Einen weiteren Zentralaspekt der Tagung bildeten die Lehrinhalte. Die normativen Quellen zum Zunftwesen geben zwar einige Anhaltspunkte zum organisatorischen Ablauf der Lehrlings(aus)bildung, über das Lehrprogramm, den Verlauf und die Ausbildungsziele verlautet jedoch nur selten etwas. Hier bleibt man auf Einzelfallschilderungen etwa in Gerichtsakten oder Egodokumenten wie Briefsammlungen oder Familienbüchern angewiesen, deren systematische Zusammenstellung und vergleichende Auswertung noch Desiderate darstellen.
Bezogen auf die Bildung von Kaufleuten im Hoch- und Spätmittelalter zeigte Hanns-Peter Bruchhäuser (Magdeburg), dass zunächst die Auslandslehre mit dem Erwerb von Sprach- und Warenkenntnissen, Vertrautheit mit den Rechtsvorschriften, Handels- und Rechnungstechnik zu den Eigenheiten der kaufmännischen Qualifizierung gehörte, bevor seit dem 12./13. Jahrhundert die entstehenden städtischen Schulen mit ihrem Lehrprogramm an Bedeutung gewannen. Die regionale Überprüfung dieses Befundes und die Frage nach dem zeitlichen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und Ausbau des städtischen Schulwesens im Spätmittelalter oder nach der Verbreitung von Lehrbüchern zum kaufmännischen Rechnen an den Stadtschulen bleibt Aufgabe weiterer Forschungen.
Hans-Ulrich Musolff untersuchte die Ausbildungsfunktion des Soester Gymnasiums für nicht-akademische Berufe und insbesondere von Kaufleuten um 1700. Mulsoff ging davon aus, dass man (kaufmännisches) Rechnen nicht in der Praxis lernte, sondern langjährig in Schulen oder bei Privatlehrern. In Soest gab es im Untersuchungszeitraum freilich nur einen einzigen nachweisbaren Privatlehrer und im Lehrplan des Gymnasiums taucht kaufmännisches Rechnen erstmals 1730 mit einer Wochenstunde als eigenes Unterrichtsfach auf, jedoch sah das Curriculum schon zuvor ausdrücklich Privatstunden vor, in denen u.a. kaufmännisches Rechnen gelehrt wurde.
Eine berufsspezifische Ausbildung von Angehörigen des Militärs vor 1750 ist allenfalls in Ansätzen nachzuweisen: Daniel Hohrath (Esslingen) behandelte in seinem Beitrag Bildung und Ausbildung von Soldaten und Offizieren in der Phase der Entstehung Stehender Heere und vor dem Einsetzen der militärischen Aufklärungsbewegung, mit der spezifische Formen militärischer Berufsausbildung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstehen. Erste Ansätze zu einer Institutionalisierung reichen mit der bayerischen Artillerieschule (1686-1704) noch bis ins 17. Jahrhundert zurück. Bei der Auswahl einfacher Soldaten war Bildung kein Auswahlkriterium, Lese- und Schreibfähigkeit jedoch für eine Beförderung relevant. Demgegenüber traten die meist adligen Offiziere nach Erwerb elementarer Vorbildung, teilweise auch nach einem Universitätsstudium in den Militärdienst. Das Lehrprogramm an den seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert gegründeten Ritterakademien und Kadettenkorps spielte dabei keine maßgebliche Rolle.
Die ersten Garnisonsschulen für Soldatenkinder entstanden nach der Studie von Jutta Nowosadtko (Essen) (erst) mit der Etablierung der Stehenden Heere und der Ansiedlung von Kerntruppen in den Garnisonsstädten im Verlauf des 18. Jahrhunderts, insbesondere dort, wo gesonderte Militärsiedlungen und auch Militärpfarreien gebildet wurden. Frühe Belege für Soldatenkindererziehungsanstalten liegen seit den 1730er Jahren für Sachsen vor.
Diskutiert wurde auch bei mehreren Vorträgen über geschlechtsspezifische Unterschiede im Lehrprogramm. Juliane Jacobi (Potsdam) hob hierzu mit Blick auf die Mädchenbildung in den Franckeschen Anstalten in Halle/Saale die im Lehrprogramm für die neu eingerichteten Mädchenklassen von 1710 ausführlich genannten hauswirtschaftlichen Tätigkeiten besonders hervor. Zwar wies auch Andreas Rutz (Bonn/Mainz) im Unterricht der Devotessen in den katholischen Gebieten des Rheinlands Handarbeiten nach, ging aber vom „Primat der religiösen Unterweisung“ aus und betont damit den Charakter der Schulen als Instrument der Konfessionalisierung und weniger als Instrument einer geschlechtsspezifischen Berufsvorbereitung.
Durch verschiedene Tagungsbeiträge wurde nochmals deutlich, dass ein separates Mädchenschulwesen in den katholischen Territorien stärker ausgeprägt war, als in den protestantischen. Mit seinen Studien zu den Devotessen hat Andreas Rutz dabei die Aufmerksamkeit auf einen Kreis von Lehrkräften des katholischen Mädchenschulwesens gerichtet, der im Unterschied zu den großen Mädchenschulorden und -kongregationen (Ursulinen, Welschnonnen usw.) bislang wenig Beachtung gefunden haben. Von Köln aus nahmen diese unter der Aufsicht der Jesuiten stehenden Semireligiosen an vielen Orten des Rheinlands ihre Tätigkeit als Mädchenschullehrerinnen auf. Vielerorts ging mit der Aufnahme ihrer Lehrtätigkeit eine Geschlechtertrennung im Elementarschulwesen einher. Die Mädchenschule des Halleschen Waisenhauses stellt dagegen für den protestantischen Raum eher eine Ausnahme dar. Unüblich war im protestantischen Bereich vor allem der Einsatz von Lehrerinnen. Im Halleschen Waisenhaus unterrichteten bezeichnenderweise Theologen die Mädchen. Inwieweit hierfür das protestantische Verständnis von der Lehrtätigkeit als „Amt“ eine Rolle spielt, für das nur Männer in Frage kamen, wurde in der Tagung andiskutiert, wäre aber gewiss ein lohnendes Forschungsfeld.
Franziska Heusch (München), die den bald nach 1685 einsetzenden Auf- und Ausbau eines differenzierten hugenottischen Bildungssystems in Berlin untersuchte, kann eine Geschlechtertrennung in den französischen Unterrichtsanstalten erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisen, übrigens in zeitlichem Zusammenhang mit der Ersterwähnung häuslicher Fertigkeiten im Stundenplan. Das differenzierte Schulangebot der französischen Gemeinde nutzten übrigens in erheblichem Umfang auch deutsche Familien. Obwohl der Bevölkerungsanteil der Hugenotten in Berlin bis ins ausgehenden 18. Jahrhundert auf 3-5% gesunken war, bestanden 66 französische Schulen neben 75 deutschen!
In einer Reihe von Beiträgen wurden schließlich weitere Aspekte des Schul- und (Aus)Bildungsalltags vorgestellt. Die Lebenswelt der Lehrer nahm Bettina Blessing (Regensburg) in ihrem Vortrag am Beispiel der Wachtschulen (Beten, Gesang, Buchstabieren, Lesen) sowie Schreib- und Rechenschulen in der Stadt Regensburg von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in den Blick. Auf breiter Quellenbasis konnte sie für die Reichsstadt Fakten zu den Facetten des Schul- und Lehreralltags beitragen. Der Vergleich mit den Ergebnissen der bildungshistorischen Forschungen zur Schulwirklichkeit aus den vergangenen Jahrzehnten zeigt, dass der Schulalltag mit wenigen Ausnahmen wie dem Gebrauch spezifischer Katechismen insgesamt kaum konfessionell spezifische Züge aufweist.
Juliane Jacobi gelang es mit der Auswertung einer Datenbank über die Elementar- und Berufsschulbildung der Mädchen im Halleschen Waisenhaus auf breiter Grundlage (insgesamt mehr als 700 Schülerinnen) differenzierte und belastbare Aussagen zur regionalen und sozialen Herkunft der Mädchen, ihrer Verweildauer in der Anstalt, die Beurteilung ihrer Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie späteren Werdegänge zu ermitteln.
Hans-Ulrich Musolff legte ähnliche Fragestellungen im Hinblick auf die späteren Kaufleute an die Matrikel des Soester Gymnasiums aus dem Zeitraum 1685-1708 an. Beim Abgleich der Matrikel mit den Geburts-/Taufbüchern und weiteren (archivalischen) Quellen wurden etwa 30 spätere Kaufleute ermittelt. Aus dieser recht geringen Grundgesamtheit wurden vorsichtig verallgemeinerbare Schlüsse über die Herkunft, die Verweildauer, den Besuch einzelner Klassen und die spätere Berufstätigkeit gezogen. Hier würde es sich anbieten, als Parallelstudie das in der Nachbarschaft gelegene Dortmunder Archigymnasium in eine solche Untersuchung einzubeziehen.
Durch die interdisziplinäre Zusammensetzung des rund 30-köpfigen Teilnehmerkreises mit Vertreterinnen und Vertretern pädagogischer, historischer und theologischer Fachrichtungen aus Universitäten, Forschungsinstituten und Archiven Deutschlands sowie Frankreichs erhielt die Tagung den Charakter eines intimen Fach-/Expertengesprächs. Hierzu trug auch das ausgewogene Verhältnis von neuen, noch nicht publizierten Forschungsbeiträgen aus laufenden oder kürzlich abgeschlossenen wissenschaftlichen Projekten, handbuchartigen Überblicksdarstellungen und unter aktuellen Fragestellungen überarbeiteter Veröffentlichungen bei, ferner das gute Verhältnis von Vortrags- und Diskussionszeit. Bei dem Engagement des Sprecherteams steht zu erwarten, dass der Tagungsband planmäßig bereits im Herbst 2005 vorliegt. Dass man bei einem solch dichten Programm immer auch Defizite ausmachen kann, versteht sich, ist den Verantwortlichen jedoch nicht anzulasten. So hätte man sich etwa noch einen Beitrag zum jüdischen Elementarschulwesen gewünscht.
Auf der AVE-Mitgliederversammlung am Rande der Tagung wurde für die Tagung 2006 als Arbeitstitel formuliert: „Säkularisierung vor der Aufklärung? Zum Verhältnis von Kirche, Schule und Religion.“ Das Thema ist auch ein Ertrag der diesjährigen Tagung, auf der wiederholt darüber diskutiert wurde, ob Elementarbildung erst durch die Reformation eine stärkere kirchliche Prägung erhielt.
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Citation:
Johannes Kistenich. Review of , Elementarbildung und Berufs(aus)bildung in und außerhalb der Schule 1450 - 1750.
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December, 2004.
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