Konzeptionelle Überlegungen zum Genre der Biographie im Allgemeinen und zu einer Diem-Biographie im Besonderen. Münster: Frank Becker / Michael Krüger, 01.07.2005-02.07.2005.
Reviewed by Christian Gwenner
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2005)
Konzeptionelle Überlegungen zum Genre der Biographie im Allgemeinen und zu einer Diem-Biographie im Besonderen
„So wie er zum Schluss war, war er eigentlich.“ Gewiss gäbe es nicht wenige, die diesen Worten Fontanes allzu gerne beipflichten wollten. Am „Schluss“, in seiner Kölner Zeit war Diem jener weise Vater des deutschen Sportes geworden, den seine Anhänger bis heute vor allem anderen in ihm sehen. Doch wie für so viele Personen, deren Lebenslauf die Jahre des Dritten Reiches durchschneidet, stellt sich auch für Diem die moralische Frage nach Mittun, Verquickung oder zumindest unzureichender Verweigerung. Neben allerlei Auseinandersetzungen innerhalb der Sportwissenschaft führte dies in den letzten Jahren vermehrt zu Debatten über die Umbenennung von Straßen oder Sportanlagen, die nach Diem benannt worden waren, nicht zuletzt aber auch zu dem Wunsch nach einer umfassenden wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas. Zu diesem Zweck wurde das Projekt „Leben und Werk Carl Diems“ aufgelegt, das von Frank Becker und Michael Krüger in Münster durchgeführt wird. Ziel des Projektes ist die Erarbeitung einer umfassenden Biographie, aber auch eine Empfehlung, wie mit dem Andenken Diems künftig zu verfahren sei. Eine Arbeitstagung, die am 1. und 2. Juli in der Katholischen Akademie Franz Hitze-Haus in Münster stattfand, sollte hierzu wesentliche konzeptionelle Vorüberlegungen ermöglichen, aber auch einen Dialog zwischen Vertretern der Sportwissenschaft und der Geschichtswissenschaft eröffnen, der das Projekt in den folgenden Jahren begleiten wird.
Zur Eröffnung beschrieb Frank Becker (Münster) das Subjekt des biographischen Arbeitens, den Historiker selbst als „Produkt eines Konstruktionsprozesses“, das sich der vielfachen vorgefunden Zuschreibungen und der Beeinflussung der „biographischen Optik“ stets bewusst sein müsse. Das gängige Diem-Bild bleibe dabei als „Wahrnehmungsfolie“ unweigerlich in den Arbeitsprozess einbezogen. Als methodischer Ausgangspunkt wurde die sozialgeschichtliche Wende in der Biographik benannt, die im Individuum vor allem „individuierte soziale Strukturen“ zu erkennen suchte. Im Einzelnen stellten sich hier die Fragen nach sozialer Herkunft, Generationszugehörigkeit und Karriereverlauf, aber auch nach prägenden Institutionen und sozialen Netzwerken. Dabei ist der erste Punkt noch am ehesten eindeutig zu klären. Diem wurde in den unteren Mittelstand hineingeboren und wählte nach der mittleren Reife eine kaufmännische Lehre. In Berlin steuerte er auf eine typische „Angestelltenexistenz“ zu und erscheint somit als Vertreter des großstädtischen „neuen Mittelstands“. Die Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg bot sich schließlich durch den Sport.
Das Problem der generationellen Zuordnung, dem der erste thematische Block der Tagung galt, wurde durch das Impulsreferat von Wolfgang Kruse (Hagen) mit der Frage „Gibt es eine Weltkriegsgeneration?“ in den Blick genommen. Während der Erste Weltkrieg in England den Begriff der „Lost generation“ geprägt habe, spreche man für Deutschland schlicht von einer „Soldatengeneration“. Neben den „verrohenden“ und „entmenschenden“ Erlebnissen des Schützengrabens wurden die Banalisierung des Todes und die Loskopplung von der Zivilwelt thematisiert, zu der oft keine gemeinsamen Sinnhorizonte als Brücke mehr existiert hätten. Peter Hoeres (Münster) merkte an, dass auch der Schlusspunkt des Krieges eine zentrale Auswirkung auf die Gesellschaft der Weimarer Republik und besonders die Generation der Kriegsteilnehmer gehabt habe, indem die Revision des Versailler Vertrages zum einzigen echten politischen Konsens wurde, den alle Parteien teilten, und sprach in Zuspitzung der Bedeutung dieses Schlüsselereignisses von einer „Generation Versailles“. Ein weiterer wichtiger Punkt, der in der Diskussion hervorgehoben wurde, war der Effekt, den die Kriegserfahrung auf die Einstellung zur Führerschaft ausübte. Die Überzeugung, dass sich wahre Anführer erst aus dem „Stahlgewitter“ erheben konnten, und das Vertrauen auf schneidige Persönlichkeiten, die, versinnbildlicht im Sturmtruppführer, ihre Nervenstärke in den Schützengräben bewiesen hatten, habe den Weg zur Akzeptanz charismatischer Herrschaft geebnet oder diese gar heraufbeschworen.
Für Diem sind viele dieser Zuschreibungen nur mit Einschränkungen zu übernehmen. So scheint es schwierig, ihn eindeutig der „Frontsoldatengeneration“ zuzuordnen. Diem trat als „fertiger Mann“ in den Weltkrieg ein, erlebte diesen, wie Frank Becker betonte, anders als viele der jungen Kriegsteilnehmer nicht als seinen „Lehrmeister“. Der in der Diskussion vorgetragenen Einschätzung, Diem hätte den Krieg ohnehin nur mit dem Fernglas gesehen, wurde im Plenum jedoch heftig widersprochen. Vielfältig ist belegt, dass Diem aus Erkundungen die vordersten Frontabschnitte genau kannte, wenngleich er nicht über längere Zeit die oft widrigen Lebensbedingungen des Schützengrabens teilen musste. Neben einer frühen Schussverletzung entging er darüber hinaus weiteren Verwundungen nur knapp. Ebenfalls nicht gering zu schätzen, so Becker, sei die Tatsache, dass Diem drei seiner besten Freunde im Krieg verlor. Die beschriebene Loslösung von der Zivilwelt indes ist für Diem mit hoher Wahrscheinlichkeit zu verneinen. Auch während des Krieges blieb er stets mit der Heimat und besonders seinem Büro in Kontakt und wahrte sich so ein hohes Maß an zivilem Alltag. Der Bezug zu Versailles scheine, so betonte Karl Lennartz (Köln), anfangs keine Rolle gespielt zu haben und sei in Äußerungen Diems für die Jahre unmittelbar nach dem Krieg nicht belegt.
Eine weitere Möglichkeit der generationellen Verortung wurde unter dem Stichwort „Generation Sport“ erörtert. Diems Lebenslauf wurde maßgeblich von jenem Realitätsbereich geprägt, dem er sich schon in jungen Jahren verschrieben hatte. Der Sport erscheint hierbei als offenes Feld, welches Gestaltungsmöglichkeiten in reichem Maße bot. Diem kann also auch als Vertreter einer Gründergeneration gesehen werden. Die „Lebens- und Erfahrungswelt der frühen Sporttheoretiker“ stellte Jürgen Court (Erfurt) am Beispiel von Alfred Peters vor. Auch wenn individuelle Verschiedenheiten zwischen dem geradlinigen Diem und dem weniger zielstrebigen Peters deutlich wurden, ergaben sich hierbei vielfältige erforschenswerte Perspektiven. Bot der Sport auf der einen Seite weiten Raum für gestalterische Betätigung, verlangte andererseits seine noch kaum gefestigte gesellschaftliche Stellung nach stetem Werben um Legitimation, auch und besonders gegenüber öffentlichen Institutionen.
Der zweite Tagungsblock beschäftigte sich mit der Verarbeitung von „Brüchen“ in der Biographie. Diems Lebensweg führte durch vier Phasen der deutschen Geschichte. An den Wegmarken 1918, 1933 und 1945 war Diem gezwungen, sich auf veränderte politische, soziale und kulturelle Rahmenbedingungen einzustellen. Alexander von Plato (Hagen) stellte unter dem Titel „Politische Systemwechsel als Bruchstellen einer Biographie“ die vielfältigen Probleme dar, die mit derartigen Umbrüchen zwangsläufig einhergingen, legte aber sein Hauptaugenmerk auf die nachträglichen Erklärungsmuster, die diesen für gewöhnlich folgten. Mit dem Hinweis auf umfangreiche Zeitzeugenbefragungen wies er auf eine Tendenz zur nachträglichen Glättung von Lebensläufen hin, die sowohl am Beispiel 1945 als auch 1989 deutlich werde. Dieser rückblickende Entwurf eines zielstrebigen und sinnhaften Lebens schließe vielfältige Entschuldungsstrategien ein. Ein übliches Erklärungsmuster sei es etwa, das Mitwirken in einem später abgelehnten System mit dem Hinweis zu rechtfertigen, man habe die Mechanismen lediglich für die eigene Sache zu nutzen gewusst, die Herrschenden „an der Nase herumgeführt“.
Dass dies nicht zwangsläufig bloße Augenwischerei sein musste, war einer der Aspekte, die Hans Joachim Teichler (Potsdam) in seinem Referat „Kontinuitäten und Brüche am Beispiel der Karrieren von Hermann Altrock und Carl Diem“ darstellte. So sei Altrock zwar tatsächlich SA-Mitglied geworden, hätte aber zu diesem Zeitpunkt schlichtweg keine andere Möglichkeit mehr gehabt, auf die Geschicke des Hochschulsports in Leipzig Einfluss zu nehmen. Aus Altrocks Vorgehen sei ersichtlich, dass der Gedanke, die Instanzen des Systems für die eigene Sache zu nutzen, nicht erst aus der späteren Betrachtung entwickelt wurde. Vielmehr lege das Studium der Quellen nahe, dass Altrock tatsächlich hoffte, „das Schlimmste verhindern“ zu können. Die Methode, im Kern unveränderte Inhalte in „rhetorisch-ideologische Sandwiches“ zu verpacken, teile Altrock mit vielen Hochschullehrern in vergleichbaren Situationen. Für Diem wird letztlich zu fragen sein, ob es ihm gelang, die jeweiligen politischen Systeme für den Sport zu instrumentalisieren, oder er vielmehr zuließ, dass diese ihrerseits den Sport instrumentalisierten.
Im dritten Tagungsabschnitt sollte dem Blick auf die Brüche entlang der diachronen die Darstellung von „Disparitäten auf der synchronen Achse“ (Becker) zur Seite gestellt werden. Dem Problem der Rollendivergenz war Diem als Funktionär, Journalist, Pädagoge und Wissenschaftler in besonderem Maße ausgesetzt. Für die verschiedenen Realitätsbereiche galt es stimmige Konzepte zu entwickeln und diese untereinander möglichst harmonisch abzustimmen. Ewald Frie (Essen) erläuterte in seinem Impulsreferat den Ansatz einer „pluralisierten Biographie“. Darüber hinaus ging es ihm um die Historisierung des Individualitätsbegriffs. Noch im 20. Jahrhundert, so Frie, sei die Idee des „homo clausus“ vielerorts bestehen geblieben. Hier wird zu untersuchen sein, inwiefern Diem sich seiner unterschiedlichen Rollenzuschreibungen bewusst zu werden verstand, aber auch ob der Sport als einigendes Band tatsächlich zur Aussöhnung der verschiedenen Bereiche dienen konnte. Friedrich Lenger (Gießen) merkte an, dass der Begriff der „segmentierten Biographie“ zur Präzisierung dienen könnte, da Diem buchstäblich „pausenlos“ in verschiedenen Rollen denken musste und diese somit kaum getrennt oder „pluralisiert“ nebeneinander stehen konnten, sondern sich vielmehr ineinander verwoben. Ob sich letztlich eine „mehrdimensionale Darstellung“ (Frie) für die Biographie Diems eigne, blieb im Plenum offen und wurde auf einen späteren Zeitpunkt der Untersuchung verwiesen. Eine Alternative stelle sie in jedem Fall dar.
Das Referat Volker Kluges (Berlin) schließlich, das sich mit „Lebensläufen von Sportlern und Sportfunktionären zwischen Sport, Politik, Kultur, Medien und Gesellschaft“ befasste, machte deutlich, dass Diem die Notwendigkeit dieses „Spagats“ zwischen den unterschiedlichsten Rollen mit vielen Zeitgenossen teilte, die sich wie er dem Sport verschrieben hatten.
Gerade angesichts dieser Fluktuation waren nicht zuletzt stabile Netzwerke von entscheidender Bedeutung für Karriereverläufe. Im vierten Tagungsabschnitt wurde daher der Frage nachgegangen, wie es Diem verstand, diese Netzwerke zu knüpfen und auch über einschneidende Zäsuren hinweg aufrecht zu erhalten. Das Impulsreferat von Friedrich Lenger (Gießen) benannte hierzu zentrale Kategorien der Netzwerkforschung. So seien symmetrische, überwiegend in altersmäßig homogenen Gruppen vorherrschende von asymmetrischen Netzwerken zu trennen, die eher zwischen Schülern und Mentoren zu finden seien. Der Begriff der „Seilschaft“ wurde zurückgewiesen, da er das Verhältnis zu einseitig darstelle und auch eine soziale Beziehung der letztgenannten Art nie ohne Vorteil für den Förderer bleibe. Ebenso untauglich sei das Bild der „Spinne im Netz“, da Netzwerke nur selten „uniplex“ ausgebildet seien und es im Gegenteil besonders darauf ankomme, die verschiedenen „Gravitationszentren“ auszumachen. Ein weiteres Augenmerk gelte der Unterscheidung von starken und schwachen, dichten und losen Netzwerken.
Dass die Untersuchung von Netzwerken für die Biographie Diems eine lohnenswerte Aufgabe sein kann, unterstrich Karl Lennartz (Köln) in seinem Vortrag zu „Diems persönlichem Netzwerk“. Dieses sei vor allem durch Diems Fähigkeit geprägt gewesen, ruhende Kontakte im Bedarfsfall rasch zu reaktivieren, was Lennartz besonders am Beispiel der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verdeutlichte.
In der Abschlussdiskussion forderte Ewald Frie mit dem eingangs genannten Zitat, den Blick vorerst zurück zu werfen, um so der Gefahr, Diems Leben „von seinem Ende her zu beurteilen“, zu entgehen. Er wies darauf hin, wie sich der Blick auf diesen womöglich geändert hätte, wenn er bereits 1938 gestorben, sein Schaffen als zielgerichtet auf den Höhepunkt der Olympischen Spiele ausgerichtet erschienen und er vor allem als Protagonist nationalsozialistischer Propaganda in zweifelhafter Erinnerung geblieben wäre. Auch Hans Langenfeld (Münster) verlangte, man müsse Diem „vom Anfang her denken“. Diem sei das Musterbild des „homo novus“, eines Aufsteigers, den der Erfolg zum Anwalt des wilhelminischen Systems machte. Letztlich, so Friedrich Lenger, sei aber nicht die Blickrichtung entscheidend, von der aus Diems Leben betrachtet werde, sondern die konsequente Infragestellung von dessen Linearität. Gerade angesichts der vielen Brüche, die Diems Leben prägten, müsse ein zentrales Anliegen die Wiederauffindung von Handlungsalternativen und somit die Darstellung der „Offenheit der Möglichkeiten“ sein.
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Christian Gwenner. Review of , Konzeptionelle Überlegungen zum Genre der Biographie im Allgemeinen und zu einer Diem-Biographie im Besonderen.
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