Nutzungen von Wasser. Medizinische und kulturelle Aspekte von Wasserkuren, Hygiene und Diätetik. Stuttgart: Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, 01.10.2004-02.10.2004.
Reviewed by Sylvelyn Hähner-Rombach
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2004)
Nutzungen von Wasser. Medizinische und kulturelle Aspekte von Wasserkuren, Hygiene und Diätetik
Die erste deutsch-ungarische Tagung zur Medizingeschichte fand im Oktober 2001 in Stuttgart statt. Seitdem gibt es eine Kooperation zwischen dem Semmelweis Museum und Archiv in Budapest und dem Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung. Im Frühjahr 2002 folgte eine Konferenz zur Homöopathiegeschichte Ost-Mitteleuropas in Budapest. Diesmal waren die verschiedenen Nutzungen von Wasser das Thema der Tagung. Dazu referierten insgesamt 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Sozialgeschichte, Medizingeschichte, Medizin, Physik und Soziologie aus Ungarn, Kroatien, Österreich, der Schweiz und der Bundesrepublik.
Lászlo András Magyar (Budapest) führte mit "A short history of cold-water therapy" von der Antike bis ins 19. Jahrhundert in die Tagung und in die erste Sektion "Erschließung von Heilbädern/Therapien" ein. Ihm folgte Katalin Rákóczi (Budapest) mit der Präsentation von Walter Herrmann Ryffs "Newe heilsame und nutzliche Badenfahrt…", die 1549 in Würzburg erschien. Mit Katalin Kapronczays (Budapest) Beitrag "Janos Justus Torkos (1699-1770) und die Erforschung der ungarländischen Heilwasser im 18. Jahrhundert" betrat die Tagung sozusagen ungarischen Boden. Torkos, Apotheker und Begründer der medizinischen Topographie in Ungarn, spielte eine herausragende Rolle in der Erforschung der heimischen Heilwasserquellen und entwickelte eine eigene Heilwasserkur. Amir Muzur (Rijeka) referierte über eine ganz spezielle erfolgreiche Therapie: Geza Fodors "'Marina Trinkkur' and a few more modern-time hydrotherapeutic myths from the Kvarner region (NW Croatia)". Karoly Kapronczay (Budapest) zeigte dann am Beispiel von "József Szalay: ungarischer Gründer eines polnischen Heilbades", welche Entwicklung ein Heilbad nehmen konnte, wenn ein agiler und einflußreicher Hofbeamter die Sache in die Hand nahm.
Die zweite Sektion "Funktionen des Wassers" wurde durch den Beitrag von Florian Steger (Erlangen) "Wasser erfassen - Wasser wahrnehmen. Überlegungen zu den religiösen und medizinischen Funktionen des Wassers an ausgewählten Beispielen des antiken Heilkultes" eingeleitet. Ihm folgte Kay Peter Jankrift (Augsburg) mit "Geschichten einer besonderen Beziehung. Mittelalterliche Leprakranke und das Wasser". Die Vorstellung von der Unreinheit Leprakranker im kultischen Sinn, die die Verwendung von Wasser zur Wiederherstellung der Reinheit vorschrieb, bestimmte im Mittelalter auch die medizinischen Maßnahmen bei Leprakranken. Deren Leiden galt es zu reinigen, nicht zu heilen, so Jankrifts These. Anne Hardy (Heidelberg/Frankfurt) brachte mit ihrem Beitrag "Die Rolle der Trinkwassertheorie bei den Protesten gegen die Flußverunreinigung im 19. Jahrhundert" neben Ärzten vor allem Techniker und Verwaltungsfachleute ins Bild. Deren Diskussionen betrafen u. a. Grenzwerte der Wasserbelastung, für die damals allerdings noch keine brauchbaren Meßverfahren existierten.
Die erste Sektion des zweiten Tages war den "Nutzern" gewidmet. Benedek Varga (Budapest) referierte über "The quiet of the pool. The visitors of Buda's bath during the 15-17th centuries" und erläuterte insbesondere die Veränderungen in den Bädern Budas nach Beendigung der türkischen Herrschaft. Borbala Csoma (Budapest) schilderte in ihrem Vortrag "Treating the aristocracy. Hungarian patients at Gräfenberg" die Erfahrungen adeliger Patienten, die sich der Prießnitz'schen Kaltwassertherapie unterzogen, die manchmal Jahre der Anwesenheit in Gräfenberg erforderlich machte. Sabina Roth (Zürich) zeigte in ihrem Vortrag "Dunst und Schweiß. Zum Wasser in Schroths Naturheilverfahren um 1870", wie Heinrich Trachsler, ein Schweizer Volksschullehrer und Anhänger Schroths, den Anwendern der "feuchten Einhüllungen" mit seinen Ratgebern zu Hilfe kam und wie er sich die Wirkungsweise vorstellte. Mirjam Triendl (München) präsentierte in ihrem Beitrag "'L'schonnoh habbo! Nach dem schönen Marienbad…' Säkulare jüdische Pilgerreisen an die Ränder Europas? " die Erfahrungen jüdischer Besucher in den bevorzugten Heilbädern Westböhmens. Diese waren offenbar weniger antisemitisch geprägt als einige der deutschen und polnischen Bäder an der Nord- bzw. Ostsee.
Die zweite Sektion "Soziale, ökonomische Funktion der Badeorte" bestand wegen einer krankheitsbedingten Absage nur aus einem Beitrag. Meike Lauggas stellte in ihrem Vortrag "'Wellness-Wellen', Selbstbespiegelungen zwischen Colon-Therapien und Whirlpool" ihre gemeinsam mit Elisabeth Mixa durchgeführten Forschungen zum aktuellen Wellness-Boom und eine diskursanalytische Rekonstruktion des Begriffs "Wellness" vor. Die Tagung schloß mit einem Diavortrag von Béla Gömör (Budapest) "Die Badekultur und ihre Darstellung in der bildenden Kunst".
Es zeigte sich sehr schnell, daß die Mischung der Tagungssprachen Deutsch und Englisch kein Problem war. Die zwanzigminütigen Diskussionen, die einem ebenso langen Beitrag folgten, waren sehr lebhaft. Die Pausen wurden von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern als gute Gelegenheit genutzt, mit den Kolleginnen und Kollegen, vor allem mit denen aus dem Ausland, ins Gespräch zu kommen. Die Veröffentlichung einer Auswahl der Beiträge ist in der Beiheft-Reihe von "Medizin, Gesellschaft und Geschichte" geplant.
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Citation:
Sylvelyn Hähner-Rombach. Review of , Nutzungen von Wasser. Medizinische und kulturelle Aspekte von Wasserkuren, Hygiene und Diätetik.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2004.
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