Militär, Musik und Krieg. Musik und Massensuggestion im historischen Kontext. Köln: Historisches Seminar II der Universität zu Köln; Institut für Musikwissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 01.02.2008.
Reviewed by Lars Maus
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2008)
Militär, Musik und Krieg. Musik und Massensuggestion im historischen Kontext
Am 1. Februar 2008 fand anlässlich des 70. Geburtstags von Michael Salewski die Tagung „Militär, Musik und Krieg. Musik und Massensuggestion im historischen Kontext“ statt. Veranstalter waren das Historische Seminar II der Universität zu Köln, in deren Alten Senatssaal die Tagung stattfand, und das Institut für Musikwissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Gefördert wurde die Tagung von der Gerda-Henkel-Stiftung und unterstützt von der Ranke-Gesellschaft, Vereinigung im öffentlichen Leben e.V.
Nachdem JÜRGEN ELVERT (Köln) eingangs das Tagungskonzept vorgestellt und die einzelnen Beiträge in Beziehung zum Leben und zum Werk Michael Salewskis gestellt hatte, betonte LINDA KOLDAU (Frankfurt am Main) die Notwendigkeit des interdisziplinären Wissenschaftsdiskurses. Die Geschichte könne von der Musikwissenschaft interpretative Unterstützung erfahren, während die Musik nicht nur auf künstlerisch-ästhetische Aspekte beschränkt und nicht nur rein aus der Perspektive der Musikwissenschaft analysiert werde. Vielmehr solle ihre Eigenschaft als gesellschaftspolitisches Phänomen verdeutlicht werden.
Anschließend hob THOMAS STAMM-KUHLMANN (Greifswald) die psychologische Funktion von Musik im öffentlichen Gebrauch in der Regierungszeit von Friedrich Wilhelm III. hervor. Diesem gelang es mit Hilfe von Musik, die seelische Verfassung des Volkes zu beeinflussen. Sie habe eine wichtige zeremonielle, sozusagen „stimmungmachende“ Komponente. Ausgehend vom offiziellen Sängergruß („Grüß Gott mit hellem Klang – Heil deutschen Wort und Klang“) des 1862 gegründeten Deutschen Sängerbundes rekonstruierte DIETMAR KLENKE (Paderborn) die Kernelemente des nationalreligiösen Denkens der Sängerbewegung. Dabei hätten sich vier Leitaspekte hervorgetan: erstens der Faktor der Nation als höchstes gottgewolltes Gemeinschaftsprinzip, zweitens die Befreiungskriege als heilsgeschichtliche Wende, drittens eine nationalreligiöse Verpflichtungsethik und viertens ein nationalreligiöser Führerglaube. BIRGIT ASCHMANN (Kiel) verwies auf die Verknüpfung von Musik und Politik in Form von Kampfliedern. Exemplarisch für die Wirkung von Musik als einer Art „Allzweckwaffe“ zur Massenmobilisierung sei der Spanische Bürgerkrieg. Funktional und einfach, über Sprachbarrieren hinweg, galt das Lied als ein „zentrales Kampfmittel“, um die Kriegsmoral aufrechtzuerhalten und Gruppenidentität zu stiften. Insbesondere für die republikanischen Truppen, die gegen das faschistische Regime Spaniens kämpften, erläuterte die Referentin die psychologische Funktion der Musik. Freiheit, Einheit und Solidarität als Leitmotive des Bürgerkriegs wurden textlich über simplifizierende Darstellungen des spanischen Bürgerlebens sowie einer der „grausamen“ Kriegsrealität gänzlich fernen „Schützengrabenromantik“ transportiert.
VOLKER KALISCH (Düsseldorf) widmete sich einem deutsch-französischen Rheinlied aus dem 20. Jahrhundert. Er kontextualisierte zunächst die Entstehung des Liedes, hob auf die Ereignisse der Jahre 1929/30, die schrittweise Räumung des Rheinlandes im Zuge des Young-Plans, ab und deutete das Lied als musikalische Interpretation der politischen Handlungen. Das Lied nimmt Bezug auf den Hoheitswechsel in Mainz/Rheinhessen und wurde von Kalisch als Hörbild bzw. als Hörcollage vorgestellt. Diese war allerdings ex post im Studio entstanden und von einem deutsch-französischen Militärorchester am 5. Juni 1930 in Berlin inszeniert worden. FRIEDHELM BRUSNIAK (Würzburg) stellte das Volksliederbuch für Männerchöre, das so genannte Kaiserliederbuch aus dem Jahre 1906/07 vor, das in der Zwischenkriegszeit zum Volksliederbuch für die Jugend avancierte. Er interpretierte das Liederbuch als einzigartiges Projekt des weltlichen, mehrstimmigen Chorsingens, das in seiner Entstehung als ein Affront gegen den Sängerbund interpretiert worden war. Eine Feldausgabe aus dem Jahre 1918, besorgt von Fritz Stein, erzielte bereits eine erhebliche Breitenwirkung. Um 1940 bearbeitete Stein das Liederbuch und gab es als Chorliederbuch für die Wehrmacht erneut heraus. Erstaunlich sei, dass das alte Kaiserliederbuch in seinen Grundzügen bis in die 1980er Jahre als Liederbuch diente. MICHAEL SCHRAMM (Bonn) stellte die Aufgaben der Militärmusik in Vergangenheit und Gegenwart vor. Zu diesen Aufgaben zählten die akustische Befehlsübermittlung, die heute weniger von Bedeutung ist, die Ordnung der militärischen Abläufe durch Märsche und Truppenzeremonielle, die Repräsentation und die Ehrung von Gästen in Form eines militärischen Protokolls wie dem „Großen Zapfenstreich“, die psychologische Unterstützung und Motivation der Soldaten, die Unterstützung von Identitätsfindungen und die Integration ins Militär sowie die schlichte Unterhaltung von Truppen und Bevölkerung, etwa durch die Big Band der Bundeswehr, der am ehesten so etwas wie Massensuggestion zuzuschreiben wäre. LINDA MARIA KOLDAU (Frankfurt am Main) eröffnete eine neue Perspektive auf ein intensiv erforschtes Thema der Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von einem „U-Boot-Mythos“, basierend auf der Faszination für die dritte Dimension, dem komplexen Zusammenspiel zwischen Mensch und Technik, der besonderen Form von Kameradschaft unter U-Bootfahrern, der Unmöglichkeit wegzulaufen und nicht zuletzt auf dem Moment des Geheimnisvollen, untersuchte sie die Funktion der auditiven Ebene in einschlägigen Spielfilmen. Am Beispiel verschiedener Sequenzen aus den beiden Filmen „Das Boot“ und „K 19 – The Widowmaker“ zeigte sie, dass U-Boot-Filme sich wegen ihrer Geräuschkulisse und der typischen Befehlslitaneien besonders dazu eignen, die auditive Ebene als Zusammenspiel von Musik, Sprache und Geräuschen offen zu legen. Dabei kann beispielsweise der in praktisch allen Filmen verwendete „Ping“-Laut des Sonars als spezifisches Merkmal dieser Ebene zur akustischen Darstellung einer bedrohlichen Situation unter Wasser gelten. Die Bedeutung der Musik für die gesamte Wirkung des Films illustrierte Koldau, indem sie etwa an beispielhaften Szenen aus „Das Boot“ zunächst einen Angriff auf andere Schiffe und danach die Flucht vor den Wasserbomben des Gegners vorstellte. Das musikalische Thema war in beiden Fällen gleich, erzielte jedoch im Zusammenwirken mit einer veränderten visuellen Ebene und dem weniger professionell-kühlen als vielmehr ängstlich-hektischen Agieren der Schauspieler während der zweiten Sequenz eine gänzlich andere Wirkung.
Von der Kombination konventioneller Forschungsgebiete wie dem U-Boot-Krieg mit unkonventionellen Fragestellungen, wie sie die vorangegangenen Vorträge aufgeworfen hatten, zeigte sich MICHAEL SALEWSKI (Kiel) in seinem Resümee beeindruckt. Die Verknüpfung der Disziplinen von Musik und Geschichte eigne sich hervorragend dazu, bisher verdeckte Zusammenhänge zu offenbaren. Schließlich sei Musik nicht nur eine kulturelle Erscheinung, sondern eine anthropologische Grundbefindlichkeit, die in allen Bereichen Bedeutung erlangen könne und ihre suggestive Kraft bis zum heutigen Tage unvermindert entfalte. Dabei sei die Schönheit der Musik situationsabhängig, wie die einzelnen Beiträge gezeigt hätten. Doch „Lautlosigkeit ist dem Menschen unzuträglich“, wie Salewski abschließend feststellte. Vom Inhalt der Tagung hatte er bis zuletzt keine Einzelheiten erfahren, so dass den Organisatoren eine „perfekte Überraschung“ gelungen sei.
Den Abschluss der Veranstaltung bildete der Festvortrag des schleswig-holsteinischen Schriftstellers und Wilhelm-Raabe-Preisträgers JOCHEN MISSFELDT (Oeversee). Er beleuchtete eine weniger bekannte Seite des nordfriesischen Literaten. Für ihn waren die von Umbrüchen gekennzeichneten 1840er-Jahre, in denen der lange Zeit bestimmende Einfluss Dänemarks einem erstarkenden deutschen Nationalbewusstsein wich und in denen Storm an der Kieler Universität Jura studierte, stark prägend. In jener Zeit empfand auch Storm die „einigende Kraft des Musikalischen“, die zwar keine politischen Tatsachen schuf, wohl aber die Stimmung „für die nationale Sache“ verstärkte und Züge eines religiösen Lobgesangs annahm. Selbst ein guter Sänger und wenigstens passabler Klavierspieler, gründete er mit seiner Schwester Helene einen gemischten Gesangverein in Husum. Damit folgte er einerseits dem zeitgenössischen Trend, in dessen Folge zahlreiche Sängerbünde entstanden, und grenzte sich doch andererseits von ihm ab, da es sich in der Mehrzahl um Männergesangvereine handelte. Deren Ansicht sei gewesen: „Männergesang, das war Eichenwald, gemischter Gesang hatte etwas von Ziergärtnerei.“ Storm hingegen habe reinen Männergesang als der nationalen Sache nicht dienlich abgelehnt. Dabei zeigen sich auch bei einer Betrachtung der schleswig-holsteinischen Geschichte aus musikhistorischem Blickwinkel Zusammenhänge von mehr als landeshistorischer Bedeutung. Das eng an die Marseillaise angelehnte Schleswig-Holstein-Lied etwa lässt generalisierende Aussagen zur identitätsstiftenden Funktion von Musik in der Geschichte von Nationalbewegungen zu. Damit rundete Jochen Missfeldts Vortrag die Tagung auf eine thematisch treffende wie literarisch anspruchsvolle Weise ab.
Konferenzübersicht:
Jürgen Elvert, Linda Maria Koldau: Begrüßung
Thomas Stamm-Kuhlmann: Monumental und klassisch: Musik im öffentlichen Gebrauch in der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. von Preußen
Dietmar Klenke: Sakralisierung nationalheroischer Männlichkeit im deutschen Männerchorgesang des 19. Jahrhunderts
Birgit Aschmann: „Spaniens Himmel“ – die Lieder deutscher Streiter im Spanischen Bürgerkrieg
Volker Kalisch: Propaganda für gute Nachbarschaft: Ein deutschfranzösisches Rheinlied aus dem frühen 20. Jahrhundert
Friedhelm Brusniak: Das Kaiserliederbuch im Zweiten Weltkrieg
Michael Schramm: Keine Massensuggestion: Die Aufgaben der Militärmusik in Geschichte und Gegenwart
Linda Maria Koldau: Musik zum Krieg: Zur Filmmusik in U-Boot-Filmen
Michael Salewski: Resümee
Jochen Missfeldt: Theodor Storm und die schleswig-holsteinische Sängerbewegung seiner Zeit
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Lars Maus. Review of , Militär, Musik und Krieg. Musik und Massensuggestion im historischen Kontext.
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March, 2008.
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