Erste deutsch-französische Didaktik-Tagung. Braunschweig: Christiane Kohser-Spohn (Universität Tübingen) und Nicole Lautier (Université Jules Verne Picardie, Amiens), 30.03.2006-31.03.2006.
Reviewed by Isabelle Quillévéré
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2006)
Erste deutsch-französische Didaktik-Tagung
Am 30. und 31. März 2006 fand zum ersten Mal in Braunschweig eine deutsch-französische Tagung zu Fragen der Geschichtsdidaktik statt. Initiatorinnen waren Christiane Kohser-Spohn (ehemals wissenschaftliche Mitarbeiterin am Georg-Eckert-Institut, derzeit an der Universität Tübingen tätig) und Nicole Lautier (Université Jules Verne Picardie, Amiens). Geschichtsdidaktiker/innen aus beiden Ländern diskutierten in entspannter Atmosphäre über neue Ansätze ihres Fachgebietes.
Auf französischer Seite bot zunächst Henri Moniot (Université Paris VII) einen umfassenden Überblick über den Stand der Geschichtsdidaktik in Frankreich. Seit 20 Jahren habe die Geschichtsdidaktik eine gewisse Anerkennung erlangt, auch wenn zwischen Fachhistorikern und Geschichtsdidaktikern weiterhin eine Kluft bestehe und letzteren manchmal noch mit Unwissenheit, Argwohn oder gar Verachtung begegnet werde. Moniot betonte, dass die Didaktik immer noch bei der Geschichts- oder Erziehungswissenschaft verortet sei und auf institutioneller Ebene noch keinen eigenen, anerkannten Status habe; zudem fehle es noch an allgemeinen Bildungsstandards. Er definierte die Didaktik, die heutzutage den alten Terminus „Pédagogie“ ersetzt, als die dreifache Beschäftigung mit den angebotenen Wissensinhalten, den Lernprozessen und den Unterrichtspraktiken und skizzierte die verschiedenen Forschungsstätten und -gebiete der französischen Geschichtsdidaktik.
Marc Deleplace (IUFM Reims), Didier Cariou (Université Jules Verne Picardie, Amiens) und Nicole Lautier beleuchteten ihrerseits die Mechanismen der Wissensaneignung und der Konzeptualisierung im Schulunterricht und zeigten insbesondere die Bedeutung von Repräsentationen und Analogien für den kognitiven Prozess und die Bildung des historischen Denkens auf: Sie legten dar, wie die Schüler/innen Elemente ihrer eigenen sozialen Repräsentationen mobilisieren, d.h. wie sie von den konkreten Erfahrungen und Erlebnissen im familiären Umfeld ausgehen, um sich neue Objekte, Personen oder Ideen vorzustellen und sie in ihre eigene Gedankenwelt einzufügen, und wie sie anhand von Analogien, d.h. von Vergleichen aus der ihnen schon bekannten geschichtlichen Vergangenheit eine komplexe historische Realität erfassen und sich aneignen. Cariou wies darauf hin, dass dieser Rationalisierungsprozess vom Denken in sozialen Repräsentationen zum formalisierten historischen Denken sich nicht immer linear vollzieht, sondern vielmehr spiralförmig: Soziale Repräsentationen kommen während des Lernprozesses wieder zum Vorschein, sie sind jedoch besser kontrolliert und weisen ein höheres Abstraktions- und Generalisationsniveau vor. Geschichte unterrichten heißt in diesem Sinne die Schüler und Schülerinnen an eine Reflexion über Geschichte heranzuführen. Lautier bemängelte, dass diese vorbereitende und kreative Phase im Unterricht und insbesondere in den Lehrbüchern weggelassen werde.
Auf deutscher Seite referierten zuerst Bettina Alavi (Universität Heidelberg) und Michele Barricelli (FU Berlin) über Unterrichts- und Museumsprojekte zum Themenfeld Migrationsgeschichte. Alavi sprach über die Problematik der Vermittlung einer Migrationsgeschichte als Teil der deutschen Geschichte an oftmals heterogene Schülergruppen sowie über Fragen des Transfers von inhaltlichen und methodischen Kompetenzen an die Geschichtslehrerstudenten. Barricelli nannte als pädagogisches Ziel die interkulturelle Erziehung als Bildung von „geteilten Erinnerungen“ einer Einwanderungsgesellschaft. Dazu sei eine konzeptuelle und methodische Neuorientierung dringend nötig. Zudem brauche die Schule Partner, wie z.B. Museen, als eigenständige Lernorte. Bärbel Kuhn (Universität Saarbrücken) stellte eine Studie über die Grenze als „Lebenswelt“ vor, d.h. in der Perspektive ihrer Bedeutung für die in Grenzräumen lebenden Menschen. Es ging ihr darum, einen multiperspektivischen und kritischen Blick auf die Darstellungen, Funktionen und Wahrnehmungen von Grenzen und Grenzräumen zu werfen. Als Lernziel nannte sie ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein, das Analysekompetenz sowie die Fähigkeit zu einem Sach- und Werturteil einschließt, und hierdurch auch die Bildung einer mehrdimensionalen Identität fördert, in der sich lokale, regionale, nationale, europäische und weltbürgerliche Sichtweisen ergänzen. Saskia Handro (Universität Münster) beleuchtete anhand einer Studie über die Darstellung von Kriegskindheit in deutsch-deutschen Schulbüchern seit 1951 die zentralen Muster der Politisierung, Historisierung und Didaktisierung in ihrem Wandel durch die Jahrzehnte, von der Konstruktion von nationalen Gründungsmythen, über den didaktischen Transfer von der Emotion zur Kognition, bis zur heutigen Betrachtung des Kindes als Subjekt historischer Erfahrung im gesamteuropäischen Kontext. Susanne Popp (Universität Siegen) bot schließlich einige Betrachtungen über Makro-Perspektiven im traditionellen Geschichtsunterricht an. Sie sah es als eine didaktische Herausforderung, die historische Orientierungskompetenz der Schüler zu fördern, d.h. die Fähigkeit, das „Wir“ auf mehreren Ebenen zu denken, das Lokale im Licht globaler Zusammenhänge zu verstehen und umgekehrt globale Entwicklungen in ihrer lokalen Bedeutung zu erkennen. Wie ein roter Faden zog sich durch die Konferenzbeiträge diese Forderung nach der Bildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins, welches die Schüler/innen befähigen soll, die Geschichte ihrer eigenen Kultur und Gesellschaft als Teil einer umfassenderen Geschichte zu betrachten.
Diese Tagung hat auf beeindruckende Weise gezeigt, wie wichtig und lohnend es ist, einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus zu werfen. Alle Tagungsteilnehmer sind sich dessen bewusst geworden, dass Didaktiker diesseits und jenseits des Rheins sich allzu oft im Netz ihrer eigenen Forschungsstrategien verfangen und sich zudem einer Fachsprache bedienen, deren kulturelle Konnotationen dem Anderen verschlossen bleiben. Beide Seiten äußerten den Wunsch, dass diesem ersten bereichernden Austausch noch weitere vertiefende Diskussionen folgen mögen.
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Citation:
Isabelle Quillévéré. Review of , Erste deutsch-französische Didaktik-Tagung.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2006.
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