Vita communis und ethnische Vielfalt. Multinational zusammengesetzte Klöster im Mittelalter. Rom: Deutsches Historisches Institut in Rom/Uwe Israel, 26.01.2005.
Reviewed by Uwe Israel
Published on H-Soz-u-Kult (February, 2005)
Vita communis und ethnische Vielfalt. Multinational zusammengesetzte Klöster im Mittelalter
Vertreter der deutschen und italienischen Mediävistik fanden sich am 26. Januar 2005 am Deutschen Historischen Institut in Rom (DHI) zu einer "Giornata di Studi" zusammen, die dem Thema "Vita communis und ethnische Vielfalt. Multinational zusammengesetzte Klöster im Mittelalter" gewidmet war. Anliegen des Studientages war es, sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem bisher in der Forschung vernachlässigten Aspekt der Multiethnizität in Ordens- und Klostergemeinschaften zu beschäftigen. Schwerpunkte bildeten hierbei das Gebiet des heutigen Italien und die Zeit des Spätmittelalters.
Nach den Begrüßungsworten des Direktors des DHI, MICHAEL MATHEUS, fragte UWE ISRAEL, Gastdozent des DHI, in einem Einführungsvortrag nach möglichen Identitätsbildungen, Konflikten und Veränderungen sozialer Hierarchien innerhalb der religiösen Gemeinschaften, nach Auswirkungen auf deren Ausstrahlung nach außen, nach Unterschieden zwischen einzelnen Orden sowie zeitlichen und regionalen Verschiebungen. Mit Blick auf das Tagungsthema diskutierte Uwe Israel anschließend den Begriff "natio" und zeigte Möglichkeiten und Grenzen für die Übertragbarkeit der modernen soziologischen Termini "multiethnisch" und "multinational" auf die Zeit des Mittelalters auf.
Den Auftakt der "Giornata di Studi" bildete ein Vortrag über die Franziskaner, deren Kommunitäten sich seit der Entstehung des Ordens von Italien aus über ganz Europa ausbreiteten. Zu dieser auch bei anderen christlichen Mönchsorden beobachtbaren Tendenz transkultureller Vergemeinschaftung sei jedoch, wie THOMAS ERTL (Berlin) ausführte, eine Entwicklung parallel gelaufen, die dazu geführt habe, dass ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in den einzelnen Franziskanerkonventen das regionale Element dominierte. Verantwortlich dafür sei in erster Linie die wirtschaftliche und soziale Verflechtung der einzelnen Konvente mit ihrem Umfeld. Daneben habe das Leben in einem Konvent "protonationale" Prozesse der Identitätsbildung in Gang gesetzt, welche sich durch die Verbundenheit mit der Region und die Abgrenzung von Brüdern anderer Herkunft ausdrückten. Der Franziskanerorden sei also keineswegs eine harmonische Gemeinschaft unterschiedlicher Nationalitäten gewesen. Vielmehr hätten sich im Verlauf des Spätmittelalters partikularistische Strömungen innerhalb des Ordens verstärkt und sprachlich-ethnische Separierungstendenzen beschleunigt.
Mit religiösen Gemeinschaften im Grenzgebiet Südtirol/Alto Adige und im Trentino beschäftigte sich EMANUELE CURZEL (Trento). Ihm ging es darum aufzuzeigen, wie sich die komplexen und sich wandelnden Grenz-Realitäten (Diözesangrenze, Sprachgrenze, politische Grenze) sowie die wichtige Rolle der Region als Zwischenstation für Pilger und Kreuzzügler auf die Präsenz und die Zusammensetzung von Kleriker- und Mönchsgemeinschaften auswirkten. Die Sprachzugehörigkeit machte er dabei zu einem maßgeblichen Unterscheidungskriterium für die Zuordnung zu einer Ethnie. Am Beispiel der Regularkanoniker von San Michele all'Adige verdeutlichte Emanuele Curzel, wie sich die Interessen des Reformklerus und des Hochadels überlappten und welche Auswirkungen dies auf die Verschiebung der Sprachgrenze hatte. Mit Ausnahme des Deutschen Ordens seien in den Konventen der Benediktiner, Regularkanoniker, Bettelorden und Hospitaliter Italienisch und Deutsch die dominierenden Sprachen gewesen, während Hinweise auf die Präsenz von Ordensmitgliedern anderer "Zungen" nur vereinzelt zu finden seien. Am Ende stand ein Ausblick auf die Zeit des 19. und 20. Jahrhundert, als im Zuge der nationalen Einigungsbewegung die Herkunft von Ordensmitgliedern in der Grenzregion ein Politikum wurde.
In dem Beitrag über die Zusammensetzung und das Zusammenleben von Bettelordenskonventen in Zentralitalien während des 14. und 15. Jahrhunderts konnte THOMAS FRANK (Berlin) die Beobachtungen von Thomas Ertl bestätigen, dass von "nationaler" oder "ethnischer" Vielfalt in den jeweiligen Mendikantenklöstern immer weniger gesprochen werden kann, da die lokale Herkunft eine größere Bedeutung besessen habe als aufgrund der Statuten und Ordensregeln zunächst anzunehmen sei. Diese Dialektik zwischen universellen Tendenzen und hoher Mobilität auf der einen Seite und der Dominanz lokaler Bindungen auf der anderen Seite sei jedoch nicht nur für die Mendikanten bezeichnend, sondern stelle eine Grundspannung des Christentums generell dar. Wie der Vortragende verdeutlichte, ist es schwierig, aus der Überlieferung zuverlässige Informationen über die zahlenmäßige Gesamtgröße eines Konventes und die Herkunft der jeweiligen fratres zu erhalten. Insgesamt lasse sich vermuten, dass ein Großteil der Konventualen zentralitalienischer Franziskaner- und Dominikanerhäuser aus der unmittelbaren Umgebung stammte. Der (geringe) Anteil nicht-italienischer Brüder sei dabei zurückzuführen auf den Einsatz ausgewählter Personen im Kontext der Klosterreformbestrebungen. Anscheinend spielten ethnische Unterschiede im Alltagsleben der Mönche eine viel geringere Rolle als Faktoren wie soziale Herkunft, Bildungsstand, Generation, Hierarchie und (in Doppelklöstern) Geschlechterunterschiede. In diesem Zusammenhang Attribute wie "ethnisch" oder "national" zu verwenden, sei daher problematisch.
Auf die Relationen zwischen Konventen und Laienbruderschaften ging dann LORENZ BÖNINGER (Leeds) am Beispiel deutscher Fraternitäten im spätmittelalterlichen Florenz ein. Während der Referent einerseits konstatierte, dass sich die wachsende Zahl deutscher Handwerker im 15. Jahrhundert auch auf die Zusammensetzung der Bettelordengemeinschaften ausgewirkt habe, fänden sich dagegen in notariellen Akten nur wenige deutsche fratres, die über längere Zeiträume hinweg für "spezifisch deutsche Angelegenheiten" zuständig waren. Dieser Befund sei mit der großen Mobilität der Mendikanten zu erklären. Die Seelsorge und einfache Vermittlerdienste für die deutsche Minderheit in Florenz hätten statt dessen Weltpriester deutscher Herkunft übernommen. Lorenz Böninger ordnete die bruderschaftliche Bewegung in Florenz in den Kontext der Reformbemühungen von Papst Eugen IV. (1431-1447) ein, machte aber zugleich darauf aufmerksam, dass für die verstärkte Zuwanderung von Deutschen nach Florenz weniger spirituelle, sondern vornehmlich berufliche und ökonomische Gründe ausschlaggebend gewesen seien.
Mit einer Detailuntersuchung über das römische Hospital S. Spirito in Sassia rückte ANDREAS REHBERG (Rom) die spezifischen Probleme eines transnational operierenden Hospitalordens in den Mittelpunkt des Interesses. Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte des römischen Heilig-Geist-Ordens und dessen konfliktträchtigen Beziehungen zum "Mutterhaus" in Montpellier stand zunächst die personelle Zusammensetzung der Ordensniederlassung in Rom im Vordergrund. Insgesamt war der Anteil nicht-italienischer Brüder im römischen Heilig-Geist-Spital gering. Immerhin lassen sich einige fratres aus Frankreich, England und dem Reich nachweisen. Wie nun in S. Spirito in Sassia das alltägliche Zusammenleben, der kulturelle und spirituelle Austausch sowie die Vernetzung mit lokalen Personen und Strukturen im Einzelnen funktionierte, darüber sei noch wenig bekannt. Anders als die städtischen Bruderschaften, die in Rom Hospitäler unterhielten, habe der vom Papst protegierte Heilig-Geist-Orden in Rom offenbar relativ unabhängig von stadtrömischen Familien agiert. Abschließend wies Andreas Rehberg auf die Anziehungskraft Roms als Zentrum der westlichen Christenheit und Pilgerziel hin, die sich auch auf die Zusammensetzung und die Aufgaben der Klöster und Konvente in der Stadt ausgewirkt habe. Einige Stichproben belegten die Anwesenheit von auswärtigen Brüdern vor allem in Klöstern, die sich Reformbewegungen (wie die der Benediktiner-Kongregation von Monteoliveto im Falle von S. Maria Nova) angeschlossen haben. Das Papsttum unterstützte diese Öffnung den Fremden gegenüber, die im Einzelfall zu mehr Unabhängigkeit vom römischen Umfeld führen konnte.
Auf das interessante Spannungsverhältnis von Fremdheit und Reform ging UWE ISRAEL (Rom) am Beispiel der Benediktinerabtei Subiaco ein. Als Faktoren, welche Subiaco zu einem der bedeutendsten Zentren benediktinischer Klosterreform werden ließen, nannte der Vortragende neben der mit Benedikt von Nursia in Verbindung gebrachten Heiligkeit des Ortes, der angenommenen Vorbildlichkeit der dortigen vita monastica und den intensiven Verbindungen zum päpstlichen Rom auch die multiethnische Zusammensetzung der Klostergemeinschaft. Letztere liege begründet in der Benediktsregel, welche zur Förderung der Observanz die dauerhafte Aufnahme von vorbildlichen Mönchen aus ferngelegenen Konventen empfahl. Eine radikale Anwendung dieses Gedankens finde sich für das Jahr 1363 bezeugt, als ein Großteil der in lokaler Befangenheit verhafteten Konventualen das Kloster verlassen musste und durch Mönche meist transalpiner Herkunft ersetzt wurde. Wie Uwe Israel zeigen konnte, stieg durch die Verbindung Subiacos mit den süddeutschen Reformklöstern (bes. Melker und Kastler Observanz) der Anteil von Brüdern deutscher Herkunft im Verlauf des 15. Jahrhundert stark an und spiegelte sich auch in der Ämterbesetzung wider - ein Beleg für interne Gruppenbildung. Eine erfolgreiche Reform durch Mönche aus der Ferne habe beispielsweise auch in S. Giustina in Padua, später das Haupt einer straffen Reformkongregation, in S. Giorgio Maggiore in Venedig oder in Farfa stattgefunden. Entgegen der Annahme, dass das benediktinische Mönchtum von einer besonderen stabilitas loci gekennzeichnet sei, zeige sich dessen ausgeprägte Mobilität, die gegen Ende des Mittelalters auch für die Welt der Laien zunehmend bedeutsam wurde.
Auf der Tagesordnung stand anschließend ein Diskussionsbeitrag von HARALD MÜLLER (Berlin). Als weitere wichtige Aspekte bezüglich der "Multinationalität" klösterlicher Gemeinschaften kamen hier zum einen der allgemeine Zusammenhang zwischen der Internationalität eines Ordens und der personellen Zusammensetzung der Konvente und zum anderen die gewichtige Rolle persönlicher Beziehungsnetze zur Sprache.
In dem folgenden Beitrag zur klösterlichen Mobilität in Süditalien ging FRANCESCO PANARELLI (Potenza) vor allem auf die lateinischen Klostergründungen ein, welche die Normannen kurz nach der Eroberung des überwiegend griechischen Mezzogiorno initiierten. Diesen Konventen sprach er insofern einen "nationalen" Charakter zu, als die Initiative zur Gründung von den Normannen ausgegangen sei, was zu einem großen Zustrom von Mönchen aus der Normandie geführt habe. Auf längere Sicht habe allerdings das Bewusstsein der eigenen Herkunft im klösterlichen Alltag keine bedeutende Rolle gespielt. Konflikte seien dagegen immer wieder durch das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen und durch die Zugehörigkeit der Klöster zu unterschiedlichen Observanzen entstanden. Wie der Fall des von den Normannen zerstörten und später wieder aufgebauten Benediktinerklosters S. Maria de Jeso in Montepeloso demonstriert, konnte die normannische Klostergründungspolitik aber auch zu heftigen Streitigkeiten mit dem lokalen lateinischen Klerus führen
Einem gänzlich anderen Beispiel widmete sich KRISTJAN TOOMASPOEG (Lecce) in seinem Beitrag über den Deutschen Orden im multiethnisch geprägten Sizilien. Was diesen weitgehend aus Mitgliedern deutscher Provenienz bestehenden Orden mit Blick auf das Tagungsthema interessant machte, waren die intensiven Beziehungen mit anderen Minderheiten auf der Insel, die zu einer Laikalisierung der Ordensverwaltung führten. Weil der "ordo teutonico" nur durch eine geringe Anzahl an Rittern auf der Insel präsent gewesen sei, habe er die Verwaltung seiner Güter an Laien nicht-lokaler Provenienz übertragen und es auf diese Weise vermocht, seinen ausgedehnten Besitz für lange Zeit zu behaupten. Ein besonderer Fall einer derartigen Koexistenz und Kooperation stelle dabei Palermo dar, denn dort war die Verwaltung des patrimonium Mitgliedern der hebräischen Gemeinde übertragen, die umgekehrt im Deutschen Orden einen Protektor fand. Für diese Formen der Zusammenarbeit zwischen der Population und den Ordensrittern stelle Sizilien jedoch einen Einzelfall dar.
Thematisierten die vorangegangenen Tagungsbeiträge unterschiedliche Facetten von "Multiethnizität" anhand klösterlicher Gemeinschaften des lateinischen Abendlandes, so rückte DOROTHEA WELTECKE (Göttingen) abschließend in ihrem instruktiven Vortrag das orientalische Mönchtum in den Blick. Nach einer Erläuterung des verwendeten Begriffs "orientalische Mönche" näherte sich die Referentin dem bisher unerforschten Phänomen, dass orientalische Mönche in der Spätantike und im Mittelalter sehr mobil waren und in der Fremde wohl nicht nur in Gemeinschaften ihrer eigenen Landsleute, sondern auch in Gemeinschaften anderer nationes Aufnahme fanden. Erschwerend zur desolaten Forschungslage komme hinzu, dass in der Regel die Quellen kaum mehr böten als Indizien für die Anwesenheit von Mönchen unterschiedlicher Herkunft. Dennoch zeichne sich ein unterschiedlicher Grad an Mobilität einzelner Gruppen orientalischer Mönche ab, wobei die Gründe für die Präsenz fremdländischer Mönche in der Mittelmeergegend, im Orient und in Nordafrika sehr vielschichtig gewesen seien. Wichtige Faktoren seien u.a. Missionierungstätigkeiten, Pilgerreisen sowie kirchliche, politische und militärische Umwälzungen (Konfessionalisierung, Ikonoklasmus, Kreuzzüge, muslimische Eroberungen) gewesen.
Die Tagung zeichnete sich insgesamt durch eine große thematische Bandbreite aus und berührte das Thema der ethnischen Vielfalt klösterlicher Gemeinschaften auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Auch wenn sich eine Synthese der Ergebnisse wegen der regional, zeitlich und inhaltlich differierenden Untersuchungsschwerpunkte nicht leicht vornehmen lässt, so verdeutlichten doch die Beiträge der Referenten und Diskutanten nicht nur die Komplexität, sondern auch das Spannende der Tagungsthematik. Wie ein roter Faden zog sich durch alle Vorträge der Hinweis auf das begrenzte Informationspotential, das in den Quellen überliefert werde. Mehrfach zur Diskussion stand darüber hinaus das begriffliche Instrumentarium zur Beschreibung der kulturellen Vielfalt religiöser Gruppen im Mittelalter. Wie auch die Zusammenfassung der "Giornata di Studi" von DANIELA RANDO (Pavia) zeigte, drängten sich am Ende weitere Fragen auf, die es lohnen, vertiefend erforscht zu werden. So wurde in der Schlussdiskussion u.a. danach gefragt, welche Rolle das Latein als Kommunikations- und Schriftsprache spielte. Hervorgehoben sei abschließend die sprachliche Flexibilität der Tagungsteilnehmer, die sich sehr positiv auf das Diskussionsklima auswirkte.
Eine Veröffentlichung der Vorträge ist geplant
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Citation:
Uwe Israel. Review of , Vita communis und ethnische Vielfalt. Multinational zusammengesetzte Klöster im Mittelalter.
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February, 2005.
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