Generationen. Hamburg: Ulrike Jureit, Michael Wildt, Hamburger Institut für Sozialforschung, 19.06.2003-21.06.2003.
Reviewed by Christoph Cornelißen
Published on H-Soz-u-Kult (July, 2003)
Generationen
Dass es "Generationen" gibt, glauben viele zu wissen. Aber was genau sie darunter verstehen, fällt ihnen schwer zu beschreiben. Trotzdem erfreut sich der Generationenbegriff heute einer geradezu ubiquitären Verwendung. Er wird genutzt als Identitäts- und Kollektivbezeichnung, aber auch als Erfahrungs- und Handlungsbegriff. Selbst die Werbesprache hat sich mittlerweile seiner bemächtigt. Und in den Feuilletons deutscher Zeitungen avancierte er zuletzt zu einer Passepartout-Formel, um sozialpolitische "Generationenkonflikte" auszudeuten.
Der Versuch zu einer präzisen Begriffsbestimmung des Generationen-Konzepts und die Auslotung seines analytischen Gehalts war daher seit langem überfällig. Das verdeutlichte die von Ulrike Jureit und Michael Wildt (beide vom Hamburger Institut für Sozialforschung) veranstaltete Tagung über "Generationen", zu der sie rund vierzig Wissenschaftler (Soziologen, Historiker, Kulturwissenschaftler und Psychologen) nach Hamburg eingeladen hatten. Die unterschiedlichen disziplinären und methodischen Zugänge ließen rasch erkennen, dass die Auffassungen über die Anwendbarkeit des Generationen-Begriffs und die ihm zugewiesenen Bedeutungen weit auseinanderdriften konnten, bis hin zur grundsätzlichen Ablehnung seiner Verwendung im wissenschaftlichen Sprachgebrauch.
1. Ambivalenz
In seinem einleitenden Grundlagenreferat über "Ambivalenz - Eine Annäherung an das ,Problem der Generationen' in der Gegenwart" verdeutlichte der Konstanzer Soziologe Kurt Lüscher zunächst, dass es nützlich ist, verschiedene Diskursfelder zu differenzieren. Er unterschied einen genealogisch-familialen, einen pädagogischen und einen gesellschaftspolitisch-historischen Generationenbegriff. Ersterer stand, gestützt auf eigene empirische Arbeiten Lüschers, im Zentrum seiner Ausführungen. Seine Ausgangsprämisse lautete dahingehend, dass Generationen "Akteure hinsichtlich ihrer sozial-zeitlichen Positionierung charakterisieren und ihnen eine spezifische Identität" verleihen. In diesem Zusammenhang träten immer dann Ambivalenzen auf, wenn "gleichzeitige Gegensätze des Fühlens, Denkens, Handelns und der Beziehungsgestaltung, die für die Konstitution individueller und kollektiver Identitäten relevant sind, zeitweise oder dauernd als unlösbar interpretiert werden". Im Umgang mit Ambivalenzen sei von Pluralität auszugehen, weil so weit verbreitete Vorverständnisse und normative Fixierungen im Hinblick auf die Gestaltung von Generationenbeziehungen durchschaut werden können. Das gelte beispielsweise für die traditionelle Hocheinschätzung familialer Generationenbeziehungen als Fundament gesellschaftlicher und privater Solidarität. Einsichten in die widersprüchliche Dynamik individueller und kollektiver Lebensführung sowie die Beziehungsgestaltung legen in den Augen Lüschers den Schluss nahe, dass die Beschreibung individueller und kollektiver Identitäten mittels des Generationenkonzepts nicht abschließend geschehen könne. Sie müsse vielmehr dem Oszillieren in personalen und institutionalen Spannungsfeldern Rechnung tragen.
2. Generation als sozialwissenschaftliche Kategorie
Während Lüscher primär mikrosoziale Aspekte des Generationskonzepts thematisierte, diskutierten Heinz Bude (Kassel) und M. Rainer Lepsius (Heidelberg) die Potenziale, aber auch Grenzen des Generationenbegriffs in makrosozialer Perspektive. Aus der Sicht Budes erklärt sich seine neuerliche Konjunktur vor allem mit der Tatsache, dass die seit 1945 verbürgte "Genealogie des Wohlfahrtsstaates" mittlerweile fraglich geworden sei. Er sprach sogar von einem Bruch des wohlfahrtsstaatlichen Versprechens in den 1990er Jahren, in dessen Gefolge die Frage "wer verpflichtet sich für was?" mit Macht auf die politische Agenda zurückgekehrt sei. Die "68er" könnten in dieser Hinsicht als die erste eigentliche "Profitierungsgeneration" der bundesrepublikanischen Geschichte bezeichnet werden, die aber auch deswegen besondere Aufmerksamkeit beanspruchen dürfe, weil sie zugleich die letzte der "heißen Kriegsgenerationen" darstelle. Lepsius dagegen hielt das in dieser Argumentation zum Vorschein tretende Verständnis einer Generation als "Rentenkampfgruppe" für wenig überzeugend. Statt des leichtfertigen Bezugs auf den Generationenbegriff lohne mehr der methodisch kontrollierte Rückgriff auf drei Perspektiven: die Sozialisationsforschung, die Lebenslaufforschung und die Biographieforschung. Und anstelle einer dezisionistischen Kategorienbildung ex-post müsse man stärker die Rolle von Organisationen (z. B. Vertriebenenverbänden) als Stütze für den Aufbau generationsstiftender Mythen berücksichtigen. Erst diese stellten den "Erlebniszusammenhang" von Generationen auf Dauer. Für zweckmäßig erachtet Lepsius den Generationenbegriff nur bei der Analyse politischer und kultureller Eliten. Hier leiste er einen sinnvollen Beitrag zur Aufhellung von Wertordnungen mit biographischer Prägekraft.
3. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Die theoretischen Erörterungen von Bude und Lepsius erfuhren in den folgenden Vorträgen eine gewinnbringende, zugleich aber auch beunruhigend disparate Konkretion in methodischer und quellenbezogener Hinsicht: Am wenigsten zu ,leiden' hatte der Generationen-Begriff im Referat von Dorothee Wierling (Hamburg) über "Generation als Erinnerungsgemeinschaft? Zwei DDR-Generationen im Vergleich". In methodischer Hinsicht verdeutlichte die Rednerin die Funktion von Generationen als Erzählgemeinschaften. Konkret auf die Geschichte der DDR bezogen, machte sie darauf aufmerksam, dass die SED den Bezug auf Generationen im politischen Diskurs zunächst abgelehnt hatte, weil er die Arbeiterschaft spalte. Trotzdem habe sich im ostdeutschen Jugenddiskurs die Thematisierung generationeller Prägungen auf indirektem Wege eingestellt. Außerdem fiel dem Geburtsjahrgang 1949 die offiziell geförderte Stiftung einer neuen "DDR-Generation" zu. Die Interviews mit Zeitzeugen dieses Jahrgang hätten vor allem das Vorbewusste der generationellen Zusammenhänge verdeutlicht: Der Weg von einer Generation "an sich" zu einer "Generation für sich" sei tatsächlich jedoch nicht beschritten worden.
Christina Benninghaus (Bielefeld) hingegen wollte in ihrer "Kritik des Generationenkonzepts aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive" kaum noch einen Nutzen für seine Anwendung erkennen. Denn angefangen von der Quellenproblematik, in der bis in die Statistik hinein "männliche Normalbiographien" zur Grundlage gemacht würden, erweise sich die Abhängigkeit des Generationenbegriffs, zumal aber die Vorstellung eines Generationenauftrags von Männlichkeitsvorstellungen geprägt. Wohl nicht zufällig sei die herkömmliche Konstitution von Generationen an einschneidende gesellschaftliche Gewalterfahrungen gekoppelt. Frauen werde allenfalls eine abgeleitete Generationenzugehörigkeit zugestanden.
Elisabeth Brainin und Samy Teicher (Wien) wiederum berichteten über Untersuchungen zu Nachwirkungen kollektiver traumatischer Ereignisse. Zu den von ihnen bemerkten Phänomenen der Transgenerationalität gehört der "Verkauf von Pseudoerinnerungen als Lebensgeschichte". Kinder von Nazifamilien zeigten sich besonders "betroffen", aber eine spezifische Pathologie von Opfer- und Täterkindern wollten Brainin und Teicher nicht erkennen. Die empirische Validität ihrer Feststellungen blieb allerdings ungeklärt.
4. Wie entsteht eine Generation?
Marc Roseman (Southampton) legte eine beeindruckende, zeitlich weit angelegte Skizze deutscher Generationen als Abfolge von "imagined communities" vor. Ihre Anfänge erkannte Roseman in den Jugend-Protesten des Sturm und Drang. In dieser Zeit habe sich zum ersten Mal die Vorstellung von Jugend als einer geistigen Kraft ausgebildet, die dann in einem phantasiereichen Verwandlungsprozess in das Konzept der Generationenbildung eingegangen sei. Nach 1918 sei es zu einer Weiterentwicklung des älteren Jugendmythos gekommen, was sich u. a. in der Fiktion der Frontgemeinschaft niedergeschlagen habe.
Der Tübinger Kulturwissenschaftler Kaspar Maase verdeutlichte in der gleichen Sektion, dass die Konjunktur des Generationenbegriffs durchaus auch als ein publizistisches Medienereignis verstanden werden kann. Er unterlegte diese These mit beeindruckenden Zahlenangaben über den inflationären Gebrauch des Begriffs, vor allem seit den 1990er Jahren. Die Generationskomposita zerfasern seitdem ins Uferlose: "Generation soap", sophisticated generation, generation x, generation y, verdrossene Generation usw. usw. Als Ursache hierfür diagnostizierte Maase die Inflationionierung und zunehmende Ästhetisierung der Lebenswelten. Vor diesem Hintergrund diene das Generationenkonzept als ein Instrument vornehmlich für Mittelschichtangehörige, um die Erfahrung raschen gesellschaftlichen Wandels für sich plausibel zu machen.
5. Generation und Kommunikation
Angesichts des medienproduzierten Wirrwarrs über den Generationenbegriff war das Plenum um so dankbarer für Frank Sterns (Beer-Sheva/Israel) Szenen-Durchblicke zu filmischen Darstellungen der Generationenverhältnisse. Stern verdeutlichte, dass schon seit den 1920er Jahren Beziehungs-/Generationenkonflikte in Familien ein geradezu klassisches Thema des internationalen Films abgegeben haben. In den Jahren nach 1945 trat die in Szene gesetzte Erinnerung an die Massenverbrechen im Nationalsozialismus und die Thematisierung von Schuldfragen hinzu. Verschiedentlich werden in diesem Zusammenhang drei Generationen und ihre Beziehungsgeflechte zusammengeführt. Als Grundgedanke schäle sich jedoch die Ambivalenz von Generationenerfahrungen heraus.
Heinz Dieter Kittsteiner (Frankfurt/Oder) sorgte im Anschluß daran für weitere begriffliche Präzision. In seinem Beitrag über "Die Generation der Heroischen Moderne. Zur kollektiven Verständigung über ein Lebensgefühl", bezogen auf die Phase Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, verdeutlichte er sehr klar die Herleitungen eines älteren idealistisch geprägten Generationenverständnisses sowie seine Umwandlung in der Phase der "Heroischen Moderne". Hatten die Menschen in allen teleologischen Geschichtsmodellen zuvor mit nur halber Kraft gearbeitet, so taten sie es danach, wie Kittsteiner anmerkte, mit doppelter Kraft. Seit dem Ersten Weltkrieg bewirkte dieses Lebensgefühl eine Radikalisierung der Generationsauffassungen.
Die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel (TU Berlin) plädierte in ihrem Schlussreferat allerdings dafür, in der Geschichtsschreibung auf das Generationenkonzept überhaupt zu verzichten. Die Durchsetzung des Mannheimschen Kohortenbegriffs zu einer "Meistertrope" des 20. Jahrhunderts habe zum Vergessen der älteren, genealogischen Dimensionen des Konzepts geführt. Erst vor dem Hintergrund der Gentechnik werde dieser biologischen Dimension wieder mehr Beachtung geschenkt. Dagegen betonte Bernd Weisbrod (Göttingen) in der Schlussdiskussion nochmals die Nutzen des politischen Generationenbegriffs, der insbesondere im Hinblick auf die Dimensionen Sexualität, Religion und Zeitlichkeit weiter ausgelotet werden könne. Auch Alfons Söllner (Chemnitz) sieht in ihm weiterhin ein sinnvolles Instrument für die historischer Erforschung intellektueller Eliten. Michael Wildt wiederum wollte abschließend als Grundlage der Generationsbildung vor allem den Anspruch auf subjektive Zugehörigkeit definiert sehen, weniger das Moment der sozialen Herkunft und spezifischer Sozialisationswege.
Karl Mannheim war zwar nicht auf der Rednerliste, aber er war doch dauernd präsent. Ohne ihn ging es in vielen Referaten nicht, zugleich ist durch ihn, das machten viele Beiträge ebenfalls deutlich, das Konzept der Generationen nicht länger hinreichend definiert. Insgesamt wirkte auffallend, dass die Generationen-Problematik in den Referaten fast ausschließlich auf deutsche Belange bezogen wurde. Heinz Bude hatte in dieser Richtung eine ironisch formulierte Vorlage mit der Äußerung gegeben, wonach die Deutschen über Generationen verfügten, während sich die Briten mit Klassen und die Franzosen mit der Republik begnügen müssten. Fraglich muß eine Aufteilung dieser Art aber allein schon deswegen erscheinen, weil "Generation" als Selbstthematisierungskategorie auch in anderen nationalgeschichtlichen Zusammenhängen wiederholt eine wichtige Rolle gespielt hat. Vor allem Ulrich Bielefeld (Hamburg) verdeutlichte, dass es sich um ein internationales Konzept handelt.
Den Organisatoren der Tagung ist es gelungen, einen äußerst produktiven Austausch über Generationsfragen aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven zu bewerkstelligen. Ulrike Jureit und Michael Wildt bereiten einen Tagungsband der Hamburger Referate vor.
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Citation:
Christoph Cornelißen. Review of , Generationen.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
July, 2003.
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