Universitätsgeschichte als Landesgeschichte. Die Universität Leipzig in ihren territorialen Bezügen. Leipzig: Historische Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, 07.10.2004-09.10.2004.
Reviewed by Detlef Döring
Published on H-Soz-u-Kult (October, 2004)
Universitätsgeschichte als Landesgeschichte. Die Universität Leipzig in ihren territorialen Bezügen
In den nächsten Jahren werden in ungewöhnlicher zeitlicher Dichte mehrere, hauptsächlich in Mitteldeutschland gelegene Universitäten runde Gründungsjubiläen begehen (Frankfurt/0. 2006, Greifswald 2006, Gießen 2007, Jena 2008, Leipzig 2009, Berlin 2010). Jena und Leipzig zählen zu den ausgesprochenen Großuniversitäten der Frühen Neuzeit (aber auch der letzten Jahrhunderte); Berlins überragende Bedeutung ist jedem Wissenschaftshistoriker vertraut; Frankfurt, Greifswald und Gießen mögen auf den ersten Blick geringeren Rang besitzen, der Kenner weiß ihre geschichtlichen Wirkungen dennoch zu schätzen. Diese Jubiläen geben den äußeren Anlass sich intensiver der Geschichte jener Hochschulen zuzuwenden. Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte gehören im Spektrum der historischen Fächer nicht gerade zu den favorisierten Gebieten, und so bieten runde Jahrestage wissenschaftlicher Einrichtungen die erwünschte Möglichkeit, das öffentliche Interesse (und öffentliche Mittel) jenem Thema zuzuwenden. Andererseits läuft bekanntlich solche mehr oder minder per Auftrag initiierte Festschriftenliteratur besonders leicht Gefahr, oberflächlich gearbeitete, mit heißer Feder hingeschriebene literarische Produkte auf den Markt zu werfen, die der Sache eher schaden als nützen.
Viel hängt daher davon ab, dass mit langem Atem an die Behandlung hochschulgeschichtlicher Themen herangegangen wird. Kurzfristige Bemühungen um die Universitätshistorie, die knapp vor einem Jubiläum entfacht werden, um danach sofort wieder ihr Ende zu finden, bringen der Forschung nichts. In Leipzig, der ältesten der oben genannten Universitätsgründungen (1409), hat man sich in den vergangenen Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen eher schwer getan, die eigene Geschichte zu erschließen. Immerhin gibt es jetzt eine eigene Buchreihe (Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte) mit bereits mehreren Titeln. Vorgesehen ist vor allem eine fünfbändige Gesamtdarstellung der Universitätshistorie. Ein solches Werk kann freilich nicht aus dem Nichts entstehen, sondern bedarf der mannigfachsten Vor- und Zuarbeiten. Dazu zählen Tagungen, die einzelne oder breitere Aspekte der Historie zu beleuchten versuchen. Eine Veranstaltung, die erstmals über den Rahmen einer einzelnen Disziplin hinaus Leipziger Universitätsgeschichte zu ihrem Gegenstand wählte, ist vom 7. bis 9. Oktober von der Historischen Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig durchgeführt worden. Die seit über einhundert Jahren bestehende Kommission sieht vor allem in der Förderung der Forschungen zur mitteldeutschen Geschichte ihre Aufgabe, und so erschien es als legitim, einmal die Stellung der Landesuniversität innerhalb des sächsischen Territoriums zu betrachten. Dabei betrachtete die Kommission die Tagung nicht als Veranstaltung neben der Universität, sondern als gemeinsames Vorhaben von Hochschule und Akademie. Das dokumentierte sich äußerlich in der gemeinsamen Eröffnung der Tagung durch den Universitätsrektor Franz Häuser und den Vizepräsidenten der Akademie Ernst Schlegel (an Stelle des erkrankten Präsidenten Volker Bigl). Inhaltlich fand diese Gemeinsamkeit ihren Ausdruck darin, dass alle Referenten in einer Beziehung zur Universität Leipzig standen oder stehen.
Auf folgende vier Schwerpunkte richtete sich das Programm des Kolloquiums: 1. Verhältnis zwischen der Universität, der Stadt Leipzig und dem Land bzw. Staat Sachsen. 2. Student und Studium. 3. Wirtschaftliche und finanzielle Grundlagen der Universität. 4. Schicksale der Universität in Krisenzeiten. In insgesamt 19 Vorträgen wurden diese Großthemen exemplarisch behandelt, wobei mit unterschiedlicher Gewichtung die Epochen vom ausgehenden Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert Berücksichtigung fanden. Immerhin 15 Vorträge standen in einem Kontext zu Leipziger Graduierungsarbeiten (Magister, Doktor, Habilitation), die kürzlich vorgelegt wurden oder sich noch in der Phase der Entstehung befinden. Das zeigt einmal, dass Universitätsgeschichte für den wissenschaftlichen Nachwuchs an Attraktivität gewonnen hat, und kam zum anderen der Qualität der einzelnen Beiträge zugute. Jeder von ihnen konnte mit neuem Quellenmaterial und dadurch mitbedingt mit neuen Überlegungen und neuen Thesen aufwarten.
Die Geschichte der Universität ist von ihrer Gründung bis in die Gegenwart immer untrennbar mit den Geschicken der Stadt Leipzig verbunden gewesen. Aus der Zahl der unterschiedlichsten Ebenen, die hier zu beachten sind, greift der Vortrag von Henning Steinführer (Die Beziehung zwischen der Stadt Leipzig und der Universität im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit) die Rolle von Mitgliedern der Juristenfakultät als Rechtsbeistände im Dienste der Stadt heraus. Bei der im 15. Jahrhundert sich bereits im vollen Gange befindlichen Verschriftlichung und Verrechtlichung aller Lebensbereiche war die Einbeziehung von Rechtskundigen in die Abwicklung der Stadtverwaltung unabdingbar, und was lag näher, als sich der Universitätsjuristen vor Ort zu bedienen. Ein Beispiel des 19. Jahrhunderts behandelt der Vortrag von Danny Weber über Georg Friedrich Knapp als gleichzeitigen Leiter eines städtischen Büros der Statistik und als Professor der Statistik. Erst auf Vorschlag der Stadt hatte Knapp seine Professur überhaupt erhalten. Theorie und Praxis fanden damit eine ideale Verbindung. Zwischen 1547 und 1815 befanden sich in Kursachsen zwei Universitäten, Leipzig und Wittenberg, eine (von Brandenburg-Preußen abgesehen) Einmaligkeit im Alten Reich. Daher erschien es als legitim, im Rahmen des Tagungsthemas auch das Verhältnis zwischen beiden Hochschulen zu untersuchen. Thomas Töpfer (Mittelmaß und Musterschule? Das Verhältnis zwischen den Universitäten Leipzig und Wittenberg im 16. Jahrhundert) stellte mit überzeugenden Ausführungen das Klischee-Bild vom Niedergang der “rückständigen” Leipziger Hochschule im Vergleich zur Wittenberger Reformuniversität in Frage und plädierte damit für die Anerkennung eines eigenständigen Weges Leipzigs im Reformationsjahrhundert. Zeitlich schloss sich der Vortrag von Ulrike Ludwig (Voraussetzungen, Bestimmungen und praktische Umsetzung der Universitätsreform des Jahres 1580 an der Alma mater Lipsiensis) an, der wiederum im Vergleich zu Wittenberg die grundlegende Verfassungsreform von 1580 schilderte, die die Verfassung der Universität bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts nachhaltig prägte. Hier wird mit aller Deutlichkeit der Einfluss der landesherrlichen Gewalt auf die Universitätsentwicklung fassbar, der auch im Referat von Markus Huttner über die Entwicklung und Ausdifferenzierung des historischen Lehrkanons immer wieder zu greifen ist. Huttners sehr substantieller Vortrag stellt im übrigen manche “Lehrsätze” zur Entwicklung der Historiografie in Frage, so die überragende Bedeutung, die der Jurisprudenz im 18. Jahrhundert bei der Entwicklung des Fächerkanons der Geschichte zugeschrieben wird. Ein letzter Beitrag dieser Sektion beschäftigte sich mit dem bedrückenden Thema der Aberkennung von Doktorgraden im Dritten Reich und in der DDR. Jens Blecher zeichnete aus intimer Kenntnis der Akten das Bild einer Hochschule, die nicht nur mehr abhängig vom Staate war, sondern zu dessen willfährigen Erfüllungsgehilfen wurde.
Die Beiträge zum Verhältnis Student – Universität konzentrierten sich fast ganz auf das 18. Jahrhundert. Anja Pohl entwarf anhand der Auswertung der Nachlässe von in Leipzig verstorbenen Studenten ein plastisches Bild vom studentischen Alltag jener Zeit und verweist damit auf eine bisher nur wenig berücksichtigte Quelle. Eine andere und durchaus bekannte, aber dennoch für Leipzig wenig genutzte Quelle zum Leben der Studenten erschließt Susanne Mannschatz (Akademische Gerichtsbarkeit der Universität Leipzig). Die zahlreich überlieferten Akten über die gegen Studenten geführte Verfahren lassen nicht nur die Funktionsweisen der universitätseigenen Gerichtsbarkeit erkennen, sondern erlauben Einblicke in das soziale Leben der Studenten innerhalb der Stadt. Einem auf den ersten Blick recht speziell erscheinenden, bei näherem Hinsehen jedoch recht aussagekräftigem Thema wendete sich Alrun Tauché zu, die das fast vierhundert Jahre existierende Leipziger Konvikt als Speiseanstalt mittelloser Studenten porträtierte, wobei der Schwerpunkt beim 18. Jahrhundert lag. Das aus landesherrlichen Mitteln unterhaltene Konvikt bot zahlreichen Studenten eine preisgünstige oder kostenlose Versorgung, was wesentlich dazu beitrug, die Leipziger Hochschule trotz des teuren Pflasters der Stadt zu einer Universitas pauperum werden zu lassen. Ein Beispiel studentischer Selbsthilfe stellte Gerhard Graf vor, der den Wandel vom Wendischen Prediger-Collegium, einer Sozietät zum Üben der Predigt in sorbischer Sprache, zur Landsmannschaft Sorabia nachzeichnete.
Dass der Nervus rerum einer Universität deren Finanzierung darstellt, ist nicht erst ein Problem der Gegenwart, sondern ein schon immer akutes Thema. Insgesamt sechs Vorträge behandeln die für den Außenstehenden zuerst spröde erscheinende Frage nach den wirtschaftlichen Grundlagen des Universitätsbetriebes. Dabei wurde der Bogen vom Spätmittelalter bis in die Frühzeit des 20. Jahrhunderts gespannt. Die von Markus Cottin unter rechtlichen, wirtschaftlichen und prosopografischen Aspekten untersuchten Universitätskanonikate in Merseburg, Meißen, Naumburg und Zeitz stellen die frühste Form der Finanzierung von Lehrkräften dar. Im 16. Jahrhundert kam es zu einer großzügigen Ausstattung der Universität mit Vermögens- und Grundbesitz, der sie zur reichsten Hochschule Deutschlands machte. Diese Rahmenbedingungen bestimmten die Finanzierung der Universität bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Erst zu diesem Zeitpunkt geriet die Alma mater Lipsiensis immer deutlicher in die finanzielle Abhängigkeit zum Staat. Im einzelnen verdeutlicht wird dies durch die Vorträge von Jens Böttger (Die Finanzen der Universität Leipzig im 18. Jahrhundert) und Wolfgang Tischner (Der Etat der Universität Leipzig im 19. Jahrhundert). Die drei anderen Beiträge wenden sich einem anderen Aspekt zu – der Finanzierung des Studiums durch Stipendien. Leipzig war bekannt für die Vielzahl solcher Stipendien, die in ihrer höchst unterschiedlichen Struktur bisher kaum Beachtung gefunden hatten. Die Referate von Beate Kusche über Testamente von Professoren der Vorreformationszeit zur Förderung des Studiums, von Andreas Gößner über Stipendienvergaben durch die Theologische Fakultät im 17. Jahrhundert und von Katrin Löffler über Privatstipendien im 18. Jahrhundert bieten Beispiele dafür, wie man sich diesem Themenkomplex nähern kann. Für das Verständnis der großen Anziehungskraft der Leipziger Universität ist diese Praxis der Stipendienvergabe von größtem Gewicht.
Ein letzter kleiner Komplex mit drei Vorträgen widmete sich der Situation der Universität in politischen Krisenzeiten. Torsten Woitkowitz schildert auf Grundlage von bisher kaum oder gar nicht ausgewerteten Quellen die Drangsale der Universität während des Schmalkaldischen Krieges von 1546/47, der die Stadt Leipzig in schwere Mitleidenschaft zog. Nicht unmittelbar betroffen wurde die Universität während der Jahre der Französischen Revolution (1789 – 1794). Dennoch beherrschten, wie Detlef Döring darlegte, Revolutionsangst sowohl die Stadt als auch die Hochschule, was sich u.a. in einer rigiden Zensurpraxis niederschlug. Weiterführend ist auch die Analyse der Stellungnahmen von Professoren zu den Ereignissen in Frankreich, die belegt, dass es zu dieser Zeit an der Universität zur ersten Herausbildung der später herrschenden politischen Fraktionen von der demokratischen Partei bis hin zum Konservatismus gekommen ist. Der Studentenschaft im Ersten Weltkrieg schließlich war der zeitlich letzte Vortrag von Siegfried Hoyer gewidmet, der die verschiedensten Aspekte aufgriff: Kriegsbegeisterung, Gefallenenstatistiken, Einsatz der weiblichen Studenten, Forschungen für die Rüstungsindustrie u.a.
Die Beiträge werden in der von der Historischen Kommission herausgegebenen Reihe “Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte” zur Publikation gelangen. Der Erfolg der Tagung dokumentiert nicht zuletzt die Fruchtbarkeit der Zusammenarbeit zwischen Universitäten und nichtuniversitären Organisationen, wie sie die Sächsische Akademie der Wissenschaften darstellt. Es bleibt zu hoffen, dass die hier referierte Tagung kein einzelnes Ereignis bleiben wird, sondern zu ähnlichen Veranstaltungen, in welchem Rahmen auch immer, anregen wird.
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Citation:
Detlef Döring. Review of , Universitätsgeschichte als Landesgeschichte. Die Universität Leipzig in ihren territorialen Bezügen.
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