2. volkskundlich/kulturwissenschaftliche Doktorandentagung München. München: Daniel Habit, Claudia Preis und Daniella Seidl, Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, 27.04.2007-29.04.2007.
Reviewed by Birgit Heilmann
Published on H-Soz-u-Kult (June, 2007)
2. volkskundlich/kulturwissenschaftliche Doktorandentagung München
Bereits der Titel der Tagung gibt dem Anliegen Ausdruck, ein thematisch ungebundenes Kolloquium für Doktoranden/innen der Volkskunde/Europäischen Ethnologie und anverwandter Fächer zu schaffen, welches Ort fachlicher Diskussion jenseits professoraler Begutachtung sein kann. Die 2. volkskundlich/kulturwissenschaftliche Doktorandentagung sollte dementsprechend ein offenes Forum für die Erörterung aktueller Forschungsfragen, Werkstattberichte und Hürden, die im Rahmen eines Promotionsverfahrens zu bewältigen sind, sein. Nachdem 2006 ein erster Kongress dieser Art am Bonner Institut für Volkskunde erfolgreich durchgeführt wurde, trafen sich vom 27. bis zum 29.04.2007 abermals Promovenden/innen diverser Institute, um Einblicke in laufende Projekte zu gewähren sowie zu fachlichem Austausch. Verantwortlich für Organisation und Durchführung zeigten sich Daniel Habit (MA), Claudia Preis (MA) sowie Daniella Seidl (MA), Doktorand/innen des Instituts für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dessen Räumen das Treffen stattfand.
Den Auftakt der Tagung bildeten die Einführung in Konzeption und Ablauf sowie die Vorstellung des Organisationskomitees. In der sich anschließenden Vorstellungsrunde kristallisierten sich bereits Themenschwerpunkte der anwesenden Doktoranden/innen heraus: Kleidungs- und Wohnkulturen im engeren, Sachkulturen wie Lebenswelten im weiteren Sinne. Vornehmlich historisch-archivalisch arbeitende und primär gegenwartsbezogene ethnographische Arbeiten hielten sich dabei die Waage. Konzipiert als Arbeitstagung bildete die Diskussion von Vorträgen den Kern der Tagung. Ergänzt wurden diese durch einen Abendvortrag zu Profil, Forschungsschwerpunkten und -projekten des Münchener Instituts.
Wahrnehmung – Inszenierung – Lebenswelten
Die erste Sektion wurde mit dem Vortrag Christiane Hirschs (Tübingen) eröffnet. Hirsch befasst sich in ihrem Projekt „Performing Selfs ans Others“ mit Identitätskonstruktionen in kulturwissenschaftlichen Theorien für ethnologische Ausstellungen. Hierfür analysiert sie gegenüberstellend performative, textualistische und praxeologische Kulturtheorien, um Konzepte zur Inszenierung und Rezeption von ausgestellter Realität zu untersuchen.
Manuela Barth (München) setzt sich in ihrer Dissertation mit digitalen Bildpraktiken in der Amateurfotografie auseinander. Mit der Verbreitung digitaler Bildtechnologien verändert sich auch der tägliche Umgang mit dem Medium Bild. Im Mittelpunkt des Projekts mit dem Arbeitstitel „Diskussionen um digitale Bildpraktiken in der Amateurfotografie“ steht der Amateurfotograf, sein Umgang mit der digitalen Technik, seine Kommunikationsmöglichkeiten sowie fotografische Praxis und Selbstwahrnehmung in Abgrenzung vom Laien und Profi.
Anschließend stellte Annina Lottermann (Frankfurt am Main) ihr Projekt vor, mit dem sie die transnationale kulturpolitische Zusammenarbeit im Rahmen der Veranstaltung „Kulturhauptstadt Europas Ruhrgebiet 2010“ untersuchen möchte. Lottermann verfolgt die Konzepte der Stadt Essen, die stellvertretend für das Ruhrgebiet den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ trägt. Ein zentrales Projekt in Essen ist TWINS 2010. Hiermit sollen Städtepartnerschaften gestärkt und der europäische kulturelle Austausch gefördert werden. Ziel der Dissertation ist es, die Zusammenarbeit in den städtepartnerschaftlichen Netzwerken im Kontext der Europäisierung zu analysieren. So disparat die Projekte in Hinblick auf ihre Gegenstände erschienen, so deutlich wurde jedoch, dass die zugrunde liegenden Fragestellungen den Inszenierungsmomenten der Lebenswelt gewidmet sind.
Die zweite Sektion befasste sich mit spezifischen Problemlagen heutiger Lebenswelten im Kontext gesellschaftlichen Wandels. Unter dem sprechenden Titel „Müssen nur wollen.“ Songtitel des Albums „Die Reklamation“ der deutschen Popband „Wir sind Helden“, veröffentlicht 2003. stellten Gerlinde Malli, Gilles Reckinger und Diana Reiners (Universität Graz) ihr gleichnamiges Dissertationsprojekt zu jugendlichen Lebenswelten vor. Methodologisch auf das Verstehenskonzept Pierre Bourdieus Vgl. Bourdieu, Pierre u.a., Das Elend der Welt: Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1998. rekurrierend, untersuchten sie in ihren Feldforschungen die Handlungsstrategien und -spielräume Jugendlicher aus benachteiligten Milieus vor dem Hintergrund objektiver Strukturen sozialer Ungleichheit. Als sogenanntes DOC-Team, ein von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vergebenes Stipendium für die gemeinsame projektbezogene Promotion von Nachwuchswissenschaftlern/innen, gehen sie in der Umsetzung ihres Vorhabens arbeitsteilig vor: Untersucht werden die Relevanz von Migrationserfahrungen, der Einstieg in den prekarisierten Arbeitsmarkt wie die institutionelle und professionelle Betreuung, verstanden als Ausdruck gesellschaftlichen Wandels in jugendlichen Lebenswelten.
Im Anschluss gab Nicole Hilti (Zürich) Einblicke in die multilokalen Wohnwelten der Schweiz. Das Promotionsprojekt untersucht das multilokale Wohnen als Folge wachsender Mobilitätsanforderungen und -bedürfnisse, wobei Hilti auf die schichtübergreifende, gegenwärtig zu beobachtende neue Qualität wie Quantität dieses Phänomens hinwies. Ihr Blick ist ebenfalls mikroperspektivisch und zielt darauf ab, die Schwierigkeiten wie das emanzipatorische, kreative Potential in einer Grounded Theory zu ergründen. Hier wie in allen Sektionen standen Fragen nach methodischem Vorgehen und Erfahrungen im Feld im Zentrum der Diskussion. Von besonderem Interesse war die Frage nach der Umsetzung der Dissertation in Form eines DOC-Teams, welche durchaus eine (noch) ungewöhnliche, aber auch herausfordernde Form der Dissertation darstellt.
Sachkulturen – (Über-)Lebenswelten
Es folgte die Vorstellung zweier Projekte zur Kleidungsforschung. Anja Mede (Jena) eröffnete die Bekleidungssektion mit ihrem Projekt zum Umgang mit textiler Sachkultur am Beispiel des Interesses an ländlicher Kleidung um 1900 in Sachsen. Den Forschungsgegenstand stellt die Trachtensammlung des Museums für sächsische Volkskunst in Dresden dar, deren Werdegang sie im Kontext der Geschichte des Museums und seiner Ausstellungstradition erörterte. Der Fokus ihrer Analyse liegt auf Konstruktion, Stigmatisierung und Etablierung regionaler Kleidungslandschaften, mit der Untersuchung der durch den Verein für sächsische Volkskunde initiierten Sammlung will Mende zudem einen Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde leisten.
Im Anschluss präsentierte Nadine Wagener-Böck (Göttingen) ihre Arbeit über Kleidungsverhalten im Kontext weiblicher Generationenbeziehungen. Mit thematisch-narrativen Einzel- und Doppelinterviews, unter Hinzunahme von Fotomaterial, werden die Kleidungspraxen und Bekleidungsbiographien von Müttern und Töchtern nach wechselseitigen Einflüssen und Tradierungslinien hin befragt, um Erkenntnisse über den Einfluss von Generationalität auf vestimentären Praxen und Stilgenese im familialen Raum zu gewinnen.
In der letzten Plenumsrunde schließlich standen historisch-archivalische Forschungen zu Religiosität und Volkskunst im Zentrum. Birgit Heilmann (Göttingen) führte anhand ihres Forschungsgegenstandes, dem Kirchenschatz des Frauenstiftes Bad Gandersheim, den Umgang mit Reliquien und anderen mittelalterlichen Schatzobjekten während und nach der Reformationszeit vor. Der Fokus dieses Projektes liegt auf den Objekten, deren „Weiternutzung, Umnutzung, Nicht-Nutzung“ (so der Obertitel des Dissertationsprojektes) Heilmann untersucht.
Über Überlebensstrategien und Lebenswelt katholischer Priester in nationalsozialistischen Konzentrationslagern arbeitet Eike Lossin (Würzburg). In seinem Vortrag gab er anhand von Objekten, wie z.B. selbstgefertigter Monstranzen, und weiterem Archivmaterial Einblicke in die Formen praktizierter Religiosität. Ausgangspunkt seiner Dissertation stellt das sich hier abzeichnende Handlungssystem, welches im Spannungsfeld zwischen (Lager-)Ordnung und widerständischem Verhalten entstand.
Abschließend stellte Phillip Herzog (Wien) seine Forschung zur politischen Funktion von Volkskunst im sowjetischen Estland (1965-1975) vor. Er fragt nach dem Spannungsverhältnis zwischen der Politik des sowjetischen Regimes und politischen wie unpolitischen Sinnkonstruktionen der „Folklore-Bewegung“, welche der „Singenden Revolution“, die das Ende der Sowjetunion einläutete, den Weg ebnete. Insbesondere der Begriff „Folklore“ stand bei diesem Vortrag zur Diskussion, der, ebenso wie die Mehrzahl der Projektvorstellungen, als Werkstattbericht angelegt war. Die Auseinandersetzung mit Gliederungsentwürfen und methodischem Vorgehen war somit fester Bestandteil dieser wie auch anderer Projektbesprechungen.
Die Tagung zeigte sich als produktive Plattform mit guter Gesprächskultur unter den Doktoranden/innen. Zum einen bot sich die Möglichkeit, die Projekte in sehr angenehmer Atmosphäre zu präsentieren, zum anderen wurden Tipps und Ratschläge für den Alltag eines/einer Promovierenden ausgetauscht. Wie bewältige ich Schreibblockaden? Wie gliedere ich meine Arbeit sinnvoll? Wie transformiere ich die Daten in einen für Leser/innen ansprechenden Text? All diese Unwägbarkeiten wurden von mal größeren, mal kleineren Gruppen diskutiert, die sich allen Promovierenden aufdrängende Frage, wie und wo das eigene Projekt in der Forschungslandschaft zu verorten sei, erörtert.
Neben der fruchtbaren Diskussion der Einzelprojekte im Plenum stellt ohne Frage die institutsübergreifende Vernetzung der kulturwissenschaftlich-volkskundlich arbeitenden Doktoranden/innen den wichtigsten Aspekt dieser Veranstaltung dar. Das Rahmenprogramm der Tagung diente diesem Zweck. Abgerundet wurde das Arbeitstreffen am Samstagabend mit der jährlich in München stattfindenden volkskundlichen Filmnacht sowie einem gemeinsamen Frühstück am Sonntagvormittag mit anschließendem Besuch des jüdischen Museums in München.
Der informelle Austausch über die Arbeit an thematisch wie methodologisch verwandten Projekten schafft Netzwerke, von denen die Teilnehmer/innen auch über das Treffen hinaus profitieren. Im kommenden Jahr wird eine 3. volkskundlich-kulturwissenschaftliche Doktorandentagung am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde in Würzburg stattfinden.
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Citation:
Birgit Heilmann. Review of , 2. volkskundlich/kulturwissenschaftliche Doktorandentagung München.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
June, 2007.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=27168
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