Der Kranke zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdbestimmung. Wittenberg: Deutsch-Polnische Gesellschaft für Geschichte der Medizin, 06.09.2001-09.09.2001.
Reviewed by Fritz Dross
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2002)
Der Kranke zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdbestimmung
VIII. Tagung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft für Geschichte der Medizin
In fünf Arbeitssitzungen sowie einer Postersession befassten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 7. Deutsch-Polnischen Gemeinschaftstagung mit dem Rahmenthema „Der Kranke zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdbestimmung". Durchaus im Sinne einer Medizingeschichte „from the patient's point of view" (Roy Porter) galt das Interesse dem sozialen Entwurf des Kranken und seiner Krankheit, dem Erleben von Krankheit sowie der Rolle des Patienten in seinen Beziehungen zu Staat, Gesellschaft und Medizin, medizinischem Personal und anderen Patienten. Dabei sind die deutsch-polnischen Gemeinschaftstagungen weniger als Forum der Auseinandersetzung hochambitionierter Spezialforschung gedacht, sondern haben sich zum Ziel gesetzt, die Voraussetzung für einen intensiveren Austausch zwischen polnischen und deutschen medizinhistorischen Forschungen überhaupt erst zu schaffen, indem sich Personen, Themen und Methoden einander vorstellen und ins Gespräch miteinander geraten. Dementsprechend waren die einzelnen Sitzungen bewusst nicht mit Subthemata betitelt, sondern umfassten zum Teil auch Vorträge, die auf den ersten Blick recht wenig Zusammenhänge aufwiesen, indes immer polnische und deutsche Beiträge sowie eine polnisch-deutsche Diskussionsleitung. Dem Organisator der Tagung, Josef Neumann, ist neben seiner umsichtigen, präzisen und herzlich unauffälligen Vorbereitung insbesondere dafür zu danken, mit der Stiftung Leucorea nicht nur einen ansprechenden und anregenden, sondern darüber hinaus mit den technischen Möglichkeiten einer Simultanübersetzung aller Vorträge versehenen Tagungsort sowie Dolmetscher gefunden zu haben.
Während sich alle folgenden Referentinnen und Referenten mit dem 18., 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befassten, eröffnete Kay Peter Jankrift (Stuttgart) die erste Arbeitssitzung mit einem Beitrag über Lepraschauprotokolle des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Die von ihrerseits an Lepra erkrankten Schaumeistern erstellten Schauprotokolle, die mit Aufnahmegesuchen Erkrankter und ärztlichen Visitationsberichten konfrontiert wurden, erlauben weitreichende Beobachtungen des sozialen Umfelds der Leprösen und ihrer genossenschaftlich-bruderschaftlichen Positionierung in der spätmittelalterlich/frühneuzeitlichen Gesellschaft. Zofia Podgórska-Klawe's (Warszawa) Referat, das wegen einer Erkrankung der Referentin von Andrzej Syroka vorgetragen wurde, behandelte sich verändernde Beziehungen zwischen Therapeuten und Kranken der Spätaufklärung im Zeichen einer sich entwickelnden klinischen Fachsprache einerseits sowie einer gelehrten Öffentlichkeit andererseits auf der Basis therapeutischer Briefkorrespondenzen. Die Auswertung eines umfangreichen Corpus von Patientenbriefen des 18. Jahrhunderts war Gegenstand des Vortrages von Michael Stolberg (München), der im Sinne des „medical market place" als zentrales Kriterium für die Einschätzung der „Effizienz" eines historischen medizinischen Verfahrens das -- in der Regel gut begründete - Urteil der Behandelten herausarbeitete. In der zweiten Arbeitssitzung sprach Joanna Nieznanowska (Szczecin) anhand der edierten Briefe der Familie Mozart über die insbesondere von Leopold Mozart organisierte ärztliche Versorgung seines „Wunderkindes" auf Konzertreisen sowie die späteren Kontakte der Mozarts zu den Salzburger Leib- und Hofärzten. Aus den Tagebüchern und dem Briefwechsel zwischen John und Abigail Adams erarbeitete Katarzyna Stelmasiak (Piotrków Trybunalski) die Haltung amerikanischer Siedler in Massachusetts zu Pocken und Pockenimpfung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Volker Hess und Ulrike Thoms (Berlin) berichteten aus ihrem Forschungsprojekt über die Kriterien der Probandenrekrutierung für klinische Versuche an der Charité in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und steckten das Spannungsfeld ab zwischen Selektion und Attraktion, wissenschaftlichen Nützlichkeitserwartungen und der Rolle der Probanden als Bittsteller, an klinischen Experimenten teilzunehmen. In der dritten Arbeitssitzung sprach Bożena Płonka-Syroka (Wrocław), an das Referat von Zofia Podgórska-Klawe anknüpfend, über die Auswirkung neuer Konzepte von „Objektivität" einer wissenschaftlich begründeten Medizin und „Subjektivität" menschlicher Wahrnehmung im Arzt-Patienten-Verhältnis des 19. Jahrhunderts. Antoni Jonecko (Rzeszów) erörterte Probleme der Preußischen Medizinaledikte als Quelle der (schlesischen) Medizingeschichte. Schließlich führten Caris-Petra Heidel und Sylvia Peikert (Dresden) die Probleme einer auf literarischen Quellen basierten Medizingeschichte anhand von Äußerungen Heinrich Heines, Friedrich Hebbels und Thomas Manns über Zahnerkrankungen und Zahnärzte anschaulich vor Augen. Am Samstag wies Bożena Urbanek (Warszawa) engagiert auf die Defizite der polnischen Medizingeschichtsschreibung in Sachen Patientengeschichte hin und zeigte Wege auf, auf denen ausgehend von normativem Quellenmaterial bei hinreichend kritischer Lektüre immerhin Rahmenbedingungen der Behandlung im Krankenhaus rekonstruiert werden können. Von besonderem Interesse war die Beziehung zwischen Kranken und Krankenschwestern, wobei speziell die Bedingungen und Anforderungen an das Pflegepersonal und die Ausgestaltung eines Pflegeberufes im russisch beherrschten Polen im Laufe des 19. Jahrhunderts beobachtet wurden. Simone Moses (Stuttgart) referierte auf der Grundlage quantitativer Analysen von Patientenakten über ältere Patienten in der Tübinger Universitätsklinik 1880-1914 und entwickelte daraus nicht zuletzt eine Frühgeschichte geriatrischer Medizin. Sylvelyn Hähner (Stuttgart) berichtete über Arzt-Patienten-Konflikte in württembergischen Lungenheilanstalten im frühen 20. Jahrhundert. Sie arbeitete das Bild eines außerordentlich selbstbewussten krankenversicherten männlichen Patienten heraus, der nicht nur hinsichtlich der Anstaltsdisziplin, sondern auch in seinem Misstrauen gegenüber der Tuberkulinanwendung jedenfalls sehr genau wusste, was er nicht wollte. Jaromir Jeszke (Poznań) stellte ein außergewöhnlich ambitioniertes Projekt über Naturheilkunde im preußisch-sächsisch-polnischen Grenzraum vor, welches das Verhältnis der drei Regionalkulturen zwischen zwei Heilkulturen (Naturheilkunde vs. akademischer Medizin) im Prozess zunehmender Abgrenzung einer deutschen und einer polnischen Nation im 19. und 20. Jahrhundert kulturhistorisch analysiert. Marek Dutkiewicz (Piotrków Trybunalski) trug seine Forschungen über das medizinische Personal der polnischen Legionen vor. Eine Gruppe von Ärzten und Medizinstudenten unter den freiwilligen Legionären, die seit dem August 1914 auf militiärischem Wege die „Wiedergeburt" Polens zu erreichen suchten, ihre besonderen Beziehungen zum Militärdienst und den verletzten Soldaten stehen im Mittelpunkt der auf Erinnerungsliteratur gestützten Untersuchung. Abschließend referierte Heinz Goerke (München) über die 1929 von Alfred Grotjahn herausgegebene Sammlung von ärztlichen Krankengeschichten, in der einer der Wegbereiter der universitären Sozialhygiene in Deutschland Krankheitserfahrungen von Ärzten publizierte, die er unter anderem auf dem Wege einer anonymisierten Fragebogenumfrage unter seinen Kollegen erhoben hatte.
Die Verständigung zwischen polnischen und deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bleibt ein kompliziertes, nichtsdestoweniger vielversprechendes Unterfangen. Ganz abgesehen von den Sprachproblemen, die vorzugsweise auf deutscher Seite liegen, sind organisatorische und ganz schlicht finanzielle Ressourcen universitärer und außeruniversitärer Forschung ganz außerordentlich ungleich verteilt. Zudem macht es den Eindruck, als sei in der polnischen Medizingeschichte die Auseinandersetzung (deren Voraussetzung gegenseitige Kenntnisnahme ist) zwischen an philosophischen Fakultäten/historischen Fachbereichen und an medizinischen Fakultäten/Akademien angesiedelten Forschungen erst vor recht kurzer Zeit angelaufen, so dass auch in dieser Hinsicht Forschungsinteressen, -strategien und -methoden zuweilen recht inkompatibel erscheinen. Gemeinsame Konferenzen unter einem gleichzeitig hinreichend präzise gefassten Oberthema, das andererseits die angesprochenen Differenzen deutlich macht, indem keine der vertretenen Varianten medizinhistorischer Forschung ausgeschlossen wird oder sich als unerwünscht behandelt fühlen muss, dürfen als ein besonders erfolgversprechender Weg gelten, eine Verständigung im skizzierten Sinne voran zu bringen. Im September 2003 wird die nächste Gemeinschaftstagung in Kraków (Krakau) unter dem in dieser Hinsicht vielversprechenden Thema „Medizin und Staat" stattfinden. Auf deutscher Seite wäre viel gewonnen, wenn die Osteuropahistorie mit ihren Kompetenzen, derer die deutschsprachige Medizinhistorie üblicherweise entsagt, sich stärker engagierte. Darüber hinaus bleibt zu hoffen, dass von polnischer Seite mehr jüngere und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu den Gemeinschaftstagungen finden würden.
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Citation:
Fritz Dross. Review of , Der Kranke zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdbestimmung.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
August, 2002.
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