Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung (GSU), Regionale Nachwuchstagung. Darmstadt: Martina Heßler, Dieter Schott von der Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung (GSU), 06.05.2006.
Reviewed by Marcus Stippak
Published on H-Soz-u-Kult (August, 2006)
Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung (GSU), Regionale Nachwuchstagung
Die Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung (GSU) möchte es allen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die in dem Forschungsbereich Stadtgeschichte und Urbanisierung arbeiten, ermöglichen, Kontakt zueinander aufzunehmen, Forschungsthemen zu diskutieren und Kooperationsmöglichkeiten auszuloten. Ein wichtiges Anliegen der GSU ist es, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Aus diesem Grund fand, als Teil einer Reihe von Nachwuchstagungen, am 6. Mai 2006 an der Technischen Universität Darmstadt (TUD) eine Tagung statt, auf der Dissertations- und Habilitationsprojekte vorgestellt und diskutiert wurden. Dieter Schott (TUD) und Martina Hessler (Hochschule für Gestaltung, Offenbach) (beide GSU) hatten die Tagung organisiert.
Torben Giese (Frankfurt am Main) erläuterte „Die Entstehung der modernen städtischen Imagepolitik in Frankfurt am Main“. Den Boden für eine solche Imagepolitik bereitete der 1896 gegründete Frankfurter Verkehrsverein. Anders als zuvor sollte die Stadt als Ganzes beworben werden. Eine wichtige Zielgruppe bildeten neben Touristen Personen, die dazu bewegt werden sollten, in Frankfurt sesshaft zu werden. Der ehrenamtlich organisierte Verein bemühte sich, die hygienischen, kulturellen, infrastrukturellen, technischen und wissenschaftlichen Leistungen der Stadt ebenso hervorzuheben wie deren Freizeit- und Erlebniswert. Diese, vor allem dem Ausstellungswesen gewidmeten Aktivitäten stellten jedoch angesichts der knappen finanziellen Möglichkeiten noch keine städtische Imagepolitik im engeren Sinne dar, die darauf ausgerichtet war, ein über einen längeren Zeitraum wirkendes Bild zu kreieren. Bis 1905 fiel die Bilanz denn auch mager aus, was den Verein dazu bewegte finanzielle Unterstützung seitens der Stadt zu ersuchen. Erst danach unterhielt der Verein ein eigenes Büro mit hauptamtlichen Mitarbeitern. Nachdem die Stadtverwaltung den Bau der Festhalle und die Konstituierung einer „Ausstellung- und Festhallengesellschaft“ initiiert hatte, verlor der Verein das bisherige Kernstück seiner Tätigkeit. Fortan konzentrierte er sich darauf, Fremden in der Stadt mit Rat und Tat behilflich zu sein. Seit 1910 erlebte die Stadtwerbung eine funktionale Erweiterung: fortan berücksichtige sie auch die Aspekte Bevölkerungspolitik und Wirtschaftsförderung. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Stadtverwaltung daran, die gewünschten Images selbst mit Inhalt zu füllen. Die Gründung des städtischen Verkehrsamtes 1925 markierte schließlich die Integration der ehemals ehrenamtlichen Stadtwerbung in den kommunalen Aufgabenkatalog.
„Aachen im Kampf“ lautete der Haupttitel des Projekts, in dem sich Werner Tschacher (Aachen) „Überlegungen zur Bedeutungskonstruktion konkurrierender Städte im Epochenvergleich“ widmete. Anhand der Stadt Aachen möchte Tschacher erarbeiten, inwiefern städtische Eliten vor dem Hintergrund sich verändernder sozialer Konstellationen sowie unter Berücksichtigung der jeweiligen politischen und ökonomischen Interessen und Gegebenheiten seit der Vormoderne symbolisches Kapital (Bourdieu) schufen, um einerseits innerhalb der Stadt ihre hervorgehobene soziale Stellung zu untermauern und um andererseits die Stadt Aachen im zwischenstädtischen Konkurrenzkampf zu positionieren. Analysiert wurde unter anderem, wie neben Heimatliteratur und Stadtgeschichtsschreibung, neben der von lokalen Geschichtsvereinen und der Hochschule getragenen Wissenschaft auch Denkmäler, Ausstellungen sowie Feste und Feiern dazu beitrugen, insbesondere die Frühgeschichte der Stadt zu verklären (Stichwort Karl der Große), kulturelle Leitbilder herzustellen, historische Kontinuitäten zu behaupten und Ansichten von einer politischen Ordnung zu begründen. Tschacher zufolge mündeten die skizzierten Bemühungen in Aachen und auch anderenorts in eine „relative Stabilität bürgerlicher Herrschaft“. Der Vergleich über mehrere Epochen hinweg verdeutliche, inwiefern sich nicht nur die Art und Weise veränderte, wie symbolisches Kapital produziert wurde, sondern auch wie sich dessen inhaltliche Ausgestaltung mit den sich umformenden politischen, ökonomischen und normativen Rahmenbedingungen wandelte.
Die Aufmerksamkeit von Jan May (Berlin) galt der Geschichte der „Biennale die Venezia“ zwischen 1895 und 1945. May interessiert die Funktion und der Erfolg der Biennale als Instrument zunächst städtischer, später staatlicher Kulturpolitik. Motiviert, Venedig als Kunstzentrum von internationalem Rang zu etablieren, initiierte und lancierte Venedigs national-konservative Führung in den frühen 1890er Jahren die Idee einer Kunstausstellung. Getragen vom Erfolg und mit finanzieller Hilfe seitens des Staates ließen die Veranstalter um 1900 nach und nach die Ausstellungsräume erweitern. Zu einem hervorstechenden Merkmal entwickelte sich das Konzept der nationalen Pavillons, das die Biennale von den Weltausstellungen übernommen hatte und die ihr den Charakter einer „kleinen Weltausstellung der Kunst“ verliehen. Seit den 1920 Jahren musste sich die Biennale im mittlerweile faschistisch regierten Italien zahlreicher Konkurrenz erwehren. Die Stadt erwirkte aber neben einer staatlichen Bestandsgarantie regelmäßige finanzielle Hilfen vom Staat. Der allerdings kreierte seit 1930 ein „hierarchisches Kunstausstellungssystem“, an dessen Spitze die Biennale stehen sollte. Fortan wurden in Venedig italienische Künstler nur präsentiert, wenn sie zuvor erfolgreich die anderen Ausstellungen in der Hierarchie durchlaufen hatten. Mit Beginn der italienischen Aggressions- und Expansionspolitik seit Mitte der 1930er Jahre und der militärischen Eskalation seit 1939 verlor die Biennale an Ansehen. Erst mit der Ausstellung von 1948, die Themen aus den 1920er Jahren wiederaufnahm, gelang es, an frühere Erfolge anzuknüpfen.
Im Rahmen ihres Dissertationsprojektes „Städtische Umwelten und ihre Wahrnehmung im Spiegel medizinischer Topographien des 18. und 19. Jahrhunderts“ unterzieht Anna-Sarah Hennig (Göttingen) medizinische Ortsbeschreibungen deutscher Großstädte (Berlin, Bremen, Dresden, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Wien), die zwischen 1771 bis 1903 erschienen sind, einer umwelt-, stadt- und medizingeschichtlichen Analyse. Ihr Fokus richtete sich zunächst darauf zu erarbeiten, wie die Autoren die jeweiligen natürlichen und durch menschliche Eingriffe geschaffenen Umweltbedingungen vor Ort (u.a. Klima, Wasser, Luft, Ernährung, Städtebau) wahrgenommen und deren potentiellen Einfluss auf die menschliche Gesundheit formuliert haben. Darauf aufbauend analysierte sie, ob und wie sich diese Wahrnehmungsformen vor dem Hintergrund von demographischen, politischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen Veränderungen im Untersuchungszeitraum veränderten. Einer eingehenden Betrachtung unterzog Hennig zudem die Arbeitsmethoden dieser Autoren. Schließlich arbeitete sie das in den Quellen anzutreffende facettenreiche Verständnis von Natur heraus.
In ihrem Beitrag „Arbeit als Segregationsfaktor: Dorf und Stadt im Frondienst“ erläuterte Nicole K. Longen (Trier) einen Teilaspekt aus ihrem Promotionsprojekt. Darin untersuchte sie anhand von städtischen und ländlichen Gemeinden im ehemaligen Kurfürstentum Trier die Entstehung, Ausprägung und Entwicklung der Frondienste sowie deren Auswirkungen auf das Leben in den Gemeinden für die Zeit von ca. 1715-1850 und damit unter wechselnder staatlicher Herrschaft (Trier, Frankreich, Preußen). Der Vortrag widmete sich der Haltung, welche die Bevölkerung gegenüber den Frondiensten einnahm und den zumal von den Städtern gewählten Mitteln und Wegen, sich der Ausübung der Frondienste zu entziehen. Letzteren war es bis ins späte 18. Jahrhundert hinein gelungen, aus dem 12. Jahrhundert herrührende städtische Privilegien zu bewahren, d.h. die rechtlich verankerte Zweiteilung der Bevölkerung in Stadtbürger und Land- bzw. Dorfbewohner aufrechtzuerhalten. Wie die Referentin an den Städten Koblenz und Trier exemplarisch ausführte, schlug sich diese Differenzierung u.a. auch darin nieder, dass es Stadtbürgern möglich war, sich von Frondiensten entweder teilweise oder auch gänzlich freistellen zu lassen, während dies den Bewohnern umliegender Dörfer bzw. Gemeinden verwehrt blieb. Erst der Niedergang des Ancien Régime führte die Bedingungen herbei, unter denen die angesprochene Differenzierung zwischen Städtern und Landbewohnern aufgehoben und eine rechtliche Gleichstellung geschaffen werden konnte.
„Gewachsen oder geplant? Mittelalterliche Stadtentwicklung: die Thesen Klaus Humperts aus archäologischer Sicht“ lautete der Titel der Präsentation von Michaela Jansen (Mannheim/Freiburg). Darin setzte sich Jansen mit der seit 2001 von Klaus Humpert und Martin Schenk in dem Buch „Entdeckung der mittelalterlichen Stadtplanung. Das Ende vom Mythos der ‚gewachsenen Stadt’“ öffentlich geäußerten und seitdem kontrovers diskutierten These auseinander, bereits im Mittealter habe es eine Stadtplanung gegeben. Jansen schloss die Existenz von frühen Stadtplanungsverfahren und -prozeduren keineswegs aus. Humpert und Schenk jedoch würden den historischen Kontext völlig außer Acht lassen und das von ihnen so bezeichnete „Phänomen der Kreisbögen“ auf ein äußerst unsicheres Fundament stellen. Als Instrument einer Stadtplanung hätten die „Kreisbögen“ ein freies Blickfeld und unbebautes Gelände vorausgesetzt. Das von Humpert und Schenk gewählte Fallbeispiel Lübeck halte jedoch einer historischen bzw. archäologischen Überprüfung nicht stand. Des weiteren problematisierte Jansen das in der Stadtforschung seit Jahrzehnten geläufige Gegensatzpaar „gewachsene“ und „gegründete“ bzw. „geplante Stadt“: Auch Anhänger dieser Dichotomie seien nicht umhin gekommen anzuerkennen, dass es Städte gibt, in denen sich Merkmale sowohl der gewachsenen als auch der gegründeten Stadt identifizieren lassen. Zudem stellen seit den 1980er Jahren archäologische Arbeiten diese und andere gebräuchliche Ansichten (Bsp. Stadtgründung auf der grünen Wiese) nachhaltig in Frage.
In seinem Vortrag „Demokratisierung und Dezentralisation zwischen 1945 und 1949 am Beispiel der Baupolizei“ konzentrierte sich Ekke Feldmann (Darmstadt) darauf, die langwierigen und komplizierten Bemühungen der US-amerikanischen und britischen Besatzungsmächte nachzuzeichnen, die in Deutschland nach dem 8. Mai 1945 notwendig waren, um die Kompetenzen einer entnazifizierten Polizei und auch die der Baupolizei neu zu formulieren. Die US-amerikanische Besatzungsmacht etwa verfügte eine Dezentralisierung, indem sie z.B. die Baupolizei ausgliederte und den Wohlfahrtsbehörden zuordnete. Die britischen Besatzungsbehörden wiederum stutzten die Aufgaben der Polizei auf die reine Gefahrenabwehr zurück und ordneten sie einer politischen Kontrolle unter. Die von den beiden Besatzungsmächten angestrebte Reorganisation stieß jedoch auf von ihnen selbst teilweise mit verursachte, teilweise unerwartete, aus der bis dahin ausgeübten deutschen Verwaltungspraxis resultierende Widerstände, weswegen der Verwaltungsumbau nicht sofort und/oder nicht konsequent umgesetzt wurde. Im Zuge der Diskussion um ein Bundesbaugesetz in den frühen 1950er Jahren erlebten auf dem Gebiet der Baupolizei die „alten polizeilichen Ordnungsvorstellungen“ ihre – allerdings kurzlebige – Wiedereinführung, bis mit den von den Bundesländern eingeführten Begriffen „Bauaufsichtsamt, Baurechtsamt oder Bauaufsichtsbehörde“ die Kompetenzen fortan gänzlich den Städten und Landkreisen zugewiesen wurden.
Den „Wandel städtebaulicher Leitbilder im 20. Jahrhundert. Von der Moderne zur Nachhaltigkeit“ skizzierte Miaomiao Zhu (Darmstadt) am Beispiel von Shanghai. Angesichts der sich gegenwärtig dort in hohem Tempo abspielenden städtebaulichen Veränderungen möchte Miaomiao Zhu zweierlei untersuchen: zum einen will sie die historischen Wurzeln des heutigen aktuellen chinesischen Modernisierungsprozesses identifizieren, der ihrer Ansicht nach auf eine unkritische Aneignung des aus Europa herrührenden Leitbildes der Moderne zurückgeht. Dessen Licht- und Schattenseiten motivierten sie zum anderen zu der Frage, inwieweit die Möglichkeit besteht, dass sich in China die Krise und Kritik der Moderne (u.a. Jacobs, Mitscherlich) wiederholt, wie sie Europa in den 1960er und 1970er Jahren durchlebte, und ob dieses Szenario in China antizipiert wurde bzw. gegenwärtig diskutiert wird (Stichwort Nachhaltigkeit). In den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellte sie wichtige Stationen der städtebaulichen Entwicklung Shanghais. Ende der 1920er Jahre etwa wurde der erste umfassende Stadtentwicklungsplan für Shanghai vorgelegt. An dessen Ausarbeitung waren neben einem in den USA ausgebildeten chinesischen Architekten ein US-amerikanischer und ein deutscher Architekt beteiligt. Folglich waren in ihm traditionelle chinesische und moderne westliche Elemente enthalten. Ähnliches wiederholte sich Ende der 1940er Jahre. Auf lange Sicht, schlussfolgerte Miaomiao Zhu, lasse sich in der Entwicklung Shanghais ein ausgeprägtes Neben- und Miteinander von chinesischen und westlichen Elementen erkennen. Einzig die Diskussion über die Nachhaltigkeit der skizzierten Entwicklung habe noch nicht begonnen.
Thematisch und methodisch war die Tagung von einer ausgesprochenen Vielfalt geprägt. Ungeachtet der unterschiedlichen Interessen und Herangehensweisen entwickelten sich zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, zu denen sich nicht nur GSU-Mitglieder aus dem Rhein-Main-Gebiet gesellten, lebhafte und konstruktive Diskussionen und man darf auf die Fertigstellung der hier angesprochenen Projekte gespannt sein. Die GSU plant, weitere Nachwuchstagungen zu organisieren.
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Citation:
Marcus Stippak. Review of , Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung (GSU), Regionale Nachwuchstagung.
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August, 2006.
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