Antizionismus im 20. Jahrhundert. Intellektuelle und identitäre Aspekte. Berlin: Centre Marc Bloch (Berlin), Hamburger Institut für Sozialforschung (Hamburg) Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam) und mit Unterstützung von den kulturellen Einrichtungen der Französischen Botschaft in Deutschland und dem Frankreich Zentrum , 02.07.2004-03.07.2004.
Reviewed by Guilhem Zumbaum-Tomasi
Published on H-Soz-u-Kult (December, 2004)
Antizionismus im 20. Jahrhundert. Intellektuelle und identitäre Aspekte
Am 2. und 3. Juli 2004 fand am Centre Marc Bloch Berlin (CMB), in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF) und dem Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), die Tagung „Antizionismus im 20. Jahrhundert. Intellektuelle und identitäre Aspekte“ statt.
Fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer sind Antisemitismus und Antizionismus, in Deutschland wie in Frankreich, zum Gegenstand einer neu erwachten Aufmerksamkeit geworden. Aktuelle politische Debatten erregen die Gemüter und haben Einzug gehalten in die Sozialwissenschaften. Auch wenn die Diskussion künftig eine europäische Dimension annimmt, ist es doch bemerkenswert, dass Berlin zu einem der wichtigsten Orte des Austausches und der Debatten zu werden scheint. Seit einigen Jahren ist Berlin nicht nur zum Bindeglied zwischen West- und Osteuropa geworden. Hier werden in Tagungen und Konferenzen die Tragödien des 20. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen untersucht. Ausgehend von den Debatten um das umstrittene Holocaust-Mahnmal in Berlin, entwickelt sich parallel zur öffentlichen Wahrnehmung ein wissenschaftlicher Diskurs darum, wie Holocaust, Genozid und Antisemitismus heute thematisiert werden können.
Die Tagung über Antizionismus im 20. Jahrhundert ist Teil dieses neuen wissenschaftlichen Diskurses.
Fabrice d’Almeida, Jean-Marc Dreyfus (Centre Marc Bloch), Jaques Ehrenfreund (Tel Aviv/TU Berlin) und das HIS eröffneten die Diskussion mit ihrer französisch-deutsch-israelischen Untersuchung über Antisemitismus und Antizionismus. In der Einleitung stellten sie den Bezug zum aktuellen Konflikt zwischen Israel, Palästina und Deutschland und den antisemitischen und antizionistischen Äußerungen her. Dabei betonten sie immer wieder, wie wichtig es sei, Antizionismus und Antisemitismus getrennt zu untersuchen und nicht als Begriffspaar zu verstehen. Antizionismus beschreibe weiterhin die Opposition einiger Gruppen und Parteien gegenüber dem Staat Israel als demokratischem Staat. Dabei ist es wichtig, den Diskurs zum Thema innerhalb europäischer Parteien und anderer Interessensgruppen, wie etwa der palästinensischen Vertretung in Europa und in den Medien, genauer zu untersuchen. Zudem merkten sie an, dass man sich mit der Untersuchung des Antizionismus auf ein sensibles Terrain begäbe. Erschwerend käme hinzu, dass es bis heute keine wirklich wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema gäbe. Deshalb müsste das Ziel dieser und der nachfolgenden Tagung in Hamburg im nächsten Jahr sein, die Verwendung des Begriffes Antizionismus in seinen historischen und räumlichen Zusammenhang zu setzen.
Die Beiträge der Tagung gliederten sich in drei große Themenfelder. Maurice Kriegel (EHESS), Gertrud Pickham (FU Berlin) und Pierre Bouretz begannen mit ihren Untersuchungen über Antisemitismus und Antizionismus in der Geschichte. Maurice Kriegel bot einen Überblick zum Antisemitismus vom Mittelalter bis ins zwanzigste Jahrhundert. Dabei ging er auch auf die Auffassung der Aufklärer ein (u.a. Voltaire), nach deren Ansicht sich Antisemitismus als ein Ausdruck des Hasses in Form von Antijudaismus zeigt. Als sich die Nationalstaaten bildeten, wandelte sich der religiöse Hass der Christen in Xenophobie und im schlimmsten Fall in Rassismus. Antizionismus sei demnach nichts anderes als die Fortführung eines Diskurses, der in der Aufklärung begonnen hat. Der Antisemitismus eines Voltaire oder eines Erasmus ist vergleichbar mit dem Diskurs des Antizionismus. Die Antizionisten richten ihren Hass auf den, ihrer Ansicht nach, nicht zeitgemäßen Charakter des Judentums. Maurice Kriegel sah hier eine Parallele zwischen dem aktuellen intellektuellen Antizionismus und dem intellektuellen Antisemitismus der Aufklärer.
Die Beiträge von Pickham, „Do oder dort. Der Zionismus in der Wahrnehmung des ‚Bund’ in Polen“ und Bouretz, „ Die Kritik des Zionismus nach Hannah Arendt“, interessierten sich für die innerjüdische Auseinandersetzung mit dem Zionismus. Pickham wollte am Beispiel des, dem Zionismus kritisch gegenüber stehenden, „Bund“ in Polen zeigen, wie kompliziert die Beziehungen zwischen „Bund“ und Zionismus von Anfang an und besonders nach dem ersten Weltkrieg waren. Sie zeigte, dass die Ereignisse in Palästina während des britischen Mandats systematisch die Haltung des „Bundes“ gegenüber dem Zionismus beeinflussten. Von Anfang an hatte der „Bund“ auf das Problem der zwei Nationalitäten in Palästina aufmerksam gemacht und mit Sorge die Aufstände beobachtet, die er im Sinne des Klassenkampfes interpretierte. Bis 1939 war die Maxime des „Bundes“, die Emigration so lange hinaus zu zögern bis eine nationale und soziale Gleichheit in Palästina umgesetzt wäre. In den Jahren 1939-1945 änderte sich die Meinung des „Bundes“ komplett und man näherte sich der "Jüdischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Poale Zion" an.
Der Beitrag von Bouretz, „Die Kritik des Zionismus nach Hannah Arendt“ beschäftigte sich mit der intellektuellen Auseinandersetzung der Gründung des Staates Israel und dem Zionismus am Beispiel einer, in der Öffentlichkeit stehenden, Einzelperson. Seiner Ansicht nach, wandte sich Hannah Arendt 1943 vom Zionismus ab und kritisierte seinen zunehmend nationalistischen Charakter. Sie warf dem Zionismus vor, sich einerseits des Antisemitismus zu bedienen und andererseits ein Produkt der deutschen nationalistischen Ideologie des 19. Jahrhunderts zu sein. Diese Position verhärtete sich zwischen 1950 und 1960. Arendt weitete ihre Kritik aus und verglich den Zionismus mit dem Totalitarismus. Das mache es unmöglich eine Lösung zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten herbeizuführen. Der seit 1948 vorherrschende rassistische Zionismus führte nicht zur Assimilation, sondern hat im Gegenteil einer neuen Form von Imperialismus Vorschub geleistet, der den jüdischen Staat von innen und außen bedrohe. Aus heutiger Sicht, folgerte Bouretz, war die Kritik Hannah Arendts berechtigt.
Der zweite Teil der Tagung erweiterte das Themenfeld. Emile Malet widmete sich in seiner Untersuchung Siegmund Freud und seiner Beziehung zum Nationalismus und zum Zionismus. Nach der Lektüre von Freuds Thesen über jüdische Identität und den Antisemitismus, sei der Antizionismus nichts anderes als ein Ausdruck der Frustration. Der Hass einiger Christen und Teilen der französischen Linken richte sich gegen das prophetische Judentum. Die kulturelle Auseinandersetzung mit dem Judentum wurde von Bruno Chaouat (University of Minneapolis) in seinem Beitrag, „Die Moschee von Notre Dame und die Esplanade des Tempels: Die Sache Renaud Camus, zwischen der Frage der Juden und der Frage des Zionismus“ thematisiert. Nach einer kurzen Vorstellung der Biographie Renaud Camus und des kulturellen Kontextes, konzentrierte Chaouat sich auf den Unterschied zwischen der Bedeutung des Jüdischseins im nationalen und im kulturellen Sinne.
Die aktuellen Bezüge zum Antisemitismus wurden im dritten Teil der Tagung behandelt. Nachdem sich die Teilnehmer am Vormittag aus historischer und kultureller Perspektive mit dem Antizionismus beschäftigt hatten, wurden am Nachmittag seine politischen und soziologischen Aspekte untersucht.
Jean-Marc Dreifus (Centre Marc Bloch) fasste in seiner Untersuchung, „Antizionismus und Negationismus“, die Haltung der extremen Linken und der extremen Rechten nach 1945 zusammen. Er kam dabei zu dem Schluss, wenn auch der Negationismus ursprünglich nicht antizionistisch war, so ist er es heute geworden. Demnach richten sich Negationismus und Antizionismus gegen jüdische Werte.
In seinem Beitrag „Der Antizionismus der populären Demokratien, am Beispiel von Polen“, geht Paul Zawadzki (Paris I) auf den Zusammenhang von Marxismus und Zionismus anhand des Beispiels Polen, ein. Nach der Shoah zeigte sich die Xenophobie gegenüber den Juden zuerst in der UDSSR und in Polen. Zawadzki konzentriert sich in seinem Beitrag auf den Zeitraum während und nach dem „Sechstagekrieg“ (Juni 1967). Dem Sieg Israels über die Staaten der arabischen Liga folgen erneute antisemitische Übergriffe in Polen. Zawadzki hat gezeigt, dass Antisemitismus und Antizionismus sich in Polen vermischten. Neben dem traditionellen Antisemitismus der, unterstützt von der polnischen Regierung, Bestandteil der polnischen Identität war, wurden in den 1950er Jahren zahlreiche Arbeiten, wie „Die Weisen von Zion“, zum Zionismus publiziert. Das sozialistische Polen, auf der Suche nach seiner eigenen nationalen Einheit und einem ethnischen Staat, richtete seine Attacken gegen die Juden, aber gleichzeitig auch gegen die Intelligenzija und die Bourgeoisie, die mit den Juden gleichgesetzt wurden. Antisemitismus und Antizionismus wurden zu politischen Instrumenten, mit dem Ziel die Juden aus Polen zu vertreiben. Zu diesem Zweck wurde Ende der 1960er Jahre ein Register der Juden eingerichtet.
An Zawadzki anschließend, zeigte Mario Kessler (ZZF) in seinem Beitrag, „ Das kommunistische Deutschland und der Zionismus“, wie Ende der 1960er Jahre Antisemitismus und Antizionismus zu einem wichtigen Bestandteil des nationalistischen Kommunismus der sozialistischen Staaten des Warschauer Paktes wurden. In der DDR, wie in anderen sozialistischen Volksdemokratien, zu antijüdischen Stimmungen, die im hohen Maße von der SED gelenkt wurden. Wie in Polen verschlechterten sich 1967 auch in der DDR die Kontakte zwischen der politischen Klasse und den Juden. Es ist bezeichnend, dass die DDR Israel erst 1986 als souveränen Staat anerkannte und das bis zur deutschen Wiedervereinigung Juden als NS-Opfer zweiter Klasse galten. Dies zeigt wie die DDR mit dem Erbe der Shoah umging. Israel und die Zionisten wurden lange Zeit mitverantwortlich gemacht für die Situation im Nahen Osten, mit der Begründung, der jüdische Staat gehe imperialistisch vor und betreibe einen Klassenkampf gegen die Palästinenser.
Martine Cohen (CNRS) bot mit „ Eine antizionistische Krise: die Linksradikale in den 70ern“, eine andere Analyse des antizionistischen, antikapitalistischen und anti-imperialistischen Diskurses der Linken, wie er im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der Dekolonisierung entstand. Ihr Interesse richtete sich auf die Reaktionen und Kommentare der französischen Tageszeitung „Libération“ während des Yom Kippur Krieges im Oktober 1973. Die Kritik der französischen Linken an Israel war zwiespältig. Während man eine generelle Sympathie mit den Juden äußerte, wurde die zionistische Idee mit dem amerikanischen Imperialismus gleichgesetzt und die aggressive Politik Israels und Amerikas im Nahen Osten polemisch kritisiert. Neu war, dass sich die Linke in der Frage des Krieges nicht nur von Israel distanzierte, sondern zudem begann, die Juden in Frankreich für Israels Politik verantwortlich zu machen. Zum antiimperialistischen Diskurs kam in der französischen Linken ein antisemitischer dazu. Dabei war es bezeichnend, dass dieser Diskurs Parallelen zur Propaganda sozialistischer Staaten aufweist. Man warf den Juden ihre Religion und trotz der freiwilligen Diaspora ihre nationale Bindung zu Israel vor. Solange sie auf ihrer Identität bestünden, werde der Zionismus bestehen. Cohen fasst die Position der französischen Linken wie folgt zusammen: Antisemitismus versteht sich als Reaktion auf den Zionismus. Mit dem Verweis auf den Antisemitismus linker Gruppen im Jahr 2004 bemerkt Cohen, dass es eine erneute Verengung eines pseudowissenschaftlichen Diskurses gebe. Die Linke bediene sich der Shoah und der Kolonisation um die Intifada als Krieg zu legitimieren. Nach Ansicht Cohens erliegt der antizionistische und marxistische Diskurs in Frankreich der Polemik, wenn er die Bilder der Intifada in den Medien mit denen des Grauens des Holocausts gleichsetzt.
Patrice Poutrus (ZZF) kritisierte in seinem Beitrag „Antiamerikanismus in Deutschland – ein Antizionismus?“, ebenfalls die momentan verengte Perspektive der linken deutschen Eliten. Der antiamerikanische Diskurs in Deutschland sei die Antwort auf den Antikommunismus großer Teile der westdeutschen Gesellschaft nach 1945 und beinhalte zugleich eine Kritik am jüdischen Staat, da die USA als Garantiemacht Israels auftreten.
Seit dem Ende der sechziger Jahre führen Teile der deutschen und französischen Eliten aus dem linken Spektrum einen intellektuellen Antisemitismusdiskurs, indem sie Israel entweder dafür verantwortlich machen, die Opfer des Holocaust für den Zionismus zu missbrauchen oder aber darauf hinweisen, dass der jüdische Staat seine Unschuld im Kampf gegen die Palästinenser verloren habe und dies mit den NS-Verbrechen gleichzusetzen sei. So wurde lange hingenommen, dass sie sich hier einer gefährlichen marxistischen Terminologie (Imperialismus) wie auch dem nationalsozialistischen Vokabular (jüdische Gefahr) bedienten, die dem rassistischen Antisemitismus nahe steht.
Die Tagung hat Überschneidungen im europäischen Antizionismusdiskurs zwischen 1945 und 2004 aufgezeigt. Die Studien aus Frankreich und Deutschland stimmen in ihren Kritikpunkten überein, wobei der jeweilige Befund auch oder gerade wegen der nationalen Geschichtserfahrung anders ausfällt.
Der Diskurs fand im 20. Jahrhundert auf unterschiedliche Weise statt: Zum einen als ein innerjüdischer, wobei es in diesem Diskurs bis 1939 auch um eine Abgrenzung oder Akzeptanz von der Assimilation in Europa ging. Die Verfolgung der jüdischen Minderheit in Deutschland ab 1933 und ihre Ermordung in Europa beendete diese innerjüdische Auseinandersetzung und erleichterte die Gründung des israelischen Nationalstaates. Zum anderen existiert bis heute ein Diskurs der ideologisierten Feindbilder, deren Vokabular aus dem sozialistischen Sprachgebrauch der 30er Jahre stammt und der Negierung Israels dient. Dabei handelte es sich meist um die Gleichsetzung Israels mit Imperialismus oder Kolonialismus; der die Autochthonen (Palästinenser) unterdrücke. Die schärfste Kritik an Israel und dem Zionismus formulierte der russische und stalinistische Bolschewismus, eine Kritik, die noch heute so von französischen und deutschen Linken formuliert wird.
Die innerjüdischen Gegner des Zionismus aus dem Umfeld der europäischen Linken und Linksliberalen sahen sich über Jahrzehnte mit dem Vorwurf konfrontiert, eine Mitverantwortung für die Katastrophe in Europa zu tragen, sei es, weil sie den marxistischen Utopien nahe standen, sei es, weil sie den Nationalismus in jedweder Form kritisch beurteilten. Von diesem Vorwurf sind sie freizusprechen.
Ein weiterer Ansatz, um eine zukünftige Ausdifferenzierung zu ermöglichen, wäre, neben der Analyse des jüdischen Diskurs über Zionismus und Israel, ein Vergleich zwischen anderen europäischen Staaten und den USA zu ziehen. Gerade im Hinblick auf den Einfluß, den Islamisten und Palästinabefürworter in Bewegungen wie Attac und anderen Organisationen ausüben zeigt, dass „linke Debatten“ voreilig Israel und die USA die alleinige Verantwortung im Nahostkonflikt geben.
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Guilhem Zumbaum-Tomasi. Review of , Antizionismus im 20. Jahrhundert. Intellektuelle und identitäre Aspekte.
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December, 2004.
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