Folklore Revisited: Körperwissen und konstruierte Gemeinschaft. Leipzig: Tanzarchiv Leipzig e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig, 27.10.2005-28.10.2005.
Reviewed by Sebastian Gießmann
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2005)
Folklore Revisited: Körperwissen und konstruierte Gemeinschaft
Ziel von „Folklore Revisited“ war die Etablierung eines Begriffs von Folklore, der jenseits von Traditionspflege einen neuen Blick auf das Verhältnis von Gemeinschaft, Modernität und verkörpertem Wissen eröffnet. Folklore als Bewegungskultur wird so neu denkbar: als ebenso konstitutiver wie modellhafter Teil der modernen Konstruktion(en) von Gemeinschaft ab dem 19. Jahrhundert.
Die Schwerpunkte des Workshops lagen sowohl auf einer historisch orientierten Aufarbeitung als Anknüpfungspunkt für politische, religiöse und kulturelle Machtkonstellationen als auch auf der Frage nach einer zeitgenössischen Folklore und ihren Beschreibungsmöglichkeiten. Gezielt ging es dabei um die Untersuchung von Schnittstellen zwischen Wissenschaften und Künsten und den zwischen ihnen stattfindenden Austauschprozessen.
In ihrem Einführungsvortrag hob Inge Baxmann (Leipzig) die Vielfältigkeit von Folklore und die Aktualität der Fragestellung in einer multikulturellen globalisierten Wissensgesellschaft hervor. Verhandelt wird dabei vor allem das immer fließender werdende Konzept der Identität in Form der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder der Suche nach den eigenen Wurzeln. In einer historischen Rückschau klassifizierte Inge Baxmann Folklore als eine spezifische Figur der Moderne mit dem Ziel einer Reauthentisierung von Kultur. So verstand das frühe 20. Jahrhundert Volkstanz und Folklore als Ausdruck der Nation, als spezifische Eigenheit eines Volkes und versuchte in einem Rückgriff auf ursprüngliche Traditionen die einzelnen Nationen voneinander abzugrenzen. Folklore trat in Korrespondenz zu einer ebenso widersprüchlichen wie performativen Aufwertung von Konzepten des Primitiven und oralen Traditionen, wie sie Wissenschaft und Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. In der Idee eines Archivs der Bewegungskulturen, wie sie durch die „Archives Internationales de la Danse“ im Paris der 1930er Jahre paradigmatisch artikuliert wurde, sollte dasjenige verkörperte Wissen wieder in die moderne Kultur integriert werden, was man unter dem Einfluss der Schriftkultur als verloren gegangen glaubte. Aufgabe der Wissenschaft war dabei – im Mantel einer Rettungsrhetorik mit Anspruch auf Authentizität – die Konstituierung eines nationalen symbolischen Erbes, das als Reaktion auf das Zeitalter der industriellen Produktion eine sichtbar gewordene Differenz artikulierte. In der Erfindung des Volkes in Form einer nationalen Identität konkretisierte sich diese Differenz, die insbesondere an geografische Räume gebunden war. Die Volkskunst, und im Besonderen der Volkstanz, avancierte dabei zum Ausdruck des kollektiven Unbewussten, in dem sich vor allem in Körpertechniken kulturelles Wissen materialisierte.
Inge Baxmann arbeitete heraus, wie sich Folklore in diesem Kontext in der Spannung von Homogenisierung und Differenz, dem nationalen ‚Volk’ und den verschiedenen Nationen situierte. Daraus ergeben sich vielfältige Fragestellungen für aktuelle Debatten, die unter anderem den Aspekt der Konstruiertheit von Folklore und deren mögliches Erscheinungsbild und Funktionsweise in Zeiten der Globalisierung, die zunehmende Auflösung des Nationenkonzeptes und die Bindung von Kultur an geografische Räume betreffen. Gleichzeitig wirft Folklore ein Licht auf das vorbewusste, sinnliche Wissen in Form von Tanz und spezifischen handwerklichen Körpertechniken und kann so einen Beitrag zum Verhältnis von Erfahrung und Wissen liefern.
Anschaulich war in diesem Sinne der performativ-künstlerische Beitrag “Aus der Reihe fast vergessene Volkstänze: der Zefixer„ des Künstlerduos WILHELM GROENER (Berlin), die mit Hilfe von detaillierter Beschreibung und Notation den Volkstanz “Der Zefixer“ „rekonstruierten“. Einzig der Eimer auf dem Kopf der Tänzer ließ die Zuschauer über die Existenz dieses Tanzes ins Grübeln geraten, doch die wissenschaftliche Methodik selbst garantierte die Glaubhaftigkeit. WILHELM GROENER gelang es mit diesem frei erfundenen Volkstanz die Mechanismen und Konstruktionsprozesse in der schriftlichen Bewahrungs- und Rekonstruktionsmethode deutlich zu machen, auf die sich die Volkskunde und Volkstanzforschung zum großen Teil stützt. Zugleich zeigte die Performance, in wie weit künstlerische Formen Prozesse der Wissensproduktion in der westlichen Gesellschaft hinterfragen und damit bereichern können und legte ein Plädoyer für die gegenseitige Befruchtung von Wissenschaften und Künsten ab.
Dr. Nina Gorgus (Frankfurt/Main) referierte in ihrem Vortrag „Der Folklore-Kongress 1928 in Prag“ über den ersten internationalen Volkskundekongress, der vom Völkerbund organisiert wurde. Darin zeigte sich das immense Interesse an der Folklore und der transnationalen Verständigung darüber. Auf diesem Kongress schienen sich sowohl nationale wie internationale Bestrebungen zu verbinden, die eine Stimmung des Abgrenzens als auch Verbindens erzeugten. Figuren des Primitiven als Ursprung der modernen Zivilisation, als verschüttete Teile des modernen Menschen, die mit Volkskunst wiederbelebt werden können, verbanden sich mit nationalen Tendenzen. Der Kongress von 1928 zeichnete sich gegenüber späteren dadurch aus, dass die Begrifflichkeiten Volkskunde, Volkskunst noch unklar waren und dass es keine Begrenzung in den Themen gab. Es ging sowohl um methodische Fragen als auch um Volkslieder, Volkstanz und handwerkliche Materialien. Der Tanz kristallisierte sich jedoch als Mittelpunkt des Interesses heraus. Es wurde die Organisation „Commission Internationale des Arts et Traditions Populaires“ (CIAP) gegründet, die in den folgenden Jahren ein umfassendes Programm von Ausstellungen und Veranstaltungen umsetzen sollte. Jedoch rückten nationale und politische Interessen in den Vordergrund, die 1936 zum Scheitern des Projektes führten. Im Vortrag von Nina Gorgus wurde das generelle Grundproblem der Definition von Folklore deutlich, die sich nur in spezifischen politischen, völkischen oder touristischen Ausprägungen fassen lässt. Verallgemeinern lässt sich nur eine Grundtendenz von Folklore: Die Artikulation des (nationalen) Wunsches nach Besonderheit und Eigenart.
In dem Beitrag „Folklore als Subversion“ des Künstlers Thomas Lehmen (Berlin) ging es um die Perspektiven und Möglichkeiten von Kunst bei der Verwirklichung des Wunsches nach Eigenheit als Gegenmodell zu einer Folklore in westlichen Gesellschaften, deren Ritual der Konsum ist. Die Kunst muss wieder soziale Aufgaben übernehmen, indem sie eine Verbindung zwischen Menschen schafft, eine Gemeinschaft, in der die Menschen selbst Identität finden. Unter Volkskunst versteht Thomas Lehmen in diesem Sinne, Menschen in Kunst selbst kreativ werden zu lassen. Er präsentierte sein Projekt „Stationen“, in dem über Stellenausschreibungen ausgewählte Personen selbst zu Akteuren und zugleich Zuschauern der Performance werden, und so zu neuen Ritualen der Gemeinschaft finden sollen.
Abschließend präsentierte Franz Anton Cramer (Berlin/Paris) Sammlungen und Bestände des Tanzarchivs zum Thema Folklore, die hauptsächlich in Bezug zur DDR stehen. Der Nachlass Kurt Petermanns, Gründer des Tanzarchivs Leipzig und Volkstanzforscher, enthält eine Fülle an Material in schriftlicher und fotografischer Form. Darüber hinaus besitzt das Tanzarchiv etliche historische Filmaufnahmen, die die figurative Ausprägung von Folklore in der DDR beleuchten können. Ausgewählte Beispiele setzten als unterhaltsames Ausklingen den Schlusspunkt des Workshops. Am Modell der politischen Inthronisierung der Volkskunst zu propagandistischen Zwecken in der DDR wurde die Anschlussfähigkeit einer als Konzept verstandenen Folklore deutlich. Sie unterstützt und ermöglicht die Synthese unterschiedlichster sich selbst ausschließender Tendenzen. Folklore, so das treffende Resümee Franz Anton Cramers, ist ein veritables Paradoxon. Als notorisch unterschätzter Bestandteil von Bewegungskulturen realisiert sie gleichzeitig Kollektivierung und Individualisierung in der Moderne.
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Citation:
Sebastian Gießmann. Review of , Folklore Revisited: Körperwissen und konstruierte Gemeinschaft.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
November, 2005.
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