Neue Forschungen zum mittelalterlichen Osnabrück. Osnabrück: Arbeitskreis Stadtgeschichte im Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, 21.01.2006.
Reviewed by Karsten Igel
Published on H-Soz-u-Kult (March, 2006)
Neue Forschungen zum mittelalterlichen Osnabrück
Der im vergangenen Oktober unter dem Dach des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischen Vereins) gegründete Arbeitskreis Stadtgeschichte veranstaltete am 21. Januar 2006 sein erstes Forschungskolloquium, das sich in diesem Jahr mit sechs Vorträgen der mittelalterlichen Geschichte Osnabrücks widmete. Etwa dreißig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Geschichte, Archäologie und Bauforschung versammelten sich im Osnabrücker Rathaus, um im internen Kreis neue Forschungsergebnisse und -ansätze zum mittelalterlichen Osnabrück vorzustellen und zu diskutieren. Die Stadt Osnabrück stellte den Ratssitzungssaal und logistische Unterstützung bereit. Organisiert und moderiert wurde die Tagung von den Koordinatoren des Arbeitskreises, Karsten Igel und Nicolas Rügge.
Nach einer kurzen Einführung von Karsten Igel wurde das Kolloquium mit einem Vortrag von Ellinor Fischer (Münster/Osnabrück) eröffnet, die seit dem vergangenen Herbst – gefördert vom niedersächsischen Kultusministerium – im Rahmen ihrer Dissertation die umfangreichen archäologischen Untersuchungen zur frühmittelalterlichen Domburg Osnabrücks auswertet. Neben der bisherigen Forschungsgeschichte und den Ergebnissen der jüngsten Grabungen konnte sie auch erste Deutungsperspektiven ihrer Arbeit präsentieren. So zeigen sich im Blick auf die räumliche Ausdehnung des frühmittelalterlichen Bischofssitzes und die ursprünglichen Wegeverhältnisse noch zahlreiche offene Fragen. Simone Heimann (Bamberg/Paderborn) stellte danach ihr Bamberger Dissertationsvorhaben zur Ausbildung von Architekten im 11. und 12. Jahrhundert vor, bei dem Bischof Benno II. von Osnabrück als einer der bekanntesten bauenden Bischöfe des 11. Jahrhunderts im Mittelpunkt steht. Anschaulich verknüpfte sie den Ausbildungs- und Tätigkeitsweg Bennos II., beginnend mit der Ausbildung auf der Insel Reichenau und Hermann dem Lahmen als Lehrer, mit den großen Bauprojekten, an denen er beteiligt war. Entsprechend sieht sie in der Anschauung und Mitwirkung neben der Rezeption antiker Schriften ein wesentliches Element einer allerdings nicht zielgerichteten Ausbildung. Bezogen auf Osnabrück kamen der Vortrag und die folgende Diskussion aber zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Benno II. an seinem Bischofssitz wohl weniger durch herausragende bauliche Leistungen als durch seine berüchtigten Urkundenfälschungen hervorgetreten sei.
Die beiden folgenden Vorträge wandten sich zwei der bedeutendsten, aber noch zu wenig erforschten kirchlichen Einrichtungen des mittelalterlichen Osnabrücks zu. Tobias Crabus (Münster) betrachtete, ausgehend von seiner gerade in Münster abgeschlossenen Dissertation, das Verhältnis zwischen dem Kollegiatstift St. Johann und der Stadt, insbesondere aber der Neustadt, in der St. Johann die dominierende Kirche war. Im bürgerlichen Stiftungsverhalten spiegelte sich dabei die Trennung in Alt- und Neustadt, da gleichzeitige Bewidmungen von Kirchen beider Teilstädte kaum vorkamen, allerdings wandte sich auch die Führungsschicht der Neustadt nach 1350 – möglicherweise zugunsten der Bettelorden oder der Katharinenkirche – von St. Johann ab. Als weiteren Befund konnte Tobias Crabus für die Neustadt eine trotz ihrer Bedeutung starke Vernachlässigung in der Osnabrücker Geschichtsforschung konstatieren. Den Beziehungen zwischen der Stadt und dem Benediktinerinnenkloster auf dem Gertrudenberg widmete Gudrun Gleba (Oldenburg/Osnabrück) ihren Vortrag. Auf einer Anhöhe vor der Stadt strategisch günstig gelegen, wurde das Kloster von den Bürgern zeitweise als potentielle Bedrohung empfunden und musste entsprechend auch Angriffe von Seiten der Stadt erdulden. Die städtischen Sicherheitsinteressen sorgten dafür, dass die Anlage aus Sicht der Stadt gleichsam immer näher rückte und fast in ihr Hoheitsgebiet integriert wurde, während das Kloster stets auf eine gewisse Distanz bedacht blieb, was sich auch sprachlich in den unterschiedlichen Beschreibungen der Lage (extra oder apud muros) je nach Aussteller der Urkunde zeigte. Insgesamt sorgten aber die Funktionen des Klosters als Versorgungsanstalt für Töchter aus städtischen Führungsfamilien und als Arbeitgeber für Handwerker und Tagelöhner für eine positive Bilanz der Beziehungen.
Der dritte Themenblock war wiederum der Baugeschichte und im weiteren Sinn der Stadtgestalt gewidmet, nun mit Schwerpunkt auf Profanbauten des hohen und späten Mittelalters. Michael James Hurst (Osnabrück), Leiter des vom Archäologischen Arbeitskreis Osnabrück getragenen Projektes zur Erforschung der Osnabrücker Steinwerke, bot einen engagierten Einblick in die Entwicklung und die Funktionen dieses Gebäudetyps. Dessen massive Bauweise diente in erster Linie der sicheren Lagerung von Waren, zusätzlich konnte eine beheizbare Wohnetage genutzt werden. Angesichts ihres frühen Vorkommens und ihrer großen Zahl sind die Osnabrücker Steinwerke auch im überregionalen Zusammenhang als bedeutende Zeugnisse romanischen und spätgotischen Bauens anzusehen. Aktuellen Grabungsfunden zufolge kann der älteste, mit Keller und Dachgewölbe vollständig erhaltene Bau (Bierstraße 7) in das ausgehende 12. Jahrhundert datiert werden. In seinem abschließenden Vortrag zur „Verortung von Herrschaft in der Stadt“ skizzierte Karsten Igel (Osnabrück), wie sich das Verhältnis von Stadt und Bischof, der verschiedenen Gruppen der Bürgerschaft untereinander und der beiden Teilstädte Osnabrücks, Alt- und Neustadt, in Gestalt und Bauten der Stadt ausdrückte. Das Absinken des Bischofs vom Stadtherrn zum schwächeren Bündnispartner spiegelte sich in der Topographie und herausragenden Gebäuden ebenso wie die Herrschaftsansprüche führender Familien. Auch zeigte sich, dass das Verhältnis von Alt- und Neustadt keineswegs so konfliktfrei war wie in der bisherigen Forschung dargestellt, sondern die Selbständigkeit der Neustadt schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts durch die Ratsmehrheit der größeren Altstadt und die Eigenart der städtischen Befestigungsanlagen stark eingeschränkt wurde.
Im Anschluss an die Vorträge bot sich mit der Besichtigung des Steinwerks Bierstraße 7 unter der sachkundigen Führung von Michael James Hurst den Teilnehmern die Gelegenheit, einen Teil der diskutierten Fragen noch einmal an einem erhaltenen Relikt des mittelalterlichen Osnabrücks zu veranschaulichen.
Die im Rahmen des Kolloquiums gehaltenen Vorträge regten in ihren Diskussionen und den Pausengesprächen zu einem fruchtbaren Austausch zwischen Geschichte, Archäologie und Bauforschung an, der unbedingt weitergeführt werden sollte. Die starke Beteiligung von Wissenschaftlern aus Münster und dem übrigen Westfalen dokumentierte die Bedeutung, die der Osnabrücker Stadtgeschichte – über die heutigen Ländergrenzen hinaus – im Rahmen der westfälischen Geschichte zukommt. Ein weiteres wichtiges Fazit lag in der Feststellung, dass die Erforschung des mittelalterlichen Osnabrücks im Vergleich zu anderen Epochen zwar gut vorangeschritten sei und die Forschung auch weiterhin erfolgversprechende Ansätze zeige, aber die Osnabrücker Neustadt bislang zu stiefmütterlich behandelt worden ist. Der Historische Verein und sein Arbeitskreis fühlen sich durch den Verlauf der Tagung ermutigt, ihre Initiativen fortzusetzen. Das nächste Forschungskolloquium mit anderem Themenschwerpunkt ist für Anfang 2007 geplant.
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Citation:
Karsten Igel. Review of , Neue Forschungen zum mittelalterlichen Osnabrück.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
March, 2006.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=26802
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