Bayern und der europäische Späthumanismus. Kolloquium zum 400. Todestag von Justus Lipsius. München: Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; Institut für bayerische Geschichte an der LMU München, 06.10.2006.
Reviewed by Rosalinde Gabriele Greindl-Wagner
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2007)
Bayern und der europäische Späthumanismus. Kolloquium zum 400. Todestag von Justus Lipsius
Am 6. Oktober gedachte die Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München zusammen mit dem Institut für Bayerische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München eines der ganz großen Gelehrten der Frühen Neuzeit – Justus Lipsius.
Lipsius, oft als „Haupt des europäischen Späthumanismus“ bezeichnet, war am 18. Oktober 1517 in Overijse bei Brüssel zur Welt gekommen und am 23. März in Löwen hochberühmt gestorben. Seit 1572 prägte er auf seinen Lehrstühlen an den Universitäten Jena, Löwen und Leiden vor allem als Staatstheoretiker, aber auch als Bearbeiter historisch kritischer Texteditionen an entscheidender Stelle das Denken der europäischen Späthumanisten.
Als Lipsius knapp sechzigjährig in Löwen starb, verlor die „Res publica litteraria“, die gelehrte Welt Europas, den wohl herausragendsten Philologen und Philosophen des Jahrhunderts.
Wie in ganz Europa so nahm man auch in Augsburg vom Ableben des „Meistergelehrten“ Kenntnis. Dennoch betonte der damals dort tätige Jesuit Matthäus Rader, ein ebenso berühmter Altphilologe und Byzantinist, in einem Schreiben an den Stadtpfleger Marcus Welser neben seiner Anteilnahme auch seine Distanz gegenüber Lipsius: „amavi Iustum viuum, colam mortuum ... praedicabo eruditionem, sequor tamen in stilo Ciceronem ...“ – „ich habe Iustus zu seinen Lebzeiten geschätzt, ich werde ihn nach seinem Tod verehren ... ich werde seine Bildung preisen, dennoch halte ich mich in meinem Stil an Cicero ...“.
War diese distanzierte Haltung typisch für die Rezeption des Späthumanismus in Süddeutschland? Dieser Fragestellung sollte auf der Tagung der Kommission für bayerische Landesgeschichte ebenso nachgegangen werden wie der nach dem Einfluss von Lipsius auf die Staatstheoretiker der Frühen Neuzeit, die das Denken im Süden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation prägten, im Herzogtum Bayern, der Reichsstadt Augsburg, im Hochstift Würzburg und auch im Erzstift Salzburg.
Elf Historiker/innen, Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker versuchten in drei Sektionen die europäische Gelehrtenwelt um 1600 zu erhellen und die Vernetzung Bayerns im Kommunikationsgefüge des europäischen Späthumanismus deutlich werden zu lassen. Ein Abendvortrag über die Wissenssicherung in dieser Epoche beschloss das Kolloquium, dessen Beiträge in einem Beiheft der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte in absehbarer Zeit erscheinen werden.
Nach der Eröffnung durch die Professoren Ferdinand Kramer, den Hausherrn des Instituts, und Alois Schmid, den wissenschaftlich verantwortlichen Leiter, richtete der neue niederländische Generalkonsul Lionel Veer ein Grußwort an das versammelte Fachpublikum, in dem er nicht nur die europäische Einheit in der Gelehrtenwelt des 16. Jahrhunderts betonte, sondern auch dem Wunsch Nachdruck verlieh, weiterhin die Beziehungen zwischen Nord und Süd, zwischen den Niederlanden/Belgien und Bayern zum Gegenstand historischer Tagungen zu machen. Er wies auch auf die Gedenkausstellung über Justus Lipsius in Leiden in eben diesem Herbst hin, die den prägnanten Titel „Liebling der lateinischen Sprache“ trug.
Die erste Sektion des Münchner Kolloquiums war überschrieben „Bayern im Kommunikationsgefüge des Späthumanismus“ und wurde mit einem Vortrag des Ersten Vorsitzenden der Kommission für bayerische Landesgeschichte über „Bayern im Netzwerk der europäischen Res publica litteraria um 1600“ eröffnet. Prof. Dr. Alois Schmid bezog sich dabei besonders auf den Schriftwechsel zwischen Lipsius und Matthäus Rader S.J., betonte die intensive Beschäftigung von Lipsius mit Bayern, betonte aber auch, wie wenig noch vom europäischen Wissenschaftsdiskurs um 1600 bekannt ist. Überraschend ist dabei die hohe Mobilität der Studenten und der akademischen Lehrer, die immer wieder auch an den bedeutenden Höfen der Frühen Neuzeit über viele Jahre hinweg tätig waren. Der nächste Redner Magnus U. Ferber aus Bonn, der an der Edition der Rader-Briefe, die in der Kommission für bayerische Landesgeschichte erstellt wird, mitarbeitet, sprach über die „Korrespondenz des Marcus Welser“ und bot hiermit einen spannenden Vortrag, in dem er Einblicke in seine eigene aktuelle Editionsarbeit vermittelte. Anregende Diskussionen nach jeweils zwei Vorträgen vertieften durch sachkundige Fragen und Antworten die Themen. Dr. Helmut Gier, Leiter der Universitätsbibliothek Augsburg, sprach anschließend über „Die späthumanistische Verlagslandschaft“ und behandelte die bedeutenden süddeutschen Buchdruckerorte Augsburg, München, Thierhaupten, Dillingen und Ingolstadt.
Mit diesem äußerst informativen Überblick wurde die erste Sektion abgeschlossen.
Die anschließende Diskussion leitete über zur zweiten Sektion, die sich mit dem „Späthumanismus und seine[n] Träger[n]“ beschäftigte. Dr. Rita Haub, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Societas Jesu in München, sprach über „Die Gesellschaft Jesu und das bayerische Bildungssystem im Späthumanismus“. Besonders betonte die Rednerin die ganzheitliche Erziehung in den Schulen der Jesuiten und die „dienende Eigenschaft“ des Wissens, die Petrus Canisius immer wieder hervorgehoben hatte. Prof. DDr. Pater Ulrich Faust aus dem Kloster Ottobeuren erläuterte die Erziehungskonzepte des Benediktinerordens und legte den Zusammenhang zwischen „Ottobeuren und der Gründung der Benediktineruniversität Salzburg“ dar. Die Bemühungen der Ottobeurer Benediktiner führten schließlich 1617 zum Erfolg, als die Gründungsurkunde der Universität unterzeichnet wurde und 23 Benediktiner nach Salzburg zogen, um dort die akademische Arbeit aufzunehmen.
Die dritte Sektion, in der sich die Redner mit den Beziehungen zwischen „Späthumanismus und Politik“ befassten, eröffnete Dr. Gabriele Greindl, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kommission für bayerische Landesgeschichte. Ihr Thema war die vielfältige Verflechtung zwischen dem Kunstgeschehen am Hofe Kurfürst Maximilians und der bayerischen Staatsideologie der Frühen Neuzeit. Die Referentin konnte ihren Vortrag „Zur Visualisierung der Staatsideologie Kurfürst Maximilians I: Die Fassade der Münchner Residenz“ aus ihrer nicht veröffentlichten Magisterarbeit schöpfen und mit zahlreichen Beispielen illustrieren. Stefan W. Römmelt, Würzburg, der ebenfalls seit Jahren am Editionsprojekt der Rader-Briefe mitarbeitet, hatte sich den Zusammenhang zwischen „Panegyrik und Späthumanismus“ zum Gegenstand seines Vortrags gewählt. Prof. Dr. Lucia Longo von der Universität Trento zeigte “Baldassare Pistorini als Panegyriker am bayerischen Hof“, wobei sie hier bestens auf ihr eben bei der Kommission für bayerische Landesgeschichte erschienenes Buch über die Beschreibung der Münchner Residenz aus der Feder Pistorinis verweisen konnte. Dr. Eric O. Mader, Lehrbeauftragter an der Universität Saarbrücken, beschäftigte sich anschließend mit „Prudentia-Konzepte[n] und ihre[r] Umsetzung“, verwies auf Botero, Minucci, Bellarmin und Adam Contzen, der in den Diskussionen nach den verschiedenen Vorträgen immer wieder eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Prof. Dr. Wolfgang E. J. Weber aus Augsburg, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Europäische Geschichte, überschrieb sein Referat „Lipsius und das Politikverständnis seiner Zeit“ und untersuchte hier die Zusammenhänge zwischen politica christiana, öffentlichem Recht, Althusianismus, den ciceronischen Ämterpflichten, der thomistischen Scholastik eines Adam Contzen, der lutherischen Regimentslehre und dem Naturrecht. Die daraus geschöpfte „prudentia mixta“ des Justus Lipsius wurde in diesem Zusammenhang verortet und bestens verdeutlicht.
In dem abschließenden Abendvortrag „Wissenssicherung im Späthumanismus“ ging Prof. Dr. Helmut Zedelmaier, Leiter der AHF in München, vom kulturellen Gedächtnis als Leitkategorie aus und beschäftigte sich mit den Änderungen innerhalb der Gelehrtenwelt, die durch die beschleunigte Zirkulation von Wissen ab dem 16. Jahrhundert ausgelöst wurden. Lebhafte Diskussionen folgten jedem Vortrag, so auch diesem letzten, wobei noch einmal betont wurde, daß diese gelungene Veranstaltung der Kommission für bayerische Landesgeschichte und des Instituts für Bayerische Geschichte an der LMU München zu einem nur mehr wenig bearbeiteten Forschungsfeld eine Fortsetzung erfahren möge.
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Citation:
Rosalinde Gabriele Greindl-Wagner. Review of , Bayern und der europäische Späthumanismus. Kolloquium zum 400. Todestag von Justus Lipsius.
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