Lyrische Narrationen – narrative Lyrik Generische Interferenzen in Epik, Minnesang und Mystik. Loccum: Hartmut Bleumer, Caroline Emmelius, Seminar für Deutsche Philologie, Georg-August-Universität Göttingen, 17.09.2008-19.09.2008.
Reviewed by Susanne Kaplan
Published on H-Soz-u-Kult (January, 2009)
Lyrische Narrationen – narrative Lyrik Generische Interferenzen in Epik, Minnesang und Mystik
Die mittelhochdeutsche Literatur zeichnet sich durch ein dynamisches Verhältnis der Gattungen zueinander aus, deren wechselseitige Interdependenzen neuerdings als generische Transgressivität gefasst worden sind. Vgl. Hartmut Bleumer, Gottfrieds ,Tristan‘ und die generische Paradoxie, in: PBB 130 (2008), S. 22-61. Auffallend ist vor allem die Vermischung der scheinbar spezifischen Zeitfigurationen in Epik und Lyrik. Obwohl diese Phänomene seit langem bekannt sind, fehlt nach wie vor deren systematische Analyse auf der Basis einer tragfähigen Theoriefigur. Das von Hartmut Bleumer und Caroline Emmelius organisierte Kolloquium ‚Lyrische Narrationen – narrative Lyrik. Generische Interferenzen in mittelhochdeutscher Epik, Minnesang und Mystik’ lud deshalb zur Entwicklung und Erprobung von Begriffsinstrumentarien zur Analyse generischer Interferenzbeziehungen ein. Dabei wurden neben der germanistischen Mediävistik auch benachbarte Disziplinen, wie die Mittelalterlatinistik und die Romanistik, einbezogen, um die Fragestellung interdisziplinär zu kontextualisieren. Ebenfalls wurde an die in der neueren Literaturwissenschaft geführte Diskussion über die Übertragung von Begriffen der Erzähltheorie auf die Lyrikanalyse angeschlossen.
Den Auftakt der Tagung bildete PETER HÜHN mit der Darstellung seines Ansatzes, das hoch entwickelte narratologische Begriffsinstrumentarium auf die weniger stark ausgearbeitete Lyriktheorie zu übertragen. Danach werden nicht nur so genannte ,narrative Gedichte‘ wie zum Beispiel Balladen, sondern jegliche Arten von Gedichten als Narrationen betrachtet. Ausgegangen wird dabei davon, dass die beiden konstitutiven Dimensionen von Erzählen, temporale Sequentialität und deren perspektivische Vermittlung, auch in Gedichten vorhanden sind. Diese Strukturanalogie zwischen Lyrik und Erzählliteratur stellte Hühn anhand von Shakespeare-Sonetten dar. Durch diesen transgenerischen Analyseansatz werden keinesfalls gattungsspezifische Charakteristika aufgelöst, sondern diese vielmehr durch das gleiche Analyseinstrumentarium deutlicher konturiert. Voraussetzung ist dabei, Erzählen als anthropologische Universalie aufzufassen.
Eine Systematisierung der verschiedenen Ansätze, die lyrischen Sprechinstanzen zu theoretisieren und mit Begriffen zu fundieren, leistete der Beitrag von SIMONE WINKO. Dafür ordnete sie zunächst die Positionen, die für eine Trennung von lyrischem und empirischem Ich plädieren. Dieser so genannten Differenzierungsthese stellte sie Ansätze einer Integrationsthese gegenüber. Aus der zentralen Kategorie der Subjektivität lassen sich aber keine allgemeinen Gattungsregeln ableiten, da diese eigentlich nur für die Erlebnislyrik gilt. Die Anwendung von narratologischen Modellen zeigt, dass damit Lyrik immer nur indirekt bestimmt werden kann, nämlich über Prosa und damit bestimmte Gattungsvoraussetzungen von vornherein ignoriert werden. Abschließend plädierte Winko für einen eingeschränkten, historisch bewussten Umgang mit dem Begriff des lyrischen Ich; womöglich soll er durch ‚Sprecher-Ich‘ ersetzt werden.
Den Übergang zur historischen Perspektivierung vollzog aus Sicht der Romanistik DIETMAR RIEGER mit Blick auf lyrische Texte im Bereich der französischen Literatur des Mittelalters. In seinem Beitrag zur französischen Troubadourlyrik plädierte er für ein mittelalterliches ‚je’, das – anders als ein nachromantisches – ein ‚genre objectif’ charakterisiert. Dieses ‚je’ als Stimme des Rezitators ist zwar aus der höfischen Gesellschaft herausgehoben, agiert aber in Übereinstimmung mit ihr. Für die Liebespsychologie der Lieddichtung bedeutet dies einen Zustand der Zeitenthobenheit. Die präsentisch dargebotenen Emotionen markieren eine ‚Paradoxie des Dazwischen’, zwischen vergangenheitsbezogenem Erinnern und zukunftsorientiertem Erwarten. Diese wenig narrative Darstellungsweise konfligiert jedoch mit einem ständisch diskursivierten ‚amor carnalis’, der als möglicher Liebesvollzug das ‚paradox amoureux’ hervorbringt. Die ‚carnalis cupiditas’ wird zur Störung der höfischen Ordnung wie auch der Gattungsnorm, die allerdings durch eine ausgefeilte Rhetorik wieder hergestellt wird. So enden die Lieder stets im Präsentischen.
In Anschluss daran verfolgte MICHAEL BERNSEN die weitere Entwicklung der Gattungsinterferenzen am Beispiel der italienischen Literatur und erweiterte die Fragestellung um Aspekte der historischen Imaginationstheorie. Wie sehr dem Werben der mittelalterlichen italienischen Liebeslyrik ein narratives Schema mit zirkulärer Struktur zugrunde liegt, zeigte Bernsen besonders an Petrarcas ‚Canzoniere’. Zunächst definierte er Lyrik als Überschreitung eines im Kern narrativen höfischen Liebesdiskursschemas. So ist in der Lyrik ab der Mitte des 13. Jahrhunderts im Anschluss an die Rezeption der Aristotelischen Erkenntnistheorie eine Narrativierung von Liebeserfahrung festzustellen, insbesondere als innere Erzählung oder Imagination. Diese Liebe wird legitimiert durch biographische Autorisierung, doch nicht als ‚äußere Erzählung’ in Form einer Biographie. So stellt der Canzoniere nur die Suggestion einer Bekehrungsgeschichte dar, und die These vom typisch mittelalterlichen Aufstieg-Fall-Erlösung-Schema ist somit – in Ermangelung von Läuterung und endlicher Abwendung vom Mundanen – nicht haltbar.
Im Bereich der lateinischen Literatur des Mittelalters war die Fragestellung der Tagung neu zu akzentuieren, es zeigten sich aber gleichwohl verwandte Phänomene: Unter der Bedingungen der lateinischen normativen Gattungspoetik und eines institutionell regulierten Literaturbetriebes scheint die Gattungsdynamik von vornherein eingeschränkt, gerade hier artikuliert sich dann aber in der Praxis ein anderer Lyrikbegriff. THOMAS HAYE beschäftigte sich vor diesem Hintergrund mit der Kombination der enkomiastischen Werke ‚Panegyris' und ‚Epigrammata' von Johannes Michael Pingonius (1451-1505). Durch die im Lateinischen normativen und erlernbaren Gattungskonventionen ist die ‚Panegyris' für den Leser klar als episch erkennbar, die ‚Epigrammata’ hingegen als lyrisch. Beide Werke werden zunächst in der Autorhandschrift ‚materiell’ durch eine durchgängige Buchzählung miteinander verknüpft. Des Weiteren weisen beide generische Interferenzen auf. In der Epik kommt es immer wieder zu hymnischen Einschüben – eventuell sind die laudativen Momente notwendig, weil es über den jungen Herrscher noch nicht viel zu erzählen gibt –, in der Lyrik hingegen zu Narrationen durch Pro- und Retrospektiven. Identisch sind bei beiden Werken Personal und Intention. Die Gattungen wahren ihre Charakteristika und werden durch die Addition zu Panegyrik synthetisiert.
Den Auftakt der Beiträge aus dem Bereich der germanistischen Mediävistik bildete KATHARINA PHILIPOWSKI mit einem Vortrag über das klassische narrative Genre der Lyrik, das Tagelied, und dessen spezifisches Verhältnis von Zeit und Erzählung. Beginnend mit Emil Staigers These, Lyrik als Ringen zwischen Lyrischem und Sprache zu betrachten, zeigte Philipowski, dass die im Tagelied dargestellte Vereinigung der Figuren auf die Vermittlung eines Erzählers angewiesen sind. Durch das Sprechen auf der Figurenebene lässt sich keine Intimität herstellen, im Gegenteil scheitert diese an der Paradoxie, lyrisch nicht von sich selbst erzählen zu können. Im Tagelied kommt es zur Ausdifferenzierung zweier Zeiträume, dem Stillstand der Zeit auf der Ebene der ,histoire’ und der Sukzession der Zeit auf Ebene des ,discours’. Belegt wurde die These, dass die Handlung des Tageliedes nur als Geschichte erzählt werden kann, mit Beispielen von Walther von der Vogelweide und Heinrich von Morungen.
Mit den unterschiedlichen Gewichtungen lyrischer und narrativer Redeweise im Frühen und Hohen Minnesang setzte sich ALBRECHT HAUSMANN auseinander. So werden im Frühen Minnesang die Minneerlebnisse narrativ vergegenwärtigt. Selbst die Frauenstrophen stellen nicht die Imitation von Frauenrede dar, sondern sie weisen in ihrer präterital-narrativen Rahmung auf die Souveränität des Mannes über die Frau hin. Anders im Hohen Sang: Dort fallen in der Zeitstufe des Präsens die Rollen von Sänger und Minnendem zusammen. Allerdings kommt so dem ausschließlich selbstreflexiven Ich das Du, also die Dame, abhanden. Es entsteht eine Kippfigur zwischen den Optionen lyrischen und narrativen Sprechens. Entweder wird die Minne narrativ entwickelt, freilich um den Preis lyrischer Gegenwärtigkeit, oder aber es entsteht je neu aktualisierte Präsenz, wobei der Verlust der Beziehungshaftigkeit droht, was aber dem Minnesang seine originäre Motivation raubt. Bei dieser Kippfigur handelt es sich allerdings nicht um ein Ausschlussverhältnis: Jederzeit stehen beide Optionen zur Verfügung.
Anhand eines Zeitmodells der Minneklage untersuchte CAROLINE EMMELIUS die unterschiedlichen Auswirkungen von An- bzw. Abwesenheit der Dame auf die Möglichkeiten lyrischen Sprechens. So dominiert bei Abwesenheit die Dimension der Zeit und die des Raumes ist untergeordnet, während es sich bei Anwesenheit umgekehrt verhält. Die Minneklage beklagt somit ein Nicht-mehr und erhofft ein Noch-nicht. Während bei Friedrich von Hausen Klang als Raumphänomen die Zeit dominieren kann, verhindert bei Reinmar dem Alten die Sprache geradezu räumliche Nähe, da die Klage nun einmal Abwesenheit erfordert. Diese Notwendigkeit dauerhaften Fernhaltens der Dame bewirkt eine Entzeitlichung. Außerdem ergibt sich eine bemerkenswerte Strukturanalogie zu narrativen Texten: sowohl das Sprecher-Ich in lyrischen Texten als auch die Ich-Erzähler geraten in die Gefahr einer prekären, weil hybriden Selbstermächtigung. Daher handeln diese autodiegetischen Texte auch nur von Verlust und Niederlage des Ich. Offenbar handelt sich ein mittelalterliches Sprecher-Ich den Verdacht des Rühmens ein, wenn es positiv über sich selbst berichtet. Insgesamt setzt der lyrische Diskurs auf Entzeitlichung, ist aber ohne eine Vorstellung vom Verlaufen der Zeit nicht denkbar.
Ein typisierendes Verfahren zur Erfassung narrativer Chiffren in lyrischen Texten schlug TIMO REUVEKAMP-FELBER vor. Durch Einfügen von aus epischen Texten bekannten Figurennamen oder Dingbezeichungen entstehen in lyrischen Werken Subtexte, die nicht mit dem Urbild identisch sind und die die Lyrik mit Bedeutung anreichern. Dies kann verschiedene Funktionen im Werk erfüllen. Erstens kann es im Sinne der Korrespondenz bzw. der Partizipation eingesetzt werden, bei der die ursprüngliche Bedeutung gewahrt bleibt. Zweitens können narrative Chiffren als Kontrastierung eingefügt werden. Hierbei wird das ursprüngliche Sinnpotential zurückgewiesen und ersetzt. Als dritte Option wies Reuvekamp-Felber noch auf die Travestie hin, bei der die Bedeutung des Ursprungtextes konterkariert wird. Durch die Verwendung narrativer Chiffren in lyrischen Texten entstehen umgekehrt jedoch auch ,Rückkoppelungsphänomene‘, die neue Lesarten der epischen Texte evozieren können.
Der Beitrag von MANUEL BRAUN leitete die Sektion ‚Lyrisches in Epischem‘ ein. Braun beleuchtete die formalen Kategorien in Wolframs von Eschenbach Tageliedern – dem bevorzugten lyrischen Genre Wolframs – und im ‚Parzival’. Dabei stellte er fest, dass Wolframs Tagelieder sich in einigen Punkten wie zum Beispiel der Ausbildung eines ‚plots’, der Erweiterung des Figurenkreises durch die Wächterfigur, der Semantik der Ehe und zum Teil auch durch Formulierungen dem Roman annähern. Andererseits bezieht sich der ‚Parzival’ mehrfach auf lyrische Minnesemantik und auch syntaktisch lassen sich Parallelen zwischen Wolframs Lyrik und Epik finden. Dennoch überwiegen deutlich die Unterschiede zwischen beiden Gattungen, so dass bei der Analyse zunächst immer von einer Differenz ausgegangen werden sollte, statt die Texte von vornherein aneinanderzurücken und die Nähe der Gattungen als Analysebasis anzunehmen.
Welche Semantiken durch den Einsatz von Natureingangsschilderungen in Herborts von Fritzlar ‚Liet von Troye’ transportiert werden, untersuchte ARMIN SCHULZ in seinem Vortrag. Auffallend ist hier vor allem, dass die Schilderungen von ‚loci amoeni‘ bei Herbort zum einen an signifikanten Stellen des Werkes auftreten und zum anderen an Gewaltthemen gekoppelt sind. Betrachtet man die Natureingangstopik – die in lyrischen Werken vielfach eingesetzt wird und somit als Minnesangreferenz aufgefasst werden kann – als Inbegriff des Höfischen, so kommt es im ‚Liet von Troye’ zu einem Changieren zwischen heroischen und höfischen Weltentwürfen. Durch die Übernahme der Natureingangsschilderungen in den epischen Text kommt es zu einer poetischen Umcodierung und durch die häufigen Wiederholungen zu einer Veränderung der Naturtopoi.
Scheitert Ulrich von Liechtenstein im 'Frauendienst' an den Regeln der historischen Lebenswelt oder an den Regeln der lyrischen Fiktion? Dieser Frage ging HARTMUT BLEUMER nach, indem er die dilemmatische Tumbheit des Ich-Erzählers als Konsequenz aus der lyrischen Gegenwärtigkeit und narrativen Prozessualität deutete. Diese Spannungen zeigten sich besonders in den Episoden um den Minnefinger und den Kuss über die Burgzinnen. So erlangt der Finger zwar erst in der Erzählung seine Bedeutung, wird aber als Quasi-Reliquie eines ewigen Frauendienstes für die Diegese selbst wertlos. Indem der Kuss als Moment der Täuschung vorgeführt wird, werden die Paradoxien zwischen Epik und Lyrik trotz der vorgängigen Parallelisierung der Zeitläufe zwischen Minnesang und der erzählten Zeit schließlich doch wieder ausgestellt. So zeigte sich, dass die Eingangsfrage nach einem Binarismus von Realität und Fiktion schon falsch gestellt ist: Vielmehr ist von einer Entdeckung der Realität aus dem Geist der lyrisch-narrativen Interferenzen zu sprechen. Indem die aporetisch zugespitzte Erzählung in ein lyrisches Bild gegossen wird, entsteht die Illusion reiner Realität. Sowohl Zeit- als auch Raumeffekte entspringen letztlich einem lyrischen Präsenzphantasma, das aber ein Konzept von Prozessualität der Zeit voraussetzt.
Der Schwerpunkt der abschließenden Sektion der Tagung lag auf der – häufig als generischer Sonderfall der literaturwissenschaftlichen Debatten behandelten – mystischen Literatur des Mittelalters. Mit der Vielfalt der Stimmen und dem Springen zwischen verschiedenen Redeformen bei Mechthild von Magdeburg setzte sich zunächst SANDRA LINDEN in ihrem Beitrag auseinander. So entsteht zum einen durch Anwortreime Lyrik, zum anderen reicht die Narration zur adäquaten Darstellung der ‚unio mystica’ nicht aus. Als Beleg hierfür kann der Übergang zu monologischen Ich-Äußerungen gelten. Die Radikalität mystischen unio-Denkens fordert einen poetischen Freiraum, der in der deutlichen Abweichung von Alltagssprache und selbstreferenziellen Loslösung von der äußeren Welt erhöhte Ansprüche an sprachliche Schönheit stellt. Erst in der Musikalität des Singens vermag sich die Seele Gott zu nähern, wird doch Gesang verstanden als Sprache Gottes. Für den Rezipienten bedeutet dies eine sinnliche Dimension der Innenschau und eine spezifische Kommunikation mit Gott. In seiner sinnlichen Erfahrbarkeit tritt so ein besonders didaktisches Moment mystischen Sprechens zutage, das letztlich von einer Einheit von Liebes- und Lernprozess im Verhältnis zu Gott ausgeht.
Zum Abschluss der Tagung sprach BURKHARD HASEBRINK über die ambivalente Bewertung des ,jubilus‘ bei Johannes Tauler. Zum einen markiert der ‚jubilus‘ den Höhepunkt des mystischen Stufenweges: Er ist ein Geschenk Gottes an die gläubige Seele, mit dem diese ihrer Freude über die Gottesbegegnung und die zuteil gewordene Gottesliebe allererst Ausdruck verleihen kann. Allerdings wird dieser Ausdruck als nicht-sprachliche, rein stimmliche Artikulationsweise gedacht. Daraus ergibt sich, etwa in Schwesternbüchern, die mit dem ‚jubilus‘ begnadete Schwestern beschreiben, ein Darstellungsproblem. Die Asemantik des vokalischen ‚jubilus‘ wird hier aufgelöst in Narration und anschließende Reflexion. Zum anderen machen sowohl Tauler als auch Eckhart deutlich, dass sich die Erfahrung der unio nicht in der Sinnlichkeit des ‚jubilirens‘ erschöpft. Vielmehr bedarf es hierfür des Korrelats der ,gelazenheit‘, des innerlichen Leer- und Freiwerdens, dem der ‚jubilus‘ dann nur noch als ein ‚grob ding‘ erscheint.
Die lyriktheoretischen Debatten der letzten Jahre haben vor allem den Konsens darüber befördert, dass sich Lyrik schlechterdings nicht adäquat definieren lasse, man aber gleichwohl – quasi praxeologisch – wisse, was denn Lyrik sei. So mussten die historischen Fallstudien und Systematisierungen im lyrisch-epischen Grenzgebiet mit dem Dilemma umgehen, zwar über keinen operationalisierbaren Lyrikbegriff zu verfügen, dennoch aber die lyrischen Qualitäten der untersuchten Texte in Abgrenzung von einem narrativen Modus deutlich herauszustellen. Doch dieses vermeintliche methodologische Manko sollte sich als großer Gewinn herausstellen, da sich im Laufe der Tagung sowohl in den einzelnen Beiträgen als auch in den Diskussionen zeigte, dass dieses Vorhaben einer wechselseitigen Erhellung Differenzierungs- und Klärungspotenziale bereithält, welche einem einseitigen Zugriff notwendig verwehrt bleiben muss. So kommen spezifische Phänomene und Funktionsweisen lyrischen Sprechens wie die vermeintlich sichere Unterscheidungskategorie von Nähe-Distanz erst dann zur Geltung, wenn man sie mit solchen der Erzählliteratur kontrastiert.
Die beispielhaften Erprobungen dieses transgenerischen Ansatzes sowie deren Diskussion trugen dazu bei, Möglichkeiten der theoretischen Greifbarkeit aufzuzeigen, statt generische Interferenzphänomene weiterhin lediglich zu beschreiben. Ein Tagungsband mit den Beiträgen des Kolloquiums ist in Vorbereitung.
Konferenzübersicht:
A. Theorien, Konzepte, historische Leitmodelle (Moderation: Udo Friedrich, Göttingen)
Peter Hühn (Hamburg): ‚Geschichten in Gedichten'. Ansätze zur narratologischen Analyse von Lyrik, mit einem Ausblick auf die Lyrik Shakespeares und den Petrarkismus
Simone Winko (Göttingen): Lyrisches Ich – Sprecher-Ich – Erzählinstanz
Dietmar Rieger (Gießen): Norm und Störung. Zum Verhältnis ‚lyrischer’ und ‚narrativer’ Verfahren in der mittelalterlichen Lieddichtung Frankreichs
Michael Bernsen (Bonn): Formen und Funktionen des Narrativen bei Petrarca und seinen Nachfolgern
B. Episches in Lyrischem (Moderation: Ruth Florack, Göttingen)
Thomas Haye (Göttingen): Epik plus Lyrik ergibt Panegyrik. Die Synthese der literarischen Gattungen in der Poesie des Johannes Michael Pingonius (1451-1505)
Katharina Philipowski (Dresden): Zeit und Erzählung im Tagelied oder: Vom Unvermögen des Präsens, Präsenz herzustellen
Albrecht Hausmann (Eichstätt): Verlust und Wiedergewinnung der Dame. Zur inhaltlichen Funktion von Narrativierung und Entnarrativierung im Minnesang
Caroline Emmelius (Göttingen): Zeit der Klage. Korrelationen lyrischer Präsenz und narrativer Distanz am Beispiel der Minneklage
Timo Reuvekamp-Felber (Köln): Literarische Formen im Dialog. Figuren der matière de Bretagne als narrative Chiffren der volkssprachigen Lyrik des Mittelalters
C. Lyrisches in Epischem (Moderation: Harald Haferland, Osnabrück)
Manuel Braun (München): Epischer Lyriker, lyrischer Epiker: Zu Wolfram von Eschenbach
Armin Schulz (München): Minnedämmerung? Zur Funktion von Minnesang-Zitaten in Herborts von Fritzlar Liet von Troye
Hartmut Bleumer (Göttingen): Die Zeit Ulrichs von Liechtenstein. Oder: Die Entdeckung der historischen Realität aus dem Geist der Lyrik
D. Lyrisch–narrative Übergänge in der Mystik (Moderation: Wolfgang Haubrichs, Saarbrücken)
Sandra Linden (Tübingen): Der inwendig singende Geist auf dem Weg zu Gott. Lyrische Verdichtung im Fließenden Licht der Gottheit Mechthilds von Magdeburg
Burkhard Hasebrink (Freiburg): ein grob ding. Der Grad des Jubilierens bei Tauler
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Susanne Kaplan. Review of , Lyrische Narrationen – narrative Lyrik Generische Interferenzen in Epik, Minnesang und Mystik.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
January, 2009.
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