Jörg Schwarz. Stadtluft macht frei: Leben in der mittelalterlichen Stadt. Darmstadt: Primus Verlag, 2008. 144 S. (gebunden), ISBN 978-3-89678-364-6.
Reviewed by Heidrun Ochs
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2009)
J. Schwarz: Stadtluft macht frei
Der Darmstädter Primus-Verlag möchte mit seiner Reihe „Geschichte erzählt“ „spannende historische Themen […] unterhaltsam und gut lesbar“ präsentieren. In dieser Reihe, die inzwischen schon 22 Bände umfasst, ist der zu besprechende Band von Jörg Schwarz erschienen, der der Stadt im Mittelalter gewidmet ist, genauer dem Leben in der spätmittelalterlichen Stadt. Der schmale, circa 140 Seiten umfassende Band ist in acht zum Teil sehr kurze Kapitel gegliedert: Nach einem Kapitel über die Stadt als Lebensraum (S. 9–29) handelt er vom siedlungstechnischen (S. 30–47) und kommunalen Prozess der Stadtwerdung (S. 48–72), dem städtischen Rat (S. 73–89), der Mauer (S. 90–103), von Neubürgern (S. 104–110) und Außenseitern (S. 111–122) und schließt mit dem mittelalterlichen Erzählen von der Stadt, der Stadtgeschichtsschreibung, ab (S. 123–137). Eine Darstellung, die entsprechend der Reihenkonzeption auf so knappem Raum erfolgen muss, kann zwangsläufig die Stadtgeschichte nicht in all ihrem Facettenreichtum und den im Grunde notwendigen Differenzierungen darstellen und nur eine Auswahl an Aspekten behandeln. Vielleicht wäre jedoch das „Leben in der spätmittelalterlichen Stadt“ noch plastischer geworden, wenn neben den geschilderten Rahmenbedingungen etwa auch der familiäre, wirtschaftliche oder religiöse Alltag geschildert worden wäre. Als roten Faden seiner Erzählung wählt Jörg Schwarz mit Köln eine der bedeutendsten Städte Deutschlands im Mittelalter, der er aber regelmäßig weitere Städte an die Seite stellt, so dass es ihm gelingt, die Vielfältigkeit des mittelalterlichen Städtewesens zumindest anzudeuten.
Jörg Schwarz beginnt die Beschreibung der spätmittelalterlichen Stadt mit dem Rechtsgrundsatz „Stadtluft macht frei“. Im Kontrast zur Grundherrschaft wird das Neue der stadtbürgerlichen Freiheit deutlich, die – so die etwas verblüffende Wendung – ihre Grenzen in den Pflichten der Bürger gegenüber der Stadtgemeinde hatte. Schwarz schildert Lebensbedingungen und Alltag (Häuser, Gefahr durch Feuer, Zustände der Straßen, Märkte, Gasthäuser, Turniere) und macht somit die Ambivalenz der spätmittelalterlichen Stadt deutlich, die die Menschen einerseits anzog, andererseits aber keineswegs „ein magischer Ort“ (S. 11) war.
Die Entstehung der Städte thematisiert er in den folgenden beiden Kapiteln. Als topografische Ansatzpunkte des mittelalterlichen Städtewesens behandelt er die römischen Städte sowie die Handels- und Marktorte. Während der Verlust kultureller Errungenschaften den Bruch zwischen Antike und Mittelalter aufzeigt, wird anhand der Beispiele von Marseille und Genua sowie der Leitstadt Köln die Rolle des Christentums als Element der Kontinuität vermittelt. Haitabu als Handelsort und Regensburg als Marktort repräsentieren dann die neuen Ansatzpunkte zur Bildung von Städten. Dass die Entwicklung zur Stadt nicht immer erfolgreich verlief, wirft die Frage nach dem Kriterium für die Qualität einer Siedlung als Stadt auf, das der Verfasser im Stadtrecht sieht („Nur die Aura eines Stadtrechts [...] definiert sie“, S. 46). Angesichts der umfangreichen Diskussion um den Stadtbegriff scheint das auch in diesem Rahmen eine zu starke Verkürzung zu sein.
Nach einer kurzen grundlegenden Erklärung wird die kommunale Entwicklung in Mailand und vor allem in Köln geschildert, wobei Schwarz mit dem Beispiel der Mainzer ebenfalls auf Rückschläge der Entwicklung hinweist. Eingeschoben in die Darstellung der Ereignisse ist ein Abschnitt zur Kritik an der Stadt, der eine Linie von der kirchlichen Kritik des 12. Jahrhunderts bis hin zu Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ zieht.
Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit dem städtischen Rat, dessen sozial- und verfassungsgeschichtlicher Hintergrund wiederum in Köln, aber auch in Augsburg und Nürnberg beleuchtet wird. Es geht um das Patriziat, insbesondere aber um die verschiedenen Konfliktpunkte und -linien „rund um den Rat“, die nicht nur in den innerstädtischen Auseinandersetzungen um die Beteiligung am Rat zu Tage traten, sondern auch zwischen einzelnen Ratsfamilien sowie dem Rat und einzelnen Personen auftreten konnten. Hier finden auch die von Hartmut Boockmann eingeführten „Stadttyrannen“ Beachtung. Hartmut Boockmann, Spätmittelalterliche deutsche Stadt-Tyrannen, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 119 (1983), S. 73–91.
Köln und Nördlingen rücken in den Mittelpunkt der Darstellung, wenn im folgenden Kapitel die städtischen Mauern thematisiert werden. Jörg Schwarz erklärt anschaulich die Voraussetzungen und Schwierigkeiten des Mauerbaus sowie die Kosten dieses Vorhabens. In zwei knappen Kapiteln wird schließlich von Bedingungen für die Zuwanderung in die Stadt berichtet, das heißt vom Zustand der Straßen, den Gefahren und der Einwanderungspolitik der Städte, und von Außenseitern, zu denen hier die unehrlichen Berufe, Juden und Bettler gezählt werden.
Einen schönen Schluss findet die Schilderung im Kapitel über die Stadtgeschichtsschreibung. Dem umfangreich gewürdigten Colmarer Dominikanerchronisten werden der Straßburger Ellenhard-Codex, Ulmar Stromer, Heinrich Deichsler und „Die Chronik von der heiligen Stadt Köln“ zur Seite gestellt und die Eigenheiten ihrer Erzählungen kurz geschildert. Anhand der Koelhoffschen Chronik wird zugleich auf eine der wichtigsten Zäsuren am Ende des Mittelalters hingewiesen, die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg.
Insgesamt 16 Bildquellen veranschaulichen die Darstellung, wobei man sich aussagekräftigere Bildunterschriften gewünscht hätte. Zentrale Quellenzitate werden grafisch abgesetzt, wichtige Begriffe und Sachverhalte in farblich unterlegten Textboxen in knapper und verständlicher Weise erläutert. Der Band schließt mit Hinweisen auf gedruckte Quellen und Literatur, wobei die Auswahl etwas beliebig anmutet und beispielsweise das umfangreiche Handbuch zur deutschen Stadt im Mittelalter von Eberhard Isenmann nicht aufgeführt ist. Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter 1250-1500. Stadtgestalt, Recht, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Stuttgart 1988.
Manchmal macht Jörg Schwarz es dem Leser schwer, seiner Darstellung zu folgen, wenn er innerhalb eines Kapitels plötzlich zu einem anderen Thema springt (so etwa der Abschnitt zur Städtekritik im Kapitel zur Kommunalen Bewegung; oder der Beginn des Kapitels zur Mauer mit dem Einsturz des Konstanzer Münsters). Auch stören bisweilen die wohl dem Erzählstil geschuldeten, betont lockeren oder spannungsreichen Formulierungen (zum Beispiel: Luft war „nicht allein das Gasgemisch der Erdatmosphäre“, S. 10; „Trotzdem: Das Feuer konnte immer kommen, jeden Tag, jede Nacht“, S. 14; „Aber sie zahlten, sie bluteten, sie leisteten schließlich doch“, S. 102).
Doch Jörg Schwarz kann „erzählen“, wie insbesondere die gelungenen Kapitel über den Rat und die Mauer zeigen. Er zeichnet in einem verständlichen, Intention und Publikum der Reihe entsprechenden Stil das Bild der Stadt des Mittelalters anschaulich, wobei er auch jüngere Forschungsfelder berührt, und gewährt dem Leser einen interessanten Einstieg in die Geschichte der spätmittelalterlichen Stadt.
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Heidrun Ochs. Review of Schwarz, Jörg, Stadtluft macht frei: Leben in der mittelalterlichen Stadt.
H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews.
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