Thomas Großbölting. "Im Reich der Arbeit": Die Repräsentation gesellschaftlicher Ordnung in den deutschen Industrie- und Gewerbeausstellungen 1790-1914. Ordnungssysteme: Studien zur Geschichte der Neuzeit. Munich: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2008. 518 pp. EUR 69.80 (cloth), ISBN 978-3-486-58128-7.
Reviewed by Karsten Uhl (Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt)
Published on H-German (November, 2009)
Commissioned by Susan R. Boettcher
Industrieausstellungen und gesellschaftlicher Wandel
Die Weltausstellungen sind vielfältig von der Geschichtswissenschaft untersucht worden. Dagegen fanden die Industrie- und Gewerbeausstellungen weit weniger das Interesse der Forschung, obwohl auch sie zum Teil sehr großen Publikumserfolg hatten. Der Magdeburger Historiker Thomas Großbölting schließt nun mit seinem neuen Buch über diesen Ausstellungstyp im langen 19. Jahrhundert diese Lücke. Dabei beschränkt er sich nicht auf eine Geschichte der Ausstellungen, sondern geht anhand "eines der erfolgreichsten Massenmedien des 19. Jahrhunderts" (S. 11) auf zentrale Bereiche des gesellschaftlichen Wandels ein.
Großbölting versteht die Ausstellungen zugleich als "Erfahrungsorte" wie auch als "Deutungsangebote für die Wirklichkeit" (S. 34). Die Industrie- und Gewerbeausstellungen hätten nicht allein Interpretationen der Wirklichkeit angeboten, sondern zudem als Ort "Möglichkeiten zu einer sozialen und kulturellen Praxis" geboten, beispielsweise um die neuen Angebote der entstehenden Konsumgesellschaft einzuüben (S. 234). Ähnliche Erfahrungen mit neuen Formen der Öffentlichkeit sowie technischen und industriellen Fortschrittes seien prägend für viele Besucher und Besucherinnen gewesen. Von ebenso großer Bedeutung seien die Ausstellungsinszenierungen der sozialen Ordnung und des Verhältnisses von Modernität und Tradition für große Teile der deutschen Bevölkerung im 19. Jahrhundert gewesen.
In diesem Sinne bettet Großbölting seine Arbeit, die auf einer äußerst breiten archivalischen und publizistischen Quellenbasis beruht, in das Konzept einer "Kulturgeschichte der Wirtschaft" ein (S. 21). Die drei Hauptteile der Studie betreten dieses Feld von unterschiedlichen Seiten. Zunächst stellt Großbölting das "Medium Ausstellung" als wichtigen Bestandteil der "Kommunikationsrevolution des 19. Jahrhunderts" vor (S. 59). Die Industrie- und Gewerbeausstellungen werden vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Ausstellungs- und Museumsszene betrachtet und dann in ihrer Entwicklung hin zum Massenmedium am Ende des 19. Jahrhunderts untersucht. Im zentralen zweiten Teil der Arbeit stellt sich Großbölting das Ziel, die Ausstellungen als "soziale und kulturelle Praxis" zu begreifen (S. 173), indem er Rezeptions- wie Darstellungsweisen analysiert. Im abschließenden dritten Hauptkapitel widmet sich Großbölting den Themen der Ausstellungen; wesentlich gilt sein Interesse hierbei Arbeit, Fortschritt und Technik.
Im ersten Hauptteil hebt Großbölting zunächst hervor, daß die Industrie- und Gewerbeausstellungen nicht als einfache Nachfolger von Warenmessen zu verstehen seien. Vielmehr sei für ein adäquates Verständnis ihrer Entstehung und Entwicklung vor allem ihr großes Interesse an der Repräsentation von industriellem und technischem Fortschritt von Bedeutung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts seien diese Ausstellungen dann nicht mehr allein Instrumente der praktischen Gewerbeförderung gewesen, sondern zunehmend zu Orten der "gesellschaftlichen Repräsentation und Selbstverständigung" geworden (S. 122). Unternehmer und Industrielle hätten gewußt, diese "neue Form der Öffentlichkeit" für ihre Selbstdarstellung zu nutzen (S. 148); die Industrie- und Gewerbeausstellungen seien somit vor allem als ein Medium der "neuen Industrieeliten" zu verstehen (S. 161). Großbölting sieht die Ausstellungen als direkte Vorbilder der Warenhäuser sowie der Reklamewirtschaft, weil hier erstmals--zunächst den bürgerlichen Schichten, dann weiteren Kreisen der Gesellschaft--Konsum als Freizeitvergnügen angeboten worden wäre. Die kurzzeitige "Erlebniswelt" der Ausstellungen sei dann in den Warenhäusern permanent geboten worden. Einher mit dieser Entwicklung sei eine Interessenverlagerung des Publikums gegangen: Am Ende des 19. Jahrhunderts seien "das Große, das Besondere, das Spektakuläre" gefragt gewesen. "Bildlich gesprochen verschwand die handwerkliche Kleinproduktion hinter den Krupp'schen Riesenkanonen" (S. 129).
Das sehr überzeugende zweite Hauptkapitel widmet sich der von Großbölting aufgeworfenen "entscheidenden Frage", wie die Ausstellungen ihre Botschaften vermittelten (S. 32). Insbesondere die angesprochene "Darstellung von Gigantismus" habe den Veranstaltern als Strategie dazu gedient, das Publikum auf eine "bestimmte Rezeptionsweise" hin zu lenken (S. 228): Die Welt, die in der Ausstellung vorgeblich im Kleinen widergespiegelt worden sei, sei eine Welt des Überflußes gewesen. Vor allem ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hätten die Besucher/innen auf den Ausstellungen, die zunehmend "nach dem Prinzip eines Freizeitparks" angelegt gewesen seien (S. 279), ihre Rolle als Konsumenten und Konsumentinnen eingeübt: Sie hätten aus einem großen Angebot von Massenkultur und Gastronomie auswählen können (und zugleich müssen)--Auswahl, Kauf und Konsum seien folglich nicht zuletzt durch die Erfahrung von Millionen Besuchern und Besucherinnen der Industrie- und Gewerbeausstellungen zur "Alltagspraxis" geworden. Großbölting sieht die Ausstellungen damit als einen "Schrittmacher auf dem Weg in die Konsumgesellschaft" an (S. 250).
Inszeniert worden sei dabei ein Bild des Konsums für alle, gleichzeitig hätten feine Unterschiede in der Art dessen, was und wie konsumiert wurde, gesellschaftliche Hierarchien weiter verfestigt. Damit sei eine "Rhetorik der Macht" einhergegangen (S. 304), die ein Bild der Gesellschaft entwarf, in der die neuen Eliten--die für den technischen und industriellen Fortschritt standen--zusammen mit den alten Eliten--die die soziale und politische Kontinuität repräsentierten--für das Allgemeinwohl sorgten. Wie Großbölting darlegt, hätten sich die Besucher und Besucherinnen durchaus selbst als Mitwirkende an den Inszenierungen der Ausstellung begriffen. Die neue und bleibende Erfahrung, Teil einer Masse zu sein, habe auf diese Weise ein "Bewusstsein für 'Öffentlichkeit'" geschaffen (S. 186).
Im dritten Teil des Buches, der sich den Themen der Ausstellungen widmet, geht es zuerst um etwas weitgehend Ausgeblendetes: die menschliche Arbeit. Im Vordergrund der Ausstellungen habe die Begeisterung für neue Technologien gestanden, Arbeit sei als Maschinenarbeit dargestellt worden. Im Gegensatz zur Realität sei die Maschinenarbeit hier allerdings frei von Gestank, Lärm und Schmutz gewesen. Insgesamt sei das Bild einer "von allseitiger Harmonie geprägten Gesellschaft" gezeichnet worden (S. 333). Die Ikonografie der Arbeit sei auf den Industrie- und Gewerbeausstellungen weiter--im Gegensatz zur industriellen Gegenwart--handwerklich geprägt gewesen: Arbeit sei mythisiert worden, vorherrschend sei das verklärende Bild des "hammerschwingenden kräftigen Mannes" gewesen (S. 334). Die Faszination für technischen und industriellen Fortschritt sei so mit traditionellen Werten versöhnt worden. Dieses Bild des Fortschritts habe versprochen, "die Brüche und Verwerfungen der industrialisierten Gesellschaft beheben zu können, ohne das bisherige Gesellschaftssystem und damit auch das ihm unterliegende Machtgefüge zu verändern" (S. 411). Für diesen gesellschaftlichen Kitt habe auch die nationale Identifikation sorgen sollen, die zunehmend im Vergleich industrieller Leistungen und Produkte auf den Ausstellungen an Bedeutung gewonnen habe.
Die gelegentliche Redundanz der Arbeit läßt sich durchaus wohlwollend in eine Stärke umdeuten: Die zentralen Thesen des Buches können so nicht in der Detailfülle einzelner Aspekte untergehen. Kritisch angemerkt werden muß allerdings, daß einige Passagen (nahezu) wörtlich in verschieden Abschnitten auftauchen. Zu betonen ist letztlich die insgesamt herausragende Qualität der Studie: Thomas Großböltings "Im Reich der Arbeit" hat am Beispiel der Industrie- und Gewerbeausstellungen zentrale Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft des 19. Jahrhunderts aus einer neuen Perspektive untersucht und insbesondere einen eindrucksvollen Beitrag zum Verständnis der Entstehung der Konsum- und Massengesellschaft geleistet. Zwar kann Großbölting, wie Friedrich Lenger in einer ebenfalls sehr positiven Besprechung des Buches bereits festgestellt hat,[1] aufgrund der Quellenlage kein klares Bild der Besucherrezeption zeichnen, wohl aber gelingt es ihm in überzeugender Weise, die (versuchte) Lenkung der Rezeptionsweisen in den Blick zu nehmen. Indem Großbölting nicht allein fragt, was die Ausstellungen gezeigt haben, sondern zudem rekonstruiert, wie sie es taten, nimmt er diese Prozesse auf methodisch innovative Weise in den Blick.
Note
[1]. Friedrich Lenger, "Thomas Großbölting: 'Im Reich der Arbeit': Die Repräsentation gesellschaftlicher Ordnung in den deutschen Industrie- und Gewerbeausstellungen 1790-1914,"Sehepunkte 8:3 (2008). URL: http://www.sehepunkte.de/2008/03/13294.html.
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Citation:
Karsten Uhl. Review of Großbölting, Thomas, "Im Reich der Arbeit": Die Repräsentation gesellschaftlicher Ordnung in den deutschen Industrie- und Gewerbeausstellungen 1790-1914.
H-German, H-Net Reviews.
November, 2009.
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